Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
7. Kapitel
»Du weißt, dass Eisgard am Ende des Dunklen Krieges die Koboldmagie gebannt hat«, sagte Nara vorsichtig. »Dass wir sie Hunderte von Jahren sicher und geheim verwahrt haben.«
Raureif nickte.
»Nun, vor vierzig Jahren bat eine unserer Hexen die Oberhexe um Erlaubnis, diese Magie zu studieren, zu versuchen … damit zu arbeiten.«
»Warum bekomme ich plötzlich ein ungutes Gefühl?«, knurrte Raureif.
»Wir werden nie erfahren, was genau passiert ist …«, fuhr Nara unbeirrt fort. »Sie studierte die Portalmagie der Kobolde. Aber als sie sich an ihrem ersten Zauberspruch versuchte, tauchte der Schattensaum in Eisgard auf.«
»Der Schattensaum?«, fragte Fünf. »Was ist das?«
Nara stieß ein trauriges Lachen aus. »Um ehrlich zu sein, kann ich diese Frage auch nach all den Jahren nicht beantworten. Es ist eine Art dunkle Substanz, die eine magische Krankheit verursachte, wie wir sie noch nie gesehen hatten: Wir nannten sie die Schattenkrankheit. Keiner unserer Heilsprüche funktionierte. Ursprünglich waren wir beinahe tausend. Innerhalb weniger Wochen waren davon nur noch fünfzig junge Hexen übrig. Ich gehörte zu den ältesten Überlebenden.«
Es herrschte langes Schweigen, bevor Raureif das Wort ergriff. So erschüttert hatte Phönix ihn noch nie gesehen. »Du warst die älteste Überlebende? Aber du warst damals doch höchstens … ich weiß nicht, sechzehn?«
Das Schweigen wurde bedrückend und düster, als sie die Bedeutung von Naras Worten erfassten. Winnie zitterte auf Phönix’ Schulter und machte sich ganz klein.
»Beim frierenden Frost …« Raureifs Flüstern verklang.
Die vier Freunde starrten sich mit weit aufgerissenen Augen an.
Raureif schlug sich mit der Hand aufs Knie. »Warum habt ihr uns nicht benachrichtigt? Um Hilfe gebeten! Wir hätten euch geholfen! Die Bannmagier hätten euch geholfen!«
»Wir hatten große Angst, die Krankheit über die Frostige Ebene nach Embra hineinzutragen«, sagte Nara. »Vor ihrem Tod verfügte unsere Oberhexe, dass wir keinen Kontakt zur Außenwelt aufnehmen sollten, bevor wir den Schattensaum nicht zerstört hätten und wüssten, wie wir die Krankheit behandeln konnten. Sie fürchtete, dass selbst ein Brief katastrophale Auswirkungen haben könnte.«
Das Gewicht der entsetzlichen Worte Naras war körperlich spürbar.
»Irgendwann war die Krankheit überstanden«, sagte Nara leise. »Aber sie hatte zu viele von uns dahingerafft. Es war keine mehr da, die die unbefiederten Hexen unterrichten konnte; so viel unseres Wissens ging beinahe verloren.« Sie atmete schaudernd ein. »In den letzten vierzig Jahren haben wir unsere eigene Magie neu erlernt und versucht, uns wieder zu erholen. Allerdings haben wir bisher nicht herausgefunden, wie wir den Schattensaum zerstören können. Deshalb hast du nichts von uns gehört.«
»Aber was hat das mit Morgren zu tun?«, fragte Fünf, woraufhin Sechs ihm einen entsetzten Blick zuwarf. »Was denn? Sie hat doch gesagt, es gebe einen Zusammenhang.«
Nara lachte unsicher. »Das stimmt. Vierzig Jahre lang haben wir den Schattensaum in einem Okulus gefangen gehalten.«
Sechs wirkte verwirrt. »In einem … was?«
»Einer Art magischem Gefängnis.«
Das große weiße Adlerweibchen hinter ihr klapperte sanft mit dem Schnabel und legte seinen Kopf auf Naras Schulter ab. Die Hexe streckte die Hand aus und streichelte die Federn unter den durchdringenden bernsteinfarbenen Augen des Vogels, was ihr Kraft zu geben schien. »Seit Morgren bei uns war, ist der Schattensaum gewachsen.« Als Phönix Naras Blick begegnete, bemerkte sie eine große Angst in den Augen der Hexe. »Das hat er seit vierzig Jahren nicht getan.«
»Ihr macht euch Sorgen, dass die Krankheit zurückkehren könnte?«, fragte Raureif.
