Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 29 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

29. Kapitel

 

 

Das Erste, was sie sahen, war der Schattensaum. Er füllte den Okulus vollständig aus, presste sich dagegen, wand sich wütend und zog ihre Aufmerksamkeit wie eine nahende Katastrophe auf sich.

»Phönix! Sechs! Konzentriert euch!«, zischte Fünf. »Wo ist der Lefzenlecker?«

Phönix gelang es nur mit Mühe, schaudernd den Blick abzuwenden. Sie hatten Glück, dass der Lefzenlecker nicht direkt neben der Tür gelauert hatte. Dann wären sie leichte Beute für ihn gewesen.

»Er muss hinter dem Okulus sein«, flüsterte Sechs und sprach damit Phönix’ Gedanken aus. »Wir können ihn durch den Saum nicht sehen.«

Gemeinsam schlichen die drei am Schattensaum vorbei. Dunkles Wasser plätscherte um ihre Fußknöchel, und sie hielten sich dicht an die Wand gepresst, an der die Fackeln brannten. Einige von ihnen flackerten in der Brise, die vom Okulus ausging, und ihr Rauch überzog das Eis mit ölig schwarzen Flecken.

»Hört mal!«, hauchte Fünf.

Über dem Knistern der Flammen, dem Rauschen des Luftzugs und dem fern hallenden Tosen des Ozeans war noch etwas zu hören: ein unheimliches Knallen und Knacken. Kurz darauf sahen sie, was das Geräusch verursachte.

»Na großartig«, murmelte Fünf.

Phönix klappte den Mund auf, als sich der Lefzenlecker vor ihnen in seine Jagdgestalt verwandelte und sich seine Gelenke knallend und knackend neu arrangierten. Entsetzt sah sie, wie seine Gliedmaßen sich verlängerten, die gedrungenen Pfoten zu gefährlich scharfen Klauen wurden und sein flacher, nagerartiger Kiefer zu einem wolfsartigen Maul voller glitzernder Zähne anwuchs.

»Wahrscheinlich ist dir die Skala nicht wieder eingefallen, oder?« Sechs wich zurück und spannte mit zitternden Händen seinen Bogen.

»Nein.« Phönix versuchte, nicht in Panik zu geraten. »Aber das sind ja sowieso nur Zahlen, nicht wahr?«

»Äh«, sagte Sechs. »Na ja …«

»Unglaublich nützliche Zahlen, die jetzt wirklich hilfreich wären!«, rief Fünf, der sein Schwert so fest umklammerte, dass seine Fingerknöchel weiß wurden.

»Wenn wir zusammenbleiben, kann uns nichts passieren«, sagte Phönix schnell und hoffte, zuversichtlich zu klingen.

Die beiden Jungen nickten.

»Was ist mit seinen Augen los?«, fragte Sechs kurz darauf.

Phönix sah hin und erkannte sofort, was er meinte. Es sah aus, als würde sich der Schattensaum in den Augen des Wesens spiegeln, aber dann drehte es sich um, und sie konnte sehen, dass es etwas viel Seltsameres war: In den Augen des Lefzenleckers lag eine totale Dunkelheit. Das Weiß und die Iris waren von einer herumwirbelnden schwarzen Leere verdeckt.

»Das ist nicht normal.« Sie wich zurück und packte ihre Äxte fester.

»Was ist hier schon normal?«, schnaubte Fünf, ohne den Blick von dem Wesen abzuwenden.

Der tanzende Fackelschein warf wabernde Schatten, und alles wurde im Wasser merkwürdig gespiegelt. Phönix versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, während der Lefzenlecker seinen fülligen Körper schließlich zu einer drei Meter hohen, schnittigen Gestalt aufrichtete. Doch das schaurige Knirschen, das diese Vollendung begleitete, und der Schmerzensschrei des Wesens verursachten ihr Übelkeit. Winnie verschwand in ihrem Fell, und sie spürte, wie er sich zu einer festen, zitternden Kugel zusammengerollt an sie presste.

