Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
15. Kapitel
Die kräftige Stimme der Oberhexe trug weit.
»Zum ersten Mal nach über vierzig Jahren heißen wir Jäger in Eisgard willkommen«, sagte Yelara. »Und unter ihnen befindet sich eine Elementhexe.« Aufgeregtes Geflüster breitete sich unter den Hexen aus, als die Oberhexe auf Phönix zeigte.
Phönix wand sich unbehaglich. Das Gefühl, von so vielen Augen gleichzeitig angestarrt zu werden, gefiel ihr gar nicht. Winnie, der auf ihrer Schulter saß, gab ihr einen ermutigenden Stups auf die Wange.
»Sie ist gekommen, um uns in einer Zeit großer Gefahr beizustehen«, fuhr Yelara mit lauter werdender Stimme fort, »und unsere Dankbarkeit sollte grenzenlos sein.« Sie holte tief Luft. »Als ich den Umhang der Oberhexe angenommen habe, habe ich euch allen versprochen, dass die Hexen wieder in die Welt ausschwärmen und wir die Welt in Eisgard willkommen heißen würden.«
Langsam sah sie sich um und begegnete vielen Blicken. »Als ich dieses Versprechen gab, hatte ich mir nicht diese Umstände dafür vorgestellt. Ich weiß, dass wir alle in Angst vor dem Schattensaum leben und es schwer ist – sehr schwer –, an etwas anderes zu denken. Aber ich bitte euch eindringlich, die Ankunft unserer Gäste als das zu betrachten, was es ist: ein historischer Wendepunkt voller Hoffnung für unsere Zukunft.«
Eine solche Verkündigung durch die Ältesten wäre in der Jägerloge höchstens mit beifälligem Grunzen bedacht worden, aber die Reaktionen der Hexen waren weit weniger zurückhaltend. Mit strahlenden Gesichtern jubelten sie begeistert, und einige schleuderten sogar als hell knisternden Ausdruck ihrer Freude Lichtkugeln in die Luft.
Fünf schrie erschrocken auf und packte Sechs am Arm.
Phönix wurde übel. Das hier war hundertmal schlimmer als gedacht. Sie wurde als eine Art Retterin vorgestellt, ohne den Schattensaum überhaupt zu Gesicht bekommen zu haben – dieses Ding, von dem sie alle befreien sollte.
»Setz dich nicht unter Druck«, murmelte Fünf, der sich wieder gefasst hatte, mitfühlend. »Du bist bestimmt noch nervöser als ich jetzt.«
Phönix brachte ein schwaches Lächeln zustande. »Mir ging es schon besser.« Sie sah Fünf an, der immer noch ganz bleich war und dessen Blick ruhelos umherhuschte. »Ist alles in Ordnung mit dir?«
Fünf zuckte unbehaglich mit den Achseln. »Ich glaube, diese ganze Magie beunruhigt mich.« Erneut griff er geistesabwesend nach seinem Schwertknauf. »Aber bestimmt gewöhne ich mich noch daran. Irgendwann.«
Yelara wandte sich an die Freunde. »Kommt.« Sie winkte sie zu sich. »Ich möchte euch die unbefiederten Hexen vorstellen.«
Sieben und Phönix wechselten einen verblüfften Blick, als inmitten der Hexen drei jüngere Gesichter auftauchten und sich zwischen den anderen hindurch nach vorne drängten. Die Mädchen starrten die Jäger unverhohlen an, und Phönix starrte zurück. Winnie schlug aufgeregt mit dem Schwanz, und seine Nase zuckte, während er seinerseits die jungen Hexen musterte.
Im Unterschied zu den älteren Hexen trugen die drei einen Umhang aus einer leuchtend blauen Wolle statt aus Eisadlerfedern.
»Das ist Libbet«, sagte Yelara und zeigte auf das kleinste Mädchen. Sie war nicht älter als acht, hatte olivfarbene Haut und dunkelblondes Haar. Libbet strahlte, während sie aufgeregt auf den Fußballen wippte.
