Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
27. Kapitel
Zwei Tage später bemerkte Phönix, dass die schwarze Stelle im Trainingsraum größer geworden war. Viel größer. Die Hälfte der Wand pulsierte jetzt von dem sich ausbreitenden dunklen Fleck, und ihre Magie ließ nach.
Voller Anspannung stand Phönix davor. Sie hatte bereits mehrmals draufgedrückt, um sicherzugehen, dass das Eis noch fest war, und widerstand dem Drang, es nochmal zu tun. Winnie zuckte aufgebracht mit dem Schwanz und zog sich unter ihr Fell zurück.
Nara schüttelte den Kopf. »Heute sind wir hier sicher«, sagte sie. »Aber für morgen muss ich uns eine andere Trainingsmöglichkeit suchen.«
Phönix versuchte, nicht zu erleichtert zu wirken. Die wachsende Stelle der Un-Magie war fast so beunruhigend wie der Schattensaum selbst.
Nach etwa zwei Stunden Unterricht, gerade als Nara sie zum dritten Mal ärgerlicherweise bewusstlos gemacht hatte, war ein Läuten zu hören.
»Was ist das?« Phönix griff benommen nach Naras ausgestreckter Hand und ließ sich von ihr hochziehen. Die Miene der Hexe war angespannt und sobald Phönix stand, eilte sie davon.
»Ein Signal von den Eismüttern«, rief sie über die Schulter. »Wahrscheinlich ist nichts, aber ich gehe mal nachsehen. Warte hier auf mich, in ein paar Minuten bin ich zurück.« Damit huschte sie zur Tür hinaus und war weg.
Phönix schüttelte blinzelnd den Kopf, immer noch zittrig von ihrem Misserfolg beim Kontrollieren des Feuers. Sie trank einen Schluck von dem Stärkungstrank, den Nara ihr dagelassen hatte.
»Ein Signal von den Eismüttern?« Phönix warf Winnie einen Blick zu. »Was hat das zu bedeuten?« Seine leuchtenden Augen spiegelten ihre eigene Neugier wider, was sie als Ermutigung verstand. Kurz darauf stieg sie die Stufen des Stammes zum See hinab.
»Hey, Phönix!« Hinter ihr versuchte Fünf, sie schnaufend einzuholen.
»Waffentraining mit Sieben?«, vermutete sie.
»Von wegen! Sie hat so gar keinen Respekt vor unserer Autorität als Jäger. Als Sechs und ich sie aus der Bibliothek holen wollten, hat sie einfach Nein gesagt, sie sei zu beschäftigt! Schon wieder!« Er schüttelte bekümmert den Kopf. »Wenn Hund hier wäre, würde das ganz bestimmt nicht passieren!«
Bei der Erwähnung von Hund bekam Phönix Herzklopfen, und seine Abwesenheit wurde ihr noch schmerzlicher bewusst. Ob er inzwischen wohl den Großen Forst erreicht hatte? Und hatte Raureif recht damit, dass Sieg ihm nichts anhaben konnte?
»Ist alles in Ordnung?« Fünf warf ihr einen Seitenblick zu.
Phönix biss sich auf die Lippe.
Die einzige Magie, die es da draußen noch gibt, stammt von Monstern.
Fünfs Worte gingen ihr häufig im Kopf herum. Das war albern. Phönix wusste, dass er sie oder Sieben nicht wirklich für Monster hielt. Und doch tauchten seine Worte in unerwarteten Augenblicken immer wieder in ihrem Kopf auf und … die ganze Magie in Eisgard beunruhigte ihn eindeutig. Er konnte keine Eismutter ansehen, ohne die Stirn zu runzeln, selbst die leuchtenden Wände betrachtete er misstrauisch.
Phönix holte tief Luft. Sie musste einfach Bescheid wissen. »Im Zutatenlager, was hast du da …«
»Was ist das für ein Geräusch?«, unterbrach Fünf sie.
Je weiter sie die Treppe hinunterstiegen, desto lauter wurde das Läuten. Es klang schön, aber durchdringend.
