Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
34. Kapitel
Plötzlich waren überall sirrende, wirbelnde Geschosse. Sie flogen hinter Phönix her und sausten durch die Luft, um sie zu zerfetzen. Mit einem letzten gewaltigen Aufbäumen sprang sie über die beiden Schilde, schlug hart auf dem Boden auf und stieß gegen Fliss. Die Hexe wurde nach hinten geschleudert und knallte mit dem Kopf gegen das Podest des nächstgelegenen Grabes.
»Fliss!«, schrie Zenith und hielt sich die Hände vor den Mund.
Die Hexe lag regungs- und bewusstlos da. Phönix fluchte und ließ den Mondstein fallen, um sie gerade noch rechtzeitig wieder in den Schutzraum hinter den Schilden zu ziehen. Fünf und Sechs brüllten vor Anstrengung, während sie die Schilde festhielten, die vom Berster beschossen wurden. Phönix stemmte sich von hinten gegen sie, als einige der Einzelteile über sie hinwegflogen und ihren Oberkopf streiften, bevor sie kehrtmachten, um sie von hinten anzugreifen.
»Passt auf!«, rief sie, nahm die andere Axt von ihrem Rücken und schaffte es in letzter Sekunde, zwei fliegende Splitter abzuwehren, die so spitz und schnell waren wie Wurfsterne. Zenith brachte sich gerade noch rechtzeitig in Deckung.
Phönix schrie entsetzt auf, als sie den Kopf hob und mindestens hundert weitere Bersterfragmente auf sich zufliegen sah. Die konnte sie unmöglich alle abwehren. Plötzlich wurde ihr Sichtfeld von Britt verdeckt, die mit weit ausgestreckten Armen aufgesprungen war. Sie musste irgendetwas gesagt haben, aber alles, was Phönix hören konnte, war ein plötzlicher Windstoß. Im Licht des Mondsteins sah sie eine Mauer aus heller, wirbelnder Luft, die auf die fliegenden Splitter zurauschte. Die beiden Kräfte trafen mit aller Macht aufeinander, und das Geräusch, das dabei entstand, ging Phönix durch und durch. Die Bersterfragmente wurden weggeschleudert, und die Luftmauer prallte auf Britt zurück, die durch die Luft flog und mit Fünf und Sechs zusammenstieß.
»Britt!« Zenith rannte zu der Hexe, die reglos dalag.
Fünf und Sechs rappelten sich auf und griffen nach den Schilden, aber um sie herum war es plötzlich still, geradezu unheilvoll ruhig.
»Ich glaube, er … formiert sich neu?« Sechs blinzelte in die Dunkelheit.
Blitzartig fiel Phönix doch noch mehr aus dem Eintrag im Tierleben über den Berster ein. »Er kann nur in vollständigem Zustand getötet werden«, sagte sie keuchend. »Wir müssen ihn ins Herz treffen.«
»Ja«, stimmte Zenith schnell zu. »Und sein Herz leuchtet bläulich. Seht ihr es?« Dann ergänzte sie als Reaktion auf ihre überraschten Blicke: »Das sind Wesen aus der Frostigen Ebene, wisst ihr. Ich habe ein bisschen was über sie gelernt!«
Phönix fasste neuen Mut.
Fünf fluchte. »Dann ist das unsere Gelegenheit, aber ich sehe das Herz überhaupt nicht!«
Das war wirklich ihre Gelegenheit, wurde Phönix klar, und sie konnten sie nicht nutzen. Wenn sie den Berster nicht sehen konnten, hatten sie keine Chance, ihn zu töten. Während ihr der Schweiß auf die Stirn trat, tat sie das einzig Mögliche: Sie hoffte inständig, dass sich der Berster nicht wegbewegt hatte, hob den Mondstein auf und schleuderte ihn davon, sah zu, wie er über den Boden rollte und die alles verschlingende Dunkelheit erhellte.
»Komm schon, komm schon, komm schon«, murmelte Sechs mit gespanntem Bogen.