Sie versuchte verzweifelt, sich zu sortieren, aber der Anblick dieser Verwandlung war so schrecklich, so sonderbar, dass sie sich nicht mehr konzentrieren konnte.

»Wir müssen aufpassen, dem Saum nicht zu nahe zu kommen«, flüsterte Fünf und klang dabei fast so erschüttert, wie Phönix sich fühlte.

»Einverstanden«, murmelte Sechs. »Er lässt uns allerdings nicht viel Raum.«

Phönix biss sich auf die Lippe und sah sich um. Sechs hatte recht; der Schattensaum füllte die Breite der Zelle fast vollkommen aus und ließ nur wenig Platz an beiden Seiten, um ihn zu umrunden. Davor und dahinter gab es knapp zehn Meter Freiraum, aber das genügte nicht, vor allem, da sie nicht wusste, ob der Okulus verhindern konnte, dass sie in den Schattensaum fielen – ein Gedanke, der sie mit Entsetzen erfüllte.

Genau in dem Moment, als das Wesen seine volle Größe erreichte und ihm grasige Stachel vom Rücken hingen, schoss Sechs seinen ersten Pfeil ab. Der Lefzenlecker riss den Kopf herum, als der Pfeil in seinen Arm eindrang. Sein Gebrüll war ohrenbetäubend, und die Freunde machten einen Satz zurück, umfangen vom Geruch nach getrocknetem Gras mit einem Unterton von etwas Metallischem, Säuerlichem. In schneller Folge schoss Sechs zwei weitere Pfeile ab. Beide trafen ihr Ziel, und das Wesen sprang vor. Mit einem grauenvollen Zischen streckte es seinen Arm aus, der bestimmt doppelt so lang war, wie sie es vermutet hätten, und schlug Sechs den Bogen aus der Hand. Er zerbrach mit einem schrecklichen Knacken und landete zu ihrem Entsetzen direkt im Okulus, wo er augenblicklich im Schattensaum verschwand.

Sechs schrie erschrocken auf. Auch Phönix war schockiert; wenn ein Bogen in den Saum fallen konnte, konnte ein Mensch das auch.

Sein schwarzer Blick war unergründlich, als der Lefzenlecker wieder auf sie zusprang, aber mit klarem Ziel stürzte er sich erneut auf Sechs. Fünf zog den Freund gerade noch rechtzeitig zurück und fluchte, weil das Wasser ihn ausbremste, während er wütend auf den Arm des Wesens einhackte und ihm einen Schnitt versetzte, der ein weiteres wütendes Geheul zur Folge hatte.

Der Schattensaum schwoll an und sammelte sich hinter dem Okulus, direkt an der Stelle, wo der Kampf stattfand, als befeuerte dieser ihn.

»Pass auf!«, rief Phönix, als Fünf Sechs um den Schatten herum auf die sicherere Seite des Okulus schob. Sie holte wütend nach dem Lefzenlecker aus und drängte ihn einen Schritt zurück.

»Ich habe noch meinen Dolch!«, hörte sie Sechs rufen.

»Ja, der ist bestimmt sehr nützlich«, murmelte Fünf, der wieder auftauchte, um sich, als der Lefzenlecker erneut auf sie losging, schnell zu ducken.

Kurz darauf tauchte zu ihrem Entsetzen Sechs von der anderen Seite des Schattensaums direkt hinter dem Lefzenlecker auf.

»Was machst du da?«, rief Phönix.

»Wenn wir ihn einkreisen, können wir ihn ablenken!«, rief Sechs zurück.

Die Stacheln entlang der Wirbelsäule des Wesens bebten. Phönix starrte sie an und versuchte sich verzweifelt daran zu erinnern, was in Magische Tierwesen darüber gestanden hatte. Plötzlich fiel es ihr wieder ein.

»Die Stacheln sind Geschosse!«, brüllte sie genau in dem Moment, als mehrere davon mit tödlicher Genauigkeit auf Sechs zuflogen. Es gelang ihm nur, ihnen auszuweichen, weil er sich auf den nassen Boden warf, woraufhin die Stachel nur Zentimeter über ihm in das weich gewordene Eis eindrangen.

