Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 16 von 59

PDF-Seiten

Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

16. Kapitel

 

 

Hund war die ganze Nacht gerannt und kam gut voran. Der zarte, grüne Geruch des Graslands war in der wärmeren Luft bereits schwach wahrnehmbar. Jetzt, da der Himmel heller zu werden begann, hielt Hund inne und gestattete sich einen erneuten Blick zurück. Die Lichter Kliffs waren schon lange weg und Phönix inzwischen wahrscheinlich auch. Das Herz war Hund jedoch jetzt noch schwerer, denn der Schmerz über die Trennung von seinen Freunden wurde durch die große Entfernung noch verstärkt.

Er schüttelte den Kopf und lief weiter, zwang sich, sich auf seinen Auftrag zu konzentrieren. Er dachte an Sieg, ihren Verrat und die schrecklichen Dinge, die sie getan hatte. Um sie aufzuspüren, war allerhöchste Wachsamkeit nötig, damit sie ihn nicht bemerkte. Aber wie sehr er auch versuchte, sich zu konzentrieren, immer wieder schweiften seine Gedanken zu Phönix ab. Ob sie inzwischen wohl schon in Eisgard angekommen war?

Irgendwo unter der Erde schnarchte ein kleines Wesen, und vor ihm war das Kratzen unbekannter Krallen auf Stein zu hören. Hund schnupperte, nahm einen leicht fauligen Geruch wahr und lenkte seine Schritte um das, was immer dort lauerte, herum. Normalerweise hätte er mit dem größten Vergnügen Jagd auf das unbekannte Wesen gemacht, aber heute nicht.

Allein. Allein. Allein.

Das Wort war wie ein gähnender Abgrund neben ihm, kalt und betäubend.

»Lächerlich«, knurrte er. Der Klang einer Stimme, selbst wenn es nur seine eigene war, war eine große Erleichterung. »Seit Jahrhunderten arbeitest du allein. Das hier ist nicht anders.«

Aber es war eben doch anders. Er stellte fest, dass er in Gedanken seine Reise mit den Jagdlingen auf der Suche nach Sieben wieder durchlebte; wie lästig er sie zu Anfang alle gefunden hatte; wie ihr ständiges Gezanke langsam nachgelassen hatte; wie er es mit der Zeit genossen hatte, Phönix auf seinem Rücken zu tragen. Wenn er nachts über sie gewacht hatte, hatte er zum ersten Mal seit langer, langer Zeit das Gefühl gehabt, etwas Wichtiges zu tun.

»Es reicht«, grummelte er und nahm seine weiten, raumgreifenden Sprünge wieder auf.

»Redest du immer mit dir selbst?« Die schmerzhaft grelle Stimme erklang direkt über seinem Kopf.

Hund stieß ein Geräusch aus, irgendwas zwischen einem Kläffen und einem Jaulen, und ihm sträubte sich das Fell, als er schlitternd zum Stehen kam und sich zu dem Sprecher umwandte.

Eine kleine, leuchtend helle Gestalt schwebte mit schwirrenden Flügeln über ihm, die Hände in die Hüften gestemmt, den Kopf schräg gelegt.

»Funkenflug!«, rief Hund. Er war so überrascht, dass er nichts weiter herausbekam. Die Luft war plötzlich vom Geruch des Geists erfüllt: Es roch nach Feuer, Freude und Wildheit.

»An dich kann man sich ja ziemlich leicht anschleichen«, sagte Funkenflug, dessen Flammen wie flüssiges Gold wirkten. »Ich bin allerdings auch der Geschickteste meiner Art.«

»Was machst du hier?«, platzte Hund heraus. »Und wo warst du?«

Funkenflug zuckte mit den Achseln und flatterte höher, sodass Hund den Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihm aufzusehen. »Raureif hat mich weggeschickt.«

Hund runzelte die Stirn. Als er Funkenflug das letzte Mal gesehen hatte, hatte der Feuergeist dabei geholfen, die Küche der Jägerloge niederzubrennen. »Du hast sein Zuhause zerstört.«