Und da plötzlich war er. Der Mondstein blieb liegen und genau innerhalb seines Lichtkreises stand der Berster, noch immer vollständig.
»Schieß!«, schrie Fünf mit schriller Stimme.
Das tat Sechs, aber als sein Pfeil durch den atemlosen Raum flog, sah Phönix, dass es zu spät war: Das Wesen teilte sich bereits wieder.
»Schilde!«, schrie sie und griff nach Sechs’ Schild, um ihn, Britt und Zenith zu decken.
Panik durchflutete sie. Berster waren bekannt dafür, dumm zu sein, aber so dumm auch wieder nicht. Diesmal würden seine Einzelteile die Schilde direkt umrunden und sie aus allen Richtungen gleichzeitig angreifen.
»Hexenlicht, Zenith!«, rief sie, als ihr bewusst wurde, dass sie sich fast außerhalb der Reichweite des Mondsteinlichts befanden. Aber sie musste die fliegenden Fragmente so früh wie möglich sehen, damit sie überhaupt eine Chance hatte, sie aufzuhalten. »Und sorg dafür, dass es diesmal dableibt!«
Ein Hexenlicht tauchte über ihnen auf und erhellte den Bereich drumherum einen Augenblick, bevor es verblasste. Zenith fluchte wütend und sprach erneut den Zauberspruch.
»Mach weiter«, drängte Phönix.
Dann war die Luft vom Sirren der Geschosse angefüllt. Sechs nahm ihr den Schild ab, und Phönix ging an Britt und Zenith vorbei, um die Gruppe von hinten zu beschützen. In ihrer Magengrube bildete sich bereits ein eisiger Klumpen der Angst; sie konnte sie nicht aus allen Richtungen gleichzeitig verteidigen. Sie hatte nur zwei Äxte. Sie war bloß ein Mensch.
Zeniths Hexenlicht ging an und aus, während sie es immer wieder heraufbeschwor.
Fünf und Sechs stellten ihre Schilde direkt nebeneinander vor die bewusstlosen Hexen, knieten sich dahinter und wappneten sich gegen den Aufprall. Sechs’ Miene war bleich und verzweifelt. Dann kam der Berster. Die Wucht der Einzelteile, die auf den Schilden einschlugen, drängte so heftig auf die Jungen ein, dass sie langsam nach hinten geschoben wurden.
Kurz darauf drehten die Splitter ab und nahmen Kurs auf Phönix, und alles Denken hatte ein Ende. Jetzt war da nur das Wirbeln ihrer Äxte, das Klappern der Einzelteile, die von ihren Klingen abprallten, und das hohe Sirren, wenn sie an ihr vorbeiflogen. Innerhalb weniger Augenblicke hatte der erste Splitter ihre Abwehr durchbrochen. Sie verkniff sich einen Schrei, als er ihr Fell und ihren Oberarm durchschnitt, an ihr vorbeiflog und dann umkehrte, um sie erneut anzugreifen. Praktisch gleichzeitig verspürte sie einen durchdringenden Schmerz in ihrem Oberschenkel.
Das war’s jetzt. Das ist das Ende.
Ein verzweifeltes Schluchzen stieg in ihr auf, aber sie kämpfte dagegen an; ihre Konzentration durfte nicht einen Augenblick nachlassen. Helle Blutstropfen flossen aus ihrem Arm und bespritzten das friedliche Grab neben ihr, während ihre Äxte sich so schnell bewegten, dass sie nur noch verschwommen zu erkennen waren.
Als sie sich zur Seite drehte, erblickte sie Zenith. Das Gesicht der Hexe hatte sich verändert, war zu einem großen, lautlosen Gebrüll von Stummer Sprache verzogen. Ein heftiger Windstoß schoss hervor, so stark, dass er Phönix beinahe umriss. Dahinter folgte eine Mauer aus Luft, die sich direkt vor Phönix schnell zu einem Schild aus funkelndem Licht verfestigte. Bersterfragmente prallten davon ab, und als Phönix sich zu Fünf und Sechs umdrehte, sah sie, dass der Schild sie alle umfasste. Zenith stand in der Mitte, ihre ausgestreckten Arme zitterten vor Anstrengung, die Augen hatte sie zugekniffen.
