Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 41 von 59

PDF-Seiten

Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

41. Kapitel

 

Die Kälte auf dem Dach Eisgards traf Phönix mit aller Wucht; mit eisigen Fingern bohrte sie sich in ihren Mund und ihre Nase und schnappte nach ihrer Lunge. Winnie biss sie vor Missfallen kurz ins Ohrläppchen, bevor er unter ihrem Bärenfall verschwand. Aber selbst die plötzliche Kältewelle reichte nicht aus, um Phönix von der erhabenen Schönheit des Horsts bei Nacht abzulenken.

Im Inneren von Eisgard konnte man die seltsame Form des Gebildes leicht vergessen, aber oben auf seiner Spitze ließ sich seine Entstehung aus Wasser nicht leugnen. Spritzer und Brandung aus Eis wanden sich in einem unglaublichen Bogen über ihr, während die Gischt, die von einem uralten Wind aufgepeitscht worden war, in der Luft hing wie Diamanten. Der Mond spiegelte sich in unzähligen glänzenden Oberflächen, und tunnelartige Pfade erstreckten sich silbrig vor ihr. Hoch oben, inmitten des Eisturms, konnte Phönix gerade so die schlafenden Eisadler erkennen, die Köpfe unter die Schwingen gesteckt, deren Federn aussahen, als bestünden sie aus Mondlicht. Die Stimme des Endlosen Meeres war leise, und der Wind schwieg ausnahmsweise.

In der fast vollkommenen Stille war Phönix’ Atem laut zu hören.

»Hallo?« Das war unzweifelhaft Zeniths Stimme, und Phönix ging darauf zu und bahnte sich ihren Weg über gekräuselte, wässrige Eispfade. Plötzlich fand sie sich auf einer großen Freifläche in der Mitte wieder, wo Zenith vor einem riesigen Eisblock stand.

»Phönix.« Zenith war ihre Überraschung deutlich anzumerken.

Phönix zitterte heftig, und ihr klapperten die Zähne, bis Zenith sie mit dem Wärmezauber belegte.

»Danke.« Sie seufzte, als sie spürte, wie ihre Muskeln und Winnie sich durch die plötzliche Wärme entspannten. »Moment mal, solltest du nicht eigentlich auf Magie verzichten?«

»Dieser Zauber ist so unbedeutend, der zählt gar nicht. Es geht um die Nutzung größerer Zauber, die Probleme bereiten könnte. Was machst du überhaupt mitten in der Nacht hier oben?«

»Sieben hat mir gesagt, du könntest Gesellschaft gebrauchen«, sagte Phönix.

»Woher wusste sie das?« Zenith runzelte gereizt die Stirn.

Phönix zuckte mit den Achseln. »Woher weiß sie überhaupt irgendwas? Sie weiß es einfach.«

»Uh«, sagte Zenith. »Das ist, als würde einem jemand hinterherspionieren, oder nicht? Wenn jemand immer weiß, wo du bist und was du denkst, ob du willst oder nicht?«

Phönix zögerte. Sie war kurz davor zuzugeben, dass sie schon öfter ähnliche Gedanken gehabt hatte. »Ich kann auch wieder gehen, wenn es dir lieber ist«, sagte sie dann plötzlich verlegen.

»Das habe ich nicht gemeint.« Zenith schüttelte den Kopf. »Ich meine bloß … stört dich das nicht? Dass sie über all das, was uns passieren wird, Bescheid weiß?«

»Ich glaube nicht, dass sie das weiß«, sprang Phönix ihrer Freundin bei. »Wenn sie etwas Wichtiges gesehen hätte, würde sie uns das sagen.«

Zenith hob die Augenbrauen. »Wenn du meinst.«

»Ja«, entgegnete Phönix mit fester Stimme. »Im Übrigen kann sie ja nichts dafür. Sie hat nicht um diese Macht gebeten. Ich glaube noch nicht mal, dass sie viel davon hält.«

Zenith schauderte. »Ich würde sicher nichts davon halten. Stell dir vor, die Zukunft zu kennen! Schrecklich.«

»Wahrscheinlich«, sagte Phönix leise. So intensiv über Siebens Gabe zu sprechen, machte sie immer nervös. Stattdessen ließ sie den Blick über den Eisblock schweifen. »Was ist das?«

Zenith holte tief Luft. »Mein Albtraum.« Sie lachte schrill auf. Dann lächelte sie über Phönix’ verwirrten Gesichtsausdruck. »Das ist es«, sagte sie leise. »Das Eis, das ich zu meinem Eisadler befiedern werde.«

Phönix starrte sie an. »Kann ich …?« Sie machte eine Kopfbewegung auf das Eis zu.

»Ja.« Zenith lächelte. »Du kannst es anfassen.«

Es fühlte sich an wie normales Eis, war glatt und klebrig kalt unter Phönix’ Fingern. Im Gewirr der gefrorenen Gischt über ihren Köpfen plusterte sich ein Eisadler auf. Phönix blickte zwischen ihm und dem Eis hin und her. und ihr Staunen angesichts dieses unglaublichen Zaubers wuchs ins Unermessliche.

»Wie machst du das?«, flüsterte sie.

