Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 9 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

9. Kapitel

 

Nachdem Raureif sie allein gelassen hatte, stürzten sich Phönix und ihre drei Freunde auf Hund und schlangen ihm die Arme um den Hals.

»Das wird schon«, sagte Hund schroff und stupste sie alle mit der Schnauze an. »Euch wird es gut gehen. Mir wird es gut gehen. Und bald sind wir wieder zusammen und haben uns viel zu erzählen.«

»Ich hatte einfach angenommen, du würdest mit uns kommen«, sagte Fünf heiser.

»Das dachte ich auch«, räumte Hund ein. »Aber es soll eben nicht sein. Und der Eisadler hätte sowieso Schwierigkeiten gehabt, mich zu tragen.«

Phönix lachte schnaubend und blinzelte wütend die Tränen weg, die ihr in den Augen brannten. Winnie war auf Hunds Rücken gesprungen und kraulte liebevoll ein Stück seines steinernen Fells.

Der Wächter wandte sich an Phönix und senkte den Kopf, um ihr in die Augen zu sehen. »Wozu du dich bereit erklärt hast, ist sehr großherzig«, sagte er sanft. »Die Hexen haben den Jägern in der Vergangenheit oft geholfen. Es kommt seltener vor, dass wir sie auf eine so bedeutsame Art unterstützen. Du erneuerst damit einen jahrhundertealten Bund.«

»Ich tue es nicht deshalb«, gab Phönix zu. »Ich muss einfach irgendetwas tun.« Angesichts der erstaunten Blicke der anderen zuckte sie mit den Schultern. »Monatelang haben wir uns alle gefragt, ob Morgren noch am Leben ist, haben uns Sorgen gemacht – seinetwegen, wegen Sieg und wegen … ihrer Pläne.«

Erschrocken stellte sie fest, dass sie den Namen des Krock nicht laut aussprechen konnte. Ihre Angst vor diesem Wesen war zu groß. Unwillkürlich warf sie einen Blick über die Schulter und fragte sich, ob sich an der Stelle der tiefsten Finsternis am Fuß der Klippe womöglich eine gesichtslose Gestalt im Umhang verbarg. Sie ertappte sich bei solchen Gedanken öfter, als ihr lieb war.

Phönix schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder. Als sie weitersprach, bemühte sie sich um einen erfreuten, entschlossenen Tonfall. »Jetzt wissen wir endlich mehr. Und vielleicht können wir etwas unternehmen, anstatt einfach bloß …«

»Abzuwarten«, warf Sieben ein.

»Genau.« Phönix nickte. »Das ist was Gutes. Die Möglichkeit zu haben, Morgren aufzuhalten. Das ist großartig.«

Fünf, Sechs, Sieben und Hund starrten sie an.

»Du hast Angst davor, deine Macht einzusetzen, stimmt’s?«, fragte Sechs. Seine Fähigkeit, ihre Gedanken lesen zu können, war unheimlich. »Aber du bist nicht allein. Wir werden die ganze Zeit bei dir sein.«

»Aber natürlich!«, rief Fünf. Dann hielt er inne und runzelte leicht die Stirn. »Na ja, vielleicht bist du streckenweise auch mal allein, denn, weißt du, wir sind ja keine Elementhexen, aber …«

Sechs stieß ihm den Ellbogen in die Seite, und Fünf schrie auf.

Phönix verkniff sich ein Lächeln. »Seit dem Kampf in der Jägerloge habe ich meine Macht nicht eingesetzt.« Sie versuchte nicht so besorgt zu klingen, wie sie sich fühlte. »Und ich habe keine Ahnung, was ein Schattensaum ist. Ich …«

»Nara wird dir helfen«, sagte Sieben im Brustton der Überzeugung.

Hoffnung flammte in Phönix auf. »Hast du das gesehen? Bist du dir sicher?«

Sieben zögerte, dann nickte sie. »Sie will dich unterrichten und dir helfen, das Feuer zu kontrollieren. Du wirst dem Schattensaum erst entgegentreten müssen, wenn du dazu bereit bist.«

Phönix fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatte sich schon fast vorgestellt, dass Nara sie direkt nach ihrer Ankunft in Eisgard zu diesem Schattending führen würde und erwartete, dass sie es sofort vernichtete. Aber vielleicht würde es gar nicht so kommen. Winnie fiepte leise auf ihrer Schulter, sein Schwanz kitzelte sie im Nacken.

