Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
38. Kapitel
»Wie geht’s deinem Bein?«, fragte Nara am nächsten Tag und warf Phönix einen kurzen Blick zu, während sie eine Reihe ganz unterschiedlicher Kästchen und Flaschen auf einer langen niedrigen Bank in einem der Hexenzimmer aufstellte, das sie jetzt fürs Training nutzten.
Phönix zuckte mit den Achseln. »Es tut ein bisschen weh, aber ansonsten gut. Was immer diese grüne Pampe war, sie wirkt noch besser als Wundklee. Mein Arm tut schon gar nicht mehr weh!«
»Gut!« Nara richtete sich auf und musterte Phönix von Kopf bis Fuß. »Du hast gestern Nacht ganz schön was durchgemacht.«
Phönix schob die Erinnerung an die schwarzäugigen Statuen weg.
»Also, was steht heute an?«, fragte sie, um das Thema zu wechseln. Sie betrachtete die Reihe aus Kästchen und Flaschen, mit denen die Hexe beschäftigt war. Zum ersten Mal freute sie sich richtig auf ihre Stunde. In der Krypta hatte sie einen Durchbruch gehabt, was ihre Macht anging, und sie war entschlossen, dass das erst der Anfang gewesen war.
»Eine Art Test«, erklärte Nara. Sie zeigte auf die Gegenstände, die sie aufgestellt hatte. »Ich habe eine Auswahl magischer Substanzen mitgebracht, die von ganz schwach bis sehr mächtig reichen. Indem wir dein Feuer dagegen antreten lassen und uns dabei langsam bis zum gefährlichsten Material hocharbeiten, könnten wir eine bessere Vorstellung davon gewinnen, wozu du wirklich fähig bist, dachte ich.«
Phönix zögerte. »Ich weiß nicht genau, ob ich das verstehe.«
»Du musst versuchen, sie alle zu zerstören«, sagte Nara schlicht. »Dafür musst du jedes Mal die Menge an Feuer, die du nutzt, entsprechend anpassen, was wir bisher noch nicht geübt haben.«
»Die nächste Ebene der Kontrolle.« Phönix nickte langsam.
Was Nara vorschlug, erschien ihr sinnvoll. In gewisser Weise. Die Hexe wollte wissen, ob Phönix’ Feuer mächtig genug war, um den Schattensaum zerstören zu können. Phönix unterdrückte eine Woge der Angst.
Nara fuhr ermutigend fort: »Wir fangen mit Sandkrapphaut an. Sie hat nur schwache magische Eigenschaften, und diese sind rein defensiver Natur, also wird sie nicht zurückschlagen.«
»Feuerfest?«, fragte Phönix, der der Umhang wieder einfiel, den Nara bei ihrer ersten Unterrichtsstunde getragen hatte.
»Genau.« Nara lächelte.
Misstrauisch musterte Phönix die anderen Gegenstände auf der Bank. Die meisten erkannte sie nicht, hatte jedoch keine Zweifel daran, dass einige von ihnen gefährlich waren.
»Zu denen kommen wir später«, sagte Nara. »Und wir arbeiten uns in kleinen Schritten vor. Wir finden heraus, wo deine Grenze liegt, ohne dich in Gefahr zu bringen.«
»Also gut.« Phönix nickte. »Fangen wir an.« Winnie quiekte auf ihrer Schulter vor Begeisterung.
»Ich werde einen Okulus schaffen.« Nara nahm ihren Umhang ab und wirkte plötzlich ganz geschäftsmäßig. »Ähnlich wie der, in dem der Schattensaum gefangen ist, aber viel kleiner.«
Es wurde kalt im Zimmer. Ein Windstoß fegte an Phönix vorbei und zerzauste ihre Haare. Kurz darauf kreiste ein Luftwirbel vor Nara, dessen Zentrum vollkommen ruhig und klar wie ein Spiegel war.
Nara sackte plötzlich ein wenig zusammen.
