Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 51 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

51. Kapitel

 

Nur ein paar Schritte vor ihr wütete die lebendige Dunkelheit im Inneren des Okulus wie ein nächtlicher Sturm, der in einem Glasgefäß gefangen war. Winnie stieß einen leisen, ängstlichen Klageton aus, und Phönix hob eine zitternde Hand, um ihn zu streicheln. Sie hoffte, das würde sie beide beruhigen. Aber sie wandte den Blick nicht von dem Schattensaum ab.

Yelara hatte gesagt, er sei nicht lebendig, doch Phönix hatte den Eindruck, dass ihm ihre Anwesenheit augenblicklich bewusst wurde. Er zog sich vor ihr zusammen, wurde unter der gekräuselten Oberfläche dichter und dicker, wie das Pech, das die Fackeln in der Jägerloge zum Brennen brachte. Sein verschlungenes und verzerrtes Spiegelbild bauschte sich im Wasser um sie herum. Sie hätte geschworen, dass die Temperatur sank, und ihr klapperten die Zähne.

Blitzschnell bildete sich ein Tentakel und holte nach ihr aus. Die wirbelnde Magie des Okulus hielt ihn zurück, aber Phönix konnte sehen, wie der Zauber dünner wurde und sich dehnte, als der Schattensaum sich dagegenpresste.

Phönix hatte einen ganz trockenen Mund, und das Herz galoppierte in ihrer Brust. Es war so weit: Sie war hier, bereit, dem Schattensaum entgegenzutreten.

Nur, dass sie sich alles andere als bereit fühlte.

Sie schüttelte sich heftig und ballte die Fäuste, nahm die sich windende, bösartige Dunkelheit fest in den Blick. Sie hatte bereits einmal gezögert, und möglicherweise hatte das die Hexen das Leben gekostet und ganz Embra in Gefahr gebracht. Als sie jetzt wieder von einem Zitteranfall erschüttert wurde, hatte das nichts mit der Kälte zu tun.

Sie holte tief Luft und versuchte ihre Gedanken zu sortieren, zu denken wie eine Jägerin. Was waren die Stärken des Schattensaums? Was mochten seine Schwächen sein? Wie sollte ihre Strategie aussehen?

Er wird dich töten.

Es war der einzige Gedanke, den sie formulieren konnte, weil er wahr war. Der Schattensaum war stärker als sie. Das wusste Phönix in ihrem tiefsten Inneren. Sie konnte ihn mit Feuer überziehen, bis sie leer war, bis ihr Herz keine Energie mehr zum Schlagen hatte, aber das würde nichts bringen. Es war ein Kampf, den sie nicht gewinnen konnte.

Der Zauber des Schattensaums übte seinen gefährlichen Sog auf sie aus, und als Antwort darauf begann das Feuer in ihrem Inneren zu pulsieren. Als es höher an die Oberfläche stieg, begrüßte Phönix es freudig.

Aber ihre Angst ließ sich nicht so leicht beiseiteschieben, sondern hielt ihr das Risiko vor Augen und bombardierte sie mit den Dingen, die sie zu verlieren hatte, bis Phönix ganz übel wurde.

Sie schloss die Augen, sperrte die Dunkelheit aus, und dachte stattdessen an ihre Freunde, an Sieben, Sechs, Fünf, Winnie und Hund; an diejenigen, die ihr Hoffnung geschenkt hatten, als sie gedacht hatte, es gebe keine, die ihr gezeigt hatten, was es hieß, sich wieder um jemanden zu kümmern, um sie und sich selbst. Nach dem Verlust ihrer Familie war ihr Leben jahrelang nur ein graues Dämmerlicht gewesen, hatte ihre Verbindung zur Welt nur aus einem dünnen Faden bestanden. Nur Winnie und ihr enormer Rachedurst hatten sie am Leben gehalten. Aber ihre Freunde hatten ihr gezeigt, dass es möglich war, weiterzuleben, sogar nachdem die Tragödie und die tiefe Trauer alles an ihr verändert hatten. Sie waren ihr Anker, und Phönix würde alles für sie tun. In diesem Moment stellten sie sich Morgren und Sieg entgegen, um ihr Zeit zu verschaffen, damit sie den Schattensaum bekämpfen konnte. Sie durfte sie nicht im Stich lassen.

