Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
23. Kapitel
Phönix saß mit ihren Freunden an einem Tisch im Schlemmerbaum, während Winnie nervös an einer ihrer Haarsträhnen knabberte. Unter ihnen glänzte der See, in dem die Fische komplizierte bunte Muster durch das Wasser zogen. Die riesigen Statuen – die Eismütter – hatten ihre Sockel verlassen und standen in Grüppchen auf dem See herum, der dort, wo ihre Füße das Wasser berührten, gefror. Das Gemurmel ihrer Stimmen hallte leise zu ihr herüber.
Immer wenn Phönix die Augen schloss, tobte der Schattensaum hinter ihren Lidern. Sie konnte nur an eins denken: Wenn Embras Überleben davon abhing, dass sie dieses Ding zerstörte, war das Schicksal ihres Landes bereits besiegelt. Sie versuchte diese Überzeugung abzuschütteln, doch sie kehrte immer wieder zurück.
»Du sagst ja gar nichts.« Sechs sah sie besorgt an. »Du weißt, dass wir dir helfen werden, so gut wir können, nicht wahr? Deshalb sind wir mitgekommen.«
»G…genau. Du bist nicht allein.« Siebens blasses Gesicht war ernst.
Phönix brachte ein schwaches Lächeln zustande.
»Wünscht ihr euch auch, diese Jira hätte die Finger von der Koboldmagie gelassen?« Fünf seufzte kopfschüttelnd.
»Sie dachte, sie würde nur ein Portal öffnen«, erinnerte Sechs ihn.
»Das hat sie auch.« Stöhnend ließ Fünf sich auf seinem Stuhl zurücksinken. »Und es führt direkt in unser Verderben.«
Phönix blickte amüsiert auf.
Sechs verdrehte die Augen. »Sei nicht immer so dramatisch.«
»Es ist dramatisch«, sagte Fünf düster. »Eine Flutwelle aus Salzwasser und eine Krankheit, die bereits die meisten Hexen ausgelöscht hat. Morgren und Sieg brauchen gar keine Koboldarmee, um Embra einzunehmen: Sie können hier einfach reinspazieren.«
»Du glaubst nicht, dass es mir gelingt, ihn zu zerstören, oder?« Phönix musterte ihn genau.
»Na ja …« Er zögerte. »Glaubst du, dass du es schaffst?«
Ihre Blicke begegneten sich, und sie sah, dass seine Angst genauso groß war wie ihre.
»Fünf, du bist echt unglaublich!«, rief Sechs.
»Ich bin bloß ehrlich«, sagte Fünf stirnrunzelnd, »im Unterschied zu dir. Wir werden nichts tun können, womit wir Phönix wirklich helfen könnten. Du hast dieses Ding doch gesehen. Du weißt es.«
Sechs schüttelte den Kopf. »Du warst Zenith gegenüber unverschämt und bist es jetzt auch.«
Zwei leuchtend rote Flecken erschienen auf Fünfs Wangen, als er zu einer Erwiderung anhob.
»Es reicht.« Sieben unterbrach sie mit ungewöhnlich scharfer Stimme. »Macht ihr um d…diese Zeit sonst nicht eure K…kampfübungen?«
Die Jungen sahen sie überrascht an. Sechs fing sich als Erster. »Äh, das stimmt, ja. Aber …«
»Tja, d…dann solltet ihr das vielleicht machen«, sagte Sieben. »Jetzt.« Sie wechselte einen schweigenden Blick mit ihrem Bruder. Kurz darauf nickte Sechs.
»Wie bitte?«, fragte Fünf mit hochgezogenen Augenbrauen. »Hat sie uns etwa gerade weggeschickt?«
Sechs hatte ihn bereits am Ellbogen gefasst und führte ihn davon. »Komm schon … sie hat recht. Du hast das Training nötig. Gestern warst du furchtbar.«
»Das stimmt doch gar nicht!« Fünfs wütende Stimme verhallte, während Sechs ihn wegbrachte.
Phönix starrte Sieben an.