»Das muss ein schwieriger Zauber gewesen sein.« Phönix sah, wie die Hexe einen Schritt zurücktrat, um sich mit gesenktem Kopf an die Wand zu lehnen.
»Einer der schwersten«, sagte Nara, als sie wieder zu Atem gekommen war. »Deshalb ist es auch so schwer, den Zauber um den Schattensaum immer wieder zu erneuern.« Angesichts von Phönix’ fragendem Blick lächelte sie. »Sieh ihn dir ruhig näher an, wenn du willst. Es ist ein angenehmerer Anblick, wenn nicht gerade ein Schattensaum darin tobt. Aber fass ihn nicht an. Die Hauptsache, die es zu verstehen gilt, ist, dass der Okulus Magie einlässt, aber nicht wieder hinaus. Das heißt, wir werden meine magischen Gegenstände und dein Feuer dort hineinwerfen, und nichts davon wird entkommen können, um uns zu verletzen.«
Während Nara die Sandkrapphaut entrollte, trat Phönix, deren Neugier geweckt war, näher heran. Sie stellte fest, dass sie zwar einmal um den Wirbel herumgehen konnte, aber nirgendwo hindurchsehen. Die Mitte war klar, aber gleichzeitig eigenartig … abwesend. Sie bekam Gänsehaut, und Winnie verkroch sich wieder in ihrem Ausschnitt.
Sobald sie ihren Rundgang abgeschlossen hatte, war auch Nara fertig, hielt die Sandkrapphaut hoch und lächelte aufgeregt.
»Na, dann los«, sagte sie und warf die Haut mit einer schwungvollen Bewegung in die ruhige Mitte des Zaubers. Dort blieb sie auf unheimliche Art in der Luft hängen. »Bereit?« Nara winkte Phönix zu sich. Sie legte ihr die Hände auf die Schultern und führte sie vor den Okulus, bis sie direkt davorstand. »Da«, murmelte sie, »das ist die perfekte Stelle.«
Phönix holte vorsichtig Luft und beschwor die Feuerfäden herauf, spürte, wie sie erwachten. Voller Angst und Freude bemerkte sie, dass es einfacher wurde. Als ihre Finger kribbelten, hob sie die rechte Hand und ließ einen Teil der Flamme als kleinen Feuerball los. Er schoss mitten in den Zauber hinein und raste über die Sandkrapphaut hinweg. Phönix hörte, wie Nara neben sich nach Luft schnappte, als das Feuer verglühte.
»Wo ist sie?«, fragte Phönix mit einem Blick an die leere Stelle. »Die Haut? Sie ist weg!«
Nara verzog den Mund zu einem befriedigten Lächeln und nickte. »Wie ich vermutet hatte«, sagte sie. »Dein Feuer ist viel mächtiger als die magischen Eigenschaften der Sandkrapphaut.«
Phönix zuckte zusammen. »Ein Glück, dass ich dich an unserem ersten Tag nicht getroffen habe. Dein Umhang hätte dir nicht viel genützt.«
Naras Lächeln erstarb. »Das stimmt«, sagte sie düster. »Bis dahin hatte ich noch nie Elementfeuer gesehen. Ein Teil von mir dachte, die Berichte, die ich gelesen hatte, könnten unmöglich zutreffen, und dass sie irgendwie übertrieben sein müssten.« Sie wandte sich an Phönix. »Ich habe mich ganz offensichtlich geirrt. Wie geht es dir?«
Phönix zuckte mit den Achseln. »Gut.«
»Dann machen wir weiter.« Naras Begeisterung war ansteckend.
Phönix hatte sich bereits durch Herzstein, Schwarzwasser und Chimärenatem gearbeitet, als Nara ihr eine Schutzbrille reichte.
»Wofür brauche ich die denn?«, fragte Phönix neugierig und leicht beunruhigt.
