Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 25 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

25. Kapitel

 

 

»Dies ist der Trainingsraum«, sagte Nara zu Phönix und stieß eine Doppeltür auf. »Hier üben wir Kampfmagie.« Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Zumindest haben wir das. Vor der Schattenkrankheit.« Sie winkte Phönix herein. »In diesem Raum werden wir unseren Unterricht abhalten.«

»Wir kämpfen?«, fragte Phönix zweifelnd.

Der Raum war ein riesiger Würfel, dessen Eiswände auf Hochglanz poliert waren und der sich nur durch seinen völligen Mangel an Dekoration auszeichnete. In der Mitte standen ein großer Tisch und zwei Stühle, aber abgesehen davon war das Zimmer nichts weiter als eine leuchtend weiße Kiste, leer und sauber. Ein paar Kugellichter schwebten umher, aber das meiste Licht kam von den Wänden selbst.

»Nein.« Nara lächelte. »Wir sind hier, weil dieser Raum von weit mehr magischen Verteidigungseinrichtungen umgeben ist als jeder andere Teil des Palasts. Na ja … abgesehen von dem Zimmer, in dem sich der Schattensaum befindet, natürlich. Da Elementfeuer bekanntlich sehr zerstörerisch ist, dachte ich, es wäre vernünftig, wenn wir hier üben.«

Phönix schluckte und spürte, wie es sie kalt überlief, als Nara sie zu dem großen Tisch führte. Winnie zuckte auf ihrer Schulter mit dem Schwanz und sah sich mit leuchtenden Augen neugierig um.

»Der Platz hier ist sehr effizient genutzt«, sagte Nara.

Als sie Phönix’ verständnislosen Blick bemerkte, zeigte sie auf die Tischmitte, wo sich ein in die Platte eingelassenes Schlüsselloch befand. Sie holte einen Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloss und drehte ihn mit einem leisen Klicken. Staunend sah Phönix, wie die Tischplatte langsam aufklappte und ein Fach darunter zum Vorschein kam, das viel größer war, als es eigentlich möglich schien.

Nara holte mehrere Bücher, Flaschen, einen Kessel und einen langen Umhang aus einem seltsamen schuppigen Material heraus, bevor sie die Tischplatte wieder schloss und die Gegenstände daraufstellte.

»Sandkrapphaut«, erklärte Nara. Sie legte ihren schönen Federumhang ab und hängte sich stattdessen den schuppigen um. »Der ist feuerfest.«

»Ach so«, murmelte Phönix, die versuchte, ihr wild klopfendes Herz zu ignorieren. Winnie quiekte beruhigend.

»Setz dich.« Nara zeigte auf einen der Stühle und ließ sich selbst auf dem Stuhl gegenüber nieder. Phönix bemerkte unwillkürlich, dass Nara freudig erregt wirkte, während sie selbst nur entsetzliche Angst verspürte.

»Ich habe überlegt, wie wir am besten anfangen«, sagte die Hexe. »Aber dann dachte ich, dass du vielleicht selbst eine Idee hast?«

Phönix schüttelte schnell den Kopf. »Ich habe immer nur versucht, das Feuer einzudämmen, nicht, es zu nutzen.«

»Was meinst du damit?«, fragte Nara.

Phönix rutschte unbehaglich auf dem Stuhl hin und her. »Manchmal habe ich das Gefühl, als brodelte es in mir, als könnte es jeden Moment ausbrechen.« Zögernd fuhr sie fort: »Und das ist in letzter Zeit schlimmer geworden.« Sie hielt den Blick auf Naras Gesicht gerichtet, um zu sehen, wie diese reagieren würde.

»Das bedeutet nur, dass seine Stärke zunimmt«, sagte Nara ruhig, »und das ist gut. Du wirst jedes bisschen Macht brauchen, um den Saum zu zerstören.« Sie hielt kurz inne, ohne zu bemerken, wie blass Phönix bei der Erwähnung des Schattensaums wurde. »Es bedeutet auch, dass es immer wichtiger wird, es zu kontrollieren. Wie oft kommt dieses ›Brodeln‹ vor?«

Phönix zuckte mit den Achseln. »Täglich.«

Daraufhin verstummte Nara und runzelte nachdenklich die Stirn. Schließlich schüttelte sie sich und stand auf.

