Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
52. Kapitel
Nachdem sie ihre Angst beiseitegeschoben hatte, klopfte Phönix’ Herz wieder schneller, und sie fühlte sich plötzlich kraftvoll und sicher. Sie konnte das schaffen. Sie würde das schaffen. Die Kälte oder das Wasser bemerkte sie gar nicht mehr. Es gab nur noch Feuer und Gewissheit. Immer schneller strömten die Flammen aus ihr hervor, jetzt aus beiden Händen, und ihr inzwischen klarer Blick zeigte ihr, dass der Schattensaum tatsächlich schrumpfte. Er kämpfte zwar immer noch wütend gegen sie an, streckte sich ihr immer noch entgegen, aber er schrumpfte.
Dann bemerkte sie mit wilder Freude, wie er wegdriftete und sich zurückzog. Statt an ihrem Feuer zu zerren, versuchte er ihm jetzt zu entgehen. Obwohl er nur noch einen Bruchteil seiner ursprünglichen Größe hatte, schoss er wie wahnsinnig durch den Okulus, doch er konnte den Flammen nicht ausweichen. Er reckte sich immer noch, aber … Phönix, deren Sinne bis zum Zerreißen gespannt und schärfer waren als normal, runzelte die Stirn. Der Schattensaum reckte sich nicht nach ihr, sondern nach etwas hinter ihr.
Sie hörte, wie sie einen Kampfschrei ausstieß. Im selben Moment brach ein ermutigendes Quieken aus Winnie hervor. Der Erfolg war in greifbarer Nähe, und jetzt konnte sie nichts mehr aufhalten. Phönix verstärkte ihre Anstrengungen und schleuderte noch mal alles, was sie hatte, in die zitternden Ränder der Dunkelheit, bis der Schattensaum mit einem entsetzlichen reißenden Geräusch in zwei, drei, vier … unzählige Teile zerbrach und verschwand.
Phönix sackte zusammen. Unfassbare Freude überkam sie. Sie schaffte es kaum, den Kopf oben zu halten, aber sie konnte den Blick nicht von dem leeren Okulus abwenden. Hatte sie es wirklich geschafft? Unter ihren Füßen spürte sie, wie das Eis sich bewegte und veränderte, als das Wasser sich zurückzog und wieder fror. Sie sah sich mit lautlosem Staunen um, während die Magie Eisgards zurückkehrte.
Plötzlich stand sie, tropfnass, auf festem Grund. Und vor ihr begann das Eis wieder zu leuchten, erst ganz sanft, dann immer heller, bis ihr die Augen schmerzten, die nicht an die Helligkeit gewöhnt waren. Es war zu anstrengend zu stehen, deshalb setzte sie sich, fiel beinahe, und ließ die Stirn auf das neu entstehende Eis sinken, während die Fackeln um sie herum funkelten und tanzten, obwohl ihr Licht plötzlich überflüssig geworden war.
Winnie stupste mit dem Kopf ihre Wange an, und sein Fiepen klang eindeutig erleichtert.
Sie hatte es geschafft. Nach all den Zweifeln, all der Angst, hatte sie den Schatten bezwungen und Embra gerettet. Sie hatte Morgren und Sieg in ihre Schranken verwiesen. Phönix wusste, dass sie aufstehen und zurück zu den anderen gehen sollte, um es ihnen zu sagen, um sich zu vergewissern, dass es ihnen gut ging, aber eine nie gekannte Erschöpfung hielt sie am Boden fest.
Sie hörte, wie sich Schritte aus der Ferne näherten.
Winnie neben ihr knurrte, bevor er sich unter ihrem durchnässten Bärenfell versteckte. Phönix konnte kaum den Kopf heben, um zu sehen, wer ihn so beunruhigte.
Sieg hielt ihr Schwert in der Hand und den Blick auf den leeren Okulus gerichtet. Sie strahlte.
Phönix konnte sich nicht rühren. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, selbst dann nicht, als die Waffenmeisterin neben ihr in die Hocke ging.
»Ich wusste, du würdest mich nicht enttäuschen, Phönix«, murmelte sie, und ein seltenes Lächeln umspielte ihre Lippen.
Phönix kämpfte mit aller Kraft gegen die Ohnmacht an, aber um sie herum verdunkelte sich langsam alles. Was war los? Warum wirkte Sieg so glücklich?
Das Letzte, was sie hörte, war Siegs begeistertes Gemurmel, als sie Phönix sanft hochhob. »Unser Meister wird sehr zufrieden mit dir sein, Phönix. So überaus zufrieden.«
Dann wurde alles schwarz.
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