Sie durfte Embra nicht im Stich lassen, ein Land voller Menschen, die sie nicht kannte, aber deren Leben gefährlich eng mit ihrem eigenen verknüpft war. Wenn sie Erfolg hatte, würden sie leben; wenn sie scheiterte, würden sie sterben.

Und dann gab es da noch Mohnblüte. Sie war diejenige, die Phönix die Augen für die Wunder der Welt geöffnet hatte, für all die Orte jenseits des Clans, in dem sie aufgewachsen waren. Sie hatte sie alle besuchen wollen. Jetzt war sie fort, und Phönix konnte nichts weiter tun, als diese Orte für sie zu bewahren.

So viele Leben hingen von ihr ab. Sie durfte keins davon im Stich lassen.

Phönix holte tief Luft, wandte sich der sich krümmenden Dunkelheit zu und schob den verzweifelten Wunsch beiseite, dass sie das hier nicht allein tun müsse, den Gedanken, dass sie sich noch nie so klein oder so einsam gefühlt hatte. Als könnte er sie hören, fing Winnie an, an ihren Haaren zu knabbern, und zupfte sanft daran, wie um sie zu erinnern, dass er auch noch da war.

Phönix unterdrückte ein Schluchzen, das sich zum Teil aus Dankbarkeit und zum Teil aus Angst um ihn speiste; sie hätte ihn von ihrer Schulter geschubst, wenn sie davon hätte ausgehen können, dass er gehen würde. Aber sie wusste bereits, dass er das nicht tun würde.

Sie atmete stoßweise, und die Angst lähmte sie. Trotzdem rief sie ihre Flammen, die begierig an die Oberfläche drängten.

Der Schattensaum ballte sich im Inneren des Okulus vor ihr zusammen. Sie starrte ihn an, wappnete sich, dann hob sie die tropfende Hand und riss die Tür zu ihrer Macht auf.

Goldenes Feuer schoss aus ihr hervor, durch den Okulus direkt in die hungrige Finsternis hinein. Als die beiden Substanzen aufeinandertrafen, erfasste eine Schockwelle den magischen Käfig. Einen entsetzlichen Moment lang sah Phönix, wie der Okulus unglaublich dünn wurde, an seine Grenzen stieß, bevor er sich wieder sammelte und den Schatten weiter eindämmte, wenn auch nur gerade so. Mit zusammengebissenen Zähnen drang sie weiter vor und trieb immer mehr Feuer in die Dunkelheit.

Winnie saß angespannt mit zusammengekniffenen Augen da und sah zu, was vor sich ging. Phönix war unglaublich dankbar für seine wärmende Anwesenheit.

Dann ließ der Kampf keinen Raum mehr für Gedanken. Irgendwie bekam der Schatten das Feuer zu fassen. Mit unvorstellbarer Macht zerrte er daran. Phönix mühte sich, die Kontrolle darüber zu behalten, ihre Kräfte einzuteilen, den Strom des Feuers stetig und beherrschbar zu halten, während sie ihre aufsteigende Panik unterdrückte.

Sie wusste nicht, wie lange sie in diesem Kampf gefangen waren, aber schließlich spürte sie, wie ihre Flammen an etwas hängen blieben, an irgendeinem unsichtbaren Teil des Schattens, wie sie sich dort festbissen und Schaden anrichteten. Im Gegenzug wütete die Kreatur nur noch stärker und zerrte immer heftiger. Und es geschah etwas Eigenartiges: Der Schattensaum saugte kontinuierlich die Farbe aus ihrem Feuer, und die Flammen wurden im Inneren des Okulus zu einem irritierenden aschgrauen Wirbel.