Angenehmes Schweigen senkte sich über sie, und Hund sah zum Mond hinauf. Phönix kam nicht umhin, seine Anspannung zu bemerken.

»Musst du wirklich heute Nacht schon aufbrechen?«, fragte sie.

»Du hast Raureif doch gehört. Die Zeit drängt. Sieg muss gefasst werden, bevor sie noch jemandem schaden kann.«

»Meinst du, du kommst zurecht?«, fragte Fünf und fuhr schnell fort: »Nach dem, was Eichenhammer dir angetan hat … wirkte es, als könntest du Schmerz stärker spüren.«

Phönix erschauderte bei dem Gedanken daran, wie der Herzbaum im Frostigen Forst Hund gequält und über seine erste Schmerzerfahrung gelacht hatte. Irgendwie – möglicherweise unbeabsichtigt – hatte Eichenhammer Hund an jenem Tag dauerhaft verändert, denn dieser spürte jetzt alles intensiver, nicht nur den Schmerz.

»Das stimmt, und das ist auch immer noch so«, sagte Hund leise. »Vielleicht bin ich weniger unempfindlich als früher. Weniger steinern. Aber ich kann es immer noch problemlos mit Sieg aufnehmen.«

Trotzdem wirkte der Wächter besorgt. »Was ist los?«, fragte Phönix. »Da ist doch was, das du uns nicht sagst.«

Hunds Gelächter klang wie durcheinandergewürfelte Kieselsteine. »Euch entgeht aber auch nichts.«

»Natürlich nicht.« Phönix runzelte die Stirn. »Wir sind deine Freunde – uns sollte auch nichts entgehen.«

Einen Augenblick war Hund sprachlos. »Freunde«, murmelte er dann. »Das hat noch nie jemand zu mir gesagt.«

»Hör auf, dauernd das Thema zu wechseln«, sagte Fünf. »Was beunruhigt dich?«

Seufzend schüttelte Hund den Kopf. »Raureif wünscht, dass mich auf der Reise niemand zu Gesicht bekommt.«

»Und du glaubst, das wird schwierig?«, fragte Phönix.

»Streckenweise«, räumte Hund ein. »Aber ich denke vor allem an einen Abschnitt. Der schnellste Weg ins Flussland führt durch den Großen Forst. Und der Waldclan ist wachsamer denn je. Ich glaube, ich muss durch den Griff reisen – unter Wasser –, damit sie mich nicht entdecken.«

»Unter dem Griff?«, stieß Fünf hervor.

Die vier Freunde sahen sich angsterfüllt an. Der Griff war ein in ganz Embra berüchtigter Fluss, dessen Wasser über seltsame Kräfte verfügte. Es hieß, dass ein Schluck davon einem die Erinnerung rauben und ein Bad darin einen wahnsinnig machen könne.

»Das ist wirklich g…gefährlich, Hund«, sagte Sieben.

»Vor allem, wenn du nach deiner Begegnung mit Eichenhammer jetzt verletzlicher bist.« Die Angst um Hund schnürte Phönix die Kehle zu.

»Kannst du nicht außen um den Wald herumgehen?«, fragte Sechs und verzog dabei das Gesicht. Diese Strecke würde mindestens eine Woche länger dauern.

»Ich muss so schnell wie möglich dort sein, um eine Chance zu haben, Sieg zu fassen.« Hund schüttelte sich. »Macht euch um mich keine Sorgen. Ich schaffe das schon.«

Er stand auf und warf einen Blick nach Kliff hinauf.

Phönix erschrak. »Du willst jetzt schon los?«

»Ich muss«, sagte Hund sanft. »Ihr werdet mir alle furchtbar fehlen.« Er schüttelte sich erneut. »Aber es ist jetzt das Richtige.«

Phönix lehnte sich an ihn, eine Welle der Traurigkeit schlug über ihr zusammen. Es fühlte sich überhaupt nicht an wie das Richtige. Aber das auszusprechen würde daran nichts ändern. Stattdessen sagte sie: »Dann sollten wir uns verabschieden.«

»Ja. Ich werde jeden Tag an euch denken und freue mich schon auf unser Wiedersehen. Ich habe keinen Zweifel, dass du in Eisgard Erfolg haben wirst und dass jeder von euch alles tun wird, was in eurer Macht steht, um Morgren aufzuhalten.«

Phönix war froh, dass es so dunkel war, denn so waren die Tränen auf ihren Wangen nicht zu sehen, als der Wächter aufbrach und in der Nacht verschwand.

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