Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
57. Kapitel
Hund lag am Feuer und sah, wie Phönix sich herumwälzte. Er spürte ihren Kummer, ihre Reue, wusste, was sie über Sechs dachte. Er wollte sie trösten und war mehrmals kurz davor, etwas zu sagen, dann hielt er sich im letzten Moment zurück, unfähig, die richtigen Worte zu finden.
Er war geplagt von Schuldgefühlen. Was für ein Wächter war er, sich einen frischgebackenen Jäger direkt vor der Nase wegschnappen zu lassen? Warum hatte er sich nicht zu Sechs durchgekämpft, hatte ihn Sieg nicht mit seinen eigenen Zähnen entrissen?
Du hattest Angst.
Hund untersuchte den Gedanken sorgfältig. Es stimmte: Seine Größe und seine Stärke hatten ihn nie immun gegen Furcht gemacht. Und er hatte wirklich Angst gehabt, aber das hatte ihn noch nie zuvor davon abgehalten, sein Ziel zu verfolgen. Es hatte noch mehr auf dem Spiel gestanden.
Er verlagerte leicht sein Gewicht und versuchte, eine bequeme Stellung auf dem Eis zu finden. Sein Bauch war noch immer unangenehm kalt. Seine Sinne wurden von Tag zu Tag schärfer, und er war sich nicht ganz sicher, ob das wirklich gut war: Vor zwei Wochen hätte er auf diesem Eis liegen können, ohne irgendetwas zu spüren. Das war allerdings noch vor seiner Begegnung mit der Lutra gewesen. Sturzbach hatte gesagt, ihre Berührung schenke Gesundheit und heile alle Leiden. Bisher schien sie eher den gegenteiligen Effekt zu haben: Hund fühlte sich unbehaglicher denn je in seinem langen, langen Leben.
Allerdings konnte er jetzt schmecken. Und als Phönix und die anderen auf seinem Rücken gesessen hatten, hatte er ihre tröstliche Wärme gespürt. Das war vorher noch nie passiert, bisher hatte er immer nur ihr Gewicht wahrgenommen.
Leise wimmernd legte er den Kopf auf den Pfoten ab. Die eine tat immer noch weh, nachdem er bei Morgrens Tod daraufgefallen war. Er leckte vorsichtig daran und stellte fest, dass das Pochen davon etwas gelindert wurde. Eine Vielzahl anderer wunder und schmerzender Stellen forderten ebenfalls seine Aufmerksamkeit.
Er fand allerdings, dass er das vorhin gut überspielt hatte. Es war ihm trotzdem gelungen, Fünf, Sieben und Phönix in Sicherheit zu bringen. Sie waren so geschockt gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatten, wie oft er langsamer geworden und wie schwer ihm jeder Schritt gefallen war. Es hatte ein paar Augenblicke gegeben, in denen er daran gezweifelt hatte, noch weitergehen zu können.
Und da war er.
Der Zweifel.
Hund begriff voller Entsetzen, warum er nicht versucht hatte, Sechs zurückzuholen. Im Eifer des Gefechts hatte er sich eingeredet, dass er Phönix, Fünf und Sieben nicht inmitten so vieler dunkler Wesen alleinlassen konnte, während er sich zu dem anderen Jungen durchkämpfte. Aber die Wahrheit war viel schlimmer: Er hatte es sich nicht zugetraut. Bis zu Sechs durchzukommen, geschweige denn, ihn zurückzuholen, war ihm wie eine unlösbare Aufgabe erschienen. Diese Erkenntnis dröhnte wie Glockenhall in seinem Kopf. Noch nie zuvor hatte er seine eigene Stärke infrage gestellt.
Irgendetwas in ihm hatte sich auf diesem zugefrorenen See verändert. Die Angst war schrecklich gewesen und der Schmerz riesengroß. Irgendwie hatte ihn beides zusammen seines Selbstvertrauens beraubt. Er hatte sich klein und schwach gefühlt. Aber, schlimmer noch, er hatte zugelassen, dass ihn diese Gefühle davon überzeugten, er sei wirklich klein und schwach. Und das war noch viel, viel gefährlicher.
Was war nur los mit ihm?
Hund konnte sein Winseln nicht unterdrücken.
Sofort drehte sich Phönix zu ihm um. »Hund«, flüsterte sie. »Ist alles in Ordnung?«
Er zögerte nur einen Moment.
»Natürlich«, log er. »Versuch ein wenig zu schlafen.«
Seufzend drehte sie sich auf den Rücken und kniff fest die Augen zu.
Hund betrachtete sie, und sein Herz füllte sich mit einer Zärtlichkeit, die sich in eiserne Entschlossenheit verwandelte. Er hatte sie fürchterlich enttäuscht, aber das würde nie wieder vorkommen. Embra stand kurz davor, in einen Konflikt gezogen zu werden, der wahrscheinlich genauso brutal werden würde wie der Dunkle Krieg. Vielleicht würde seine Stärke mehr denn je gebraucht werden. Die Jägerloge würde wie immer auf ihn zählen. Und Phönix würde sich auf ihn verlassen, weil sie – beinahe stolperte er über das Wort – Freunde waren.
Er war der Ehrenwerte Wächter der Jägerloge, und nichts – nicht Angst, nicht Schmerz, nicht die Berührung der Lutra mit ihren seltsamen Folgen – würde ihn das je wieder vergessen lassen.
Er würde die furchterregende Waffe sein, die sie brauchten.
Hund leckte erneut seine schmerzende Pfote, und obwohl sie noch immer wehtat, war ihm das Herz jetzt viel leichter.
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