»Wenn es sein muss, k…kann ich auch streng sein.« Sieben zuckte unbeholfen mit den Schultern. »Ich kann dich vielleicht nicht vor einem Kantenwurm retten, aber ich kann problemlos meinen Bruder loswerden. Und Fünf folgt ihm überallhin.«
»Danke«, sagte Phönix aufrichtig. »Ich weiß nicht, ob ich ausgerechnet jetzt einen Streit zwischen den beiden ertragen hätte.«
»Wir alle g…glauben an dich«, sagte Sieben sanft. »Ich bin sicher, dass Fünf das nicht so gemeint hat.«
Phönix schüttelte den Kopf. »Er hat ja recht. Diese Aufgabe … wird eine Kraftprobe werden: Meine Magie gegen die des Schattensaums. Keiner von euch kann mir dabei helfen. Nicht wirklich.«
»D…du und Fünf habt beide etwas Wichtiges vergessen«, wandte Sieben ein. »Freunde zu haben, die einen unterstützen, spielt eine große Rolle. Und d…das kann wirklich etwas ausmachen. Ich b…bin hier, falls du reden willst.«
Trotz des Schattensaums ging Phönix das Herz auf. Sieben war die stillste ihrer Freunde, diejenige, die am wenigsten Aufmerksamkeit einforderte, der es genügte – die es vielleicht sogar vorzog –, im Schatten der anderen zu stehen. Aber in Momenten wie diesen wurde Phönix wieder bewusst, dass Sieben außerdem die Nachdenklichste und die Netteste von ihnen war. Es war Sieben gewesen, die ihr Winnie geschenkt hatte, und dafür war sie jeden Tag dankbar.
Als könnte er ihre Gedanken lesen, schmiegte sich Winnie an ihre Wange und richtete seine warmen leuchtenden Augen auf Sieben.
»Der …« Phönix brach ab und schüttelte den Kopf. Warum war es so schwer, über ihre Gefühle zu sprechen? Sie holte tief Luft und setzte noch einmal an. »Der Druck ist ganz schön hoch.«
Zu ihrer Überraschung lachte Sieben.
»Findest du das … witzig?«
Sieben lächelte. »Nein, nur ziemlich offensichtlich.« Sie wurde nachdenklich. »Aber du musst dich auf die D…dinge konzentrieren, die du kontrollieren kannst. Das ist die einzige Möglichkeit, damit klarzukommen.«
»Ich habe das Gefühl, überhaupt nichts kontrollieren zu können.« Phönix seufzte.
»Deinen Unterricht bei Nara schon«, sagte Sieben mit fester Stimme. »Darauf musst du dich konzentrieren. Denk an deine Äxte. Es hat gedauert, bis du gelernt hast, so gut damit umzugehen, oder? Vielleicht ist es mit der Kontrolle über das Feuer genauso: Es ist eine Fähigkeit, die man wie jede andere erlernen kann.«
Phönix nickte und versuchte aus den Worten ihrer Freundin neuen Mut zu schöpfen.
»Ich glaube an dich, Phönix. Wenn irgendjemand das schaffen kann, dann du. Die Welt ist so groß und voller Wunder …« Sie bemerkte, dass Phönix’ sie entsetzt anstarrte, und unterbrach sich. »Was ist? Habe ich etwas Falsches gesagt?«
Phönix war es heiß und kalt zugleich.
So groß und voller Wunder … Das waren Mohnblütes Worte gewesen … Sie bekam Gänsehaut.
Sieben sah sie mitfühlend an.
»Meine Schwester.« Phönix schluckte. »Mohnblüte. Sie hat einmal fast genau dasselbe zu mir gesagt.« Sie lachte, es klang abgehackt. »Ich musste erst letzte Nacht daran denken.«
Sieben wurde still. »Du hast bisher nie ihren Namen erwähnt. Aber sie hatte recht. Es gibt so viel da draußen und das alles muss jetzt gerettet werden. Offenbar war Mohnblüte sehr klug.«
»Klug?« Obwohl ihr das Herz wehtat, lächelte Phönix. »Wahrscheinlich war sie das, obwohl ich es damals nie so gesehen habe.«
Vorsichtig fragte Sieben: »Wie war sie?«
Phönix schauderte. »Es fällt mir immer noch … schwer, über sie zu sprechen. Ich habe sie verdrängt, eigentlich habe ich alle verdrängt. Aber das will ich nicht mehr. Ich will sie nicht vergessen.«
Phönix sah, wie Sieben wortlos nickte. Wie sollte sie Mohnblüte mit all ihren wunderbaren Widersprüchen beschreiben?
