Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
11. Kapitel
Phönix kam es so vor, als hätte sie stundenlang wach gelegen und in die Dunkelheit gestarrt. Sie machte sich Sorgen um Hund und fragte sich, wie es wohl in Eisgard sein würde.
Eisgard.
Trotz Sieg und Morgren, trotz des Schattensaums, zitterte ein Teil von ihr vor Aufregung beim Gedanken daran, dass sie den Frostpalast wirklich zu Gesicht bekommen würde. Was hätte Mohnblüte gesagt, wenn sie gewusst hätte, dass ihre Schwester dort eines Tages hinreisen würde? Phönix musste nicht lange darüber nachdenken: Mohnblüte wäre vor Freude geplatzt. Ihre kleine Schwester war begeistert von der Welt jenseits von Poa gewesen. Sie war diejenige gewesen, die sich am meisten gefreut hatte, als ihr Vater ihnen gesagt hatte, dass er sie mit zum schwimmenden Markt nehmen würde – das erste Mal, dass Phönix und ihre kleine Schwester das Grasland je verlassen hatten.
Sie schloss die Augen und tauchte in die Erinnerung an ihren ersten Tag dort ein.
»Da bist du ja«, keuchte Sperling erleichtert, als Mohnblüte plötzlich neben Pas Karren, in dem sie saß, auftauchte. »Wo warst du denn?«
»Mich umsehen natürlich.« Mohnblüte blinzelte. Hinter ihr pulsierte der schwimmende Markt mit Leben und Lärm, bunt bemalte Stände drängten sich eng aneinander. Dahinter breitete sich das glänzende Wasser des Ilarasees in alle Richtungen aus und glitzerte im warmen Licht der Nachmittagssonne.
Sperling schauderte und wandte den Blick ab. Das Ufer wirkte viel zu weit entfernt. Vorhin, als sich die Clanbrücken wie Spulen von der Insel zum Ufer ausgerollt hatten, als sie mit Pa und Mohnblüte hinübergefahren war, war sie aufgeregt gewesen. Dieses Gefühl war jetzt verschwunden. Die Brücken waren wieder eingerollt worden. Sie würden erst am nächsten Tag wieder ausgefahren, und Sperling hatte das Gefühl, gefangen zu sein. Gefangen und umringt von den anderen Clans. Gefangen in all ihrer Fremdheit.
Sie schauderte, als sie spürte, wie sich der Karren unter ihr im Rhythmus mit der Insel auf- und abbewegte. Vor ihrer Ankunft hatte sie nicht gewusst, dass der schwimmende Markt gar keine echte Insel war, sondern eine künstliche. Schilfbündel lagen über älteren Schilfbündeln, die wiederum auf noch älteren Schilfbündeln lagen. Der Boden war weich und elastisch, die Insel trieb in der Brise über den See. Alles daran fühlte sich zerbrechlich und unnatürlich an. Sperling verabscheute es.
»Hast du die Stände des Flussclans gesehen?«, fragte Mohnblüte, der der Gesichtsausdruck ihrer Schwester nicht auffiel. »Eisvogelfedern in Farben, die ich noch nie gesehen habe! Und Fischschuppen, die wie Silber schimmern. Es ist wunderschön.« Das letzte Wort war fast ein Seufzer.
»Du hättest hier bei mir bleiben sollen.« Sperling streckte die Hand nach ihr aus. »Du weißt doch, dass Pa mir gesagt hat, ich soll auf dich aufpassen.«
Mohnblüte machte einen kleinen Satz zur Seite. »Aber ich will mich umsehen und du nicht.«
»Das stimmt nicht.«
»Doch.« Mohnblüte schnaubte. »Wenn du dich auch umsehen wolltest, würdest du nicht hinten auf unserem Karren sitzen. Den kannst du auch sonst immer sehen. Alles andere dagegen …« Sie drehte sich mit weit ausgebreiteten Armen im Kreis, um die Betriebsamkeit des Marktes einzufangen, ein scharfer Kontrast zur absoluten Ruhe des Sees. »Wir bleiben nur vier Tage. Dann fahren wir wieder nach Hause.« Sie seufzte und ließ die Arme sinken, als eine Wolke vor der Sonne vorbeizog. »Schilf sagt, wir müssen die Zeit nutzen.«
Sperling erstarrte. »Schilf? Wer ist Schilf?«
Mohnblüte strahlte. »Mein neuer Freund!«
»Wir sind doch erst seit ein paar Stunden hier«, entgegnete Sperling schnippisch. »Da kannst du doch nicht schon einen Freund gefunden haben.«
»Kann ich wohl.«
»Kannst du nicht!«
»Na gut.« Mohnblüte zuckte mit den Schultern. »Dann gehe ich jetzt mit niemandem spielen.« Mit verschmitzter Miene hüpfte sie davon und rief über die Schulter: »Niemand bringt mir das Schwimmen bei!«
»Was?« Sperling sprang auf, und der Karren unter ihr bebte. »Nein! Das darfst du nicht, Mohnblüte. Das ist gefährlich. Ich … ich verbiete es dir.«
Mohnblüte ließ sich nicht zu einer Antwort herab. Sie verkniff sich ein Lachen, als sie zu Sperling zurückblickte.
