Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
46. Kapitel
»Phönix! Konzentrier dich!«, rief Sechs, als zwei Winterwölfe nebeneinander angeschlichen kamen. Der Erste war bereits auf sie zugesprungen und hielt mit seinem Maul auf ihre Kehle zu. In letzter Sekunde wich sie ihm aus und ließ beide Äxte mit aller Kraft auf seinen Nacken niedersausen. Noch bevor er auf dem Boden aufschlug, war er tot, und sein Schwung trug ihn an Fünf vorbei, wo er dann grausig über das Eis schlitterte.
Phönix holte zitternd Luft. Das war mehr als knapp gewesen.
»Das darf nicht noch mal vorkommen!«, rief Sechs.
Sie nickte und zwang sich, den Blick auf das finstere Treppenhaus zu richten. »Wird es auch nicht.« Mehr als alles andere wollte sie sich jedoch umdrehen und sehen, wie es Zenith erging.
»Ehrlich gesagt«, knurrte Fünf, der sie packte und nach hinten zog, um ihren Platz einzunehmen, »wenn du unbedingt zusehen willst, dann mach das.«
Sie widersprach nicht, sondern trat dankbar zurück zwischen die beiden Gruppen, sodass sie gleichzeitig die Tür im Auge behalten und Zenith zusehen konnte. Ihr Herz raste, und ihr Mund war ganz trocken.
Thea und Libbet kamen aus ihrem Versteck gekrochen. Ganz offensichtlich war ihnen bewusst, was gleich geschehen würde. Beide hielten sich im Hintergrund eng umschlungen. Zenith stand vor dem Eisblock, der mindestens doppelt so groß wie sie selbst vor ihr aufragte. Im schwachen Licht der Morgendämmerung wirkte er grau, massiv und steinhart. Eine unmögliche Aufgabe. Wie sollte man einen Eisklumpen in ein atmendes Lebewesen verwandeln? Das ging Phönix nicht in den Kopf.
Mit einem lauten Brüllen stürzte sich Fünf auf ein nicht sichtbares Wesen im Inneren des Treppenhauses.
Zenith rührte sich nicht, sie schien ihn noch nicht mal gehört zu haben. Ihre gesamte Energie war nach innen gerichtet, ihre rechte Hand ausgestreckt. Dann musste sie etwas gesagt haben, und plötzlich war die Luft von wilder, dröhnender Magie angefüllt. Ein gewaltiges, gold geflecktes und Furcht einflößendes Leuchten stieg um sie herum auf und fesselte sie mit dicken Lichtseilen an ihren Platz.
Der Zauber sprach auch das Feuer in Phönix’ Blut an, lockte es an die Oberfläche, bis ihre Fingerspitzen kribbelten. Ihr rutschte das Herz in die Hose, als sie beobachtete, wie Zeniths Magie sich um ihre Brust schlang und sich dann wie ein gekräuseltes Band über ihren ausgestreckten Arm bewegte. Phönix hielt die Luft an. Ein Teil von ihr hätte gerne den Blick abgewandt, aber sie war vollkommen gefesselt.
Der Zauber wanderte an Zeniths Handgelenk vorbei bis zu ihren Fingerspitzen. Phönix sah, dass die Hexe zu zittern begann – immer stärker, je mehr die Anstrengung, so viel Macht zu kontrollieren, ihren Tribut forderte.
Unbewusst rückte Phönix näher. Die Kraft von Zeniths magischem Magnetismus zog sie an.
Aus einem von Zeniths Nasenlöchern sickerte Blut, als sich der Zauber über ihre Finger hinausbewegte und zögerlich den Abstand zwischen ihr und dem großen Eisblock überbrückte. Phönix merkte ihr die Anspannung deutlich an. Zeniths Beine zitterten, und die Fingerknöchel ihrer linken Hand waren deutlich zu erkennen. Es sah aus, als kostete es sie all ihre Kraft, auf den Beinen zu bleiben, als kostete es sie all ihre Kraft, auch nur bei Bewusstsein zu bleiben. Doch ihre Augen glühten nur so vor Entschlossenheit. Phönix spürte, dass Zenith es nicht mal gemerkt hätte, wenn die Welt um sie herum untergegangen wäre, so versunken war sie in ihren Zauber, und so gewaltig war ihr Wille, erfolgreich zu sein.
