Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
26. Kapitel
Hund wusste nicht, wie lange er unentschlossen am Ufer neben der ermordeten Lutra gestanden hatte.
»Da bist du ja!« Funkenflug kreiste um den Kopf des Wächters, bis Hund Rauch und Ruß roch. Die Stimme des Feuergeistes klang heiß und ausgelassen. »Du bist fast genauso schlecht darin, unauffällig herumzuschleichen, wie ich. Ich dachte …« Als Feuerfunke die Lutra auf dem Boden sah, brach er abrupt ab. Sein Feuer wurde schwächer.
»Ich habe sie hier gefunden«, erklärte Hund mit rauer Stimme. »Ich konnte sie nicht mehr retten.«
Funkenflug schwebte schweigend über ihm. »Lutras sind reine Wesen«, sagte er schließlich. »Noch nicht mal die Feuergeister haben Streit mit ihnen. Wer war das?« Sein brennender Blick war auf die Wunde der Lutra gerichtet, in der noch immer das Messer steckte. Funkenflugs Flammen loderten gefährlich blau-weiß auf.
»Das war Sieg. Sieg und Morgren. Ich weiß nicht, ob die Lutra mir das bewusst gezeigt hat, oder ob ich noch Schwarzwasser an mir hatte, aber ich habe es mit ihren Augen gesehen.« Unwillkürlich knurrte er, und ihm sträubte sich das Fell.
Funkenflug sah ihn überrascht an. »Sie hat dich berührt.« Es war keine Frage.
»Ja«, entgegnete Hund misstrauisch. »Woher weißt du das?«
Der Feuergeist legte nachdenklich den Kopf schräg. »Ich bin mir nicht sicher«, sagte er schließlich. »Aber irgendwas an dir ist anders.«
Zögernd ging Hund auf das Wasser zu und warf einen Blick auf sein Spiegelbild. Sein Fell war immer noch aus Stein, hatte dieselbe rötliche Farbe wie zuvor, sein Ohr war weiterhin eingerissen. Aber der Feuergeist hatte zweifellos recht. Er fühlte sich anders, als wäre alles in ihm leicht verschoben oder vorsichtig neu angeordnet worden.
Funkenflug flatterte über seinem Kopf und musterte ihn kritisch, bevor er sich an seinem üblichen Platz zwischen Hunds Ohren niederließ.
Hund hatte noch nie solchen Schmerz verspürt. Doppelströme reiner Energie schienen aus den Füßen des Geistes zu schießen. Er machte einen Satz zurück und schüttelte Funkenflug jaulend ab.
Die Überraschung in Funkenflugs Gesicht hätte Hund komisch gefunden, wäre er nicht so erschrocken gewesen.
»Eindeutig anders«, sagte der Geist schließlich. Er rümpfte die Nase. »Heißt das etwa, ich muss jetzt den ganzen Weg fliegen?«
»Ich dachte, das wolltest du sowieso.« Hund hatte sich so weit erholt, dass er wieder sprechen konnte. Die Stelle zwischen seinen Ohren fühlte sich unangenehm heiß an und spannte. Er warf noch einen Blick auf sein Spiegelbild und rechnete beinahe damit, eine Brandblase zu sehen, aber da war nichts.
Funkenflug machte ein ärgerliches Geräusch. »Es war da eigentlich ziemlich bequem.«
»Ich kann jetzt schmecken«, räumte Hund leise ein. »Dazu war ich bisher nie in der Lage.«
Funkenflug zuckte mit den Achseln. »Ein überschätzter Sinn, den Feuergeister nicht brauchen.«
Hund starrte ihn einen Augenblick an, dann lächelte er. Funkenflugs Desinteresse holte ihn in gewisser Weise auf den Boden der Tatsachen zurück. »Und da dachte ich, es wäre ein Grund zur Freude.«
Der Feuergeist schüttelte den Kopf. »Flügel wären ein Grund zur Freude. Feuer wäre wunderbar. Geschmack ist bloß … Geschmack.«
Wäre die Lutra nicht gewesen, hätte Hund gelacht. Stattdessen sagte er: »Ich freue mich, dich zu sehen. Und bin erleichtert, dass deine Reise durch den Wald reibungslos verlaufen ist.«
Zu seiner Überraschung verschränkte der Geist die Arme und nahm plötzlich eine Abwehrhaltung ein. »Ich war das nicht.« Seine Gesichtszüge verschärften sich missmutig. »Und woher weißt du das überhaupt?«
»Woher weiß ich was?«
»Das mit dem kleinen Baum«, sagte Funkenflug. »Dem abgestorbenen. Der war schon kaputt, als ich ihn gefunden habe.«
»Ich glaube, das musst du mir genauer erklären.« Hund versuchte ruhig zu klingen, obwohl er von plötzlicher Panik gepackt wurde.
