Fechsung
Der „Rote Stadl“, Ausflugsort bei Wien
DER „ROTE STADL“, AUSFLUGSORT
BEI WIEN
„Liebe, liebe Freundin Lióschka, nun habe ich also Sonntag Ihr kleines ‚Erdenparadies‘ gesehen, den Ausflugsort ‚Z u m R o t e n S t a d l‘! Für andere ist es nichts, nichts, ein J a u s e n p l a t z , wo die reichen Menschen ihre Automobile, ihre Frühlingstoiletten zeigen, Mädchen ihre reichen Liebhaber, diese ihre schönen Geliebten! Und der Gugelhupf ist schlecht, mit wenig Eiern und noch weniger Rosinen angerührt. Aber für Sie, Lióschka, ist es eine süße Traumwelt, Ihre Märchenwelt. Alles, alles betrachten Sie da l i e b e v o l l s t g e r ü h r t, es ist Ihre Seelenheimat, m e h r wünschen Sie sich ja gar nicht vom Leben; da fühlen Sie sich f r e i und g l ü c k l i c h . Das, wovon d i e a n d e r n leben, ist für Sie v o n k e i n e r l e i I n t e r e s s e, und für die kahlen Bäume und den Wiesenbach am ‚Roten Stadl‘, an einsamen Wochentagen, geben Sie den g a n z e n s c h r e i e n d e n P r u n k des Lebens hin! Sie sind eine Dichterin, der man es a b e r l e i d e r n i c h t g l a u b t . Das ist s e h r , s e h r t r a u r i g. Ihre Seele ist u n v e r s t a n d e n im Getriebe der Welt! Mehr kann man darüber nicht sagen. Ich empfinde Ihre Traurigkeit! Mehr kann ich darüber nicht sagen. ‚Roter Stadl‘, für Dich eine Welt! ‚Roter Stadl‘, siehe, u n s bist du ein Platz wie ein a n d e r e r — — —.
D i r aber ist er traut und heimlich und lieb! Schon das Wort ‚Roter Stadl‘, uns klingt es ‚weanerisch‘, Dir aber wie ein tiefes L i e d ! Deshalb wollen wir h i e r , in Deiner Gesellschaft, v e r s t u m m e n , und Deine A n d a c h t nicht stören, Lióschka! Vielleicht wirst a u c h D u uns dann e i n s t einen solchen Dienst erweisen, wenn a u c h u n s, irgendwo, D i r u n v e r s t ä n d l i c h und fremd, einst düstere Trauer umfängt — — —!
Peter Altenberg.“