Fechsung
Die Kellerstiege
S i z i l i a n i s c h e S z e n e
Der Vorhang geht auf
Der Sohn zu dem v o l l s t ä n d i g g e l ä h m t e n alten Vater:
„Vater — — — Vater, wie befindest du dich heute? Nein, du kannst mir nicht a n t w o r t e n ! Aber ich ersehe es d e n n o c h auf deinem bleichen, aufgedunsenen, geliebten Gesicht, wie es dir heute geht! B e s s e r ! Die Hände nicht so schrecklich geschwollen wie in den letzten Tagen! Ja, G e l i e b t e s t e r , alter Unglücklicher, und v i e l l e i c h t d e n n o c h der w e i t a u s Glücklichere von uns beiden, denn i c h sorge mich Tag und Nacht u m d i c h! U m w e n d e n n sonst sollte ich mich sorgen?! U m A n i t a ? ! D i e sorgt für s i c h s e l b s t! Sie hat nicht die G a b e , mich u m s i e besorgt zu machen! Sie sorgt f ü r s i c h s e l b s t! Aber, du, Alter, h a s t die Gabe, denn du bist gelähmt und h i l f l o s ! Vater, ich fühle mich s o e i n s a m , t r o t z Anita, oder vielleicht w e g e n ! Vater, stirb mir nicht, hörst du?! Alter Mann, so wie du lebst, gelähmt, bist du dennoch ein H o r t für mich, eine S t ü t z e , ein H e i l i g t u m ! Möge Gott mir gestatten, dir weiterhin deinen Stärkungswein aus dem Keller holen zu dürfen! Möge die alte Kellerstiege so lange aushalten!“
Josefus erscheint:
„Du hast mir sagen lassen, ich solle nachschauen, und die Kellerstiege ausbessern?! Hast du etwas bemerkt?!“
„Sie ist alt wie mein geliebter Vater. Man muß da immer und überall besorgt sein. Sie kommt mir nicht mehr g a n z g e h e u e r vor! Es ist keine n e u e Stiege. Man hat sie v e r b r a u c h t , man muß nun v o r s i c h t i g sein, um sie zu e r h a l t e n !“
„Ich werde mein möglichstes tun, selbstverständlich!“
„Wir haben unsere alten guten Weine da gelagert, ich erhoffe mir davon für meinen Vater Gesundheit! Für mich könnte er e i n s t ü r z e n , und Anita trinkt nicht. Wozu braucht sie Wein?! Sie ist so vollsaftig. Sie berauscht sich an sich selber!“
„Ich werde hinuntersteigen, nachsehen. Sei ohne Sorge!“
Er steigt hinunter.
Anita kommt.
„Du bist allein, Alter?! N o c h i m m e r lebendig? Schade! Nun, m i c h störst du nicht, du G e l ä h m t e r ! Dein Sohn ist ein E s e l ! Ein E s e l , ein E s e l , v e r s t e h s t du mich, du alter Geschwätziger?! Ja, m i t d e n A u g e n schwatzest du, mit den Augen, aber das versteht Gott sei Dank niemand!“
Man hört ein schreckliches Gepolter im Keller, ein düsteres Fallen.
Anita: „Was ist da unten los?!“
E n d l i c h kommt Josefus herauf, mühselig, erzählt von dem Einsturz des Weinkellers, man möge niemand hinunterlassen!
Anitas L i e b h a b e r erscheint.
Anita: „G u t , daß du da bist, g u t ! Ich kann es nicht a u s h a l t e n ohne dich! Der Alte will nicht sterben, dieser E i g e n s i n n i g e , und der Esel l a n g w e i l t mich mit seiner S o h n e s l i e b e ! D u bist für mich Luft und Licht, d i r a l l e i n gehöre ich! Alter, Eigensinniger, hörst du es, ja, du hörst es, d i e s e m a l l e i n gehöre ich, und nicht deinem Esel von Sohn!“
Sie küssen sich.
„Alter, nun erzähle alles deinem Esel von Sohne! Ja, wir k ü s s e n uns, und wir l i e b e n uns, und noch mehr, n o c h m e h r! Aber dein Sohn hat die S o h n e s l i e b e , da verpufft er seine ganze Glut, und für sein armes Weib bleibt nicht viel übrig! Ich b e g n ü g e m i c h n i c h t mit dem, was von seiner Sorge um dich f ü r m i c h ü b r i g b l e i b t!“
Der Liebhaber ab.
Der Sohn kommt, will in den Keller, dem geliebten Vater seinen Wein bringen. Anita erkennt da p l ö t z l i c h , daß sie ihn jetzt l o s w e r d e n könnte, wenn sie ihn n i c h t w a r n t. Sie blickt ihn u n b e s c h r e i b l i c h h a r t a n, während er die leeren Flaschen reinigt. Der Alte will ihn vor dem Todesgang mit den g e l ä h m t e n H ä n d e n z u r ü c k h a l t e n, kann es aber nicht!
„Vater, ich tue es ja für dich, du Dummer, Guter, der Wein wird dir Leben bringen!“
Er geht langsam hinunter die Kellerstiege, s t ü r z t s i c h z u To d e! Anita schleicht höhnisch zum Alten hin. Der r e c k t s i c h, wird momentan ungelähmt und e r w ü r g t sie.
Vorhang
(Einem u n g e s c h r i e b e n e n Stücke der M a r i a - G r a s s o - T r u p p e nacherzählt.)