Fechsung

Peter Altenberg · Kapitel 56 von 204

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Fechsung

Semmering-Photogravüren

 

L e b e n s - L e i t m o t i v :

„Wer die Natur l i e b h a t , die schönen Wälder, die schönen Berge, die schönen Almen, die schönen Bäche, die schönen Primeln, die schönen Frauen, die schönen Kinder, die schönen Pferde, die schönen Hunde, die schönen Katzen, dem kann nicht viel Böses passieren in diesem s o n s t ziemlich dürftigen und belanglosen Erdentale! Die schönen Austern, den schönen Kaviar nicht zu vergessen!“

S e m m e r i n g l a n d s c h a f t b e i m O r t h o f :

Man v e r l i e r t sein Herz an so vieles, da kann man es doch auch einmal an etwas g e w i n n e n !

 

G l o g g n i t z :

Gloggnitz, ich kenne dich nicht! Aber soll mich d a s hindern, über dich etwas Feines zu sagen?! Keineswegs. Auf deiner Station spürt, riecht man schon Bergluft. Hier wird die Berglokomotive angehängt. Und Mädchen rufen dir zu: „Schneerosen gefällig, ein Büscherl zwanzig Heller?!“ „Bald werde ich sie mir selber pflücken,“ denkt man und verläßt stolz Gloggnitz, ohne Geldausgaben!

P a r t i e a u s S c h l a g l :

Schlagl, du bist der e i n s a m s t e Ort auf der ganzen Strecke, a l s o der beneidenswerteste!

A m S c h w a r z a k a i i n P a y e r b a c h:

Siehst du Forellen?! Nein, aber ich a h n e sie — —. Dort wo sie zu Hunderten s i n d , sind sie nicht s c h ö n e r !

D e r S c h w a r z a v i a d u k t :

Dem Semmering zu! Um d i e s e Gefühle könnt ihr mich wirklich alle beneiden! Aber wenn man d a s kann, ist man ja s e l b e r s c h o n beneidenswert!

 

R e i c h e n a u . A m S c h w a r z a k a i i m H e r b s t:

Zu m e i n e r Zeit war diese liebe herzige Brücke, die ins P a r a d i e s „Talhof“ führt, noch aus grauem morschem sonn-duftendem Holz! Jetzt ist sie prächtiger, doch nicht mehr so p r ä c h t i g !

 

D e r Ta l h o f i n R e i c h e n a u g e g e n d i e E n g:

Hier verbrachte ich die Jahre (Sommer) von 1869 bis 1880. Ich liebte hier alles, alles fanatisch, inklusive die Talhofherrin Olga!

I m K u r p a r k v o n R e i c h e n a u:

Gehört Courmachen auch zur Kur?! Das i s t d o c h die Kur!

 

I n d e r E n g:

Immer ahnte, befürchtete man, erhoffte man K r e u z o t t e r n , diese schönen Teufelinnen — — — — nie kamen sie! O ja, in a n d e r e r Form! Und ebenso schön von der Natur ausstaffiert! Kreuzottern kann man g e s c h i c k t packen, daß sie einem nichts tun können! Und wenn sie beißen, kann man es durch Alkoholrausch unschädlich machen!

D i e W a i ß n i x m ü h l e i n R e i c h e n a u:

Dieser M e h l d u f t war uns w u n d e r b a r ! Parfümfabrik der Natur!

H o l z a r b e i t :

Auch das Holz duftete wunderbar in der düsteren Holzkammer, wo ich die Vierzehnjährige — — — — küßte!

K a i s e r b r u n n :

In blankem Blechbecher an langer Holzstange schöpfte man uns Kindern in eiskaltem Schneebergloch das grüne Wasser, das einst die Großstadt beglücken sollte. 1869! Jetzt trinken es alle, Millionen. Es hat seine Romantik verloren, a l s o einen Teil seiner Gesundheit!

 

K i n d i m H ü h n e r h o f:

Erwachsene Frauen haben selten so graziöse Bewegungen! Sie füttern aber auch nicht liebevoll Hühner, sondern l a s s e n sich füttern — — — von O c h s e n !

 

A u f d e m K r u m m b a c h s t e i n:

Da steht einer und v e r g i ß t ! Und — — — e r i n n e r t sich — — —. Ich verstehe, daß man steigt, um f e r n zu sein. Aber daß man steigt, um zu steigen, das verstehe ich nicht! Man s t e i g t ja doch nicht!

 

D a s S c h n e e b e r g p l a t e a u v o m H e r m i n e n s t e i g :

Zirbelkiefer, du Z w e r g m ä r c h e n w a l d meiner Kinderzeit!