»Außerdem hätte ich ihn abgefackelt, nicht abgehackt«, fuhr Funkenflug fort, als hätte Hund gar nichts gesagt, und starrte in den Fluss. »Nicht, dass sie mir geglaubt hätten.« Der Geist rümpfte die Nase. »Zumindest nicht, bevor sie die Feder gefunden haben.«
»Feder?« Hund runzelte die Stirn. »Wovon redest du da?«
»Eisvogel«, sagte der Geist schließlich selbstzufrieden. »Sobald sie die Eisvogelfeder gefunden hatten, haben sie mich vollkommen vergessen.«
»Du sagst, ein Hausbaum wurde zerstört?«, fragte Hund langsam. »Und der Waldclan hat eine Eisvogelfeder in der Nähe gefunden?«
»Ja.« Funkenflug nickte. »Und ich hatte überhaupt gar nichts damit zu tun … na ja, oder erst später.«
Diese Information war zu viel für Hund. Sieg und Morgren waren noch schlauer als gedacht. Die Lutra war mit einem Messer des Waldclans getötet worden. Ein Hausbaum des Waldclans war entweiht worden, und man hatte das Wahrzeichen des Flussclans in der Nähe gefunden.
»Wie lange ist es her, dass sie den Hausbaum entdeckt haben?« Hunds Frage klang dringlich. Wie viel Zeit blieb ihm noch, um diese Situation zu entschärfen?
»Ein paar Stunden.« Funkenflug zuckte mit den Achseln. »Sie sind unterwegs hierher. Ich musste schnell fliegen, damit sie mich nicht einholen.«
Hund hätte am liebsten den Kopf in den Nacken gelegt und losgeheult.
»Wenn Sieg das getan hat, warum sind wir dann noch hier?« Funkenflug runzelte die Stirn. »Schließlich sind wir hergekommen, um sie zu verfolgen. Sie ist weg.«
Hund musste all seine Selbstbeherrschung aufbieten, um ihn nicht anzuschnauzen. »Wir stehen kurz vor einem Kriegsausbruch«, knurrte er. »Und möglicherweise sind wir die Einzigen, die das noch verhindern können. Aber …« Er schüttelte heftig den Kopf, und ein Wimmern entfuhr ihm. »Phönix …«
»Was hat die Feurige damit zu tun?« Funkenflug wirkte immer verärgerter.
»Zu ihr sind Sieg und Morgren unterwegs«, sagte Hund. »Sie wissen, dass sie in Eisgard ist.«
»Dann müssen wir dahin«, erklärte Funkenflug nüchtern.
Hund blickte zu der kleinen ungestümen Gestalt des Feuergeistes auf und war plötzlich so dankbar für seine Anwesenheit, dass er es gar nicht in Worte fassen konnte. »Ja.« Er wedelte mit dem Schwanz. »Wir …«
Ein Schrei aus dem Wasser unterbrach ihn. Dort auf dem Fluss trieb ein kleines Kanu, dessen Bug wie der Kopf einer Stockente geformt war. Das Gesicht des Jungen, der es paddelte, war voller Entsetzen, als er die Lutra zu Hunds Füßen erblickte.
»Warte!«, rief Hund.
Aber es war zu spät. Mit einem weiteren Schrei, der bestimmt meilenweit zu hören war, wendete der Junge geschickt das Kanu und paddelte so schnell er konnte flussabwärts.
Hund hatte keinen Zweifel, dass er schon in wenigen Minuten Gesellschaft haben würde. Er kniff die Augen zusammen, legte den Kopf in den Nacken und stieß ein frustriertes Geheul aus.
Als ihn gleich darauf der erste Pfeil des Waldclans traf, verwandelte sich sein Geheul in einen Schmerzensschrei.
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