Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 55 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

55. Kapitel

 

Hund machte einen Satz nach vorn, und kurz darauf stürmte er zwischen den herandrängenden Monstern hindurch, während der offene Pfad zur Tür vor ihren Augen langsam verschwand.

Sieben zitterte und bemerkte kaum, wie sich Hände, Klauen und Zähne nach ihnen ausstreckten. Auch Fünf war erstarrt, die Miene vor Entsetzen ausdruckslos.

»Haltet euch fest!«, bellte Hund, als er vorwärts sprang, schneller und immer schneller auf die kaputten Türen zurannte.

Phönix schrie auf, als sich ein Ygrex auf Fünf stürzte und beinahe seine Zähne in seinem Bein versenkte, bevor es ihr gelang, ihn wegzutreten. Sie drückte die Köpfe der anderen nach unten, als Bersterfragmente über sie hinwegsirrten, dann waren sie plötzlich draußen und stürmten, so schnell Hunds Füße ihn trugen, vom Frostpalast weg.

Zeniths Wärmezauber war teilweise verflogen, und die Kälte traf sie wie ein Schlag, dessen Aufprall so heftig war, dass Phönix beinahe von Hund gefallen wäre. Sie spürte, wie sich Winnie im Inneren ihres immer noch feuchten Fells verkrampfte.

»Haltet euch aneinander fest«, stieß sie keuchend zwischen klappernden Zähnen hervor. Erleichtert spürte sie, wie Siebens und Fünfs Griff sich verstärkte. Sie war zu erschöpft, um sie weiterhin stützen zu können.

»Ja!«, heulte Hund. »Haltet euch fest!« Er wurde schneller, und der Boden verschwand unter seinen riesigen Pfoten, während er über das Eis sprang.

Tränen liefen Phönix übers Gesicht, und Fünf bebte von unterdrückten Schluchzern. Sie hatten Sechs zurückgelassen. Das Wissen war eine Wunde, die zu schmerzhaft war, um sich ihr zu stellen, und allem widersprach, was sie als Jäger gelernt hatten.

Als Phönix über die Schulter blickte, sah sie, dass ihnen keins der Wesen gefolgt war. Sie standen vor dem leeren Frostpalast, dunkle Wächter im verblassenden Licht. Der Meister ließ sie also wirklich gehen.

In unglücklichem Schweigen zogen sie weiter, jeder von ihnen in seinem eigenen Elend versunken, als die schwache Sonne hinter den schweren Wolken auftauchte, um gleich darauf im Meer unterzugehen. Einen Augenblick lang leuchtete das Eis um sie herum in zartem, blassem Gold, dann glitt die Farbe zurück ins Meer und hinterließ nichts als Grau.

»Wie kommen wir zurück?«, fragte Fünf nach einer Weile. Er war der Erste, der sich zu Wort meldete, aber seine Stimme klang heiser und matt. Über ihren Köpfen lösten sich die Wolken auf, und hier und da blitzte ein Stern hervor.

Sieben schauderte, und Phönix wusste genau, was sie dachte: Sie waren Wochen von Kliff entfernt, sie hatten nichts zu essen, keine Waffen, und sie würden den Frostigen Forst durchqueren müssen.

»Ich werde euch natürlich tragen«, sagte Hund mit fester Stimme. »Und euch beschützen.«

Phönix hätte plötzlich am liebsten geweint. Wie hatte es so weit kommen können? Winnie leckte ihr über die Wange.

Hund verlangsamte seine Schritte und drehte sich zu ihnen um. Zum ersten Mal spürte Phönix, wie sich seine Flanken unter ihr bewegten, fast so, als würde er keuchen, dabei musste er doch gar nicht atmen.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie. »Willst du dich ausruhen?«

»Nein«, knurrte Hund. »Ich brauche selten Ruhe. Aber ich werde mir meine Kräfte einteilen. Die Glitzergleiter haben mich verletzt. Diese Reise wird selbst meine Ausdauer auf die Probe stellen.« Von da an ging er langsamer und verfiel nur manchmal in ausgedehnte, raumgreifende Sprünge. »Wir folgen der Küste, bis wir den Frostigen Forst durchquert haben«, sagte er, »dann überqueren wir die Bissberge bis zur Quelle des Ilara. Ab da wird unsere Reise einfacher.«

Fünf lachte humorlos auf. »Das kann man wohl sagen. Wir müssen nur erst mit den paar kleinen Herausforderungen des Frostigen Forsts und der Bissberge fertigwerden.«