 

D a s B a u m g a r t n e r h a u s a u f d e m S c h n e e b e r g g e g e n d i e R a x a l p e:

Baumgartnerhaus, M ä r c h e n g a s t h o f meiner Kinderjahre! In finsterer feuchter Nacht wurde man aus dem Schlaf gerissen, der blutroten Sonnenkugel, auf dem Kaiserstein, entgegen! Sturm brauste, Kühe schliefen auf schwarzen Almen, und in uns ächzte der unausgeschlafene Schlaf!

D e r T i e f b l i c k v o m S c h n e e b e r g a u f d a s P u c h b e r g e r Ta l:

Zirbelholz, Zerben, Knieholz, Latschenkiefer, Sturmgebogenes aber E l a s t i s c h e s im Kampf ums Dasein, ich liebe dich!

I m o b e r e n H ö l l e n t a l :

Schwarzawasser, ich kannte jeden deiner Gurgellaute, dein Brausen, dein Lärmen, dein Schweigen; besonders dein dunkelgrünes Schweigen in Felsenbuchten!

D a s R a x p l a t e a u m i t d e n L e c h n e r m a u e r n i m W i n t e r :

Ich kenne das nicht. Aber meine Schwester Gretl, die Bergsteigerin, sagte immer: „Wie kann man heiraten, wenn man s o e t w a s hat?!?“

 

D a s E r z h e r z o g - K a r l - L u d w i g - S c h u t z h a u s a u f d e r R a x a l p e:

Die Menschen, die h i e r sind, sind hier wegen e c h t e r w i r k l i c h e r Angelegenheiten, wegen Schneefeldern, Zirbelholz und Bergsturm!

 

D i e P r e i n e r W a n d m i t d e r P r e i n e r S c h ü t t a u f d e r R a x a l p e:

Hier werden keine kleinen Kinder malträtiert, hier wünscht niemand Hofrat zu werden, hier fällt Regen, bläst Wind, hier fällt Schnee, braust Sturm!

D e r V i a d u k t ü b e r d e n G a m p e r l g r a b e n:

Der Gamperlgraben! Selbst das Wort „Gamperl“ kann romantisch wirken! Wie wenn eine junge Schönheit dir es mitteilt: „Je vais faire p i p i !“

 

B a h n w ä c h t e r :

Bahnwächter?! Bist du nicht abgestumpft durch deinen schweren Beruf?! „Woll, woll! Aber s c h ö n e r is schon als in der Großstadt! Dort wär man n o c h m e h r abgestumpft!“

 

D a s G r o ß e H ö l l e n t a l a n d e r R a x a l p e:

„W i l d - r o m a n t i s c h ,“ sagen die Reisehandbücher. „F r i e d l i c h - e i n s a m ,“ sagt das Herz.

 

D i e K a h l m ä u e r v o n d e r Z i k a f a h n l e r a l m a u f d e r R a x a l p e:

Die „R a x “ kenne ich nicht, aber meine Schwester Gretel, eine berühmte Rax-Kletterin, sagte mir, daß auf den „Zikafahnlern“ ganze Strauchwälder von wilden Himbeeren wüchsen! Und es dufte da droben wie kalifornisches eingemachtes Kompott. Meine Schwester Gretl hat nicht geheiratet. Mit den „Zikafahnlern“ können Männer nicht konkurrieren! Womit überhaupt, bitte?!

I n d e r K i r c h e v o n M a r i a - S c h u t z :

Klara Panhans, meine Tränen sollen dich b e g l e i t e n , da Lächeln mir n i c h t b e s c h i e d e n ward!

Hier betete ich oft für meine kleine Heilige, die damals zwölfjährige K l a r a P a n h a n s , dort wo der Bergquell dem Altar entspringt! Eine englische Dame sagte gestern zu mir: „Peter, wieso kommt es, daß man erst nach acht Jahren Ihre Briefe, Ihre Tränen, Ihre Verzweiflung versteht?!“ Ich erwiderte: „G u t D i n g b r a u c h t W e i l e !“

P a r t i e b e i K l a m m i m F r ü h l i n g :

Im Frühling ist alles grün — lila — rosig — duftig. Mehr kann man nicht aussagen darüber. Weshalb also reimen und dichten?!

 

E i n f a h r t i n d e n P o l l e r o s t u n n e l :

Wenn man „Indianergeschichten“ ängstlich las, hatte man ähnliche Stimmungen! Besonders bei der Ausfahrt. Chingachguk wurde also Gott sei Dank doch n i c h t skalpiert!

 

S e m m e r i n g l a n d s c h a f t v o m E s e l s t e i n :

„Hier kenne ich jeden Steig!“ sagte der Turist. „Hier kenne ich jeden Grashalm!“ sagte der Dichter.

 

G e f r ä ß i g e s V o l k ; Z i e g e n :

Ziegenkäse war mein Lieblingskäse. M o l k e n k ä s auf dem Lakaboden. Er ist verschwunden aus der Welt. Er war zu e i n f a c h , zu b i l l i g , zu g e s u n d !

