Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
49. Kapitel
Phönix brummte der Kopf, und sie sah verschwommen. Dann stand plötzlich Sieben vor ihr.
»Wenn ich dir sage, lauf, dann lauf!« Sie sprach schnell und leise, geradezu unheimlich beherrscht. »Du musst zum Schattensaum, und du musst ihn unbedingt zerstören.« Sie warf Fünf, Sechs und Hund einen Blick zu. »Mach dir um uns keine Sorgen. Wir schaffen das.«
Phönix starrte Sieben an. Sie hatte sie noch nie so bestimmt gesehen. Es war, als stünde eine ganz andere Sieben vor ihr. Sie hatte nicht ein einziges Mal gestottert. »Sieben, hat das was mit deinen seherischen …«
»Tu, was sie sagt, Phönix«, flüsterte Sechs, den Blick auf den sich nähernden grünen Schein gerichtet. »Wir können uns um uns selbst kümmern.«
»Ja«, stimmte Fünf zu, offenbar etwas weniger überzeugt. »Und sieh zu, dass der Schattensaum dich nicht umbringt.«
Ein weiterer magischer Blitz schoss aus dem Treppenhaus direkt auf Phönix zu. Sie konnte ihn gerade noch rechtzeitig abwehren, aber direkt dahinter folgte noch einer. Bevor sie wusste, wie ihr geschah, war Hund vor sie gesprungen, um sie zu beschützen, und wurde von der Wucht der Magie zu Boden geschleudert.
Hunds Schmerzensschrei durchzuckte sie, und als sie zu ihm eilte, stieg ihr der Geruch nach etwas Verbranntem in die Nase.
»Phönix, pass auf!«, rief Sechs, aber es war zu spät. In ihrer Sorge um Hund hatte sie einen weiteren von Morgrens Zaubern übersehen. Er knallte gegen ihre Brust, raubte ihr den Atem und schleuderte sie über das Eis. Einen Augenblick lang lag sie benommen da, kurz davor, ohnmächtig zu werden, bis sie durch die lauten Schreie ihrer Freunde wieder zu sich kam.
Ihr erster Hinweis darauf, dass irgendetwas nicht stimmte, war ein heftiges heißes und zischendes Gefühl, das sich über ihre Brust und ihren Rücken ausbreitete, bevor es sich schmerzhaft zusammenzog. Im selben Augenblick quiekte Winnie verängstigt, schoss aus ihrem Fell und klammerte sich an ihren Haaren fest. Mühsam hob sie den Kopf und sah, wie sich Morgrens grüne Magie wie eine Art Seil um sie wickelte. Und sie raubte ihr den Atem. Mit aller Kraft.
»Phönix!«, brüllte Fünf und rannte in Panik auf sie zu, dicht gefolgt von Sechs und Sieben.
Bevor sie sie erreichten, zog sich das magische Band noch fester und zerquetschte sie, dann wurde sie hochgerissen, über die Köpfe ihrer Freunde hinweg, die Arme an die Seiten gefesselt, während sie heftig mit den Beinen um sich trat. Winnie hing wild quiekend an ihren Haaren und bohrte ihr die Krallen in die Kopfhaut. Immer weiter wurde sie hochgezogen, bis sie plötzlich aufhörte, sich zu wehren. Ein Sturz aus solcher Höhe würde auf jeden Fall zu schweren Verletzungen, möglicherweise zum Tod führen. Sie wurde von Verzweiflung gepackt. Morgren hatte sie besiegt, obwohl er noch nicht mal in Sichtweite war.
Das Gelächter, das kurz darauf zu ihr hochdrang, war grausam.
»So, so«, sagte der Magier, der schließlich am Kopf der Treppe erschien, schleppend. Aus seinen violetten Augen musterte er Phönix, die über ihm baumelte, durchdringend. »So leicht lässt sich die furchtbare Elementhexe also fangen. Ich bin beinahe enttäuscht.« Er sah Hund an, der immer noch versuchte, wieder auf die Beine zu kommen, und beim Anblick der üblen Brandblase an der Flanke des Wächters verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln. »Und Hund habe ich auch niedergestreckt. Heute habe ich mich wirklich selbst übertroffen.«
Augenblicklich spannte Sechs seinen Bogen und zielte mit einem Pfeil auf den Magier. »Lass Phönix runter!« Phönix konnte hören, dass er Angst hatte, obwohl er das zu verbergen versuchte.
Morgren lächelte bloß. »Dummer Junge.« Er wies mit einer Kopfbewegung auf Phönix, die hoch über ihnen hing. »Auf mich musst du nicht zielen.«
Benommen vor lauter Schmerzen fragte Phönix sich, was er meinte. Es war Winnie, der sie warnte, indem er auf ihre Brust geklettert kam, ihr die Pfoten ans Kinn legte und ihren Kopf in den Nacken schob, bis sie in die Wolken hinaufblickte.
