Fechsung

Peter Altenberg · Kapitel 107 von 204

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Fechsung

Die „Unglückliche“ Liebe

 

Aber wenn ich deine Hand beim Abschiede im Restaurant berühre oder auf der Straße?!?

Feiere ich da nicht meine Hochzeitsnacht mit dir, fast p h y s i o l o g i s c h ?!?

Und siehe, dein Geliebter steht vielleicht dabei und schaut, und sagt zu mir halb mitleidig: „Servus, verrücktes Huhn —!“

Und küss ich nicht die Innenfläche meiner eigenen Hand, die d e i n e Handinnenfläche für einen Augenblick lang sanft berührt hat?!?

Gibt uns der „s e e l i s c h e S e l b s t e r h a l t u n g s t r i e b“, diese immanente Angst vor dem Zerstörtwerden, nicht Z a u b e r m i t t e l f a s t, uns zu erretten aus der Not der Seele?!?

Und wenn wir ihr beim Anziehen, beim Ausziehen ihres Paletots behilflich sind, vor allen Leuten, haben wir da nicht Schauer mysteriöser Zärtlichkeiten, die der B e g l ü c k t e vielleicht im Bette nicht einmal empfindet mit ihr, da sie dort zum „Weibchen“ wird, gleich allen, die s c h o n waren, und die n o c h kommen werden oder könnten! Die A r t besiegt das I n d i v i d u u m !

Ist’s nicht ein A u s g l e i c h unseres U n g l ü c k - G l ü c k e s ?!?

Könnt ihr uns unsere Hochzeitsnächte rauben, ihr B e g l ü c k t e n ?! Wir haben sie h i n t e r r ü c k s — —.

Wir haben sie sogar in der „P h a n t a s i e d e r F r a u e n“, die uns n i c h t erhören! Wie, wenn sie uns erhörten, träumen sie manchmal?

Einmal, aus Laune oder Ungezogenheit und Neugier?! So Gnadenspenderin spielen?!? Teufeline?!?

Was vor dem h a l b e n E i n s c h l a f e n des Nachts die Frauennerven sich h a l b e r t r ä u m e n , thront o b e r h a l b moralischer Gesetze! Niemand kann’s v e r w e h r e n !

Drückt ihr, B e g l ü c k t e , vielleicht je den Rand ihres Trinkglases verstohlen an eure Lippen, ja u m k ü ß t i h n ganz, mit zärtlicher Geschicklichkeit, wenn der Tisch frei geworden ist von Gästen im leeren Speisezimmer?!?

Küßt ihr die Orangenschalen, die sie geschält hat?!?

Küßt ihr die l i p p e n g e h e i l i g t e n Gabelzinken?!?

Schleicht ihr euch hin, wie Jäger auf die Beute, Haselnußschalen aufbewahrend, Traubenstengel, von ihrem geliebten Teller?!?

Gebt ihr dem Stubenmädchen, das euch dabei ertappte bei eurer heiligen Handlung, zehn Kronen, daß sie verschwiegen bleibe?!?

Habt i h r solche S c h l i c h e nötig, g l ü c k l i c h e Unglückselige?!?

Und einmal sagte mir ein junges Stubenmädchen: „Ich nehm kein Geld, ich g ö n n ’ s der Frau!“

Ein N i c h t s wird eine K i r c h e !

Und die Sehnsucht, ihr Kleid zufällig zu berühren, wird ein F a n a t i s m u s !

Das Kleid wird zum S y m b o l e ihres Leibes!

Die lose Kleiderfalte, die absteht, wird zu ihrer Haut!

Wir können ihren Leib berühren in ihrer losen Kleiderfalte. Wir!

Man berührt ihr Kleid, und man kann wieder schlafen, schlafen, v o n d a a n, wie wenn’s ein Schlafmittel wäre für zerstörte Nerven!

Man schläft ein, wie ein weinendes Kindchen einschläft, dem man gewährte, wessen es bedurfte — —.

Friedevoll versinkt man in bessere Welten.

Weil man ihr Kleid berührt hat — — —.

Ihr armen G l ü c k l i c h e n , was braucht ihr a l l e s e r s t zu eurem Glücke?!?

Uns aber weht ihr Atem unwillkürlich an beim Sprechen und macht uns bereits selig — — —.

Das alles nennen sie dann unsere „u n g l ü c k l i c h e L i e b e“!