Fechsung

Peter Altenberg · Kapitel 88 von 204

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Fechsung

Briefwechsel Zweier Freundinnen

BRIEFWECHSEL ZWEIER

 

FREUNDINNEN

 

Liebe Freundin, wir Frauen haben etwas G e m e i n s a m e s mit den Dichtern und Denkern — — — wir interessieren uns nämlich nicht für L o k a l e r e i g n i s s e der Menschheit, sondern mehr für das Ganze! Unsere Schwärmereien gehen ins Große, der Frühling, die Berge, die Menschheit. Wir sind schwächliche Träumerinnen, folgen gerne ins Weite den Propheten und Heiligen, den Vorausschauern in eine lichtere Zukunft! Aber siehst du, manches Mal erwischt uns doch ein Lokalereignis bei einem Zipfel unserer Seele! Zum Beispiel jetzt, wenn ich so nachdenke in meinem Zimmer, weiß ich es genau, daß es in ganz Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol kein Mädchen geben könne, u n m ö g l i c h , die auf verwundete Helden siedendes Ö l herabgießen könnte! Sie k ö n n t e n es einfach n i c h t ! Siehe, d a s a l l e i n ist Seelenkultur, etwas ganz Infames nicht leisten zu k ö n n e n , selbst wenn man es sogar, a u f g e s t a c h e l t , tun möchte! Es nicht tun k ö n n e n , sogar gegen seine Leidenschaft! Nicht lügen k ö n n e n , selbst wenn einem das Wasser bis an den Mund geht, einen zu ertränken! Nicht gemein sein k ö n n e n , selbst wenn es eine N o t w e n d i g k e i t w ä r e; nicht aus m o r a l i s c h e n B e d e n k e n h e r a u s nicht u n a n s t ä n d i g sein können, sondern aus der G e n i a l i t ä t heraus einer mysteriös a l l e s besiegenden Naturheilkraft; da erst erweist sich die E d e l r a s s i g k e i t oder die S c h ä b i g k e i t ! Wir k ö n n t e n k e i n siedendes Öl herabgießen! Nein, d a s könnten wir nicht, G o t t s e i D a n k!

Deine Paula Sch.