»Ich glaube, das Beste wäre, du führst es mir vor.« Sie gab Phönix ein Zeichen, ebenfalls aufzustehen. »Damit wir wissen, womit wir es zu tun haben.«

»Was?«, rief Phönix. »Nein!«

In Naras Gesicht erschien ein neugieriger Ausdruck. »Ich weiß, dass Raureif dir gesagt hat, du solltest deine Magie in Kliff nicht einsetzen, aber jetzt bist du in Eisgard.«

»Du verstehst das nicht«, sagte Phönix voller Panik. »Als ich meine Macht das letzte Mal eingesetzt habe, habe ich die Jägerloge zerstört, und es war reine Glückssache, dass ich niemanden getötet habe. Oder sogar alle. Weißt du, in welche Gefahr du Eisgard bringst?«

Nara setzte sich wieder und legte die Handflächen auf den Tisch. »Phönix«, sagte sie behutsam, »um deine Magie zu trainieren, sie zu verstehen, musst du sie nutzen. Stell sie dir als brodelnden Topf auf einem Feuer vor. Wenn du den Deckel nicht dann und wann anhebst, wird sie auf jeden Fall überkochen.«

Phönix war es plötzlich eiskalt, und ihr stockte der Atem. Winnie kam aus ihrem Fell gekrochen, um den Kopf sanft an ihre Wange zu schmiegen, und warf Nara einen bösen Blick zu.

»Ich möchte dir beibringen, das Feuer so vollständig zu kontrollieren, dass es wie Atmen wird«, sagte Nara sanft. »Damit es dir nicht mal im Schlaf entwischen kann.«

Bei diesen Worten blickte Phönix auf. Sie hatte noch nie jemandem erzählt, wie sie manchmal aus einem Albtraum erwachte und feststellte, dass ihre Laken rauchten. Sie dachte, sie hätte die Hinweise darauf gut genug versteckt.

Die Hexe holte tief Luft. »Du musst mir vertrauen.«

Phönix blickte in Naras klare, entschlossene Augen und nickte schwach. Was hatte sie schon für eine Wahl?

»Wie wird es gehen?« Ihre Stimme klang wie ein Krächzen.

»Wir müssen uns vorantasten«, sagte Nara. »Ich glaube, so etwas wurde noch nie gemacht. Die alten Elementhexen waren in Eisgard nicht willkommen.«

Phönix nahm das schweigend zur Kenntnis.

»Du hast bereits eine beachtliche Fähigkeit damit …«

»Wirklich?«, platzte Phönix heraus. »Wie kommst du darauf?«

»Du hast dein Feuer in der Nacht, als die Jägerloge angegriffen wurde, genutzt, um einen Koboldmagier zu besiegen«, sagte Nara geduldig. »Und du sagst, du unterdrückst es täglich. Beides legt nahe, dass du über einen gewissen Grad der Kontrolle verfügst.«

Phönix nickte langsam. So hatte sie das noch gar nicht gesehen.

»Besteht eine Verbindung zwischen dem Feuer und deinen Gefühlen?«, fragte Nara. »Wut?«

Phönix nickte erneut überrascht. Woher wusste die Hexe das?

»Dann fangen wir damit an. Ich möchte, dass du an etwas denkst, das dich wütend macht, und dann eine einzelne, kurze Flamme hier durch den Raum schickst.« Sie zeigte auf das andere Ende, gegenüber der Tür. »Dahin.«

Phönix’ Gliedmaßen waren schwer und vor Angst eiskalt. »Und was, wenn ich es nicht aufhalten kann?«, flüsterte sie.

»Darüber habe ich auch nachgedacht.« Nara nahm eine kleine Flasche vom Tisch. »Und mir ist eine recht plumpe Lösung eingefallen.« Sie hob das Fläschchen. »Das habe ich vorhin gebraut; es wird dich bewusstlos machen, wenn die Dinge außer Kontrolle geraten.«

»Wie?« Phönix sah zweifelnd das Fläschchen an.

»Wenn ich es unter deiner Nase entkorke, wirst du von den Dämpfen ohnmächtig.« Nara wirkte erfreut, dann fügte sie schnell hinzu. »Nur vorübergehend, natürlich.«

»Gut, damit könnte es funktionieren.« Phönix verspürte einen Anflug von Hoffnung.

