Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 48 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

48. Kapitel

 

 

Phönix’ Freude und Erleichterung waren so groß, dass sie hätte weinen können. Sie stolperte ins Treppenhaus. »HUND!« Es war eher ein Schrei, denn ein Ruf. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sie sich dafür geschämt, dass aus ihrer Stimme ihre bloße Angst und verzweifelte Hoffnung herauszuhören waren.

Und plötzlich war der Wächter da. Wirklich da. Er tauchte mit weit offenen Augen und gespitzten Ohren auf und stürmte in seiner ganzen Pracht auf sie zu.

Die Freudenschreie der anderen hörte sie kaum, sie sah bloß Hund, der den Kopf senkte, als sie die Arme um seinen Hals schlang.

»Du hast mir gefehlt«, sagte sie. »Und wie!«

»Du mir auch«, knurrte er. »Ich hatte schon Angst, zu spät zu kommen.« Er schauderte, als Fünf, Sechs und Sieben ihn umringten.

Zu Phönix’ Überraschung tauchte kurz darauf ein wirbelnder heller Funke hinter Hund auf und schoss auf sie herab.

»Funkenflug!«, rief sie, das Herz so voller unerwarteter Freude, dass ihr Tränen in die Augen traten.

»Ich habe sie gefunden«, sagte der Geist zu Hund und ließ sich zufrieden auf Phönix’ Schulter nieder. Winnie verschwand augenblicklich mit einem missmutigen Quieken unter ihrem Fell. Die Hitze, die der Feuergeist ausstrahlte, ließ die Narbe auf ihrer Wange unangenehm kribbeln, aber sie war noch nie so froh gewesen, sie zu spüren.

»Was macht ihr beide hier?«

»Dich retten, natürlich«, sagte Funkenflug hochmütig.

»Was ist los?« Die Stimme klang schwach, und als Phönix sich umdrehte, sah sie, wie Zenith, auf beiden Seiten von Thea und Libbet gestützt, auf sie zugehumpelt kam. Mit großen Augen sah sie Hund an. »Du bist der Wächter der Jägerloge«, hauchte sie. »Phönix hat mir von dir erzählt.«

Hinter ihr betrachtete Xena Hund neugierig mit schräg gelegtem Kopf.

»Hund, das sind Zenith, Thea und Libbet.« Phönix stellte sie schnell einander vor.

»Und Xena«, fügte Zenith hinzu.

Der Adler senkte anmutig den Kopf. »Sei gegrüßt.«

Auch Libbet staunte Hund an. »Die anderen Hexen und die Eismütter. Hast du sie gesehen? Geht es ihnen gut?«, fragte sie.

Ein tiefes Grollen erfasste Hund, und Thea zog Libbet zurück. »Sind die Eismütter die Statuen?«, fragte er.

Libbet nickte.

»Kaputt«, knurrte er mit gesträubtem Fell. »Dort, wo ich reingekommen bin, waren sie zerschmettert.«

Libbets Unterlippe zitterte.

»Und was ist mit den Hexen?«, fragte Phönix und hatte plötzlich Angst vor der Antwort.

»Ich habe keine lebende gesehen«, sagte Hund.

Zenith keuchte auf, und die kleineren Mädchen wimmerten, als sie in ihren Armen zusammensackte. Hunds Worte waren finster, und Phönix wehrte sich mit aller Macht dagegen, ihnen zu glauben. Hund irrte sich; er musste sich einfach irren. Einige der Hexen hätten doch bestimmt ein Versteck gefunden. Aber ein dunkler Strom in Phönix’ Gedanken flüsterte ihr zu, dass dem nicht so war.

»Aber ich habe viele Wesen gesehen«, fuhr Hund fort, der Phönix’ Schmerz nicht bemerkte. »Sie haben sich um Eisgard versammelt. Manche verbergen sich im Nebel. Andere spazieren unbeirrt durch die Gänge.« Sein Blick ruhte durchdringend auf den Jägern. »Wir müssen alle hier weg. Sofort.« Mit einer Kopfbewegung zeigte er auf Xena. »Der Eisadler ist bestimmt die sicherste Möglichkeit. Ihr nehmt den Luftweg, und dann treffen wir uns in Kliff.«

»Ganz schön herrisch«, murmelte Funkenflug missmutig von Phönix’ Schulter aus.

»Sei still, Funkenflug«, sagte Hund mit fester Stimme. »Du hast gesehen, was dort unten lauert. Du weißt, dass sie in der Luft sicherer sind.«

»Da oben sind Glitzergleiter.« Phönix versuchte sich zu konzentrieren und wies mit einer Kopfbewegung hinauf zu den dunklen, dahinziehenden Wolken. »Und zwar eine ganze Menge.«

Ihr Blick huschte zu Hunds abgerissenem Ohr und wieder weg. Er hatte ihnen mal erzählt, dass es Glitzergleiter gewesen waren, die ihm diese Verletzung zugefügt hatten.

