Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 18 von 59

PDF-Seiten

Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

18. Kapitel

 

»Was bei Embra …?« Phönix machte einen Satz zurück. Das gefrorene Gesicht sah mit toten Augen an ihr vorbei. Winnie verschwand unter ihrem Fell.

Von dem Aufruhr angelockt, kam Zenith zu ihnen zurück. Ihr Blick schweifte über die Gruppe und blieb an dem dunklen Umriss in der Wand hängen. »Aber ihr seid doch Jäger!«, sagte sie verwirrt. »Da habt ihr doch wohl keine Angst vor unseren Glimmern?«

»Angst?« Auf Fünfs Wangen erschienen zwei leuchtend rote Flecken, die Zenith jedoch nicht zu bemerken schien.

Phönix trat wieder vor, die Äxte jetzt in den Händen, während sie das Gesicht im Eis musterte. Plötzlich fiel ihr der Mondstein in ihrer Tasche ein und sie holte ihn hervor, um damit möglicherweise klarer zu sehen.

»Ooh, ist das ein Mundstein?«, fragte Zenith eifrig, als der Stein in Phönix’ Hand erstrahlte.

»Ein … was?«

»Ein Mundstein«, wiederholte Zenith, während sie, den Blick fest darauf gerichtet, näher kam. »Der Höhlenclan baut sie ab, oder? Nara hat gesagt, manche können sogar Trugbilder entlarven.«

»Ich glaube, da hast du was falsch verstanden.« Sechs verkniff sich ein Grinsen. »Sie heißen Mondsteine, nicht Mundsteine.«

»Oh.« Zenith runzelte die Stirn. »Bist du sicher?«

»Ganz sicher«, sagte Sechs.

»Mondstein.« Nachdenklich probierte sie das Wort aus und betrachtete weiter den Stein in Phönix’ Hand. »Das gefällt mir. Und irgendwie ergibt es auch mehr Sinn. Sein Licht sieht wirklich aus wie Mondschein.«

Phönix nickte, den Blick fest auf das Wesen im Eis gerichtet. Im silbrigen Licht war es deutlich zu erkennen. Selbst im Tod waren seine Augen von einem leuchtenden Orange, und seine gefährlichen dreieckigen Zähne gefletscht. Winnie steckte den Kopf aus ihrem Ausschnitt und zischte leise vor Entsetzen. Zenith hatte recht, es war ein Glimmer. Aber was hatte er hier zu suchen?

»Warum benutzt du Äxte?« Zenith unterbrach ihre Gedanken.

Phönix hängte sich die Waffen wieder über die Schulter. Das Wesen war komplett von Eis eingeschlossen, schon lange tot und eindeutig keine Bedrohung. »Wie meinst du das?«, fragte sie Zenith.

»Wenn du eine Elementhexe bist, warum benutzt du dann normale Waffen statt deines Feuers?« Zenith musterte Phönix neugierig, und ihr Blick wanderte zwischen dem Mondstein und den Äxten hin und her. Als sie verstand, erschrak sie. »Du kannst es nicht gefahrlos heraufbeschwören, stimmt’s?«, fragte sie. »Das ist doch die Voraussetzung … bitte sag mir, dass ich mich irre!«

»Ich …«

»Wir wohnen in einem Palast, der aus Eis besteht«, fuhr Zenith leicht panisch fort.

»So … äh … und warum ist hier ein Monster in der Wand?«, fragte Sechs, um die angespannte Situation aufzulösen.

Phönix seufzte erleichtert, als die Aufmerksamkeit der anderen sich von ihr abwandte, aber Zenith sah sie weiter ängstlich an.