Phönix hielt den Atem an: Würde das genügen?
Zeniths Knie gaben nach, als ihr Blut vom Kinn tropfte, aber die Magie floss immer noch durch sie hindurch, über sie hinaus, auf das Eis zu.
Thea schluchzte leise, einen Arm um Libbet gelegt, deren Haare sie mit ihren Tränen benetzte. Sieben war mit weit aufgerissenen Augen näher an die beiden herangerückt.
Phönix konnte sich weder rühren noch atmen. Winnie schmiegte sich an ihre Wange und schenkte ihr so viel Trost, wie er aufzubieten hatte.
Als Zeniths Magie das Eis berührte, schwoll der Strom zu einer riesigen Flut an. Auf einmal konnte Phönix Zenith durch das immer heller werdende Licht kaum noch sehen. Aber das Wenige, das sie sah, machte ihr Angst: Die Hexe, nicht mehr als ein Schatten inmitten des magischen Sturms, war zur Seite gesackt und hatte kaum noch genug Kraft, den Arm oben zu halten. Doch ihr Blick konzentrierte sich weiterhin auf den Zauber, versuchte Leben in das Eis zu brennen, selbst als sie zu schwanken begann.
Langsam, unglaublich langsam, sah Phönix, dass das Eis wirklich begann, sich zu verändern. Die harten Kanten wurden weicher, der Umriss verwischte, während das Dröhnen der Magie immer weiter anwuchs und wie eine Flut aus Zenith herausströmte.
Erschrocken bemerkte Phönix, dass sie spüren konnte, wie sich der Zauber bildete. Ihr Blut summte von der Verbindung. Sie nahm wahr, wie sich die Magie verwob: ausladend, komplex, unverständlich – und immer verschlungener, je mehr der Eisadler Gestalt annahm. Sie spürte, wie sich unter seiner gefrorenen Oberfläche Muskeln miteinander verbanden, und wie empfindliche Organe, die kurz vorm Entstehen waren, von Blutgefäßen durchzogen wurden.
Phönix feuerte Zenith mit aller Kraft an. Ein letztes Aufbäumen, mehr war nicht nötig, um den Zauber zu vollenden, dessen war sie sich sicher. Aber statt anzuschwellen ließ die Magie nach, und entsetzt sah Phönix, dass Zenith zu Boden sank, kaum noch bei Bewusstsein, der magische Strom nicht mehr als ein winziges Rinnsal.
»Zenith!«, hörte sie sich rufen.
»Zenith!«, schrie Libbet auf und schluchzte. Thea hielt sie zurück, als sie versuchte, in den glühenden Zauber hineinzulaufen, und Sieben sprang vor, um ihr zu helfen.
Unvorstellbarerweise hörte Zenith sie und reagierte. Phönix spürte, bevor sie es sah, wie eine letzte, verzweifelte Handvoll Magie auf das Eis geschleudert wurde.
Und auf einmal nahmen Einzelheiten vor Phönix’ Augen Gestalt an: ein gebogener Schnabel, die anmutig geschwungenen Flügel, mächtige Klauen. Die Magie zog sie an, und sie spürte, wie sich im Inneren der Statue eine große Macht sammelte, bis sich das Eis wie durch eine plötzlich aufbrandende Welle veränderte. Es kamen zart geschnittene Federn zum Vorschein, die einen lebendigen Glanz annahmen, Krallen öffneten und schlossen sich, und schließlich hellten sich auch die gefrorenen Augen auf, blinzelten und wandten sich ihrer Schöpferin zu.
Ein Eisadler war geboren.
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