Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 8 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

8. Kapitel

 

 

Kurz nachdem sie ihre Bitte geäußert hatte, ließ Nara sie allein, damit sie darüber nachdenken konnten. »Im Morgengrauen bin ich zurück, um eure Entscheidung zu erfahren.«

Phönix sah, wie der riesige Vogel, dessen Federn im Mondschein glänzten, aufstieg und dann über dem Steilhang verschwand.

»Was wirst du tun, Phönix?« Raureif drehte sich zu ihr um. Angesichts der überraschten Gesichter seiner Schüler zuckte er mit den Schultern. »Ihr seid jetzt Jäger«, sagte er. »Das heißt, ihr kennt selbst eure Stärken und Schwächen und trefft eure eigenen Entscheidungen. Ich zwinge meine Jäger nie, die Bitte nach einer Jagd anzunehmen …« Stirnrunzelnd brach er ab. »Auch wenn das hier streng genommen keine Jagd ist, soweit ich es sehe.«

Phönix spürte die Blicke der anderen auf sich, es gelang ihr jedoch nicht, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Stechende, brennende Angst stieg in ihr auf. Das spürte Winnie, der sie am Ohrläppchen leckte und sich enger an sie schmiegte. In den letzten drei Monaten hatte sie so getan, als gäbe es ihre Macht nicht, und insgeheim gehofft, sie würde verschwinden, wenn sie sie nicht nutzte. Aber offenbar galt eher das Gegenteil. Immer öfter und immer stärker stieg das Feuer in ihr auf und verlangte danach, eingesetzt zu werden. Und jedes Mal, wenn sie es unterdrückte, wuchs ihre Angst davor. Wenn sie mit Nara ging, würde sie es einsetzen müssen. Der Gedanke daran erfüllte Phönix mit Entsetzen.

Sie blickte auf und sah, dass Sieben sie mit sorgenvollem Blick beobachtete.

Fünf rückte an die Kante des Steins, auf dem er saß, stützte die Ellbogen auf die Knie und sagte: »Ich glaube, es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wir gehen, oder wir gehen nicht.«

Phönix’ Gelächter überraschte sie selbst. Gleichzeitig blitzte Hoffnung in ihr auf: Er hatte »wir« gesagt.

Sechs verdrehte die Augen. »Mehr hast du nicht zu bieten?«

Fünf grinste achselzuckend.

»Das ist ernst, Fünf.« Sieben hatte nachdenklich die Stirn gerunzelt. »Naras Nachricht ändert alles.«

»Allerdings, oder?«, sagte Sechs. Alle Fröhlichkeit war aus seinem Gesicht gewichen.

»Sieben hat recht«, knurrte Hund. »Wir haben nach Morgren und Sieg gesucht …«

»Und uns gefragt, was sie als Nächstes tun würden«, fuhr Phönix fort, während sie Winnie streichelte, dessen Schwanz aufgeregt zuckte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, ihre Hände auf dem Eichhörnchenfell fühlten sich feucht an.

»Genau.« Hund nickte. »Und jetzt wissen wir es.«

Raureif betrachtete sie schweigend.

Fünf legte die Stirn in Falten. »Also noch mal, um das richtig zu verstehen: Morgren hat irgendwas mit diesem Schattensaum gemacht, damit er Eisgard zerstört«, sagte er langsam. »Und wenn ihm das gelingt, ist der Saum frei und kann auch Embra angreifen.«

»Und wenn d…der Saum diese Krankheit unter den Clans verbreitet, werden sie so d…dezimiert, dass sie einer Koboldarmee sowieso nichts mehr entgegensetzen können«, sagte Sieben.

»Zwei Splatze mit einem Stein«, sagte Sechs grimmig. »Die Hexen loswerden und gleichzeitig die Clans schwächen.« Er schüttelte den Kopf. »Aber es ergibt schon irgendwie Sinn. Nara hat gesagt, ein Koboldzauber hätte den Schattensaum erst geschaffen. Wenn irgendjemand weiß, was genau dieser Schattensaum ist und wie man ihn manipulieren kann, dann Morgren.«

Phönix, der das Herz bis zum Hals schlug, nickte.