»Das wissen wir nicht«, räumte Thea ein. »Sie waren schon immer da. Wir glauben, dass sie auf der Klippe saßen, als der Palast geschaffen wurde, und die Wassermassen sie mitgerissen haben.«

»Sie?« Sieben musterte den Glimmer besorgt. »Es g…gibt noch mehr?«

»Sie sind überall«, sagte Zenith. »Aber ihr braucht keine Angst vor ihnen zu haben.« Ihr Blick kehrte zu Phönix zurück. Vor dir schon. »Nara hat dir also nicht gesagt, wann ihr mit dem Unterricht anfangt?«

Phönix runzelte die Stirn. »Nein.«

»Hoffentlich bald«, sagte Libbet ernst. »Ich persönlich hätte gerne so viele Unterrichtsstunden wie möglich, bevor ich mir den Schattensaum auch nur ansehen müsste.«

»Habt ihr ihn schon gesehen?«, fragte Phönix. »Wie sieht er aus?«

Thea schüttelte den Kopf. »Nur befiederte Hexen haben Zugang dazu.« Sie wickelte sich enger in ihren blauen Umhang.

»Du wirst ihn doch zerstören, oder?« Libbet klang fröhlich und vollkommen überzeugt.

»Ich …«

»Hör auf, Libbet«, sagte Thea. »Sie hat ihn ja noch nicht mal gesehen.«

Phönix warf Thea einen dankbaren Blick zu. Winnie quiekte leise und kletterte aus ihrem Fell wieder auf ihre Schulter.

Libbet betrachtete ihn aus großen Augen und japste erfreut, als er leichtfüßig von Phönix’ Schulter auf ihren Kopf sprang und an ihren zerzausten dunkelblonden Haaren schnupperte.

Phönix grinste. »Er mag dich – das macht er nicht bei jedem.«

»Los, kommt.« Zenith gab ihnen ein Zeichen, ihr weiter zu folgen. »Es gibt noch viel zu sehen.«

Libbet strahlte, als klar wurde, dass Winnie nicht vorhatte, seinen neuen Platz gleich wieder zu verlassen. Langsam und vorsichtig stieg sie die Wendeltreppe hinauf, um das Eichhörnchen, das stolz auf ihrem Kopf thronte, nicht durchzuschütteln.

»Das hier ist der Hexereibereich«, rief Zenith ihnen zu, als sie um eine Ecke bog.

Phönix sah, dass hinter einem Torbogen ein weiterer breiter und heller Gang vom Stamm des Baums wegführte. Viele kleinere Torbögen, hinter denen miteinander verbundene Zimmer lagen, gingen wiederum von diesem Flur ab. Neugierig blickte Phönix beim Gehen in jedes hinein, doch ihre Aufregung verwandelte sich schnell in Verwirrung. Die meisten Zimmer waren vollkommen leer. In einigen von ihnen schien das Eis aufgehört haben zu leuchten. Manche der Türrahmen waren pechschwarz, so kalt wie das Eis, aus dem sie bestanden. Kühle Luft umwehte Phönix’ Knöchel im Vorbeigehen.

Zenith wartete auf sie. »Das hier sind die alten Hexenzimmer«, erklärte sie, als sie sah, wie die anderen in die dunklen Räume starrten. »Unsere Werkstätten. Sobald eine Hexe befiedert ist, bekommt sie ihre eigene Werkstatt, um die Studien zu betreiben, die sie will.« Sie zögerte. »All diese Zimmer wurden früher mal genutzt. Bevor die Schattenkrankheit ausgebrochen ist. Jetzt sind wir nicht mehr genug, um sie alle zu belegen.«

Phönix sah, wie sich die Hände der Junghexe zu Fäusten ballten. »Aber der Schattensaum entzieht ihnen ihre magischen Fähigkeiten; deshalb sind einige von ihnen dunkel geworden. Abgesehen von der Krypta gab es in Eisgard keine lichtlosen Orte, bevor dieser Kobold kam. Und jetzt tauchen sie überall auf und breiten sich aus.«

Phönix bekam Gänsehaut. Sieben neben ihr schauderte ebenfalls. Die Dunkelheit hinten in den Hexenzimmern schien geradezu nach ihnen zu greifen.

»Los, kommt, Phönix, Sieben. Es gibt viel schönere Sachen zu sehen. Gleich kommen wir zum Zutatenlager«, rief Zenith und riss Phönix aus ihrer Träumerei.