Phönix verdoppelte ihre Kräfte und ließ den Feuerschwall immer weiter anwachsen, bis die gesamte Höhle golden glänzte.

Im Inneren des Okulus wand sich der Schattensaum, er zuckte und zog sich zusammen, wurde kompakter und heimtückischer. Jetzt nahm sie seine echte Stärke wahr. Mit unfehlbarer Kraft schnappte er erneut nach ihrem Feuer und zerrte die Flammen so heftig aus ihr heraus, dass Phönix einen Ruck tief in ihrer Brust spürte. Ihr Herz begann eigenartig zu flattern, und eine neue Kältewelle überkam sie.

Inmitten ihrer wachsenden Benommenheit hörte sie Winnie quieken. Mit jedem Atemzug übernahm der Schattensaum immer mehr das Kommando und entriss ihr immer mehr ihres Feuers. Ihr Herz schlug langsamer, und ihre Beine begannen zu zittern. Plötzlich schaffte sie es nur noch mit allergrößter Anstrengung, im Wasser stehen zu bleiben.

Dunkle Flecken tanzten vor ihren Augen, und das, was sie sah, verschwamm. Wurde der Schatten wirklich kleiner, oder war das nur eine optische Täuschung? Vielleicht spielte es auch keine Rolle. Phönix hatte nicht mehr genug Kraft, um ihn zu besiegen. Er hatte gewonnen.

Die dunklen Flecken breiteten sich aus, und ihr Sichtfeld verengte sich. Der Feuerstrom begann zu versiegen. Im plätschernden Wasser gaben ihre Knie fast nach, und die Angst verhinderte jeden Gedanken.

Sie sah sich plötzlich von außen, wie sie vor dem Schattensaum kämpfte, in Dunkelheit getaucht, kaum noch in der Lage, den Arm hochzuhalten.

Dann wurde das Bild von der Erinnerung an Zeniths Befiederung überblendet. Die Hexe war in Licht getaucht, während Phönix im Dunkeln feststeckte. Fast hätte sie laut aufgelacht, als ihr Verstand plötzlich wie wild zu kreisen begann: Sie war Zeniths dunkles Gegenstück, ein Negativabdruck; Zerstörung statt Schöpfung; Scheitern statt Erfolg.

Der Gedanke holte sie in die Realität zurück.

Wie war es Zenith gelungen, die Kraft für diese letzte Anstrengung zu finden, das letzte verzweifelte Aufbäumen der Magie, das zu ihrem Triumph geführt hatte?

Und wenn Zenith das schaffte, konnte sie es dann nicht ebenfalls schaffen? Konnte sie es nicht für ihre Freunde schaffen, die sich auf sie verließen, für die Hexen, die sie um Hilfe gebeten hatten, für die Menschen in Embra mit all ihren unbekannten Träumen? Konnte sie es nicht für Mohnblüte schaffen?

Die Dringlichkeit dieses Gefühls schlug Funken, loderte auf, und Phönix reckte das Kinn. Verzweifelt suchte sie in ihrem Inneren nach etwas, irgendetwas, das ihr helfen konnte. Wo war ihre Wut? Wo war ihr stärkender Zorn? Ursprünglich war dieser Zorn ihr unendlich vorgekommen; hatte er ihre feurige Macht nicht erst zum Vorschein gebracht?

Was, wenn sie nicht gegen den Schattensaum kämpfte, sondern gegen Morgren? Was, wenn sie bekämpfen konnte, was er, Sieg und der Krock ihrer Familie angetan hatten? Was, wenn sie die Erinnerung an ihre letzte Nacht in Poa bekämpfen konnte, als sie ihre Familie ermordet aufgefunden hatte? Den Gedanken bekämpfen, dass sie sie nie wiedersehen würde, sie nie wieder umarmen, hören oder küssen würde? Was, wenn sie ihren Tod selbst bekämpfen könnte?

Wenn sie das könnte, wenn sie diese Gelegenheit hätte, würde sie zweifellos gewinnen.

Phönix sah den Schattensaum an und hob die andere Hand.

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