Zur Zerstörung vor allem des Schwarzwassers hatte sie überraschend viel Feuer benötigt, vielleicht weil sie von Gedanken an Hund abgelenkt war, der dessen heimtückischer Macht ganz allein begegnen musste. Er musste den Griff schon vor Tagen erreicht haben. Phönix sehnte sich danach, von ihm zu hören, zu erfahren, dass es ihm gut ging. Sie wünschte, sie könnte ihn sehen und wieder mit ihm reden.
»Die nächste Substanz ist ein Schrecklicht«, sagte Nara mit einer Kopfbewegung auf die Brille in Phönix’ Hand. »Glaub mir, du möchtest keins davon zu Gesicht bekommen, ohne die da aufzuhaben.« Sie hielt inne und musterte Phönix aufmerksam. »Brauchst du eine Pause?«
Phönix schüttelte schnell den Kopf. »Nein, machen wir weiter.« Sie setzte die Schutzbrille auf und zog sie fest, wobei sie versuchte, sich an das zu erinnern, was ihr aus Magische Tierwelt über die Wesen, die Schrecklichter hervorbrachten, im Gedächtnis geblieben war.
Schreckschleicher sind furchterregende Wasserraubtiere … zu
beachten ist ein hochgefährliches Phänomen an Land, das mit ihnen in
Verbindung steht.
Wenn im Wasser nur wenig Beute zur Verfügung steht, hängt sich
der Schreckschleicher unten an eine Klippe … gibt Schrecklichter
ab … Lichtkugeln, die meilenweit dahintreiben können …
unwahrscheinlich faszinierend … hypnotisieren die Beute und locken
sie zurück zur Klippe … direkt ins wartende Maul des
Schreckschleichers darunter.
… sogar Schneebären und Berster … folgen ihnen ins Verderben. Es
gilt, diesen Lichtern um jeden Preis auszuweichen. Das Tragen einer
Schutzbrille aus Wüstenglas scheint den Effekt jedoch abzuschwächen.
Aggressionspotenzial: 9/10
Bedrohungsausmaß: 9/10
Schwierigkeitsgrad der Bekämpfung: 10/10
Phönix runzelte die Stirn. Diesmal erinnerte sie sich wenigstens an die Werte, aber sie wünschte sich wirklich, irgendwann die Zeit zu finden, mal wieder in Magische Tierwelt zu blättern; sie hatte einfach zu viele Gedächtnislücken.
Winnie nutzte diesen Augenblick, um aus ihrem Fell zu klettern. Phönix schüttelte den Kopf. »Jetzt bleibst du besser unten, Winnie«, flüsterte sie. »Wir haben keine Brille in deiner Größe.« Er stieß ein ärgerliches, aber zustimmendes Quieken aus und verschwand sofort wieder.
Nara setzte ihre Brille auf, dann öffnete sie den Verschluss eines Kästchens, das aussah, als wäre es aus schwarzem Stein, und setzte das Schrecklicht in den Okulus. Es schoß wild umher, blendend weiß, mit unklaren Konturen und blitzschnell.
Phönix vergewisserte sich, dass ihre Brille richtig saß, und trat etwas näher heran. Das Schrecklicht wütete nur noch stärker und verströmte Bosheit. Sie spürte seine finsteren Absichten sogar durch das Wüstenglas vor ihren Augen.
Ihr Kampf dagegen war noch schwieriger als der gegen das Schwarzwasser, vor allem, weil das Schrecklicht so schnell und wild war. Es wich mehreren ihrer Feuerbälle aus und schien zwei davon regelrecht aufzusaugen und dadurch noch heller zu werden. Mit zusammengebissenen Zähnen entfesselte Phönix mehrere kräftige Feuerstürme in seine Richtung, um ihm keine Gelegenheit zu geben, sich zu entziehen.
Ein paar Minuten später nahm sie die Brille grinsend wieder ab. Sie war zufrieden mit sich.
»Wie war das?«, fragte Nara, die, wie Phönix bemerkte, überaus erleichtert wirkte.
