Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
53. Kapitel
»… nicht nötig, sie zu fesseln, sie ist vollkommen ausgelaugt.«
Geräusche und Bilder wirbelten verschwommen um Phönix herum, als sie blinzelnd die Augen aufschlug.
»Und der Schattensaum?« Das war Morgrens gierige, eifrige Stimme.
»Weg.« Sieg sprach leiser. »Und das haben wir nicht dir zu verdanken. Was hast du dir dabei gedacht, Morgren? Sie anzugreifen, bevor sie ihn zerstört hat? Du kannst nur hoffen, dass unser Meister nicht …«
»Phönix!« Der Schrei kam von Sechs, und kurz darauf stimmten auch Fünf, Sieben und Hund ein, bis ihr die Ohren dröhnten.
Durch ihr Sichtfeld tanzten weiterhin Schatten, aber sie zwang ihre brennenden Muskeln, sich aufzusetzen, damit sie sich blinzelnd umsehen konnte. Winnie kam aus ihrem Bärenfell gehuscht und schmiegte sich an ihre Wange. An seinem Zittern merkte sie, wie groß seine Sorge um sie war.
»Alles in Ordnung, Winnie«, flüsterte sie, ohne zu wissen, ob das stimmte.
Langsam klärte ihr Blick sich so weit, dass sie sehen konnte, wo sie sich befand. Sie war wieder auf dem Dach Eisgards und dicht neben ihr standen Morgren und Sieg, die sie beide wachsam musterten. Ein mattes, abnehmendes Grau breitete sich um Eisgard herum aus, so weit Phönix sehen konnte. Die Wolken am Himmel und der Nebel am Boden gingen ineinander über, und ihre Konturen waren kaum auseinanderzuhalten, die Welt war eine Leere ohne Linien.
Aber wo waren die anderen? Sie hörte ihre Stimmen, konnte sie jedoch nirgendwo entdecken.
»Hier oben!«, rief Fünf atemlos.
Phönix blickte auf und stieß einen wütenden Schrei aus. Ihre Freunde hingen über ihr, mit magischen Seilen verschnürt, so wie sie vorhin. Sogar Hund war gefesselt, obwohl sie sah, dass er mit jedem bisschen seiner beträchtlichen Stärke dagegen ankämpfte. Überall um sie herum, auf jedem Bogen und jeder Welle aus Eis, saßen Glitzergleiter, deren schwarze Augen alle Bewegungen ihrer Freunde mit unverkennbarer Gier verfolgten.
»Lass sie runter!« Phönix rappelte sich auf und trat einen wankenden Schritt auf Morgren zu. Sie griff nach dem Dolch an ihrem Gürtel und stellte fest, dass er nicht da war.
Sieg winkte ihr fröhlich damit zu. »Ich bin schließlich nicht blöd.« Ihr Grinsen wurde immer breiter, als sie sich dem Magier zuwandte. »Aber vielleicht sollten wir ihr ihren Wunsch sogar erfüllen, Morgren. Nachdem sie uns so sehr geholfen hat, ist es das Mindeste, was wir tun können.«
Phönix’ Verwirrung und Zweifel drohten sie zu überwältigen.
»Wovon redet ihr da?«, wollte Fünf wissen. Er war knallrot im Gesicht, weil er sich so heftig gegen seine Fesseln wehrte. »Phönix würde euch nie helfen. Niemals.«
Unwillkürlich fühlte Phönix sich von der Gewissheit in seiner Stimme gestärkt. Als sie seinem Blick begegnete, sah sie die Überzeugung und die Wut darin.
Sieg lachte. »Oh doch, das hat sie.«
Phönix hatte die Waffenmeisterin noch nie so häufig lächeln sehen, und das machte ihr Angst. Ihr Verstand raste, aber das alles ergab für sie keinen Sinn. Sie hatte doch den Schattensaum zerstört, Embra davor gerettet, all ihre Pläne durchkreuzt. Oder?
Außer …
»Der Schattensaum war nicht das, wofür wir ihn gehalten haben, oder?«, fragte Sechs mit zitternder Stimme. Er wehrte sich nicht mehr gegen seine Fesseln, hing einfach bloß da, durch und durch von Verzweiflung durchdrungen. Auch Hund und die anderen wurden erschreckend still.
Sieg lachte, ein volles Lachen aus dem Bauch heraus, bei dem Phönix am liebsten ihre Äxte auf die Waffenmeisterin geschleudert hätte. Wenn sie ihre Äxte doch nur gehabt hätte!
»Nein, das war er wirklich nicht.« Vom Lachen traten Sieg Tränen in die Augen. »Phönix hat … sie ist einfach hingegangen und …« Sie konnte den Satz nicht zu Ende bringen, und Morgrens Mundwinkel zuckten.