»Wir können sie nicht beiseiteschieben«, sagte Hund langsam. »Wir müssen uns ihnen stellen. Und wir werden es schaffen, weil es notwendig ist. Die Nachricht darüber, was in Eisgard geschehen ist, muss nach Kliff gelangen. Raureif muss davon erfahren. Die Clans müssen gewarnt werden, damit sie sich vorbereiten können.«

Phönix war klar, dass er recht hatte. Es bestand die Möglichkeit, dass Zenith den Weg nach Kliff fand, aber was, wenn nicht? Oder was, wenn man ihr nicht glaubte? Seit Jahrzehnten hatte man in Embra keine Hexen mehr gesehen, und sie waren nicht sehr beliebt.

»Wir schaffen das«, sagte Phönix finster.

»Das werden wir«, flüsterte Sieben, und Phönix versuchte verzweifelt, nicht mehr in diese Worte reinzuinterpretieren als nötig.

Als es Nacht wurde, bat Hund Phönix, ihnen mit dem Mondstein zu leuchten. Der sanfte Lichtschein war der erste Hoffnungsschimmer, den sie verspürte, seit sie Eisgard verlassen hatten. Fünf wandte den Kopf in Richtung des Steins, und Phönix wusste, dass Sieben hinter ihr dasselbe tat.

»Wenigstens haben wir noch den Mondstein«, sagte Fünf schließlich. Phönix war erleichtert, dass seine Stimme jetzt fester klang und etwas von ihrer früheren Stärke zurückgewonnen hatte. »Der wird uns im Frostigen Forst von Nutzen sein.«

Phönix nickte und starrte in seine leuchtende Tiefe. Selbst Winnie schien Trost daraus zu schöpfen und huschte ihren Arm hinab, um seine Pfoten daraufzulegen, woraufhin das Licht seine Schnurrhaare silbern färbte.

Aber egal, wie sehr sie versuchte, ihre Gedanken von Sechs abzuwenden, es gelang ihr nicht. Sie hatte ihn verlassen, ihn seinen Feinden ausgeliefert. Der harte Knoten aus Schuldgefühlen in ihrem Inneren wuchs immer weiter an, bis ihr das Atmen schwerfiel. Wo war er? Was würde mit ihm geschehen?

»Wir hätten ihn nicht zurücklassen dürfen«, flüsterte Fünf. »Wir hätten bleiben sollen.«

»Dann wärt ihr jetzt alle tot«, murmelte Hund.

Fünf schwieg einen Moment. »Wir hätten ihn nicht zurücklassen dürfen.«

Hund wandte sich mit mitfühlender Miene zu ihnen um. »Versucht euch auszuruhen. Mitten in der Nacht sollte man sich nicht solche …« Plötzlich schwieg er und spannte sich an, während er die Ohren spitzte.

Augenblicklich verstummten auch die anderen und lauschten.

»Sind sie das? Bist du sicher?« Eine Stimme in der Ferne.

»Was fällt dir ein, meine Worte anzuzweifeln!« Die Stimme war leise, aber unverwechselbar.

Auch Winnie erkannte sie wieder und stieß ein hohes, entsetztes Fiepen aus, bevor er unter Phönix’ Fell verschwand. Phönix stellte sich auf Hunds Rücken, das Gesicht in den Himmel gerichtet. Ein Hoffnungsschimmer flackerte in ihr auf. »Funkenflug! Zenith!«, rief sie. »Hier drüben!«

»Wir sehen euch!«, rief die Hexe. Und plötzlich war der Himmel von schlagenden Flügeln angefüllt und von blassen Gesichtern sowie einem kleinen, wütend glühenden, die auf sie herabblickten.

Kurz darauf landete Xena vor ihnen auf dem Eis, und die beiden Grüppchen fielen sich in die Arme. Tränen rannen ihnen über die Wangen, als die Angst der Erleichterung wich. Funkenflug flog direkt auf Hund zu, und Phönix bemerkte amüsiert, wie erfreut sie beide wirkten, einander zu sehen.

Nur ein paar Stunden hatten Zenith genügt: Sie wirkte jetzt viel stärker als im Horst. Nach ein paar wilden Umarmungen und Ausrufen trat sie zurück und runzelte leicht die Stirn, während sie die Gruppe musterte.

»Und … wo ist Sechs?«, fragte sie.

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