»Dann leg los, jederzeit.« Nara nahm sie sanft bei den Schultern und drehte sie von dem großen Tisch weg.

Phönix holte tief Luft und versuchte, sich einzureden, dass sie es schaffen könnte. Irgendetwas an Nara erinnerte sie an Hund, und das flößte ihr Vertrauen ein. Der Gedanke an den Wächter nagte an ihr, die Sorge um ihn überkam sie erneut. Sie wusste, dass es zwecklos war, sich zu wünschen, er wäre hier, doch sie konnte nicht anders.

»Runter mit dir, Winnie.« Phönix versuchte, sich auf die kahle Eiswand vor ihr zu konzentrieren. Aber das störrische kleine Eichhörnchen klammerte sich mit den Krallen fest und vibrierte vor Anspannung. Sie atmete tief ein, um sich zu beruhigen, dann schüttelte sie den Kopf. Sie sollte sich nicht beruhigen, sie musste wütend werden.

Also dachte sie an den Schattensaum, seine schwelende Dunkelheit, das Kribbeln, das er in ihr auslöste, als kröche jedes dunkle Wesen in Embra auf sie zu. Sie wartete darauf, dass sich die Feuerzungen aufbauten, auf sie reagierten, aber nichts geschah. Wenn überhaupt, schienen die Flammen sogar eher zu verlöschen, als an die Oberfläche zu dringen.

Phönix schluckte schwer, und das Geräusch war in dem leeren Trainingsraum deutlich zu hören. Der Schattensaum machte sie nicht wütend, er machte ihr Angst. Sie dachte nicht näher darüber nach, was das zu bedeuten hatte.

Unvermittelt sprangen ihre Gedanken stattdessen zu Fünf, zu den Worten, die er an Zenith gerichtet hatte. Die einzige Magie, die es da draußen noch gibt, stammt von Monstern. Das hatte er bestimmt nicht so gemeint, hatte es unbedacht in einem wütenden Moment ausgesprochen, oder? Wenn jemand diesen Impuls verstehen konnte, dann Phönix. Trotzdem spürte sie, wie die Feuerzungen in ihr immer weiter absanken, sich immer weiter von der Oberfläche entfernten.

»Phönix?«, fragte Nara sanft.

Phönix nickte schnell und konzentrierte sich wieder. Sie dachte an Sieg, an ihren mannigfachen Verrat, daran, dass sie die Schuld am Tod von Phönix’ Familie trug. Einen Augenblick hatte sie das Gesicht der Waffenmeisterin klar vor Augen, und sofort stieg ihre Macht in ihr auf, feurige Stränge wuchsen an und breiteten sich in ihrer Brust aus. Automatisch versuchte sie sie einzudämmen, erschrocken, wie plötzlich sie aufgetreten waren.

Auf ihrer Stirn bildeten sich Schweißperlen, und sie wischte sie leise fluchend weg.

»Versuch es einfach als weitere Unterrichtsstunde zu sehen«, sagte Nara. »Davon hattest du in der Jägerloge doch sicher viele.«

Phönix nickte, das stimmte allerdings. »Nur eine weitere Unterrichtsstunde«, murmelte sie vor sich hin. Erneut dachte sie an Sieg, und die Hitze begann sie zu durchströmen, wuchs an, bis ihre Fingerspitzen pulsierten. Ihre Angst wollte sie daran hindern, es zu tun, aber sie schob sie beiseite und hob die rechte Hand.

Dann war da nur noch das Feuer.

Es schoss in einem gewundenen rachsüchtigen Strom hervor und donnerte mit unvorstellbarer Kraft gegen die Eiswand. Dort, wo die goldenen Flammen einschlugen, wellte sich die Wand vor Hitze, und einen großartigen Augenblick lang konnte Phönix Eisgards Magie, die in dem Eis verborgen lag, wirklich sehen, wie sie leuchtend weiß erstrahlte, vom Feuer, das darüber hinwegtoste, auf die Probe gestellt.

Nara hinter ihr stieß einen schwachen Schrei aus. »Genug, Phönix«, sagte sie mit rauer Stimme. »Das ist mehr als genug.«

Phönix versuchte sich zurückzuziehen, versuchte die Schleusen zu schließen, aber die Magie war zu mächtig. Sie wütete immer weiter, durchzuckte sie, bis Phönix spürte, wie ihre Gliedmaßen zu zittern begannen und ihre Atmung schwerer ging.