»Deine Pläne sind wirklich immer ausgezeichnet, Sieg«, räumte der Magier widerstrebend ein.
»Wovon redet ihr da?«, rief Fünf, der seine Angst mit Wut zu überdecken versuchte.
»Vom Schattensaum.« Morgren grinste. »Lasst mich raten: Ihr dachtet, er sei ein dunkles Etwas, das unseren Wünschen folgte, das Eisgard verschlingen und möglicherweise ganz Embra vernichten wollte? Ihr dachtet, er locke dunkle Wesen in den Frostpalast?« Der Magier lachte über ihre Verunsicherung. »Falsch in jeder Hinsicht. Dieses Ding ist nur gewachsen, weil unser Meister in der Nähe ist.«
»Das verstehe ich nicht«, flüsterte Sechs leise. Neben ihm winselte Hund.
»Natürlich nicht«, spottete Morgren. »Wie solltest du auch die Genialität des großartigsten Beispiels für Koboldmagie, die je geschaffen wurde, begreifen?«
»Vorsicht, Morgren«, warnte Sieg ihn und sah sich um, als hätte sie Angst, belauscht zu werden.
»Der Schattensaum war ein Tor zu einer leeren Welt«, fuhr Morgren fort, ohne Sieg zu beachten. »Der Zauber, mit dem man es öffnen konnte, wurde von meinen Vorfahren geschaffen, um den Meister an diesem dunklen Ort, fern von Embra, einzusperren.«
»Der Schatten war ein Portal?«, flüsterte Sieben.
»Viel mehr als nur ein Portal.« Morgrens Miene strahlte stolz. »Er war gleichermaßen Tor und Falle und darüber hinaus auf seine Art empfindsam. Er ging aktiv auf die Suche nach dem Meister. Der Schattensaum wurde geschaffen, um ihn einzufangen. Wenn er ihn gefunden hätte, hätte er ihn durch sich selbst gezerrt und wäre zugefallen. Was für ein Glück, dass die Hexen ihn freundlicherweise in diesen Okulus gesperrt haben.« Morgren lachte gehässig. »Vierzig Jahre hat er gewartet und darauf gehofft, den Meister wieder zu fangen. Dies war seine beste Gelegenheit. Wenn ihr es zugelassen hättet, hätte der Schattensaum euch alle gerettet.«
Phönix hatte das Gefühl, als wäre sie gestolpert und stürze in einen Abgrund, den sie gar nicht bemerkt hatte.
Nein. Unmöglich.
Sie hatte vor dem Schattensaum gestanden, hatte seine Bosheit am eigenen Leib gespürt. Oder nicht?
»Aber …« Fünf runzelte die Stirn. »Warum wollten die Kobolde den Meister einsperren? Du hilfst ihm doch schließlich!«
Zum ersten Mal wirkte Morgren unangenehm berührt. »Der Meister hat vor ewigen Zeiten auf dieser Welt geweilt«, sagte er. »Die meisten meiner Vorfahren haben ihn als Gott angebetet, aber einige wenige … nicht. Sie waren es, die den Schattensaumzauber geschaffen haben. Um den Meister zu fangen, ihn an einen Ort zu verbannen, von dem er nie zurückkehren könnte. Bis …« Morgrens Lächeln verstärkte sich, »… irgendein Dummkopf beschloss, den Zauber erneut anzuwenden, um die Tür wieder zu öffnen und meinem Meister die Flucht zu erlauben.«
»Dann … war es keine Krankheit, die die Hexen vor vierzig Jahren dahingerafft hat, nicht wahr?«, fragte Sechs kreidebleich.
Morgren lachte. »Nein, das war unser Meister, der seinem Gefängnis endlich entkommen war und zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder fraß.«
Phönix bekam keine Luft mehr. Der Schwindel überrollte sie in Wellen.
»Fraß?«, knurrte Hund voller Abscheu.
»Ich nehme an, die Hexe, die den Schattensaum geöffnet hat, hatte keine Ahnung, was er in Wirklichkeit war«, sagte Morgren achselzuckend. »Unser Meister musste sich den Weg freikämpfen. Der Schatten versuchte natürlich, ihn zurückzuhalten, und der Meister musste einiges aufgeben, um entkommen zu können, aber sobald er hier war …«, Morgren bleckte die spitzen Zähne, »… sperrte diese Hexe den Schatten freundlicherweise ein und hielt ihn von unserem Meister fern. Daher fraß er und wuchs, fraß und wuchs.« Der Magier lächelte zufrieden. »Die Hexen waren sein erstes Futter. Seitdem sind viele Jahre vergangen. Und jetzt ist er stark.«
»Und da der Schattensaum jetzt weg ist …«, hauchte Sieg.