»Gut.« Phönix betrachtete den leeren Okulus befriedigt. Es war aufregend, derart gefährliche Substanzen zu besiegen. »Und jetzt?«
»Eigentlich war’s das«, sagte Nara. »Du hast das großartig gemacht. Ich hätte wirklich gedacht, dass dir das Schrecklicht größere Schwierigkeiten bereiten würde.«
»Das war’s?«
Phönix merkte, wie ihr Lächeln leicht verrutschte. Sie hatte den Test auch deshalb genossen, weil sie gehofft hatte, sich dadurch selbst beweisen zu können, dass sie in der Lage war, den Schattensaum zu vernichten. Aber so beängstigend einige dieser Substanzen auch gewesen waren, keine davon kam auch nur in die Nähe der Macht, über die der Saum verfügte.
Nara verstand. »Es gibt nichts, das direkt mit dem Schattensaum vergleichbar wäre«, sagte sie und zuckte zusammen. »Aber ich … ich glaube, du bist jetzt bereit, ihm entgegenzutreten.«
Eine entsetzliche Kälte kroch in Phönix hoch, und Winnie, der das spürte, kam wieder auf ihre Schulter gehuscht und schmiegte sich an ihre Wange. Seit dem Angriff des Lefzenleckers war sie nicht mehr in der Nähe des Schattensaums gewesen, aber sie wusste, dass er immer weiter anwuchs, die Abwehrmechanismen, die die Hexen zu seiner Eindämmung nutzten, langsam aber sicher überwand, die Magie aus Eisgard saugte und die Bedrohung für Embra vergrößerte.
Nara sprach weiter. »Was du in der Krypta erreicht hast und das Niveau der Beherrschung, die du gerade bewiesen hast – du bist weiter gekommen, als ich es in dieser kurzen Zeit für möglich gehalten hätte. Ich …«
»Du willst, dass ich ihm jetzt sofort entgegentrete«, flüsterte Phönix. Es war eine Feststellung, keine Frage.
»Nicht … sofort.« Nara verzog das Gesicht und wich Phönix’ Blick aus. »Aber bald. Der …« Sie brach ab und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Dann richtete sie sich auf und sah Phönix an. »Der Gang zum Schattensaum bricht langsam ein«, sagte sie. »Die Wände und Böden dort sind inzwischen eher Wasser als Eis, kaum noch fest genug, um unser Gewicht zu tragen. Jede Magie, mit der wir versuchen, ihn zu reparieren, wird augenblicklich abgesaugt. Wenn … wenn wir keinen Zugang zum Schattensaum haben, können wir auch den Okulus, der ihn gefangen hält, nicht erneuern, was bedeutet …«
»Er könnte sich bald befreien«, beendete Phönix den Satz für sie. Ihr war eiskalt.
Nara nickte mit zusammengekniffenem Mund. »Sehr bald.«
Phönix’ Herz raste. Der Schattensaum machte ihr größere Angst, als ihr je irgendetwas Angst gemacht hatte. Und sie war sich sicher, dass sie nicht gewinnen würde, wenn sie ihm entgegentrat.
Konnte sie Nara das sagen?
Sie blickte der Hexe ins Gesicht, auf dem sich Hoffnung und Verzweiflung mischten, und wusste, sie konnte es nicht. Es hing zu viel von ihr ab.
»Wann?«, fragte Phönix leise. Vor Angst fiel ihr das Sprechen schwer.
»Je eher, desto besser.« Nara schluckte. »Vielleicht …«
»Also morgen«, sagte Phönix abrupt.
Sie wandte sich ab und ging zur Tür, damit Nara ihr Gesicht nicht sehen konnte oder die Schweißperlen, die ihr plötzlich auf die Stirn getreten waren. Winnie schlüpfte unter ihr Bärenfell und schmiegte sich eng zusammengerollt und zitternd an sie, als sie über die Schulter hinweg sagte: »Ich werde dem Schattensaum gleich morgen früh entgegentreten.«
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