Mit einem Geräusch wie von zerreißender Seide schossen Glitzergleiter von oben herab. Sie hatten noch immer funkelnde Eisadlerfedern in den Schnäbeln und Klauen, und ihre dunklen Schwingen durchschnitten die Luft. Sie füllten Phönix’ Sicht vollkommen aus, als sie sich auf sie stürzten und Phönix nichts weiter hören konnte als ihre aufgeregten blutdürstigen Schreie. Sie zappelte so heftig wie möglich mit den Armen und versuchte verzweifelt den Dolch an ihrem Gürtel zu fassen zu bekommen, aber es hatte keinen Zweck. Morgrens magisches Band hielt sie fest.
Ihre Freunde unter ihr kreischten vor Entsetzen, als das erste Wesen sie in einer Böe aus verfaulten Flügeln, gezackten Klauen und Aasgestank erreichte. Phönix schluckte einen sinnlosen Schrei runter und versuchte weiterhin, ihre Hände zu befreien und Winnie zu beschützen, als sich die grausigen Krallen nach ihr ausstreckten.
Dann, ohne Vorwarnung und in der allerletzten Sekunde, drehte der Glitzergleiter in einer scharfen Kurve ab, die Brust von einem Pfeil durchbohrt.
Unter ihr stieß Sechs ein Triumphgeheul aus, während er einen Pfeil nach dem anderen abschoss, die alle ihr Ziel trafen und ein Wesen nach dem anderen von ihr wegscheuchten.
Morgrens Gesicht verzog sich zu einer wütenden Grimasse, und Phönix wollte Sechs gerade warnen, als auf der Treppe hinter dem Magier völlig unerwartet Sieg auftauchte, das Schwert in der Hand. Sie war so groß, kalt und stolz wie immer.
Bis sie sah, was hier vor sich ging.
»Morgren!«, brüllte die Waffenmeisterin entrüstet. »Was bei Embra tust du da?«
Ein weiterer Glitzergleiter schoss auf Phönix herab, als der Magier Sieg mit gebleckten spitzen Zähnen ansah, das zischende Seil um Phönix fester zog und sie dadurch fast zerquetschte.
»Morgren!«, rief Sieg erneut.
Gerade als Phönix die Sinne zu schwinden begannen und sie sicher war, dass gleich ihre Rippen brechen würden, ließ der schreckliche Druck nach. Hektisch schnappte sie nach Luft, als sie zu Boden gelassen wurde, weg von den Glitzergleitern.
Wut und Hass stiegen in ihr auf, als sie ihre Feinde ansah – die Menschen, die für so viel Tod und Elend in ihrem Leben und dem vieler anderer verantwortlich waren.
»Ich wollte nur ein bisschen Spaß haben.« Morgren erwiderte grimmig Siegs Blick.
»Wirklich?« Sieg hob eine Augenbraue. »In meinen Augen sah es so aus, als versuchtest du sie umzubringen.«
»Nein, ich wollte sie nur verstümmeln«, sagte Morgren. »Wenn ich sie töte, mache ich das mit Haut.« Er zog die kurze Klinge aus seinem Gürtel und wedelte damit vor der Waffenmeisterin herum. Der Gedanke schien ihn auf übelkeiterregende Weise zu erheitern.
Eine Bewegung erregte Phönix’ Aufmerksamkeit: Sieben stand neben Hund und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er hatte den Kopf gesenkt, und unwillkürlich bemerkte Phönix, dass die Brandblase an seiner Seite schon viel kleiner geworden war. Die beiden drehten sich gleichzeitig zu Phönix um, als sie sich wankend aufrappelte.
Nein, nein, nein, noch nicht.
Aber Sieben konnte ihre Gedanken nicht lesen, und bevor Phönix ihr signalisieren konnte, dass sie noch nicht so weit war, öffnete Sieben den Mund und rief mit aller Kraft: »Jetzt!«
Augenblicklich sprang Hund auf Morgren und Sieg zu, riss den Magier um und schnappte nur Zentimeter vor Siegs Schwertarm zu. Der Waffenmeisterin gelang es gerade so, ihm auszuweichen, und sie schrie überrascht auf.
»Lauf, Phönix!«, rief Sieben, ihren Dolch, dessen Spitze zitterte, mit beiden Händen umklammernd. »Jetzt!«
Es blieb keine Zeit zum Nachdenken. Ihre Freunde riskierten ihr Leben für sie, um ihr die Möglichkeit zu geben, das zu tun, weshalb sie hergekommen war: ein für alle Mal den Schattensaum zu zerstören, um Embra zu retten. Sie hatte Angst um ihre Freunde, aber sie durfte die kostbare Gelegenheit, die sie ihr boten, nicht verschwenden. Dies war möglicherweise Embras letzte Chance.
Bei jedem Atemzug schmerzten ihre verletzten Rippen, aber Phönix rannte trotzdem so schnell sie konnte direkt auf die Treppe zu. Winnie quiekte auf ihrer Schulter und hatte die Klauen tief in ihrem Bärenfell vergraben, um nicht runterzufallen. Sie rannte, als würde der Krock sie durch jeden Albtraum, den sie je gehabt hatte, jagen; als könnte sie so ihrer Beklemmung darüber, dass sie ihre Freunde zurückließ, entkommen.
Ihre Gedanken sprangen wie Grillen umher, das Adrenalin schoss durch ihre Adern, das Feuer kribbelte in ihren Fingerspitzen, und eine schreckliche Hoffnung stieg in ihr auf.
Vielleicht war es noch nicht zu spät.
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