»Niemand weiß genau, wie der Zauberspruch selbst funktioniert«, sagte Zenith. »Es ist etwas, das wir schon seit so langer Zeit wissen, wie es Hexen in Eisgard gibt. Es war schon immer der schwierigste Zauber, der, der einen zur Hexe macht.«

»Oder sie bricht«, sagte Phönix leise. Ihr Blick huschte zu Zenith und wieder weg. »Du könntest dabei sterben, oder?«

Zenith nickte langsam, und Phönix biss sich auf die Lippe, um nichts Voreiliges zu sagen.

»Er kostet einen mehr Kraft als andere Zauber«, erklärte Zenith. »Und sobald man ihn heraufbeschworen hat, kann man ihn nicht mehr aufhalten. Wenn man nicht stark genug ist, um ihn zu Ende zu bringen …« Sie brach achselzuckend ab, dann fügte sie hinzu: »Bei der Blutsprüfung, die euch zu Jägern macht, hättest du auch sterben können, oder? Vielleicht unterscheidet sich das gar nicht so sehr voneinander.«

Phönix blickte überrascht auf, als ihr klar wurde, dass Zenith recht hatte. »Meine Blutsprüfung war eher ein Unfall«, räumte sie ein. »Ich wusste damals gar nicht genau, was ich da tat.«

Daraufhin lachte Zenith, ein tiefes Geräusch aus dem Bauch heraus, das die Nacht um sie herum zu erhellen schien. Auf das Lachen der Hexe hin musste Phönix einfach lächeln, sie konnte nicht anders.

»Das musst du mir irgendwann mal ausführlicher erzählen«, sagte Zenith. Dann wandte sie sich wieder dem Eisblock zu und betrachtete ihn nachdenklich. »Weißt du, wie viel deine Ankunft hier für mich verändert hat?«

»Wirklich?«

»Warum sollte ich einen Eisadler brauchen, wenn ich sowieso nirgendwohin kann?« Zenith hatte den Blick in die Ferne gerichtet. »Vor der Schattenkrankheit sind die Hexen in die Welt hinausgegangen; sie haben Dinge erreicht. Ich habe mein ganzes Leben nur davon geträumt, die Dinge zu tun, die sie früher tun konnten, und nie zu hoffen gewagt, dass es wirklich dazu kommen könnte. Dass du hier bist, hat so viel in Bewegung gesetzt. Dinge, die mir vorkamen wie die wildesten Träume, könnten jetzt möglich sein, oder sogar mehr als möglich – wahrscheinlich!« Sie schüttelte den Kopf. »Sein ganzes Leben lang wünscht man sich etwas, und dann hat man es plötzlich vor sich, in Reichweite.« Sie schluckte, bedachte Phönix mit einem zittrigen Lächeln. »Ich weiß, das klingt albern, aber es macht mir auch Angst.«

Phönix nickte langsam. »Ich glaube, ich kann dich verstehen.«

Zenith schüttelte sich. »Warst du eigentlich schon im Horst?«

»Ist das hier nicht der Horst?«, fragte Phönix.

»Nein! Komm mit. Es wird dir gefallen!«

Sie nahm Phönix’ Hand und zog sie durch geriffelte, gekräuselte Durchgänge im Eis. Jede Facette glitzerte lebendig und hell.

»Wie ist Eisgard eigentlich entstanden?«, fragte Phönix.

»Das weiß keiner«, flüsterte Zenith. »Und du solltest übrigens leise sprechen. Damit wir die Adler nicht wecken.« Sie warf Phönix aus den Augenwinkeln einen zögerlichen Blick zu. »Es gibt die Theorie, dass eine Elementhexe es gemacht hat.«

Phönix klappte den Mund auf. »Was?«

»Na ja«, Zenith zuckte mit den Schultern, »du bist eine Feuerhexe. Wasserhexen haben dieselbe Macht über Wasser. Aber dennoch …« Sie schüttelte den Kopf und sah sich um. »… welche Kraft nötig wäre, um so etwas zu erschaffen …«

In Phönix’ Brust breitete sich ein sanftes, warmes Gefühl aus. Eisgard war schön, ein Ort der Wunder. Sie hatte ihre Macht immer als etwas Zerstörerisches und Gefährliches wahrgenommen, aber vielleicht stimmte das gar nicht, oder es steckte mehr dahinter, als sie vermutete. Möglicherweise war ihr immer noch nicht ganz klar, wozu sie fähig war, wie weit ihre Macht eigentlich reichte. Plötzlich stieg ein aufgeregtes Blubbern in ihr auf. Dann fiel ihr der Schattensaum wieder ein, und es fühlte sich an wie eine Tür, die ihr vor der Nase zugeschlagen wurde. Trotz Zeniths Wärmezauber wurde es Phönix eiskalt.

»Hier.« Zenith blieb plötzlich stehen und wies mit einer Kopfbewegung nach oben. »Das ist der Horst.«

Phönix zwang ihre Gedanken, in die Gegenwart zurückzukehren, und blickte auf. Sie starrte, blinzelte und – was erstaunlich war – lachte.

»Das sieht verdammt gefährlich aus.«

OceanofPDF.com