Fechsung

Peter Altenberg · Kapitel 53 von 204

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Fechsung

Geistigkeit

 

V e r g e i s t i g u n g ist, wenn die äußerste menschlichste Zärtlichkeit sich ins K ö r p e r l i c h e hinüberretten, sich befreien, sich dokumentieren m u ß , weil man es absolut nicht mehr bei sich behalten könnte! Meine Schwester Gretel mußte, besonders in der letzten schweren Zeit, dem geliebten 85jährigen Vater ununterbrochen leise über die silberweißen Haare streicheln, sonst hätte sie diese Fülle von aufgestapelter Angst, Sorge, fanatischer Anhänglichkeit u n m ö g l i c h a u s h a l t e n können. Sie m u ß t e ihn streicheln, ihm in die Augen schauen, seine Hände berühren! So sei der Liebende; die Liebende! Nicht a n d e r s ! Der Hund muß vor zärtlichster Anhänglichkeit wedeln, irgendwie muß er seine tiefe Liebe zu dir ä u ß e r l i c h ins Leben hinaus, k ö r p e r l i c h dokumentieren, ja dir b e w e i s e n und leicht plausibel machen! Er weiß, daß du sein Innenleben sonst n i c h t g a n z erfassen kannst! So sei alles Körperliche nur der l e t z t e p l a u s i b l e A u s d r u c k einer tiefen seelischen Angelegenheit, die ans Licht des Tages gelangen will und k e i n e n G r u n d h a t, sich länger zu v e r s t e c k e n ! So sei der Kuß und jegliche Berührung! Die i n n e r e Zärtlichkeit wird e n d l i c h h e r a u s g e b o r e n in die Welt, braucht sich nicht z u g e n i e r e n, k a n n es sogar nicht, da sie zum Lebenm ü s s e n e r s t a r k t ist! U n e n t r i n n b a r e r Zwang sei die Devise des h ö c h s t k u l t i v i e r t e n Organismus, nicht s p i e l e r i s c h e T ä n d e l e i! A l l e s stehe unter den heiligen Schutzfittichen der Natur, und die Berührung geliebter Finger sei n u r der Ausdruck unabwendbarer seelischer Anhänglichkeiten!

Alle k ö r p e r l i c h e n Dinge aber sogleich k ö r p e r l i c h empfinden, ist ein Zustand von sogenannter „reizbarer Schwäche“, das heißt, man hat nicht Zeit, s e e l i s c h a u s z u r e i f e n! Dante konnte sieben Jahre für die vergötterte Beatrice seelisch ausreifen! Es gibt ein herrliches Lied, mit dem Refrain: „Zeit — — — nur Z e i t !“ Sich „Zeit nehmen“ ist die edle Ermahnung von Volksschullehrern an ihre Schüler. Ja, wertvolle Frauenseelen mahnen eigentlich immer ängstlich: „Es wird schon die Zeit kommen — — —.“ Zu jeglicher „Vergeistigung“ ins Körperliche braucht man Z e i t , und die vorschnell gepflückte Stunde ist ein Verbrechen und eine U n g e s c h i c k l i c h k e i t , die du an d i r s e l b s t begehst! R e i z b a r e S c h w ä c h e !