»Nur ein bisschen.« Funkenflug verdrehte die Augen. »Die Menschen hängen einfach zu sehr an ihren Dingen. Dir hat es nichts ausgemacht.«

Hund wand sich. Von Schuldgefühlen geplagt musste er sich eingestehen, dass es ihm rein gar nichts ausgemacht hatte. Normalerweise wurde nach dem Ende einer Schlacht von ihm verlangt, wieder in die Mauern der Jägerloge zurückzukehren, deren Fels seinen Körper und seine gesamte Selbstwahrnehmung aufnahm, bis die Jäger erneut auf Schutz angewiesen waren. Manchmal wartete er hundert oder mehr Jahre darauf. Die Zerstörung der Loge hatte ihm eine unerwartete Freiheit beschert. Wo einst Mauern gewesen waren, gab es jetzt Möglichkeiten: neue Pflichten, neue Erfahrungen, Freunde. Daher tat es ihm wirklich nicht leid, dass sein altes Zuhause verschwunden war, und auch die Rolle, die Funkenflug dabei gespielt hatte, kümmerte ihn nicht.

»Du hast mir noch nicht gesagt, wo du warst.« Hund wechselte geschickt das Thema.

Zu seiner Überraschung wurde Funkenflugs Feuer schwächer. »Bei den Feuergruben.«

»Und … die haben dir nicht gefallen?«, fragte Hund. Die Reaktion des Geistes überraschte ihn. Die Feuergruben waren mit Lava gefüllte Felsspalten voller wütender Flammen, erstickenden Rauchs und schwefeliger Gase inmitten der Weiten Wüste. Er konnte sich keinen attraktiveren Ort für einen Feuergeist vorstellen.

»Die Gruben waren großartig. Meine Aufgabe weniger«, sagte Funkenflug. Sein Flügelschlag verlangsamte sich, und sein Feuer wurde noch schwächer. »Ich habe Abschied von Feuerschein und Flinker Flamme genommen.«

Hund zuckte zusammen. Die beiden anderen Feuergeister waren während der entscheidenden Schlacht um die Jägerloge im Kampf gegen Morgren ums Leben gekommen. »Es tut mir leid, dass du trauerst.«

»Trauer ist zwecklos.« Funkenflugs Farbe kehrte zurück. Er sah sich um. »Wo sind die anderen? Wo ist das feurige Mädchen?«

Hund seufzte. »Unterwegs nach Eisgard.«

»Oh.« Funkenflugs Feuer wurde erneut kurz schwächer. »Und das macht dich traurig.«

»Ja«, sagte Hund leise.

»Trauer ist zwecklos«, erinnerte Funkenflug ihn. »Du solltest lieber etwas verbrennen.« Angesichts von Hunds verständnislosem Blick verdrehte er die Augen und ließ sich flatternd auf der Nase des Wächters nieder. »Ich glaube, ich begleite dich.« Seine winzigen Füße strahlten eine unangenehme Hitze aus.

»Warum?« Hund runzelte die Stirn. »Du weißt doch gar nicht, wo ich hinwill.«

»Warum?« Funkenflug lachte, und aus seinen Flügeln lösten sich orangefarbene Funken, als er sich träge räkelte. »Du wirst meinen Schutz brauchen. Wie gesagt, man kann sich sehr leicht an dich anschleichen!«

Ein wütendes Grollen brachte Hunds Lefzen zum Beben, aber das bemerkte der Feuergeist nicht.

»Und außerdem«, fügte er gähnend hinzu, »warum nicht?«

Hund zögerte, ein seltsames Gefühl breitete sich in ihm aus. Es dauerte einen Moment, bis er es als Erleichterung erkannte. Eine so unerwartete und große Erleichterung, dass er nicht sicher war, ob er etwas sagen konnte.

Er würde also doch nicht allein sein.

Er nickte einmal kurz, weil er seiner Stimme noch immer nicht traute, dann nahm er seinen Weg Richtung Südwesten wieder auf. Während der Feuergeist neben ihm herflog, sprang er auf die ferne grüne Stille des Großen Waldes zu.

OceanofPDF.com