»Irgendein Signal.« Phönix war teils enttäuscht, teils erleichtert, als sie das Thema wechselten. »Sobald Nara es gehört hat, ist sie gegangen, also …«
»Folgst du ihr«, schloss Fünf fröhlich. »Hervorragend.«
Unter ihnen erschien der See, und es war sofort klar, dass irgendetwas vor sich ging. Keine der Eismütter stand auf ihrem Sockel.
Schritte klapperten auf den Stufen hinter ihnen, als Sechs herbeigerannt kam.
»Was ist los?«, fragte er keuchend, dann ließ er den Blick über den See schweifen. »Wo sind die ganzen Eismütter?«
»Dort.« Fünf zeigte direkt nach unten.
Phönix folgte seinem Blick und sah, dass er recht hatte. Die riesigen Statuen standen zusammengedrängt am Rand der Insel. Das Wasser unter ihren Füßen war gefroren, während sie sich vorbeugten, um mit Yelara zu sprechen. Die meisten Hexen waren offenbar bereits dort, auch Zenith. Die drei Freunde liefen zu ihr.
»Darum kümmern wir uns später«, sagte Yelara gerade und hob die Stimme, damit alle sie hören konnten. »Das Wichtigste ist jetzt, es zu finden und so schnell wie möglich aufzuhalten.«
»Was ist los?«, fragte Phönix Zenith. Einen Augenblick dachte sie schon, die Hexe würde nicht antworten. Der funkelnde Blick, den sie Fünf zuwarf, sprach Bände.
»Ein dunkles Wesen ist in Eisgard eingedrungen«, sagte Zenith schließlich. »Die Eismütter haben gesagt, es sei aus dem See gekrochen.«
»Was?« Phönix sah Zenith mit offenem Mund an. Die junge Hexe hatte die Augen angstvoll aufgerissen. »Wie …«
»Das ›Wie‹ spielt keine Rolle«, unterbrach Zenith sie. »Das ›Wo‹ ist entscheidender. Hast du nicht gehört, was Yelara gerade gesagt hat? Wir müssen es finden.« Ihr Blick huschte zum Schlemmerbaum und zurück.
»Ich wette, jetzt bist du froh, dass gerade ein paar – wie war das noch? – ›aufgeblasene kleine Jäger‹ hier sind.« Fünf strahlte geradezu.
Zenith starrte ihn an, und Phönix unterdrückte den Drang, dazwischenzugehen.
Anstatt etwas zu erwidern, machte die junge Hexe eine ruckartige Kopfbewegung, halb Nicken, halb Schütteln. »So etwas ist noch nie vorgekommen.« Die extreme Anspannung war ihr anzumerken. »Wenn es euch gelingt, dieses Ding zu finden und davon abzuhalten, irgendjemanden zu verletzen … ja, dann bin ich natürlich froh.«
Phönix konnte sehen, wie viel Überwindung es sie kostete, das zu sagen. Sogar Fünf drängte sie nicht weiter, sein Lächeln erstarb, während er nickte.
»Das ist die Aufgabe der Jäger. Ganz egal, ob wir in einem kleinen Dorf des Sumpfclans sind oder in Eisgard, wir jagen dunkle Wesen und halten sie auf. Wir helfen, so gut wir können.«
Zenith starrte ihn einen Augenblick an und seufzte dann. »Das von neulich tut mir leid«, murmelte sie so leise, gedämpft und widerwillig, dass Phönix schon dachte, sie habe sich verhört.
Fünfs Grinsen kehrte zurück, jetzt noch breiter als vorher. »Entschuldige, Zenith, das habe ich nicht verstanden. Was hast du gesagt?«
»Fünf!« Sechs stieß ihm den Ellbogen in die Seite und wandte sich an Zenith. »Du fragst dich wahrscheinlich, ob er immer so nervig ist – ich fürchte, ja. Ich versuche ihn dauernd davon zu überzeugen, sich für ›Mücke‹ als Jägernamen zu entscheiden.«
Fünf lachte schnaubend auf, und Zeniths Mundwinkel zuckten.
»Es …« Fünf straffte die Schultern. »Es tut mir leid«, sagte er ganz schnell an Zenith gewandt. »Ich war bissig und … du wolltest nur …«
»Ich hätte dich nicht angreifen sollen«, sagte Zenith im selben Moment.
»Aber ich habe dich angestachelt. Das kann ich gut.«
»Allerdings«, sagten Sechs und Phönix gleichzeitig, und dann lachten alle.