Morgren nickte nüchtern. »… wird Embra uns gehören.«
»Nein. Embra wird ihm gehören.« Die Stimme aus der Dunkelheit war unbewegt und leblos, schien Angst und Schmerz in jedes Ohr zu flüstern. Anschließend legte sich ein dichtes Schweigen über sie, das ihnen die Kehlen zuschnürte und die Münder knebelte.
Ein unheimliches, kribbelndes Gefühl hinderte Phoenix daran, dem Gespräch zu folgen. Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen, ihre Handflächen schwitzten, und ihre Haut juckte überall. Winnie zitterte unter ihrem Fell. Ein Schluchzer stieg in ihr auf, und sie unterdrückte ihn wütend, ballte die Fäuste, damit ihr nicht die Hände zitterten.
Sie konnte den Blick nicht von der Treppe hinter Morgren abwenden. Die tiefe Dunkelheit dort wirbelte umher, als wäre sie lebendig, und strahlte eine Bedrohung aus. Trotz Zeniths Wärmezauber wurde Phönix entsetzlich kalt, und das Atmen fiel ihr immer schwerer, weil sich der Druck um sie herum verstärkte. Dieses Gefühl hatte sie schon mal gehabt, sie hatte monatelang davon geträumt, und sie wusste, was es bedeutete.
»Da kommt der Krock«, sagte Sieg und sah ebenfalls über Morgrens Schulter. Die Heiterkeit schwand aus dem Gesicht der Waffenmeisterin, und sie zog sich wachsam zurück.
Der Krock tauchte nicht aus der Finsternis auf, sondern zog die Dunkelheit um sich herum. Der schwarze Umhang, die gesichtslose Leere unter der Kapuze, die unheimliche Art, sich zu bewegen, all das nahm Phönix mit einem Blick in sich auf und spürte, wie ihre Entschlossenheit schwand und sie von Panik heimgesucht wurde. Ein gedämpftes Schluchzen von Sieben verriet ihr, dass es nicht nur ihr so ging.
Der Drang zu fliehen überwältigte sie, aber Phönix’ Beine waren kaum stark genug, um sie aufrecht zu halten, und sie hätte ihre Freunde, die über ihr gefangen und gefesselt waren, niemals alleinlassen können. Also stolperte sie bebend rückwärts, weg vom Krock, bis sie mit dem Rücken an eine Eissäule gepresst stand.
»Ich glaube, sie hat Angst«, sagte Morgren zu Sieg und deutete bösartig grinsend mit einer Kopfbewegung auf Phönix.
»Natürlich hat sie Angst«, ertönte die tonlose Stimme erneut. »Ich bin ihr Albtraum. Dafür habe ich gesorgt. Schon lange, bevor sie hergekommen ist, bin ich jede Nacht in ihren Träumen aufgetaucht.«
Phönix erstarrte, versuchte zu begreifen, was sie gerade gehört hatte. Der Krock war also wirklich in ihren Träumen gewesen? Sie wurde von Entsetzen gepackt.
Sieg schüttelte empört den Kopf. »Du bist verweichlicht, Phönix.«
»Lass sie in Ruhe!«, rief Fünf.
Jetzt wandte Sieg sich an ihn. »Und du«, sagte sie gehässig, »tust so, als hättest du ein Rückgrat bekommen. Aber du führst mich nicht hinters Licht. Dein Jägername sollte ›Wurm‹ lauten, und das weißt du auch.«
»Halt den Mund«, knurrte Sechs wütend. »Sprich nicht so mit ihm. Niemand ist weniger geeignet, um eine Diskussion über Namen vom Zaun zu brechen, Sieg.«
Sieg grinste spöttisch. »Ach, ich weiß nicht.« Sie legte den Kopf in den Nacken und holte unter dem wirbelnden Himmel tief Luft. »Hier bin ich, ganz oben auf dem Dach von Eisgard, die Hexen unter mir gebrochen. Siegreich.« Jetzt verzogen sich ihre Lippen zu einem echten Lächeln. »Getreu meinem Namen.«
»Unser Meister wird ungeduldig.«
Die Stimme des Krock war Geräusch gewordene Verzweiflung. Sie durchschnitt Hoffnung, Stärke und Glück und ließ nur Dunkelheit zurück. Phönix sah, wie die anderen zusammenzuckten, und versuchte, ihre Wut zu wecken oder irgendetwas anderes in ihr, damit sie bloß nicht diese schreckliche Benommenheit spürte, die sie ausfüllte. Es musste eine Möglichkeit geben zu widerstehen. Der Gedanke war jedoch weit weg, fast nur ein Flüstern.
Der Krock drehte sich und wandte seine Kapuze der grauen Leere über der Frostigen Ebene zu. »Er kommt.«
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