Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 43 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

43. Kapitel

 

Auf der Treppe begegneten sie Fünf und Sechs, die gerade aufgestanden waren und beide äußerst verwirrt wirkten.

»Was ist mit den Kugellichtern passiert?«, fragte Sechs. »Das in meinem Zimmer ist gerade erloschen wie eine Kerze!« Er zeigte auf ein Licht, das sich unbestimmt über ihren Köpfen bewegte. Es flackerte eigenartig, dann ging es blinkend aus.

Sie starrten alle die Stelle an, an der das Licht gewesen war. Das Nachglühen verblasste langsam.

»Für meinen Geschmack etwas zu ähnlich wie in der Krypta«, sagte Fünf leichthin, aber damit konnte er niemanden täuschen; sie wechselten einen unbehaglichen Blick, bevor sie gemeinsam die Treppe hinabstiegen.

Vor ihnen erlosch ein weiteres Kugellicht und tauchte die Treppe in Dunkelheit. Phönix holte dankbar den Mondstein aus der Tasche, der augenblicklich zum Leben erwachte und sein beruhigendes, silberblaues Licht um sie herum verbreitete.

»Was bei Embra?«, flüsterte Sechs. Einen Augenblick dachte Phönix, dass er noch immer von den Lichtern sprach, von denen gerade wieder eins erloschen war. Dann sah sie ihn die Wand anstarren. »Phönix, Fünf, Zenith, seht euch das an!« Er winkte sie zu sich.

Fünf machte ein angeekeltes Geräusch. »Iih, schon wieder einer von denen. Warum hat man eigentlich nie etwas dagegen unternommen?«

Phönix beugte sich vor und hielt den Mondstein näher an die Wand, bevor sie zurückzuckte. Das Gesicht eines Glimmers starrte ihr entgegen, als das Licht des Mondsteins die Eisschichten durchdrang und das grobe Reptiliengesicht und die gezackten Zähne zum Vorschein brachte. Der mächtige Körper des Wesens war mit perlmuttartigen Schuppen und spitzen Stacheln bedeckt, und seine vier Gliedmaßen endeten alle in gefährlich langen Klauen.

»Schaut genauer hin«, sagte Sechs dringlich.

Fünf warf ihm einen besorgten Blick zu. »Sechs, das ist zwar ein dunkles Wesen, aber es ist schon jahrhundertelang in dieser Wand gefangen, weißt du noch? Es ist mehr als tot.«

»Warum bewegt es sich dann?«, fragte Sechs mit fester Stimme und hielt den Blick unverwandt auf den Glimmer gerichtet.

»Das bildest du dir ein.« Um seine Ansicht zu beweisen, beugte Fünf sich vor und klopfte schnell auf das Eis. »Siehst du? Alles in Ordnung.«

Unter dem Eis ballten sich die Krallen des Wesens ganz langsam zu Fäusten. Als es die Augen aufklappte, sahen die vier gerade noch, wie sich das leuchtende Orange in ein schmieriges Schattenschwarz verwandelte.

Sie standen alle in ungläubigem Staunen da.

»Bitte sagt mir, dass wir nur halluzinieren«, murmelte Fünf.

Das Eis über dem Gesicht des Glimmers zerrriss mit einem peitschenartigen Knall.

»Zurück!«, rief Phönix und nahm eine Axt vom Rücken. Das Wesen wand sich unter dem Eis und versuchte sich zu befreien. Ein weiterer Riss zog sich über die glatte Oberfläche.

Zenith machte mit weit aufgerissenen Augen einen Satz zurück. »Unmöglich«, keuchte sie. »Unmöglich!«

Knirschend und ächzend platzte die Wand auf, und Eissplitter regneten auf sie herab. Und plötzlich stand ein ausgewachsener Glimmer vor ihnen.

»Macht so viel Lärm wie möglich!«, rief Phönix, die sofort aktiv wurde. »Versucht ihn zu verwirren!«

Sechs nickte, stolperte rückwärts und griff nach seinem Bogen.

Der Kopf des Wesens zuckte in seine Richtung.

»Pass auf, Sechs!«, rief Phönix. Sie versuchte verzweifelt, sich an den Eintrag über Glimmer in Magische Tierwelt zu erinnern.

Ihre Gestalt kann variieren … aber charakteristische orangefarbene

Augen … Ihr Sehvermögen ist außerordentlich gut ausgeprägt und

darauf verlassen sie sich …

… die Fähigkeit zu … Die beste Verteidigung … Kampfhaltung

Rücken an Rücken … ist stark, aber … auf übliche Art getötet werden.

Aggressionspotenzial: 8/10

Bedrohungsausmaß: 8/10

Schwierigkeitsgrad der Bekämpfung: ?/10.

Phönix biss die Zähne zusammen, sie hatte mehr vergessen, als sie im Gedächtnis behalten hatte. Und es gab etwas besonders Wichtiges, was man bei Glimmern berücksichtigen musste, aber was war das? Sie versuchte sich verzweifelt an die fehlenden Informationen zu erinnern – vergeblich.

