Fechsung

Peter Altenberg · Kapitel 35 von 204

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Fechsung

Die Urgrossmutter

 

von Anna Lesznai

 

(Muster eines g ä n z l i c h unverschmockten, v e r s t ä n d l i c h e n und dennoch t i e f e n , einfachen,

m o d e r n e n und dennoch e w i g alten Gedichtes!)

Auf v e r g e ß n e m Gottesacker ruht mein Ahnchen wurmzerfressen — selbst die dunkle Ammensage hat den Namen l ä n g s t vergessen. Wo du w o h n t e s t , Urgroßmutter? Hinterm Berg, im neunten Hage muß ein weißes Häuschen stehen — d a e r s c h ö p f t e s t d u d i e Ta g e. Warst vielleicht ein K r ä m e r w e i b c h e n — und in einem d u m p f e n Laden, zwischen Mehl, Kattun und Pfeffer lebtest du in Staub und Schwaden. Dicht am Laden noch die S c h e n k e ; wie sich auch die Sonne w e n d e — i m m e r regten sich die starken, a r b e i t s a m e n beiden Hände. Hat der Größern Schar g e f u t t e r t , wollt der S ä u g l i n g just erwachen — hieß es rasch im Laden r e c h n e n und den Zechern z u z u l a c h e n . S c h w e r e Stunden, s t u m m e Stunden ging dein Leben ohne Säumen — k a n n t e s t n i c h t die holde Liebe, hattest keine Z e i t , zu träumen. N i e m a n d weiß von dir zu sagen. N i c h t s als deine armen, blassen, u n g e t r ä u m t e n Träume hast du m i r als Erbe h i n t e r l a s s e n . In dem dunkeln, dumpfen Laden, s t i l l in deiner Seele Tiefen wuchsen s ü ß e Frauenwünsche, die den lauten Tag v e r s c h l i e f e n — mit den seidnen Festtagskleidern und dem selbstgewobnen Linnen schlossest du sie in die Truhe, für die späten E n k e l i n n e n . I c h , die junge Urgucktochter, darf die r e i c h e Truhe leeren, Urguckahnchens Träume s p i n n e n und von d e i n e r S e h n s u c h t z e h r e n. Rosen l ä n g s t v e r g e ß n e r L e n z e blühen mir zum F e i e r t a g e , weil ich meiner Urgroßmutter u n g e l e b t e Liebe i n m i r t r a g e.

Genehmigte Übersetzung von Roda Roda.