Raureif schüttelte langsam den Kopf. »Es gibt eine doppelte Bedrohung für Embra. Wenn die Struktur Eisgards nachgibt, wird der Frostpalast selbst zur Gefahr für uns, auch ohne den Schattensaum darin.« Er bemerkte ihre verblüfften Mienen. »Ihr könnt mir ruhig glauben. Wenn ihr den Frostpalast mit eigenen Augen seht, werdet ihr es verstehen.«

Während Phönix ihren Freunden zuhörte, verwandelte sich ihre Angst in Wut, erst langsam, dann in einem kräftigen Schub. Morgren. Sieg. Der Krock. Das waren die drei Ungeheuer, die die Schuld für den Tod ihrer Eltern und ihrer Schwester trugen. Eigentlich sogar die Schuld für den Tod aller, die sie früher gekannt hatte. Alle drei suchten sie in ihren nächtlichen Träumen heim, und es war kein Tag vergangen, an dem sie sich nicht gefragt hatte, wo sie waren und welche Schrecken sie als Nächstes planten. Jetzt endlich wusste sie es.

Das Feuer in ihr spürte ihren Zorn und baute sich voller Erwartung auf. Sie unterdrückte es mit aller Kraft.

»Ich werde gehen«, sagte sie mit bebender Stimme. »Ich will den Hexen helfen, den Schattensaum zu zerstören. Was auch immer Morgren vorhat, ich will ihn aufhalten.« Ihre eigenen Worte erfüllten sie mit Furcht. Was, wenn sie mit ihrer Macht jemanden verletzte? Jemanden tötete? Alle tötete?

Fünf und Sechs wechselten einen Blick und nickten. »Wir kommen mit«, sagten sie gleichzeitig.

Phönix wagte es nicht zu sprechen. Die Dankbarkeit schnürte ihr die Kehle zu. Stattdessen erwiderte sie das Nicken und hoffte, ihr Lächeln übermittele alles, was sie fühlte.

Aus der Dunkelheit schwang sich ein Falke herab und landete auf Raureifs Schulter. Um sein Bein war ein Stück Papier gewickelt. »Das wird aber auch Zeit«, murmelte der Älteste und wandte sich ab, um die Nachricht ins Mondlicht zu halten.

»Ich w…will auch mitkommen«, sagte Sieben, und die Entschlossenheit in ihrer Stimme erschreckte Phönix. »Ich weiß, ich b…bin noch keine Jägerin, aber das ist ja auch keine Jagd, zumindest keine normale. Es geht um Magie und … und Phönix ist nicht d…die Einzige mit Magie.« Sieben sah sie flehentlich an. »In Eisgard könnte ich noch mehr über meine Fähigkeit lernen, sie vielleicht sogar verbessern.«

Fünf und Sechs wechselten einen Blick, und Sieben sprach schnell weiter, um sie zu überzeugen. »Ich werde natürlich weiterhin t… trainieren – jeden Tag Waffenübungen mit euch machen …«

»Natürlich kommst du mit, Sieben«, sagte Phönix. »Du gehörst zu uns. Wir können dich doch nicht zurücklassen!«

Die Freude in Siebens Gesicht brachte sie beinahe zum Lachen, und Winnie fiepte fröhlich und schwang launig seinen Schwanz.

»LAUSIGE LEFZENLECKER!« Raureifs Gebrüll durchschnitt die nächtliche Stille und scheuchte einen Schwarm Federgurrer aus einem nahe gelegenen Gebüsch auf. In ihrem Gehege schnaubten die Fangfüßer, sie warfen die Köpfe herum und rollten mit den Augen. Phönix zuckte vor Schreck zusammen.

»Was ist los?«, kläffte Hund und sprang an Raureifs Seite.

Als sich der Älteste wieder umdrehte, war Phönix erschüttert über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Die Hand, in der er die Nachricht hielt, zitterte, und sein Gesicht war blass und unheilverkündend.

»Diese … diese Elende!«, stieß er hervor. »Diese vermaledeite Verräterin!« Das Gift in seiner Stimme war furchterregend.

Fünf sah Phönix verständnislos an. Dann setzte sich Raureif plötzlich und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Ich glaube es einfach nicht«, flüsterte er mit zitternder Stimme. »Ich hätte nie gedacht … wie konnte sie nur?«

Phönix wurde von einer durchdringenden mächtigen Angst erfasst und entdeckte dieselbe Unruhe in den Gesichtern der anderen.

»Was ist passiert?«, fragte Hund erneut.

In der Stille, bevor der Älteste sprach, bemerkte Phönix einen dunklen Fleck auf dem Blatt Papier in seiner Hand. Sie versuchte sich einzureden, es sei nur Matsch, aber die Lüge überzeugte sie selbst nicht. Winnie quiekte nervös auf ihrer Schulter.

»Kiefers Mannschaft hat Sieg im Flussland gefunden.« Raureif hielt inne, um stockend Atem zu holen.