Die anderen waren Zenith weiter den Gang entlang gefolgt. Sieben und Phönix beeilten sich, sie einzuholen.

»Fasst bloß nichts an, außer ihr seid scharf darauf, dass euch ein dritter Arm wächst oder ihr euch in einen Splatz verwandelt.« Zenith grinste, als sie durch einen Torbogen in einen Raum traten, der von einer Unzahl schwebender Kugellichter hell erleuchtet war.

»Ein dritter Arm wäre eigentlich ganz praktisch«, flüsterte Sechs. Phönix zwang sich zu einem Lächeln.

»Beim frierenden Frost«, flüsterte Sieben. »Das ist ja g…großartig.«

Sobald Phönix’ Augen sich an die Helligkeit gewöhnt hatten, musste sie Sieben recht geben. Der Raum war groß und weitläufig. In seiner Mitte stand eine Werkbank, die lang genug war, dass die halbe Loge bequem daran Platz gehabt hätte. Die Wände waren bis obenhin kreuz und quer von Regalen übersät, an denen überall im Raum lange Leitern auf Schienen befestigt waren, um auch die oberen Regalbretter erreichen zu können. Phönix legte staunend den Kopf in den Nacken. Die Regale hörten oben an der Decke nicht auf, sondern beschrieben einen Bogen über ihren Köpfen und führten an der gegenüberliegenden Wand wieder nach unten. Flaschen aus Wüstenglas in allen Schattierungen stachen ihr ins Auge und machten keine Anstalten, der Schwerkraft zu gehorchen und herunterzufallen.

Schnell senkte Phönix den Blick, denn ihr schwirrte der Kopf.

Ihre Verblüffung spiegelte sich auch in den Gesichtern der anderen wider, die sich auf der Stelle drehten und alles in sich aufnahmen. Zenith beobachtete sie eifrig, erfreut von ihrer Reaktion.

»Das sind die Zutaten«, erklärte sie und zeigte auf die Flaschen. Ihr Gesicht strahlte entspannt. »Einige davon findet man hier in der Frostigen Ebene, aber viele auch nicht. Die Vorräte sind seit vierzig Jahren nicht aufgefüllt worden. Vielleicht jetzt, da …«

»Was ist das für ein Geräusch?«, unterbrach Fünf sie mit besorgter Miene. Die Luft in dem Raum summte leise, und er hatte die Schultern hochgezogen. »Und Zutaten wofür?«, fügte er hinzu, nachdem er naserümpfend ein paar Etiketten gelesen hatte.

»Magische Zutaten natürlich«, sagte Zenith. »Für Zaubertränke.«

Neugierig trat Phönix näher an die Regale heran, um selbst auch einige der Etiketten zu lesen.

Auf einer durchsichtigen Flasche, die ein Stückchen silbernes Fell enthielt, stand: Schleierfuchspelz. Die Flasche daneben war größer und von einem schmierigen Schwarz mit einem kunstvoll gedrehten Stopfen aus gefährlich gezacktem Glas. Schwarzwasser aus dem Griff stand auf dem Etikett.

Unwillkürlich musste Phönix an Hund denken. Wo er jetzt wohl war? Ob er in Gefahr schwebte? Sie hoffte inständig, dass er eine Möglichkeit fand, diesen gefährlichen Fluss zu meiden; selbst in einer Flasche gefangen, brachte irgendetwas an seinem Wasser ihre Haut dazu, alarmiert zu kribbeln.

Sie zwang sich, die weiteren Gefäße zu betrachten:

Ygrexzahn

Paschnickelsaft

Moorkrappgas

Milch des Todherzfrosches

Grimhaar

Ymber

Immer weiter erstreckten sich die Flaschen, jede Zutat interessanter als die vorige. Phönix ging an den Regalen entlang, bis sie von Winnie abgelenkt wurde, der mit einem warnenden Fiepen plötzlich wieder auf ihrer Schulter landete.

Als Phönix sich umdrehte, sah sie, dass Zenith sich mit dem blassen Fünf unterhielt.

