Fechsung

Peter Altenberg · Kapitel 193 von 204

PDF-Seiten

Fechsung

Selbstkritik D. H. Also Selbstlob

SELBSTKRITIK D. H. ALSO

 

SELBSTLOB

 

Jetzt will ich mich mal selber gründlich kritisieren, objektiv betrachten, nachdem so viele gutmütige nachsichtige Kritiker mich über den grünen Klee belobt und anerkannt haben. Also, w a s bin ich, w e r bin ich, w i e bin ich?! Ich bin ganz einfach der, der von oben h e r u n t e r schaut, von unten h i n a u f , und außerdem überall r u n d u m h e r u m! Ich habe nicht die „Vogel-Strauß-Politik“ fast aller anderen, die nur d a s sehen, hören, verstehen wollen, was ihnen p a ß t ! Mich stören, verletzen, enttäuschen, kränken eben Unzulänglichkeiten jeglicher Art nicht s o sehr wie andere, denn ich habe dafür für „Zulänglichkeiten“ ewige Begeisterungsfähigkeit, Anerkennung, ja s o g a r Dankbarkeit! Die süße klangreiche Stimme einer Frau kann mich f a s t dafür e n t s c h ä d i g e n , daß sie sonst ein d u m m e s L u d e r ist! Und so in allem und in jedem.

Ich habe es nicht nötig, e i n Auge zuzudrücken, da das a n d e r e tiefbegeistert immer offen steht! Ich kann überall schrecklichste M ä n g e l sehen, weil ich e b e n s o v i e l e herrliche V o r z ü g e überall z u g l e i c h erschaue! Besonders die anmutigen zartgegliederten, beweglichen, edel-hautigen Frauen geben uns Gelegenheiten, sie zu bewundern, anzubeten, zu verwöhnen, während wir z u g l e i c h in unser „inneres Tagebuch“ und Nachtbuch schreckliche vernichtende Dinge über sie notieren! Diese „Symphonie“: Erleben! Weshalb versuchen wir es denn nicht, Beethoven, Bruckner zu beschämen, zu ü b e r f l ü g e l n durch unsere Seelensymphonien des D a s e i n s s e l b s t, aus erster Hand, nicht erst tiefsinnig umgesetzt in Klang und Töne!? „Ich habe mit Fräulein X. Y. e r l e b t : Symphonie C-Moll!“ Auf Musik erst warten, wozu?! Das L e b e n töne!

Meine Bücher sind ein Sammelsurium von allem Möglichen, W i c h t i g e n ; denn nichts ist u n w i c h t i g außer das w i r k l i c h Unwichtige. Wie zum Beispiel der Luxus — und die Vorurteile j e g l i c h e r A r t! F o r m hat dem Inhalt zu d i e n e n ! Tiefe Gedichte o h n e Reim und Versmaß sind n o c h besser als solche m i t . Denn bei ihnen spürt man das R e s t l o s e , während man bei den anderen stets noch meint, w i e t i e f sie erst geworden wären o h n e das Prokrustesbett, die „Eiserne Jungfrau“ von Vers und Reim! F o r m , du größter frechster H o c h s t a p l e r von l e e r e n Gehirnen, l e e r e n Herzen! Ich hasse dich! Ich v e r a c h t e dich!