O r t h o f s t r a ß e g e g e n d e n F e u c h t e r :

Sie gingen selbander. Er sagte: „J e t z t e r s t liebe ich dich g a n z !“ Sie erwiderte: „J e t z t e r s t liebe ich die Natur g a n z !“

A u f d e r S t r a ß e z u m S e m m e r i n g :

Da f a h r e n sie, die Reichen, fliegen dahin, 45 HP! Und die Armen r e d e n e s s i c h e i n, daß „Fußwanderung“ einen g r ö ß e r e n Genuß biete!

D i e K a l t w a s s e r h e i l a n s t a l t S e m m e r i n g:

Kaltes Wasser als Heilmittel! S p o r e n und P e i t s c h e für ein e r m ü d e t e s Pferd! Ja, es lauft dann f r i s c h e r , aber a u f K o s t e n seiner eigenen erschöpften Kräfte! Ich bin mehr für laues Wasser, es wird weniger m i ß b r a u c h t , weil es nicht so u n s e l i g p r o m p t wirkt! Die Menschen wollen sich eben k e i n e Z e i t lassen, um gesund zu werden! U m s i c h k r a n k z u m a c h e n, da hatten sie j a h r e l a n g Zeit!

 

A u f d e m S e m m e r i n g p a ß :

Semmeringpaß, schon als Kind erschauerte ich, an der markierten Grenze zweier Provinzen mich zu befinden!

 

D e r Ta l h o f :

Auch ein „Talhof“. Aber nicht der Talhof meiner geliebten „Ta l h o f h e r r i n “! Also ein ganz gewöhnlicher Talhof! O h n e Olga W.!

B e i d e r B o b b a h n a u f d e m S e m m e r i n g:

Hier frieren „Aristokraten“ stundenlang, zum Pläsier! Leider bekommen sie keine Frostbeulen! Sie genießen sogar die Kälte! Schade!

 

Z u s c h a u e r :

Überall gibt es Z u s c h a u e r . Das heißt Leute, die sich für etwas interessieren, wofür sie sich gar nicht interessieren!

 

B o b i n v o l l e r F a h r t:

D e r s t e ß t euch! Ihr, die ihr k e i n e Z e i t h a b t, den Winterwald anzustaunen!

 

A u f d e m G i p f e l d e s S t u h l e c k s:

Sie war auf dem „Stuhleck“, m i t i h m! Man könnte ebenso sagen: „Sie war in der Rotenturmstraße, m i t i h m! Wegen dem bissel Schnee?!?!“

 

D a s P a l a c e - H o t e l i m W i n t e r:

Wenn ich nur den Unterschied wüßte zwischen Winter und Sommer, auf dem Semmering!? Im Winter trägt Klara Panhans Winterloden und im Sommer Sommerloden! Alles andere ist doch g l e i c h g ü l t i g !

 

S t r a ß e i n S p i t a l :

A u c h h i e r gibt es vielleicht alle Laster der Großstadt! Aber man macht kein solches „Geserres“ damit! No, malheur, daß mir kane Engel noch nicht sind!

A u f d e r K a m p a l p e:

D i e s e Kühe stören mich nicht! Sie suchen sich ihr F r e s s e n selber!

 

B r i e f t r ä g e r :

„In W i e n Briefe austragen muß s c h r e c k l i c h sein! Da hat man n i c h t e i n m a l auf den anstrengenden Wegen die erfreuende B e r g l u f t !“

M ü r z z u s c h l a g g e g e n d i e S c h n e e a l p e :

Die „B e a u t é “ des Dorfes, Josefa! Aber sie fühlt nicht: „Lieber h i e r die e r s t e als in W i e n die l e t z t e !“ Sie fühlt: „Lieber in Wien die e r s t e !“

Hier sah ich noch eine rothaarige Wunderbare, die nach der Großstadt sich sehnt und der die Berge n i c h t s sind, weil sie ihr nicht sagen: „D u bist n o c h s c h ö n e r als wir!“

G e m s e :

Wenn man sie irgendwo im Geröll an den Felsmauern erschaut, fühlt man: „D i e , d i e hat die F r e i h e i t !“ Pumps, schießt sie einer tot und prunkt noch mit dem langen straffen Rückenhaar. „Edelweiß soll man nicht mehr p f l ü c k e n , Gemsen soll man nicht mehr s c h i e ß e n , ja da freut mich die ganze Bergwelt nimmer!“ sagte ein Naturfreund. Wie wenn man sagte: „Kinder soll man nicht mehr p r ü g e l n ?! Ja, da freut mich ja das ganze F a m i l i e n l e b e n nicht mehr!“ „M e h r Geld ausgeben als man hat, s o l l man n i c h t ?! Ja, da freut einen ja das g a n z e G e l d nicht mehr!“ Gemse, ich erschaute dich freudig auf Geröllhalde, senkrecht stehend! Welches Vergnügen, einen schweren anmutlosen Kadaver aber dann herabkollern zu sehn?!?