Fünf und Sechs, die beide ziemlich lädiert aussahen, beobachteten sie staunend. Dann endete der Ansturm so plötzlich, wie er begonnen hatte. Die Bersterteile verschwanden, um sich neu zu formieren. Phönix sah, dass der Berster sich diesmal weiter zurückgezogen hatte, bis in die sichere Dunkelheit außerhalb des Mondsteinlichts. Neben ihr sog Zenith lautstark die Luft ein und schlug die Augen auf.
»Kommt!«, rief Sechs, hechtete über die Schilde und rannte auf den Mondstein zu.
Fünf sprang mit dem Schwert in der Hand hinter ihm her, aber Phönix’ Beine gaben beinahe unter ihr nach, als sie ihnen folgen wollte. Sie verkniff sich einen Fluch und humpelte so schnell sie konnte hinterher, ihre Axtgriffe blutverschmiert. Weiter vorn sah sie, wie Sechs zügig den Mondstein aufhob, ohne seine Schritte zu verlangsamen, und dann schlitternd zum Stehen kam, als er beinahe in den voll ausgeformten Berster gerannt wäre. Er ließ den Mondstein wieder fallen und schoss Pfeil um Pfeil auf das Wesen ab, während Fünf mit dem Schwert darauf losging und dabei dem Schlag von einem Schwanz oder Arm auswich.
Es funktionierte nicht, wurde Phönix mit wachsendem Entsetzen bewusst. Wo auch immer sein Herz war, sie trafen es nicht.
»Zurück!«, rief sie, während sie weiter auf sie zuhinkte, und ihre Stimme hallte überall um sie her wider. Es schien, als liefe alles in Zeitlupe ab. Sie sah, wie sich Risse auf dem Berster bildeten, als er sich erneut zu teilen begann. Sie sah, wie Fünf und Sechs sich entsetzte Blicke zuwarfen und flohen. Mit aller Kraft rannten sie auf sie zu. Sie sah, wie sich die ersten Einzelteile lösten und unglaublich schnell hinter ihnen herjagten. Zu schnell. Sie kamen den Jungen immer näher.
Und plötzlich wusste Phönix, was zu tun war.
Ihr Feuer lauerte wie immer direkt unter der Oberfläche, sich eingerollt windend, in Erwartung, gebraucht zu werden. Sie dachte nicht nach, beschwor es nur herauf, hob die Hand und entfesselte es. Der goldene Flammenstrahl leuchtete blendend im schwachen Licht auf. Er schoss zwischen Fünf und Sechs – die über die nächstgelegenen Gräber sprangen, um sich vor den Flammen in Sicherheit zu bringen – hindurch und entzündete die fliegenden Fragmente, schoss durch die Luft auf das Wesen zu, das immer noch dabei war, sich zu teilen. Es stieß einen grässlichen Schrei aus, als es vom Feuer getroffen wurde, das seine Ecken abschmolz, während Splitter herabfielen.
»Phönix, hör auf!« Sechs’ Kopf erschien über der Oberkante des Grabs. Er hatte den Bogen gespannt und zielte auf das brennende Wesen. »Ich kann sein Herz sehen!«
Und blitzschnell verschwand das Feuer.
Pfeil um Pfeil schoss Sechs aus seinem Bogen, aber schon der erste traf sein Ziel. Mit einem weiteren grässlichen Schrei explodierte das Wesen, und jedes Einzelteil zerfiel zu Staub, noch bevor es auf dem Boden aufkam.
Im folgenden Schweigen waren vier keuchende Atmungen zu hören.
Hinter Phönix sagte Zenith mit zitternder Stimme: »Das … war eine Jagd?« Die Hexe hatte die Augen weit aufgerissen. »Die Bücher haben recht. Jäger sind wirklich verrückt!«
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