Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
14. Kapitel
Phönix spürte, wie Winnies Herz raste, und hob eine Hand, um ihn zu streicheln. Sein weiches Fell tröstete sie, als sie beide in den Frostpalast starrten.
In die massive Welle war eine weitläufige Höhle gehauen worden. Und darin befand sich ein See. Er lag vollkommen unbewegt und klar wie feinstes Wüstenglas da. Die Fische, die unter der Wasseroberfläche umherschwammen, zogen Spuren farbigen Lichts hinter sich her.
Aus den Tiefen des Wassers erhoben sich zwei Reihen riesiger Eisstatuen, die vom Eingang wegführten. Jede Figur auf ihrem Sockel stellte eine andere Frau dar, unglaublich realistisch, aber um ein Vielfaches größer als ein echter Mensch. Und alle wirkten lebendig. Sie hatten die Blicke auf Phönix und ihre Freunde gerichtet und blinzelten, während sie sich vorbeugten, um miteinander zu flüstern.
Unbewusst waren die vier Nara gefolgt und saugten jedes unglaubliche Detail in sich auf.
Die beiden Reihen aus Statuen führten zu einer gefrorenen Insel, auf der schweigend eine Gruppe Frauen stand, von denen die meisten Federumhänge wie Nara trugen. Phönix bemerkte sie kaum – es war der Baum, vor dem sie standen, der ihre Aufmerksamkeit fesselte. Er dominierte das kleine Landstück, eigentlich sogar die gesamte Höhle. Der Stamm wuchs direkt aus dem Eis, und seine grünen, belaubten Äste ragten weit über das Wasser hinaus. Neben diesem Baum wirkte sogar Eichenhammer wie ein Setzling.
Phönix folgte dem Verlauf der Stufen, die sich am Baumstamm hinaufwanden, mit dem Blick und stellte fest, dass der Baum sogar größer war als die Höhle, in der er stand. Das obere Ende seines Stammes und der Krone verschwanden in der gebogenen Eisfläche hoch über ihnen.
»Das ist … das ist …« Sieben brach ab, unfähig weiterzusprechen.
»Wunderschön«, hauchte Sechs mit weit aufgerissenen Augen.
Phönix war vollkommen seiner Meinung. Das Eis funkelte in einem ganz eigenen geheimnisvollen Licht, die herumschießenden Fische malten bunte Regenbogen ins Wasser, und eine Vielzahl von Kugellichtern mit warmem orangefarbenen Schein schwebte über allem. Mehrere von ihnen trieben träge über den See auf die Stelle zu, an der Phönix stand. Fasziniert blickte sie in alle Richtungen, um möglichst viel davon in sich aufzunehmen.
»Das ist noch tausend Mal schlimmer als erwartet«, flüsterte Fünf. »Es gibt buchstäblich überall Magie.«
Phönix warf ihm einen Blick zu und war kurz davor zu lachen, aber dann fiel ihr auf, dass Fünfs Gesicht blass und feuchtkalt war, seine Hände zu Fäusten geballt. »Alles in Ordnung mit dir?«
Fünf nickte angespannt, dann zuckte er zusammen, als ihnen die nächstgelegene Statue freundlich zuwinkte. Krampfhaft umklammerte er den Knauf seines Schwertes, und sein ganzer Körper zitterte vor Anspannung. Sechs stellte sich neben ihn, und Phönix brachte ein dankbares Grinsen zustande.
»Sind das die anderen Hexen?«, fragte Phönix Nara mit einer Kopfbewegung auf die Gruppe Frauen auf der Insel.
Nara lächelte. »In der Tat.«
»Gibt es ein Boot?«, fragte Sechs und betrachtete unsicher die glitzernde Wasserfläche zwischen ihnen und der Insel.
»Das brauchen wir nicht.« Nara lachte. »Wir können laufen.« Sie trat über die Schwelle, und jede Statue streckte einen Arm zu der gegenüber aus, wodurch eine Art Tunnel entstand. Als sich ihre Fingerspitzen berührten, härtete das Eis unter ihnen schnell aus, bis eine gefrorene Brücke vor Naras Füßen zwischen den Statuen hindurch zur Insel führte.
Fünf zuckte zusammen, als Sechs ihn hinter Nara herzog, die jetzt langsam über die Brücke schritt und dabei jede Statue, an der sie vorbeikam, grüßte und von ihr gegrüßt wurde.
»Eismutter Sanna, Eismutter Linnet«, sagte sie und neigte lächelnd den Kopf.