»Hier haben wir Thea«, fuhr Yelara fort und lächelte das Mädchen neben Libbet an. Thea war ein paar Jahre älter als Libbet und hatte blasse und zarte Gesichtszüge, die sie sehr zerbrechlich wirken ließen. Ihre Augen waren von einem erstaunlichen Türkis. Ihr Lächeln war umwerfend.
»Und dies ist Zenith«, schloss Yelara und ließ ihren warmen Blick auf dem ältesten Mädchen ruhen.
Die etwa fünfzehnjährige Zenith stand schützend dicht hinter Thea und Libbet. Ihre Haut war dunkelbraun, ihr Haar geflochten, und sie schaute überaus neugierig. Sie ließ einen abschätzenden Blick über Phönix und ihre Freunde schweifen. Phönix wünschte plötzlich, sie hätte sich vor der Begegnung mit den Hexen das Fell glatt gestrichen; Winnie fing hektisch an, sich die Schnurrhaare zu putzen.
»Mädchen«, sagte Yelara zu den jungen Hexen, »das sind Sieben, Fünf, Phönix und Sechs. Ich möchte, dass ihr sie durch Eisgard führt und ihnen helft, sich hier zurechtzufinden.« Sie hielt inne, um Phönix und ihre Freunde anzusehen. »Vorausgesetzt, ihr seid bereit für eine Führung?«
Sie nickten, und Yelara wandte sich mit einem Lächeln wieder an die jungen Hexen. »Dann fangt doch mit dem Schlemmerbaum an.«
Bevor Phönix etwas sagen konnte, zog Libbet, die kleinste Unbefiederte, sie durch die Reihen der Hexen, und plötzlich waren die Neuankömmlinge umringt von einem Meer aus Gesichtern, alt und jung, aber alle erfreut, und jede Hexe wollte Phönix die Hand schütteln oder ihr auf die Schulter klopfen.
»Hat sie Schlemmerbaum gesagt?«, fragte Sechs und hakte sich bei ihr unter, damit sie in der Menge um sie herum nicht getrennt wurden.
Phönix runzelte die Stirn. »Ich glaube ja.« Erleichtert drückte sie seinen Arm. Bei der Erwähnung von Essen quiekte Winnie auf ihrer Schulter hoffnungsvoll.
»Ihr glaubt doch nicht, dass das Essen hier magisch ist, oder?« Fünf beugte sich mit besorgtem Blick vor. »Kann man Magie überhaupt essen? Ist das nicht gefährlich?«
Bevor sie etwas erwidern konnten, ging die kleine Gruppe zum Baum, den sie vom anderen Ufer des Sees aus schon bemerkt hatten.
»Der ist ja riesig!«, keuchte Phönix.
Gleichzeitig sagte Sieben: »Der ist ja großartig!«
Das älteste Mädchen, Zenith, grinste sie an. Sie wirkte beinahe erleichtert. »Ihr seid die Ersten, die ich ihn zum ersten Mal sehen sehe.« Sie runzelte die Stirn. »Ergibt das Sinn?«
Phönix nickte schweigend, immer noch hingerissen von der Größe des Baums. Der Umfang des Stammes war so groß, dass sie ihn nicht hätten umfassen können, selbst wenn alle anwesenden Hexen und Jäger sich an den Händen gehalten hätten. Die Rinde war von einem dunklen Kastanienbraun, durch ihr Alter tief gefurcht und verströmte einen angenehmen harzigen Duft. Die Blätter waren ungewöhnlich: kleine gefaltete Ovale raschelten über ihren Köpfen, obwohl nicht der geringste Wind ging.
Zenith führte sie zu einer breiten Holztreppe, die sich um den Stamm herum hinauf zu den Zweigen wand. Gemeinsam stiegen sie an riesigen Ästen vorbei. Sieben stieß Phönix an und wies mit dem Kopf auf Tische und Bänke, die direkt aus den Ästen zu wachsen schienen. Ihre Miene war genauso ehrfurchtsvoll wie Phönix’. Unter ihnen blieb der See immer weiter zurück, bis nur noch dann und wann lichtdurchflutetes Wasser zwischen glänzendem Grün aufblitzte. Zenith sah sie immer wieder an, eindeutig fasziniert von ihrer Reaktion, während weiter unten Hexen die Treppe verließen, um sich an die Tische zu setzen, und die Gruppe bei ihrem weiteren Aufstieg von Geplauder und Gelächter begleitet wurde.