»Ja«, keuchte er. »Das sehe ich!«

Kurz darauf hatte sich der Lefzenlecker von Fünf und Phönix abgewandt. Er spürte Sechs’ Schwäche. Jetzt hatte er ihnen den Rücken zugekehrt, und sie waren es, denen die Stacheln gefährlich werden konnten.

»Denkst du, was ich denke?«, rief Fünf.

»Ich habe keine Ahnung.« Phönix sprang zur Seite, um weiteren Stacheln auszuweichen. Winnie quiekte ärgerlich, als kaltes Wasser durch ihr Fell eindrang.

»Sechs’ Bogen ist im Schattensaum verschwunden!«, sagte Fünf. »Glaubst du, ein Lefzenlecker würde ebenfalls verschwinden?«

»Du willst ihn in den Okulus drängen?«, fragte Phönix, teils entsetzt, teils beeindruckt.

»Einen Versuch wäre es wert!« Sechs duckte sich unter den Armen des Lefzenleckers hindurch und kam auf sie zu. Er war klatschnass. »Das würde uns die Arbeit deutlich erleichtern. Er ist zu groß, um ihn leicht zur Strecke zu bringen, vor allem, da mein Bogen jetzt weg ist.«

Der Lefzenlecker fuhr herum und sah den dreien, die jetzt wieder nebeneinanderstanden, entgegen. Das Wesen befand sich direkt zwischen ihnen und dem Schattensaum, und aufgrund des Spiegelbilds im Wasser wirkte es doppelt so groß, wie es war. Phönix nickte, Sechs’ Worte hatten sie auf eine Idee gebracht. Sie zog sich mit den Äxten in der Hand hinter ihre beiden Freunde zurück. Dabei ließ sie den Lefzenlecker nicht aus den Augen, der, umgeben von seinen flackernden Schatten und der sich sammelnden Finsternis des Schattensaums, langsam näher kam.

»Ich glaube, ich weiß, wie wir es machen können«, rief sie. »Sechs, geh auf alle viere.«

»Was?«

»Tu es einfach!«

Als Sechs sich hinkniete und über die Kälte des Wassers schimpfte, rannte Phönix bereits mit voller Kraft auf ihn zu. Mit drei platschenden Schritten überwand sie die Distanz zwischen ihnen, dann sprang sie ab, stellte ihren Fuß fest zwischen seine Schulterblätter und nutzte ihn als Sprungbrett, um zum Lefzenlecker zu gelangen.

So gewann sie die Höhe, die sie brauchte. Phönix knallte fest gegen seine Brust und hieb ihm die Axt in die Schulter. Sie spürte, wie der Lefzenlecker zischte und rückwärtstaumelte, nachdem er durch ihren Schwung das Gleichgewicht verloren hatte. Seine Kiefer schlugen gefährlich nah neben ihrem Gesicht zusammen, dann fielen sie beide, während das Wesen neben ihr mit den Armen ruderte und Fünfs und Sechs’ Schreie ihr in den Ohren klangen.

»Spring, Phönix!«, riefen beide Jungen voller Panik. Entsetzt sah Phönix, dass das Wesen weit genug zurückgestolpert war, dass es mit dem Oberkörper direkt in den Okulus stürzen und sie mit sich reißen würde.

Der Schattensaum ragte jetzt immer höher vor ihr auf. Seine Masse wand sich noch schneller, als wäre er aufgeregt. Mit einer Drehung und einem wütenden Ruck gelang es Phönix, die Axt zu befreien und vom Lefzenlecker herunterzuspringen – nur Sekunden, bevor sein Kopf den eindämmenden Zauber durchstieß. Inmitten hochspritzenden Wassers schlug sie hart auf dem Boden auf und rollte schnell weg. Ihr Herz hämmerte, als Fünf und Sechs sie hochzogen und sie noch weiter zurückzerrten.

Erst jetzt bemerkte sie weitere laute Stimmen, die sich näherten. Phönix sah auf den Okulus. Kopf und Schultern des Lefzenleckers waren im Schattensaum verschwunden, während er verzweifelt mit den Beinen strampelte und versuchte, auf dem schattigen Wasserfilm außerhalb des Okulus Halt zu finden.

