Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 6 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

6. Kapitel

 

 

Raureif war wie erstarrt. Es war das erste Mal, dass Phönix ihn so unsicher erlebte.

Der riesige Vogel, der im Mondlicht geradezu überirdisch weiß strahlte, brach seinen Sturzflug im letzten Moment ab, um sanft in der Nähe zu landen. Eine Frau glitt von seinem Rücken und kam aufrecht auf sie zu. Sie war groß, was durch die auf dem Kopf aufgetürmten Haare noch verstärkt wurde. Ihr Gesicht war kantig, die ausgeprägten Wangenknochen traten unter der braunen Haut deutlich hervor. Von ihren Schultern fiel ein langer Umhang, der aus denselben schneeweißen Federn bestand wie ihr Vogel.

»Sei gegrüßt, Raureif«, sagte sie mit sanfter Stimme. Aus der Nähe betrachtet war ihr Haar von silbernen Strähnen durchzogen, und zarte Fältchen umrandeten ihre Augen.

»Nara?« Raureif musterte stirnrunzelnd ihr Gesicht. »Bist du das?« Seine Überraschung war nicht zu übersehen.

Die Frau lächelte erleichtert. »Ich war mir nicht sicher, ob du mich wiedererkennen würdest.«

Fünf stieß Phönix an. Die kennen sich?, sagte er lautlos.

Phönix zuckte mit den Achseln. Winnies Augen waren weit aufgerissen, und sein Blick huschte von einem Gesicht zum anderen, um von seinem Platz auf Phönix’ Schulter aus alles in sich aufzunehmen.

»Selbstverständlich erkenne ich dich wieder«, sagte Raureif, der sein übliches Gepolter teilweise wieder aufgenommen hatte, barsch. »Es ist zwar schon über vierzig Jahre her, und ich bin möglicherweise älter geworden, aber meine grauen Zellen funktionieren immer noch einwandfrei.« Mit grimmigem Blick tippte er sich an die Stirn.

Die Frau nickte amüsiert und ließ den Blick über die Gruppe schweifen, bevor er interessiert auf Hund liegen blieb. »Wir haben deinen Brief erhalten«, wandte sie sich dann wieder an den Ältesten, und ihre Miene wurde ernst.

Raureifs struppige Augenbrauen schossen nach oben. »Den, den ich vor drei Monaten abgeschickt habe? Und ihr habt euch entschieden zu antworten. Das ist ja wirklich ganz reizend.«

Die Hexe zog ihren hübsch gefiederten Umhang enger um sich. »Wir sollten uns unterhalten«, sagte sie leise. »Es ist viel geschehen. Das Schweigen Eisgards hatte seine Gründe.«

»Schweigen?« Raureif schnaubte. »Ich würde eher sagen, ihr seid völlig von der Bildfläche ver…« Er brach abrupt ab.

»Jetzt bin ich ja da, um alles zu erklären«, sagte Nara mit ruhiger Würde. »Und um mich mit dir über den Inhalt deines Briefs zu unterhalten. Du hast gesagt, du hättest eine Feuerhexe unter deinen Jägern?«

Phönix erstarrte.

Über ihren Köpfen in Kliff loderten Fackeln auf. Schritte huschten über die schmalen Pfade. Die Frau von der Korbkurbel rief Raureif etwas zu, und er brüllte zurück, dass alles in Ordnung sei.

»Vielleicht bleiben wir besser erst mal hier unten«, sagte er zu Nara. »Hier sind wir ungestört.« Er zögerte kurz, dann schien er einen Entschluss zu fassen. »Das ist Phönix.« Er wies mit dem Kopf in ihre Richtung. »Und ja, ich würde sagen, sie ist auf jeden Fall eine Feuerhexe, obwohl wir das natürlich aus offensichtlichen Gründen für uns behalten haben.«

»Natürlich«, entgegnete Nara sanft. »Der alte Aberglaube bezüglich der Elementhexen ist noch immer spürbar.« Der Blick, mit dem sie Phönix bedachte, war so durchdringend, dass Winnie zurück unter ihr Fell huschte. Phönix spürte, wie ihre Freunde von beiden Seiten schützend näher rückten.

»Wenn es um Phönix geht, bleibt ihr besser da«, knurrte Raureif und führte die Gruppe zu einem Kreis aus großen Steinen, auf die sie sich setzen konnten.

»Ja, das wäre gut.« Nara folgte ihm.

Phönix und Sechs wechselten einen Blick. Die Hexe wirkte nervös. Auch Raureif bemerkte es.

Nara holte tief Luft und lächelte verzagt in die Runde. »Du hast uns geschrieben und uns um Hilfe gebeten«, hob sie an. »Ich bin jedoch gekommen, um meinerseits euch um Hilfe zu bitten.«

Was immer Raureif erwartet hatte, damit hatte er nicht gerechnet. Phönix konnte geradezu sehen, wie die Fragen und der Protest aus ihm hervordrängten, aber er nickte bloß. »Fahr fort.«

»Morgren«, sagte Nara. »Der Koboldmagier, von dem du geschrieben hast.«

Schweigen senkte sich über die versammelte Gruppe, und Hund entfuhr ein Knurren. Fünf sah Phönix verwirrt an.

»Was ist mit ihm?« Raureif ballte die Fäuste.

»Er hat Eisgard einen Besuch abgestattet.«

Phönix schlang die Arme um sich. Morgren hatte die Schlacht in der Jägerloge also wirklich überlebt. Winnie tauchte wieder aus ihrem Fell auf, knurrte leise und schmiegte sich schützend an ihren Hals.

»Schändliche Schneckenbohrer!« Raureif sprang auf. »Ist er noch dort? Hat er seine Armee mitgebracht?«

Nara schüttelte den Kopf, anscheinend unbeeindruckt vom Ausbruch des Ältesten. »Vor drei Wochen ist er wie aus dem Nichts auf dem Eis vor dem Frostpalast aufgetaucht. Durch irgendeine Art magisches Portal, nehme ich an. Er blieb nur ein paar Minuten, dann verschwand er wieder, aber wenn es nicht noch weitere Koboldmagier gibt, war es bestimmt Morgren.« Sie holte tief Luft. »Er … hat etwas getan. Und dadurch ist Eisgard jetzt in großer Gefahr. Und möglicherweise sogar ganz Embra.«

»Was soll das heißen, ›er hat etwas getan‹?« Fünf runzelte die Stirn.

»Embra ist in Gefahr?«, fragte Hund gleichzeitig.

Nara nickte schnell. »Damit ihr das versteht, muss ich euch erklären, was vor vierzig Jahren geschehen ist.« Ihr Blick begegnete dem Raureifs. »Warum wir von der Bildfläche verschwunden sind.«

Trotz ihres Entsetzens wurde Phönix unweigerlich neugierig. Die Hexen waren in ganz Embra schon fast vergessen. Sie selbst hatte sich schon oft gefragt, ob es sie wirklich gab. Aber jetzt saß eine Hexe direkt vor ihr – so lebendig wie Winnie auf ihrer Schulter –, und ihr Umhang aus Eisadlerfedern glitzerte im Mondschein. Phönix sah ihre Freunde an, die genauso erstaunt und ungläubig wirkten wie sie selbst.

»Na, dann los«, sagte Raureif.

Mit gequälter Miene holte Nara tief Luft.

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