»Phönix!«

Ihre Knie schmerzten, als sie auf dem Boden aufschlugen. Kurz darauf wurde alles schwarz.

Sie blinzelte verzweifelt, versuchte ihre Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, aber es war, als wäre der Welt alles Licht entzogen worden. Und in der sie umschließenden Dunkelheit spürte sie, wie sich etwas verschob, etwas Wachsames, dessen Aufmerksamkeit plötzlich mit kalter unabänderlicher Bosheit auf ihr ruhte.

»Ich sehe dich, Phönix.« Die Stimme war leer, ungerührt und leblos. Die Stimme des Krock.

Phönix schnappte laut nach Luft. Ihr Herz flatterte, als könnte es davonfliegen, und ihre Furcht wurde immer größer, bis sie sie vollkommen lähmte.

Sie spürte, wie der Krock näher kam, das Geräusch sanft und tödlich und gleichzeitig überall um sie …

»Phönix? Phönix! Hörst du mich?«

Jemand schüttelte sie. Die Augen aufzuschlagen fühlte sich an wie Felsbrocken stemmen. Nara stand über sie gebeugt, ihr verschwommenes Gesicht wirkte besorgt. Phönix blinzelte mehrmals, bis die Gesichtszüge der Hexe scharf waren.

Sie lag auf dem Boden. Winnie hockte auf ihrer Brust, die Pfoten an ihr Kinn gelegt, und betrachtete sie ängstlich. Ihre Glieder waren bleischwer, und jede Faser ihres Körpers schmerzte vor Erschöpfung.

»Was ist passiert?«, murmelte sie und schob den Traumsplitter so weit weg wie möglich.

»Du konntest es nicht aufhalten«, sagte Nara. Phönix sah, dass die Hexe versuchte, ruhig zu bleiben, was ihr jedoch schwerfiel. »Ich musste dich bewusstlos machen.«

Phönix nickte schwach, während Winnie ihr übers Kinn leckte.

Nara half ihr dabei, aufzustehen und sich auf den Stuhl zu setzen.

»Wie geht es dir?«, fragte sie.

»Furchtbar«, murmelte Phönix. Selbst Winnie zu streicheln kostete sie unsagbar viel Kraft.

»Du bleibst jetzt hier sitzen und ruhst dich aus«, sagte Nara und musterte Phönix. »Und ich braue dir einen schönen, kräftigen Stärkungstrank.«

Vor Erschöpfung schwankend sah Phönix zu, wie Nara ein kleines Feuer auf der Tischplatte entfachte. Als die Flammen aufloderten, stellte die Hexe einen Dreifuß mit einem kleinen Kessel darüber und fügte Zutaten aus den verschiedenen Flaschen hinzu.

Dann und wann flüsterte sie etwas, das Phönix nicht genau verstand, und dann stieg aus dem Inneren des Kessels eine Funkenfontäne auf.

»Warum kann ich nicht hören, was du sagst?«, fragte Phönix Nara nach dem dritten Mal. Jedes Mal wurde ihr dabei unbehaglicher zumute. Sie musste sich auf ihre Sinne verlassen können, oft hing ihr Leben von ihnen ab, aber irgendetwas an der Magie der Hexe schien ihrem Gehör vollkommen zu entgehen.

»Das ist Stumme Sprache«, erklärte Nara. »Die Sprache unserer Magie. Nur eine Hexe, die Macht darüber hat, kann sie lesen, hören oder sprechen. Du bist zwar eine Hexe, hast aber nicht dieselbe Magie wie ich, deshalb kannst du sie nicht hören.« Lächelnd rührte sie weiter. »So haben wir früher auch neue Hexen gefunden, weißt du. Solche, die in den Clans geboren wurden, nicht hier.«

Sie bemerkte Phönix’ Überraschung und nickte. »Das kommt vor. Der schnellste Weg, sie zu erkennen, ist, einfach ein Wort in Stummer Sprache zu sprechen und sie zu bitten, es zu wiederholen. Wenn sie es hören können und wiederholen, haben sie die Fähigkeit, sie zu benutzen.«

Die Hexe runzelte die Stirn, und als sie weitersprach, klang sie traurig. »Es muss jetzt viele da draußen geben, deren magische Fähigkeiten unentdeckt bleiben.« Sie schöpfte etwas von der Flüssigkeit aus dem Kessel in einen Becher und reichte ihn Phönix.