»Sie war so vieles. Sie war liebenswürdig und neugierig. Viel netter als ich. Möglicherweise war sie auch mutiger als ich, obwohl ich diese Seite nur dann und wann an ihr wahrgenommen habe.«
»Wenn sie jetzt hier wäre, was würde sie dann wohl zu dir sagen?«, fragte Sieben.
»›Lass bloß nicht zu, dass Embra zerstört wird, bevor ich irgendwas davon zu Gesicht bekommen habe!‹«, antwortete Phönix ohne nachzudenken, und fast klang die Stimme ihrer kleinen Schwester durch ihre Worte. Beinahe musste sie laut auflachen, so nah war Mohnblüte ihr gerade vorgekommen.
»Sie war auf jeden Fall sehr klug.« Sieben lächelte. »Und was würdest du erwidern?«
Das Lächeln verschwand aus Phönix’ Gesicht. Einen Augenblick sah sie Mohnblüte geradezu vor sich, den Kopf zur Seite geneigt, als wartete sie Phönix’ Antwort ab. »Ich würde ihr natürlich versprechen, den Schattensaum aufzuhalten. Das wäre ich ihr schuldig. Auf … auf eine ziemlich verkorkste Art lebe ich ihren Traum. Sie hätte es wunderbar gefunden, die Jägerloge zu besuchen, Kliff zu sehen. Sie wäre vor Begeisterung geplatzt, wenn sie nach Eisgard gekommen wäre. Eigentlich sollte sie jetzt hier sein, aber …« Phönix brach ab und schluckte den Kloß in ihrem Hals runter. »Ich würde ihr alles versprechen, um das wiedergutzumachen.«
Die Worte waren stark, wie ein Band, das sie einte, und auf einmal spürte Phönix wieder mehr Entschlossenheit als Angst: Sie würde ihr Versprechen an ihre kleine Schwester einlösen.
Sieben wandte blinzelnd den Blick ab und schwieg einen Moment. »Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, dass ich dir wirklich helfen könnte … außer einfach nur hier zu sein, meine ich.«
Phönix schüttelte den Kopf. »Du musst nicht …«
»Yelara hat gesagt, direkt unter dem Horst ist eine Bibliothek«, rief Sieben plötzlich und richtete sich auf. »Ich kann dir nicht helfen, deine Macht zu trainieren, aber ich kann alles über Koboldmagie und den Schattensaum in Erfahrung bringen. Vielleicht haben d…die Hexen etwas übersehen!«
Die Luft um Sieben herum schien vor Energie zu knistern. Ihre Aufregung beflügelte Phönix und verdrängte ihre Angst. Wie großartig es war, so eine Freundin zu haben!
»Ich hoffe, ich störe nicht?«, ertönte eine Stimme hinter ihnen.
Die beiden Mädchen drehten sich um und sahen Nara hinter sich stehen.
»Phönix«, sagte die Hexe, »ich dachte, du wärst vielleicht bereit, direkt mit deinem Unterricht zu beginnen. Wir sollten versuchen, die Zeit bestmöglich zu nutzen, bevor …« Sie brach ab.
Phönix wurde es ganz flau zumute, und das Glücksgefühl, das sie gerade noch verspürt hatte, verschwand. »Wie viel Zeit haben wir noch, bis der Schattensaum … ausbricht?«, fragte sie stockend.
Nara zögerte. »In dem Maße, wie er seinen Einfluss vergrößert, bleiben dem Frostpalast wahrscheinlich nur noch wenige Wochen.« Sie schüttelte den Kopf. »Und das ist optimistisch geschätzt. Je stärker der Saum anwächst, desto schwieriger wird es, den Okulus zu erhalten. Wenn der nachgibt und sich der Schattensaum unkontrolliert ausbreiten kann …« Ihre Augen waren plötzlich entschlossen. »Wir haben viel Arbeit vor uns. Bist du bereit?«
Sieben begegnete Phönix’ Blick und sagte tonlos: Du schaffst das.
Phönix holte tief Luft und nickte Nara zu. »Ich bin bereit.«
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