Phönix war überrascht, wie erleichtert sie war – sie mochte Zenith. Vielleicht konnten sie noch mal von vorn anfangen.
»Was für ein dunkles Wesen ist es denn?«, fragte sie.
Ihre Frage durchschnitt das plötzlich eingetretene Schweigen. Die Eismütter und die Hexen drehten sich alle gleichzeitig zu ihr um, und Phönix versuchte, unter der Aufmerksamkeit so vieler Blicke nicht zurückzuschrecken.
Es war eine der Eismütter, die sprach und sich runterbeugte, sodass sie nur etwas größer war als Phönix. Das Eis, aus dem sie bestand, knirschte und knackste sanft bei ihren Bewegungen, ihre Augen waren genauso farblos wie ihre ganze Gestalt. Phönix versuchte angesichts der Kälte, die die lebendige Statue ausstrahlte, nicht zu erschauern, auch als sie den unglaublichen Anblick der Frau in sich aufnahm. »Was wir gesehen haben, war ein Lefzenlecker.«
Die anderen Eismütter hinter ihr nickten zustimmend. Phönix spürte, wie Sechs neben ihr überrascht zurückwich. Winnie quiekte verwirrt.
»Was ist ein Lefzenlecker?«, flüsterte Zenith und zog sich einen verwunderten Blick von Fünf zu.
»Ein Wesen aus dem Grasland. Wie kann es sein, dass ihr alles über die Verträge der Eisriesen wisst, aber noch nie von einem Lefzenlecker gehört habt?«
»Ich kenne die dunklen Wesen in der Gegend um Eisgard«, sagte Zenith leicht defensiv. »Und ich habe viel über die Clans gelesen, aber … nichts über die dunklen Wesen jenseits der Bissberge.« Sie zuckte mit den Achseln. »Die Clans sind interessanter als die dunklen Wesen.«
Fünf sah sie einen Moment an. »Man kann die Clans nie ganz verstehen, wenn man die Wesen, mit denen sie leben müssen, nicht versteht«, sagte er ungewohnt ernst.
Zenith klappte den Mund auf und schloss ihn wieder.
Sechs sah zwischen ihnen hin und her. »Also, wie wäre es mit einem Austausch?« Als Reaktion auf ihre verwirrten Blicke fügte er hinzu: »Zenith weiß über Eisgard und die Wesen der Ebene Bescheid. Wir wissen über die Clans und die Wesen südlich der Bissberge Bescheid.« Er zuckte mit den Achseln, als wäre es offensichtlich. »Also schlage ich ein Tauschgeschäft vor. Tatsache um Tatsache. Ganz einfach.« Er grinste.
Ein Lächeln stahl sich auf Zeniths Gesicht. »Das gefällt mir.«
»Mir auch!«, sagte Fünf begeistert. »Und ich weiß eine ganze Menge über die Clans. Viel mehr, als man in Büchern finden kann. Mein Vater war …« Er hielt abrupt inne und erbleichte, als ihm bewusst wurde, wie kurz davor er gewesen war, vor Mitgliedern der Jägerloge etwas über sein Leben zu enthüllen. »Tut mir leid.« Er warf Phönix und Sechs einen nervösen Blick zu.
»Keine Sorge«, entgegnete Phönix schnell. »Du hast ja gar nichts verraten.«
Sie glaubte allerdings zu wissen, was er hatte sagen wollen: Als sie im Frostigen Forst Eichenhammer begegnet waren, hatte der Fünf gezwungen zu enthüllen, dass sein Vater ein Clanoberhaupt gewesen war. Ihr wurde bewusst, dass Fünf wahrscheinlich gar nicht mal übertrieb; wenn er aus der Familie eines Oberhaupts stammte, wusste er wirklich eine Menge über die Clans.
»Das ist eine gute Idee«, sagte sie stattdessen. »Wir können voneinander lernen.«
Einen Augenblick lächelten die vier sich an.
»Aber wie kommt ein Lefzenlecker hierher?« Die Stimme einer Hexe erhob sich über die anderen und holte Phönix in die Gegenwart zurück.