Ein Knurren entwich ihm, als er ebenfalls nach oben sah.

Zu Phönix’ Überraschung warf Funkenflug Hund einen Blick zu, schürzte die Lippen und sagte dann: »Ich werde sie nach Kliff führen, Hund. Und sie falls nötig vor den Himmelsdämonen beschützen.«

Hund nickte erleichtert. »Danke.«

»Ich kann hier nicht weg«, sagte Phönix. »Noch nicht. Erst muss ich den Schattensaum zerstören.«

Hinter ihnen hob Zenith Thea und Libbet auf Xenas Rücken, dann wandte sie sich an Hund. »Ich will ihr helfen.«

Phönix bekam einen Schreck. »Das geht nicht, Zenith, und das weißt du auch. Du kannst dich ja kaum auf den Beinen halten. Du hast alles Menschenmögliche getan, und mir würde es besser gehen, wenn ich wüsste, du wärst weit weg von hier in Sicherheit.« Sie schüttelte den Kopf, als Zenith den Mund aufklappte, um zu widersprechen. »Und dann sind da noch Thea und Libbet. Wenn dir etwas zustößt, bedeutet das auch ihr Ende. Du hast Nara versprochen, dass du dich um sie kümmern würdest.«

Die Hexe senkte mit geballten Fäusten den Kopf. Als sie ihn wieder hob, war ihr Gesicht tränenüberströmt, aber sie nickte.

Funkenflug gähnte, erhob sich von Phönix’ Schulter und flog auf Xena zu. »Du folgst mir«, sagte er herrisch. »Und flieg genau da lang, wo ich es dir sage.«

Xena kniff die Augen zusammen, nickte jedoch zustimmend.

Phönix’ Gedanken kreisten, als sie sich an Sieben, Fünf und Sechs wandte. Was konnte sie sagen, damit sie mit Zenith mitflogen?

»N…nein«, sagte Sieben, die wusste, was jetzt kam, mit scharfer Stimme. »Es ist mir egal, d…dass ich keine Jägerin bin. Ich fliege nicht noch mal auf einem dieser Vögel. Ich werde d…dich nicht alleinlassen. Du kannst mich nicht dazu zwingen, und außerdem b…brauchst du mich.«

»Na großartig«, murmelte Fünf und schnitt Phönix damit das Wort ab. »Was ist das denn?« Er zeigte auf die Treppe. Ein grünes Leuchten kroch aus der Finsternis herauf und wurde immer heller. Irgendetwas daran kam ihnen entsetzlich vertraut vor.

Hunds Lefzen bebten knurrend, während Phönix ein furchtbarer Verdacht kam.

»Das ist doch nicht etwa … Morgren?«, flüsterte sie. Ihre Angst dröhnte ihr so laut in den Ohren, dass sie kaum ihre eigene Stimme hören konnte.

Sechs war zu demselben Schluss gekommen. »Los!«, rief er, als er sich umdrehte und sah, wie Thea Zenith auf Xenas Rücken zog. Entsetzt warf er dem grünen Schein einen Blick zu.

»Werdet ihr …«, hob Zenith an.

»LOS!«, rief Phönix Xena zu, als ein heller knisternder Ball grüner Koboldmagie aus dem Treppenhaus geschossen kam. Fünf und Phönix konnten sich gerade noch in Sicherheit bringen, und der Zauber knallte gegen einen hoch aufragenden Eisbogen hinter ihnen.

Mit einem ohrenbetäubenden Angstschrei breitete Xena die Flügel aus und erhob sich in die Lüfte, kurz bevor eine Lawine aus herabstürzendem Eis an genau der Stelle niederging, an der sie eben noch gestanden hatte. Es war ihr erster Flug, aber ihre Flügelschläge waren kräftig und zuversichtlich. Zusammen mit Funkenflug drehte sie ab, und die Gesichter der jungen Hexen auf ihrem Rücken wurden immer kleiner.

Phönix sprang auf. Es gelang ihr nur mit Mühe, den Blick von Zenith abzuwenden. Ein weiterer magischer Blitz schoss aus der Dunkelheit hervor, und diesmal gelang es ihr, ihn abzuwehren, obwohl ihr plötzlich die Arme zitterten.

Morgren war da.

Sie hatte den Schattensaum nicht zerstört, und jetzt war Morgren gekommen, um ihn zu befreien.

Sie hatte zu lange gewartet.

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