Plötzlich waren überall um sie herum Hexen, die sie weiter zurückzogen und sich gegenseitig Anweisungen zuriefen, um den Okulus zu erneuern.

Aber Phönix konnte den Blick nicht von den Beinen des Lefzenleckers abwenden. Sie strampelten, zuckten entsetzlich, dann erschlafften sie. Ganz plötzlich, in einer Geschwindigkeit, die sie überrascht aufschreien ließ, wurde der Lefzenlecker in den Schattensaum gesaugt und verschwand vollständig.

Als es vorbei war, bekam Phönix weiche Knie. Das hätte sie sein können! Oder Fünf. Oder Sechs. Ihre Angst vor dem Schattensaum wurde noch mächtiger. Die Hexen mochten vorgeben, nicht zu wissen, was er war, aber sie wusste es: ein so starkes Monster, dass es andere Monster verschlang. Und sie wurde die unangenehme Vorstellung nicht los, dass sie dieses Monster gerade gefüttert hatte.

Fünf und Sechs rissen sie aus ihren Gedanken.

»Ich kann nicht glauben, dass er meinen Bogen zerbrochen hat«, sagte Sechs wütend, während er das Wasser aus seinem triefnassen Fell wrang. »Und Phönix ist auf mich gesprungen.«

Phönix wollte etwas erwidern, aber Fünf war schneller. »Du hast es ihr erlaubt«, sagte er prustend.

»Ich hatte ja keine Ahnung, was sie vorhat!«, rief Sechs.

»Der Lefzenlecker war zu groß für mich!«, stieß Phönix zu ihrer Verteidigung hervor. »Es war die einzige Möglichkeit. Und ich bin von dir gesprungen, nicht auf dich! Das ist ein Unterschied!«

Fünf grinste. »Wenn du das sagst. Aber seien wir ehrlich, das war nicht gerade Sechs’ würdevollster Moment.«

Zu Phönix’ großer Erleichterung gesellte sich Nara zu ihnen und zog sie sacht vom Kreis der Hexen, der sich um den Schattensaum bildete, weg. »Ist alles in Ordnung mit euch?«

Und erst, als sie ihr mehrfach versichert hatten, dass es ihnen gut ging, entspannte sie sich.

»Wirklich beeindruckend, was du mit diesen Äxten anstellen kannst, Phönix«, sagte Nara. »War es eigentlich irgendein Jägerinstinkt, der euch verraten hat, dass das Wesen hier war?«

»Eigentlich nicht«, sagte Sechs. »Wir haben uns nur überlegt, ob es vielleicht vom Schattensaum angezogen worden war.« Er machte eine Handbewegung um sie herum. »Und das war es offensichtlich.«

Nara nickte langsam. »Wie bei Embra konnte es nur so weit nach Norden und sogar ins Innere von Eisgard gelangen?«

Yelara löste sich aus dem Kreis der Hexen und kam mit ernstem Gesicht zu ihnen. »Das ist etwas, das wir so schnell wie möglich herausfinden müssen.«

»Es muss am Schattensaum liegen«, sagte Phönix leise. »Er verschlingt Eisgard von innen, und jetzt zieht er auch andere Wesen an, vielleicht damit sie ihm helfen, vielleicht aber auch nur, um sie zu fressen.« Erschrocken stellte sie fest, dass ihr der Lefzenlecker beinahe leidtat.

Yelara verschränkte fest die Arme, ein Muskel in ihrer Wange zuckte. Phönix spürte, wie sehr sich die Oberhexe zusammenreißen musste, um sie nicht zu fragen, wie die Unterrichtsstunden vorangingen und wann sie bereit sein würde, den Schatten zu zerstören.

Der Druck war enorm, und als Phönix sich umdrehte, um mit Fünf und Sechs den nassen, von Fackeln erhellten Raum zu verlassen, kostete es sie ihre ganze Kraft, nicht loszurennen.

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