»Sie hat sie g…getötet, nicht wahr?«, fragte Sieben leise. »Alle außer Kiefer.«

Raureif hob ruckartig den Kopf, dann nickte er mit harter, undurchdringlicher Miene. »Ja. Alle außer Kiefer.« Er hielt kurz inne. »Sieg hat diese Jungen und Mädchen selbst trainiert. Sie …« Er stand abrupt auf und wandte ihnen wieder den Rücken zu.

Hund sträubte sich das Fell. »Sieg? Sieg hat eine Gruppe Jäger angegriffen?«

Raureif, der ihnen immer noch den Rücken zugekehrt hatte, nickte. »Ja. Sie haben sie entdeckt, versucht sie zu fangen. Aber das hat natürlich nicht funktioniert. Sie kannte all ihre Tricks, hat ihnen schließlich alles beigebracht, was sie können … konnten«, verbesserte er sich selbst.

Phönix sah, wie Sechs die Augen schloss und Fünf angewidert den Kopf schüttelte. Lodernde Wut durchzuckte sie. Sieg hatte ihre Familie und ihre Mentorin Silber getötet, und jetzt ermordete sie ihre eigenen Schüler.

»Kann es sein, dass das mit d…dem zu tun hat, was Morgren in Eisgard getan hat?«, fragte Sieben.

Alle starrten sie an, und Sieben wurde rot. »Sie arbeiten b…beide für d… dasselbe … Wesen«, sagte sie. »Den Meister. Vielleicht ist das der nächste Schritt in ihrem P…plan – wie immer der aussehen mag.«

Phönix zwang sich zum Nachdenken. Natürlich hatte Sieben recht. Sieg und Morgren hatten sich beide mit nur wenigen Tagen Abstand gezeigt, aber an entgegengesetzten Enden Embras. »Vielleicht hoffen sie, dass sich die Jäger aufteilen«, murmelte sie nachdenklich. »Und versuchen, sie beide parallel zu fangen.«

Raureif ging auf und ab und ballte immer wieder die Fäuste. »Du könntest recht haben, Phönix. Wenn wir uns aufteilen, schwächt uns das. Sieg ist eine fähige Strategin. Das war sie schon immer.« Er starrte in die Dunkelheit, dann drehte er sich wieder zu ihnen um und sah Hund an. »Wächter, ich möchte, dass du ins Flussland gehst. Ich will wissen, was dieser Abschaum Sieg im Schilde führt, und ich will wissen, wo sie sich versteckt, damit ich selbst sie zur Strecke bringen kann.«

Phönix erstarrte. »Ich dachte, Hund kommt mit nach Eisgard.« Beim Gedanken daran, sich von ihm trennen zu müssen, setzte ihr Herzschlag kurz aus. »Mit mir … uns, meine ich.«

Raureif schüttelte den Kopf. »Er steht unter meinem Befehl, und ich schicke ihn hinter Sieg her. Niemand sonst schafft es so schnell dorthin. Niemand sonst kann sie bis in ihr Rattenloch verfolgen, ohne sich dabei in tödliche Gefahr zu begeben.« Raureif wandte sich mit stählernem Blick an Hund. »Lass dich nicht erwischen, Wächter. Folge nur ihrer Fährte. Sie darf nicht erfahren, dass du hinter ihr her bist, sonst haben wir keine Chance, sie zu überraschen.«

Hund war genauso beunruhigt wie Phönix. »Ich sollte doch vielleicht besser bei …«

»Deine Aufgabe ist es, über die Loge zu wachen, nicht über Phönix«, sagte Raureif scharf und blickte zwischen ihnen hin und her. Phönix fiel auf, dass die anderen genauso bedrückt aussahen, wie sie sich fühlte. »Du gehörst nicht zu ihrer Gruppe. Und wirst es auch nie.« Als er Hunds erschrockenen Schmerz bemerkte, wurde sein Blick sanfter. »Ihr könnt euch noch in Ruhe verabschieden. Aber dann musst du los.«

»Heute Nacht noch?« Phönix hätte angesichts der Ungerechtigkeit am liebsten geschrien. Das war zu viel, ging zu schnell.

»Ja.« Raureif nickte unnachgiebig. »Ihr werdet morgen auch aufbrechen, und ihr wollt bestimmt genauso wenig wie ich, dass unsere ehemalige Waffenmeisterin entkommt.« Mit seinem bohrenden Blick gab er ihr zu verstehen, dass sie ihm besser nicht widersprach.

Phönix erkannte, dass der Entschluss des Ältesten gefasst war und nichts seine Meinung ändern konnte. Hund und sie würden getrennte Wege gehen.

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