»Bist du wirklich eine Jägerin?«, quiekte eine leise Stimme neben Phönix. Libbet starrte sie, immer noch auf den Fußballen wippend, aus riesigen braunen Augen an. »Bist du die Elementhexe? Sind das deine Äxte? Warum hast du einen Handabdruck im Gesicht?«
Phönix verkniff sich ein Lächeln angesichts des atemlos vorgetragenen Fragenkatalogs.
»Ich bin Phönix«, stellte sie sich vor. Sie drehte sich um und sah, dass auch Thea und Zenith zuhörten. »Und ja, ich bin eine Jägerin.«
»Du wirkst noch so jung«, sagte Thea. Ihre Stimme war verglichen mit ihrem zerbrechlichen Aussehen überraschend kräftig.
»Wir sind die jüngsten seit fünf Generationen!«, rief Fünf, der nun plötzlich fröhlicher wirkte. »Aber lasst euch von unserer Jugend nicht täuschen. Wir sind sehr Furcht einflößend.«
Zenith schnaubte belustigt. Sie warf ihnen erneut einen Blick über die Schulter zu, blieb aber nicht stehen.
Libbet starrte Phönix immer noch gespannt an und wartete die Antworten auf ihre übrigen Fragen ab.
»Das stammt von einem Feuergeist«, erklärte Phönix und zeigte auf die Narbe auf ihrer Wange – mit einer widersprüchlichen Mischung aus Zuneigung und Furcht erinnerte sie sich an Funkenflug, während Libbet große Augen bekam –, »und wie Fünf gesagt hat, sind wir wirklich Jäger, obwohl wir noch so jung sind. Und ja, ich bin die Elementhexe.«
Elementhexe. Das Wort klang eigenartig und sandte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Es fühlte sich seltsam an, es laut auszusprechen, nachdem sie es wochenlang geheim gehalten hatte.
»Du bist eine Feuerhexe, nicht wahr?«, fragte Zenith und verlangsamte mit neugieriger Miene ihre Schritte. »Nara hat uns vor ihrer Abreise von dir erzählt.« Sie musterte Phönix. »Ich weiß, dass Feuerhexen die zerstörerischsten sind, aber … Nimm’s mir nicht übel, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass dir etwas gelingt, was fünfzig Hexen nicht gelungen ist. Natürlich hoffe ich, dass ich mich irre …« Sie schüttelte sich und lächelte Phönix beruhigend an, ohne zu bemerken, welchen Aufruhr sie in deren Magen verursacht hatte. »Wie auch immer, Nara wird dich persönlich unterrichten.«
»Sie gibt mir Unterricht?«, fragte Phönix. Hoffnung und Angst stiegen gleichzeitig in ihr auf, als Zenith nickte.
Unterricht. Magie-Unterricht. Überrascht stellte sie fest, dass ein Teil von ihr sich darauf freute. Die Angst vor ihrer Macht war groß, aber sie kam von der Unvorhersehbarkeit des Feuers – der Art, wie es beim kleinsten Anreiz in ihr aufstieg und hervorzubrechen drohte. Davon, dass es stärker zu werden schien. Aber wenn sie es kontrollieren könnte, würde sich das alles vielleicht ändern. Vielleicht könnte die Macht dann sogar nützlich sein. Auf jeden Fall freute sich Phönix, dass Nara sie unterrichten würde. Die Hexe hatte auf sie vertrauenswürdig und vernünftig gewirkt.