»Ihr habt ein solches Glück, überall hingehen und euch ansehen zu können, was ihr wollt«, sagte die Hexe gerade.

»Glück?« Fünfs Stimme klang schneidend. »Wisst ihr überhaupt, warum die meisten Jagdlinge in der Loge landen? Freiwillig jedenfalls nicht.«

»Ich wollte nicht …« Zenith brach ab. »Ich meinte nur, dass ihr Glück habt, hier zu sein.« Sie zuckte zusammen, als die Worte ihren Mund verließen. »Nein, das klang jetzt …«

»Oh ja«, unterbrach Fünf sie schnaubend. »Ich bin ja so was von froh, hier zu sein und euch Hexen nach Jahrzehnten des Schweigens bei Embra weiß was zu helfen. Was für eine Ehre!«

»Uns zu helfen?« Augenblicklich schaltete Zenith von unbehaglich zu ungehalten um. »Nicht du hilfst uns – sondern sie!« Zenith zeigte auf Phönix. »Falls sie vorher nicht unser Zuhause komplett zerstört, meine ich.«

Phönix erschrak. Winnie knurrte. »Ich …«

»Als ob wir deine Hilfe nötig hätten!«, fuhr Zenith fort. »Irgendein aufgeblasener kleiner Jäger, der Angst vor Magie hat. Du bist echt erbärmlich!«

»Klein? Erbärmlich?« Fünf machte ein Geräusch, wie ein überkochender Topf. »Was weißt du denn schon? Erbärmlich ist, dass du die Hexen in den höchsten Tönen lobst – für Sachen, die schon Jahrhunderte her sind. Du hast die Frostige Ebene nie verlassen. Du hast keine Ahnung, wie das Leben in Embra aussieht, aber ganz offensichtlich glaubst du, dass die Hexen in den Augen der Clans Heldinnen sind. Ich sag es dir ganz deutlich: Das sind sie nicht. Kein Mensch interessiert sich für euch oder diesen Ort hier.«

Zenith schwankte, als hätte Fünf sie geschlagen, aber er sprach weiter. »Die meisten Leute in Embra glauben, dass die Hexen tot und verschwunden sind. Und die, die das nicht glauben, haben nicht viel für Magie übrig. Du täuschst dich, wenn du dir etwas anderes einbildest. Warum meinst du, dass mich dieser Ort so nervös macht? Die einzige Magie, die es da draußen noch gibt, stammt von Monstern. Und das wird dir jeder in Embra sagen.«

Phönix schauderte. Sie sah, dass Sieben am anderen Ende des Raums ebenfalls zusammenzuckte. Das hatte er doch nicht so gemeint? Zwei seiner besten Freundinnen verfügten über magische Fähigkeiten; wie konnte er da Magie mit Monstrosität gleichsetzen? Phönix fing Siebens Blick auf und sah, dass die genauso verletzt war wie sie selbst.

»Zenith, nicht …«

Theas Schrei kam zu spät. Mit einer ruckartigen Armbewegung und einem nicht hörbaren Wort schoss Zenith mehrere Luftwirbel auf Fünf ab. Dem ersten wich er aus, aber der zweite traf ihn mit voller Wucht auf der Brust. Mit einem wütenden Schrei wurde er hochgeschleudert und gegen die Regalbretter ein ganzes Stück über ihren Köpfen gedrückt. Flaschen in leuchtenden Farben fielen herab, zerschellten unter ihm und verteilten ihren Inhalt über den Boden. Eine schlangenartige Ranke richtete sich auf und schnappte nach seinen Knöcheln, bevor sie zu Staub zerfiel; zwei Rauchsäulen verbanden sich und fingen Feuer, und Blitze zuckten aus einer kissengroßen Gewitterwolke.

»Was bei Embra ist hier los?« Auf der Schwelle erschien Oberhexe Yelara und war entsetzt, als sie Fünf am Regal und die kaputten Flaschen unter ihm erblickte. Sie sah Zenith an, und ihre Miene verdüsterte sich. »Ich hoffe, du hast eine sehr gute Erklärung dafür, Zenith.«

OceanofPDF.com