Winnie schnüffelte neugierig an dem Trank, hatte allerdings nichts auszusetzen, was Phönix als gutes Zeichen nahm. Der erste Schluck war so sauer, dass sie das Gefühl hatte, ihre Augenlider würden sich von innen nach außen drehen, aber fast gleichzeitig spürte sie, wie neue Stärke sie durchströmte.

»Danke.« Sie setzte sich aufrechter hin und nahm noch einen vorsichtigen Schluck. »Das wirst du mich nicht noch mal machen lassen, oder?«

»Nein, ich glaube, das wäre für keine von uns hilfreich«, sagte Nara sanft. »Aber kannst du mir sagen, was geschehen ist?«

Phönix zuckte mit den Achseln. »Ich konnte es nicht aufhalten.« Sie versuchte beiläufig zu klingen, aber das Zittern in ihrer Stimme verriet sie. »Es war, als wollte man vor einer Herde wild gewordener Fangfüßer eine Tür schließen. Es war zu stark für mich.«

Nara setzte sich ihr mit nachdenklicher Miene gegenüber. »Du stellst dir das Nutzen deiner Magie als Öffnen einer Tür vor. Das ist interessant. Meinst du, du könntest diese Tür nur einen Spaltbreit öffnen statt ganz?«

Phönix dachte nach, dann nickte sie langsam. »Vielleicht.« Die meiste Zeit versuchte sie die Magie mit aller Macht zu unterdrücken, aber wenn sie sie nutzte, ließ sie sie völlig frei. Möglicherweise war das gar nicht nötig. »Ich verstehe allerdings nicht, wie das beim Schattensaum helfen soll. Dafür brauche ich doch eher mehr Kraft, nicht weniger.«

»Eins nach dem anderen«, sagte Nara. »Kontrolle ist entscheidend, ob du dem Saum entgegentrittst oder nicht. Wenn du das Feuer nicht aufhalten kannst, sobald es auf diese Art aus dir herausströmt, müssen wir mit etwas Kleinerem beginnen. Damit werden wir uns morgen beschäftigen«, verkündete sie fröhlich. »Ja, morgen«, fügte sie lachend hinzu, als sie Phönix’ Gesichtsausdruck bemerkte. »Die Zeit …« Plötzlich brach sie ab, den Blick fest auf etwas hinter Phönix’ Schulter gerichtet.

»Was ist?« Stirnrunzelnd wandte Phönix sich um.

Erst sah sie es nicht, wusste nicht, wonach sie Ausschau halten musste, bis Naras Finger ihr die Richtung wies.

»Die Magie. Sie … lässt nach«, erklärte Nara mit angstvoller Stimme.

Phönix folgte der Geste der Hexe mit dem Blick und sah einen kleinen Fleck Eis, der dunkler war als der Rest und in dem das Licht seltsam flackerte.

Nara ging mit bestürzter Miene hinüber, den Blick auf die faustgroße Stelle gerichtet. »Dabei ist dies einer der geschütztesten Räume«, flüsterte sie und schien Phönix ganz vergessen zu haben.

»Ist dafür der Schattensaum verantwortlich?«

Phönix sah sich die schlichte Schönheit des Trainingsraums an und biss sich auf die Lippe. Wenn Nara recht hatte – und sie zweifelte nicht daran –, wäre dieser Ort bald genauso dunkel und abschreckend wie die aufgegebenen Hexenzimmer und so fragil wie der Tunnel, der zur Zelle des Schattensaums führte.

»Wie schafft er das, obwohl er gefangen ist?«, fragte sie.

Nara schüttelte langsam den Kopf. »Wir wissen es nicht«, sagte sie leise. Dann wurde sie wütend. »Es gibt so viel, das wir nicht wissen.« Sie versuchte sich zu sammeln. »Das Einzige, was wir tun können, ist, ihn zu zerstören. Deshalb ist unser gemeinsamer Unterricht so wichtig.« Sie schenkte Phönix ein schwaches Lächeln, als deren Herz schwer wurde und der Zweifel von allen Seiten auf sie eindrang.

Das Leuchten in dem dunklen Eisfleck flackerte noch einmal, dann erstarb es.

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