Naras Lachen klang überaus nervös. »Natürlich. Aber wir machen uns sogar noch größere Sorgen, dass er den gesamten Frostpalast zerstören könnte.«
Phönix starrte sie an.
»Wir haben den Okuluszauber bereits viermal erneuert«, sagte Nara mit bebender Stimme, »was undenkbar ist. Jedes Mal wird es schwieriger, den Schattensaum einzudämmen. Und er …« Sie schüttelte den Kopf. »Irgendwie saugt er Eisgard die Magie ab, selbst aus seinem Gefängnis heraus. Das sollte eigentlich auch unmöglich sein. Der Zweck eines Okulus ist es schließlich …« Angesichts ihrer verständnislosen Mienen brach sie ab und zuckte erschöpft mit den Achseln. »Es dürfte nicht passieren. Wenn es so weitergeht, bleibt Eisgard nicht mehr viel Zeit. Die gesamte Struktur des Frostpalasts wird durch Magie zusammengehalten. Ohne sie …«
»Was?« Fünf schnaubte. »Dann stürzt er ein?«
Raureif starrte Nara undurchdringlich an. »Du meinst hoffentlich nicht, was ich denke?«
Die Hexe nickte. »Du hast Eisgard schon mal gesehen, Raureif. Du weißt, was es ist. Wenn die Magie versagt, werden nicht nur die Hexen leiden. Ganz Embra wäre in Gefahr.«
Phönix’ Blick fiel auf Sieben, die genauso verwirrt aussah, wie sie sich fühlte.
Raureif schüttelte langsam den Kopf. »Und was können die Jäger deiner Meinung nach tun, Nara? Wir kämpfen gegen dunkle Bestien. Das hier ist jedoch etwas ganz anderes. Das ist reine Magie, also die Domäne der Hexen, nicht unsere.«
Nara sprach leise, aber überaus dringlich. »Um weiteren Schaden am Frostpalast zu verhindern, muss der Schattensaum zerstört werden, bevor er groß genug wird, um aus dem Okulus auszubrechen.« Sie verschränkte krampfhaft die Hände. »Wenn er aus seinem Gefängnis entkommt, könnte er sich frei auch über Eisgard hinaus bewegen, vielleicht sogar über die Bissberge hinweg bis ins Gebiet der Clans. Und wenn die Schattenkrankheit zurückkehrt, dann wäre alles, was wir in den vergangenen vierzig Jahren getan haben, wären all die Opfer, die wir gebracht haben …« Sie schloss die Augen. »Dann wäre das alles umsonst gewesen.«
Raureif erhob sich plötzlich und ging auf und ab.
Nara musterte den Ältesten. »Du musst doch erkennen, dass alles auf dem Spiel steht: nicht nur die Zukunft Eisgards, sondern auch die der Clans – die ganz Embras.«
»Natürlich erkenne ich das«, murmelte Raureif, ohne stehen zu bleiben.
Phönix schauderte, als die Hexe weitersprach. »Wir haben alles versucht, um ihn loszuwerden.« Sie hob den Blick und sah Phönix an. »Oder besser gesagt, fast alles.«
Plötzlich verstand Phönix. »Alles außer Hexenfeuer.«
»Genau.« In Naras Miene stand verzweifelte Hoffnung. »Kommst du mit mir nach Eisgard, Phönix? Hilfst du mir, den Schattensaum zu zerstören?«
»Immer langsam«, mischte sich Raureif argwöhnisch und angespannt ein. »Was genau soll sie tun?«
Phönix war dankbar für die Unterbrechnung. Ihr Herz schlug in einem holprigen Rhythmus und sie war plötzlich schweißnass. Nara wollte, dass sie ihre Macht einsetzte? In den letzten drei Monaten hatte sie verzweifelt versucht, sie zu unterdrücken.
»Morgren und seine Verbündeten haben die Jägerloge angegriffen«, sagte Nara mit fester Stimme zu Raureif. »Jetzt haben sie es auf Eisgard abgesehen. Sie hoffen, mein Zuhause einzunehmen und die Magie darin zu verwenden, um ganz Embra damit zu bedrohen. Sie werden Eisgard in eine Waffe verwandeln.« Nara hielt inne. Phönix biss sich auf die Lippe, als alle sie ansahen. »Wenn Phönix das ist, was du sagst, ist sie unsere einzige Hoffnung, den Schattensaum zu zerstören und ihren Plan zu durchkreuzen.«
OceanofPDF.com