Sie wandte sich wieder an die Eismütter. Ihre Gedanken rasten. »Das ist unmöglich«, meldete sie sich zu Wort. »Lefzenlecker wagen sich niemals über die Bissberge hinaus.«
»Das ist uns bewusst«, sagte die Eismutter, deren gefrorene Miene ernst war, »und doch haben wir einen Lefzenlecker gesehen.« Die anderen Eismütter hinter ihr nickten erneut. »Hier ist er aus dem See gekrochen« – sie zeigte auf die Stelle, an der Yelara stand – »und ist dann direkt auf den Schlemmerbaum zugegangen. Er war schnell. So schnell, dass es uns nicht gelungen ist, ihn zu fangen, bevor er außer Reichweite war.«
»Er wusste offenbar, wo er hinwollte«, sagte eine andere Eismutter stirnrunzelnd.
»Wir sollten uns aufteilen.« Phönix wandte sich an Yelara, während sie Pläne und Strategien in ihrem Kopf wälzte. »Den Palast in Gruppen aus mindestens drei Personen absuchen. Können sich eure Hexen gegen ein dunkles Wesen verteidigen?«
Yelara nickte, wirkte allerdings nicht so zuversichtlich, wie Phönix es gerne gehabt hätte.
»Wo sind Thea und Libbet?« Phönix sah sich um.
»Im Horst«, sagte Zenith schnell. »Dort habe ich sie hingeschickt. Die Eisadler werden sie beschützen.«
Die Erleichterung in Yelaras Gesicht sprach Bände. »Gut gemacht. Und du solltest zu ihnen gehen; du bist ebenfalls unbefiedert.« Bevor Zenith etwas einwenden konnte, zeigte Yelara auf zwei Hexen: eine ältere Frau mit kleinen grauen Locken und eine kleine mausgraue, die aussah, als könnte sie noch nicht mal einen Splatz erschrecken. »Fliss und Britt, könnt ihr dafür sorgen, dass sie gefahrlos dorthin gelangt?«
»Könntet ihr durch die Bibliothek gehen?«, fragte Sechs schnell. »Da ist Sieben.«
»Natürlich, Schätzchen«, sagt Fliss, deren graue Locken beim Nicken wippten. »Bei uns ist sie in Sicherheit.«
»Wir sind im magischen Kampf ausgebildet«, fügte Britt fröhlich hinzu, als sie Sechs’ Besorgnis sah.
Er nickte erleichtert.
Zenith folgte den Hexen wütend grummelnd und sichtlich verärgert zurück zum Schlemmerbaum.
Fünf sah ihr nach. »Wisst ihr, eigentlich ist sie gar nicht so übel«, sagte er nachdenklich.
Yelara teilte alle in Gruppen ein. Sie wandte sich an Phönix, Fünf und Sechs. »Könnt ihr die Schlafzimmer durchsuchen?«
Kurz darauf rannten die drei die Baumstammtreppe wieder hinauf, während überall um sie herum Hexenschritte hallten, als sich alle in verschiedene Gänge verteilten, um unterschiedliche Teile des Palasts zu durchsuchen.
»Ein Lefzenlecker?« Sechs keuchte beim Rennen. »Die Eismütter müssen sich geirrt haben.«
»Ja, allerdings.« Phönix schnaufte. »Wir sollten auf alles gefasst sein.«
»Komischer Zufall, oder?« Sechs nahm Anlauf, um Phönix zu überholen. »Dass ein dunkles Wesen hier eindringt, kurz nachdem zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Jäger hier sind.«
Seine Worte beschäftigten Phönix. »Komischer Zufall« traf es noch nicht mal annähernd. Dies war ein seltsames Zusammentreffen ungeahnten Ausmaßes.
Fünf schien das ähnlich zu sehen, und seine Schritte verlangsamten sich gleichzeitig mit ihren. Vor ihnen wurde auch Sechs langsamer, bis sie alle drei starr vor Schreck stehen blieben.
»Was immer es ist, warum ist es überhaupt hier?«, fragte Fünf laut. »Und warum ausgerechnet jetzt?«
Ein Verdacht bildete sich in Phönix’ Kopf, so stark, dass sie sicher war, recht zu haben. Sie wandte sich an Fünf, während Sechs sich zu ihnen umdrehte. Alle drei sprachen mit einer Stimme.
»Der Schattensaum.«
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