»Sei gegrüßt, Schwester Nara«, murmelten sie, bevor sie ihre Aufmerksamkeit Phönix, Sieben, Fünf und Sechs zuwandten.
»Jäger«, flüsterten sich die riesigen Statuen zu.
»Genau wie früher …«
»Ich weiß nicht – nicht wie früher. Die hier wirken ziemlich jung.«
»Die Eismütter verteidigen den Frostpalast«, erklärte Nara über die Schulter. »Wenn irgendjemand oder irgendetwas versuchen sollte, sich Zutritt zu verschaffen, würden sie von ihnen nicht so freundlich empfangen wie wir jetzt.«
»Kommt das … äh … häufig vor?«, fragte Fünf, der angesichts der neugierigen Blicke der Statuen das Gesicht verzog.
»Nie«, sagte Nara. »Aber es ist trotzdem ein beruhigendes Gefühl, über eine so hervorragende Verteidigung zu verfügen.«
»Das dachten wir auch von den Logenmauern …«, erklärte Fünf düster, was ihm einen wütenden Blick von Sechs einbrachte.
»Das ist unglaublich«, flüsterte Sieben und rückte näher an Phönix heran.
Winnie fiepte aufgeregt, aber Phönix konnte bloß nicken, so überwältigt fühlte sie sich plötzlich. Insgeheim war sie dankbar, als Sieben sich bei ihr unterhakte.
Je näher sie der Insel kamen, desto deutlicher waren die Gesichter der wartenden Hexen zu erkennen. Das Erste, was Phönix auffiel, war ihre geringe Zahl; es waren gerade mal fünfzig Hexen, und inmitten des riesigen Palasts um sie herum wirkte die Gruppe sogar noch kleiner. Zum ersten Mal verstand Phönix, wie verheerend die Krankheit vor all den Jahren gewesen war.
Zwischen den Hexen sah sie ein paar Kinder. Alle hatten die Augen vor Aufregung und Neugier weit aufgerissen.
Eine der Frauen löste sich aus der Gruppe, um sie willkommen zu heißen, als sie von der Brücke traten. Sie eilte strahlend auf sie zu, dabei schleifte ihr Federumhang über den gefrorenen Boden.
»Willkommen in Eisgard«, sagte sie mit warmem Blick.
Sie war sehr groß und hellhäutig, ihr rotbraunes Haar war zu einem kunstvollen Zopf geflochten und um ihren Kopf geschlungen. Sie hatte Lachfältchen um die Augen, und ihr ganzes Wesen strahlte Ruhe aus.
»Mein Name ist Yelara. Ich bin die Oberhexe«, sagte sie lächelnd.
Phönix erstarrte, als die Frau ihr beide Hände auf die Schultern legte und ihr einen Kuss auf die Wange drückte. Einen Augenblick wurde sie von Wärme umhüllt, bis Yelara weiterging und auch Sieben, Fünf und Sechs begrüßte.
Ihr Willkommensgruß unterschied sich stark vom groben Klaps eines Jägers. Sechs lief rot an, und Fünf rieb sich verstohlen den Kuss von der Wange, während Yelara Nara umarmte.
»Willkommen zu Hause. Wie schön, dich heil wieder hier zu haben. Was für ein Abenteuer du erlebt haben musst! Ich kann es kaum erwarten, mehr darüber zu hören.« In Yelaras Stimme lag so etwas wie Sehnsucht.
Nara nickte strahlend, als die Oberhexe sie zu den wartenden Hexen führte, deren Gewisper hin- und herwehte wie eine Brise. Die Hexen musterten Phönix, die davon ganz nervös wurde.
»Denen hat offenbar nie jemand gesagt, dass es sich nicht gehört, andere anzustarren«, murmelte Fünf und rückte näher an Sechs und die anderen heran. Seine Stimme klang angespannt, und sein Blick huschte nervös von Gesicht zu Gesicht. »Vermutlich rostet das gute Benehmen ein wenig ein, wenn man sich von der Zivilisation abkapselt.«
»Fünf!« Sechs wirkte leicht panisch, dass jemand ihn gehört haben könnte. »Könntest du vielleicht noch ein wenig damit warten, alle hier zu beleidigen?«
»Der erste Eindruck zählt«, flüsterte Fünf.
»Ganz genau!«
Falls Yelara sie gehört hatte, ließ sie es sich nicht anmerken. Stattdessen wandte sie sich an die Hexen und hob die Hand, um für Ruhe zu sorgen. Das Gemurmel legte sich, die Eisstatuen rührten sich nicht mehr, und Eisgard schien den Atem anzuhalten. Dann erhob sie die Stimme.
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