Der Glimmer geiferte jetzt, und lange Spuckefäden hingen ihm aus dem Maul.

»Uäh«, murmelte Fünf. »Was meint ihr, wann der zum letzten Mal was zu fressen gekriegt hat?«

Zenith schüttelte entsetzt den Kopf. »Der steckt schon mein ganzes Leben lang da in der Wand!«

Fünf schnaubte, während Sechs und er näher zusammenrückten. »Na großartig. Dann ist er bestimmt vollkommen ausgehungert.« Er riskierte einen Blick auf Phönix. »Was müssen wir wissen?«

Während er noch sprach, stürzte sich der Glimmer mit im Mondsteinlicht schimmernden Schuppen auf ihn. Fünf hieb heftig mit dem Schwert nach ihm, und er zuckte zurück.

»Äh …« Phönix zögerte und packte ihre Äxte fester, als das Wesen sie mit hungrigem Blick umkreiste.

»Der Hauptaspekt ist die Unsichtbarkeit«, sagte Zenith, der es irgendwie gelang, ganz sachlich zu klingen.

Phönix stöhnte. Wie hatte sie das nur vergessen können?

»Der hier ist ausgewachsen«, fuhr Zenith fort, »das heißt, er wird jetzt jeden Moment …«

Wie auf Befehl verschwand der Glimmer.

»Unsichtbarkeit?«, murmelte Fünf und ließ den Blick über den offenbar leeren Platz vor sich schweifen. »Na großartig.«

Zenith fluchte leise und flüsterte ein Wort in Stummer Sprache. Über ihr tauchte ein rotes Licht auf. »Verteidigungszauber«, flüsterte sie. »Der hilft uns, wenn sich der Glimmer an einen von uns anschleicht.«

Phönix zog Zenith zu sich, bis sie beide nebeneinander mit dem Rücken zur Wand standen. Ganz leise ging sie in die Hocke, um den Mondstein auf dem Boden abzulegen und die andere Axt vom Rücken zu nehmen.

Wortlos hob sie den Finger an die Lippen. Fünf, Sechs und Zenith nickten.

Sie hielt den Atem an, um ihr klopfendes Herz zu beruhigen, und lauschte angestrengt. Sie hörte das leise Klirren von Eiskristallen, die immer noch an der Stelle, an der der Glimmer aus der Wand geplatzt war, herunterfielen, Fünfs und Sechs’ Atmung und … Phönix runzelte die Stirn und versuchte das leise, sanfte Geräusch einzuordnen: das Kratzen von Krallen auf Eis am Rand des Mondsteinlichts.

Gerade rechtzeitig gab sie den anderen ein Zeichen. Der Glimmer sprang Sechs an, und der Mondstein enthüllte ihn, sobald er sich in seinen Lichtkreis begeben hatte. Zeniths Verteidigungszauber raste auf das Wesen zu, traf es mit Wucht auf der Brust und schleuderte es rückwärts. In schneller Folge durchbohrten es drei von Sechs’ Pfeilen, und kurz darauf war Fünf da, der sein Schwert in einem tödlichen Bogen schwang und ihm den Kopf abschlug. Die schmierige Schwärze tropfte aus seinen Augen und verschwand.

Einen Moment sprach keiner von ihnen, sie waren alle viel zu entsetzt, um sich zu rühren.

»Schaut mal!«, hauchte Zenith dann.

Sie zeigte auf die Wand, aus der der Glimmer aufgetaucht war. Das Eis schien sich selbst zu reparieren. Große und kleine Splitter klirrten leise, während sie sich ineinanderschoben und die gezackte Wunde heilten, bis die Wand wieder glatt und unversehrt war.

»Irgendetwas hat die Magie in Eisgards Wänden überwältigt, um den Glimmer rauszulassen«, flüsterte Zenith langsam. »Und jetzt repariert sich die Magie selbst.«

»Könnte so was auch in der Krypta passiert sein?«, flüsterte Phönix. »Falls ja, haben wir möglicherweise gerade gesehen, wie der Berster hier reingekommen ist.«

Sechs nickte. »Und der Lefzenlecker.«

»Aber … der Glimmer war doch tot«, sagte Fünf. »Wie wurde er wieder zum Leben erweckt?«

Zenith schüttelte den Kopf, und alle schwiegen.

»Die Augen des Glimmers sahen genauso aus wie die der Statuen«, sagte Sechs schließlich, und es klang fast wie eine Frage.

Bevor irgendjemand etwas anmerken konnte, ertönte ein Schrei weiter unten am Schlemmerbaum und hallte vom Eis um sie herum wider.

»Das klingt gar nicht gut.« Fünfs Blick huschte zwischen dem toten Glimmer und der Richtung, aus der der Schrei gekommen war, hin und her.

»Kommt«, sagte Phönix düster, schulterte ihre Äxte und hob den Mondstein wieder auf.

Ein weiterer Schrei gellte durch den Palast, und die vier rannten los – hinein ins Ungewisse.

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