Zeniths Augen nahmen einen träumerischen Ausdruck an. »Hoffentlich ist das erst der Anfang – der erste Schritt zur Rückkehr Eisgards nach Embra.«
Fünf schauderte. »Genau das, was Embra braucht. Noch mehr unbekannte Magie.«
Zenith blinzelte. »Eisgards Magie würde den Clans helfen, so wie früher.« Sie betrachtete ihre unsicheren Gesichter. »Die Clans … erinnern sich doch an alles, was wir für sie getan haben, oder?«
»Alles, was ihr getan habt?« Fünf runzelte die Stirn. »Was denn? Seit Jahrzehnten hat niemand mehr etwas von einer Hexe gehört.«
Phönix sah das Entsetzen, das sich auf dem Gesicht des Mädchens ausbreitete. »Was denn?« Schwach wiederholte Zenith Fünfs Frage und richtete sich hoch auf. »Wer hat denn den Friedensvertrag zwischen den Eisriesen und dem Gebirgsclan ausgehandelt? Wem ist es gelungen, das Schwarzwasser im Griff zu bannen, damit es die anderen Flüsse nicht verseucht?«
Phönix und ihre Freunde wechselten einen unbehaglichen Blick.
Zenith starrte sie fassungslos an. »Ist das euer Ernst?«
»Ich glaube, den Eisriesenvertrag haben wir mal in der Loge durchgenommen«, sagte Sechs und kniff die Augen zusammen, während er sich daran zu erinnern versuchte. »Aber das ist ja wirklich schon sehr lange her.«
»Na und?«, keuchte Zenith. »Ohne diesen Vertrag wäre der Gebirgsclan zu Gesteinsstaub zermahlen worden! Wollt ihr wirklich sagen, kein Mensch erinnert sich mehr daran, dass wir sie gerettet haben?«
»Der Gebirgsclan bestimmt«, sagte Phönix schnell in versöhnlichem Tonfall. »Aber die Clans sind jetzt eher auf jüngere Entwicklungen konzentriert. Die … äh … während ihrer Lebenszeit stattgefunden haben.«
»Nur weil unser Beitrag schon ein paar Jahre …«
»Jahrhunderte«, flüsterte Fünf.
»… her ist, heißt das nicht, dass er weniger bedeutsam wäre!«, rief Zenith.
Phönix biss sich auf die Lippe. Irgendwie sollte das anders laufen.
Fünf zuckte mit den Schultern. »Das ist Wunschdenken. Eisgard ist praktisch vergessen.«
»Fünf!«, rief Sechs.
Zenith wirkte entsetzt. Einen Augenblick dachte Phönix, sie würde noch etwas sagen, aber dann drehte sie sich bloß um und stieg zügig weiter die gewundene Treppe hinauf, während der blaue Umhang sich hinter ihr bauschte, als sie aus ihrem Sichtfeld verschwand.
»Großartig«, knurrte Sechs. »Wir haben schon Freunde gefunden.«
Fünf zuckte zusammen. »Tut mir leid, okay? Wahrscheinlich kann ich nicht so … klar denken wie sonst. Dieser Ort hier …« Er sah sich um und schauderte erneut.
»Stimmt das?«, fragte Libbet zögerlich. Sie wippte nicht mehr auf den Fußballen und wirkte auf einmal kleiner, viel jünger. »Hat Embra uns wirklich vergessen?«
»Na ja …« Fünf brach ab und schnitt eine Grimasse, als Sechs ihm noch einen wütenden Blick zuwarf.
Er wurde davon erlöst, als Zenith mit einer Schriftrolle in der Hand wieder auftauchte. Auf dem Weg zu ihnen kritzelte sie hektisch etwas darauf.
»Also gut«, sagte sie geschäftsmäßig. »Thea, Libbet und ich haben bereits eine ganze Führung vorbereitet: von den Schleusenräumen bis zum Horst.«
»Wir planen das schon, seit wir erfahren haben, dass Nara euch einladen würde«, sagte Thea.
Zenith nickte dem Papier, auf das sie schrieb, zu. »Ich habe auch schnell eine Liste der wichtigsten Etappen aus Eisgards Geschichte erstellt, für den Fall, na ja … dass irgendjemand sein Gedächtnis auffrischen muss.« Ihr Lächeln wirkte gezwungen, als sie Fünf ansah.
»Wunderbar!«, sagte Sechs strahlend und stieß Fünf an, bis der auch nickte.
Die junge Hexe schien sich zu entspannen. »Wunderbar«, wiederholte sie. »Dann folgt mir!«
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