»Das sage ich Pa!«, rief Sperling und hasste sich dafür. Ihren Vater ins Spiel zu bringen, war eigentlich unter ihrer Würde.
Aber es funktionierte.
Ihre kleine Schwester zögerte kurz. »Dann komm doch mit.« Mit leuchtenden Augen drehte Mohnblüte sich um. »Schilf bringt es dir auch bei. Ganz bestimmt!«
Sperling wurde von widerstreitenden Gefühlen gepackt. Wenn sie Mohnblüte begleitete, wüsste sie wenigstens, dass ihrer Schwester nichts passieren konnte. Aber sie wollte nicht schwimmen lernen. Sie gehörte zum Grasclan, nicht zum Flussclan. Was, wenn dieser Flussclanjunge gefährlich war oder … oder …
»Komm schon!« Mohnblüte war es leid zu warten. Sie machte auf dem Absatz kehrt und stapfte auf das Getümmel des Hauptmarktes zu.
»Warte!«, rief Sperling. Aber ihre kleine Schwester war zu schnell und schlängelte sich bereits zwischen den bunten Ständen und den dicht gedrängten Menschen hindurch. Um sie nicht aus den Augen zu verlieren, sprang Sperling vom Karren und lief hinterher. Dabei nahm sie alles, was sie bisher mit einer Mischung aus Misstrauen und Faszination aus sicherer Entfernung betrachtet hatte, gierig in sich auf.
An einem Stand des Wüstenclans leuchtete in kräftigen Farben gefärbte Wolle und funkelten Wüstenglasscheiben in einer Größe, die sie noch nie gesehen hatte. Daneben befand sich ein Stand des Waldclans, vor dem sich eine Menge drängte, die hitzig um Ymber feilschte.
Etwas weiter weg ächzte ein Stand des Sumpfclans unter dem Gewicht Hunderter Pflanzen, von denen einige getrocknet waren, während anderen noch Feuchtigkeit aus den Wurzeln tropfte, die aber alle sorgfältig mit ihrer heilenden Wirkung und dem Preis beschriftet waren. Beim Anblick einer winzigen Pflanze, deren Wurzeln gewissenhaft eingewickelt waren und die so viel kostete wie Getreide für einen Monat, blieb Sperling der Mund offen stehen.
Der Händler grinste sie an, ganz offenkundig amüsiert von ihrer Reaktion. »Noch nie Wundklee gesehen?«
Sperling blinzelte und schüttelte stumm den Kopf.
»Stillt Blutungen«, erklärte der Händler. »Wenn man diese Blätter zerstößt und auf irgendeine Wunde schmiert, sogar wenn ein Glied fehlt, wird sie sofort aufhören zu bluten.« Sperling bekam große Augen, und der Mann nickte. »Hat schon unzählige Leben gerettet, insbesondere in der Jägerloge.«
»Sperling! Kommst du?« Mohnblütes Stimme erklang durch die drängelnde Menge und das aufgeregte Gefeilsche hindurch und holte sie in die Gegenwart zurück.
Mit einem schnellen Nicken folgte Sperling ihr und gab sich Mühe, Mohnblüte einzuholen – vergeblich, denn ihre kleine Schwester war schnell. Als sie schon dachte, ihr würde jeden Moment das Herz aus der Brust springen, rannte sie um den letzten Stand herum und stieß beinahe gegen den Rücken ihrer Schwester.
Mohnblüte war abrupt stehen geblieben und unterhielt sich fröhlich mit einem Jungen in Sperlings Alter, der eine Fischhautweste des Flussclans trug.
»Schilf«, vermutete Sperling, die plötzlich wachsam wurde.
Es bestanden im Moment keine Streitigkeiten zwischen dem Flussclan und dem Grasclan, aber ihre gemeinsame Geschichte reichte Jahrhunderte zurück und war nicht immer einfach gewesen.
Schilf nickte grinsend. Sperlings rasende Gedanken blieben ihm verborgen. »Willst du auch schwimmen lernen?«
»Nein«, sagte sie. »Und Mohnblüte auch nicht. Das ist nichts für den Gras…«
Ein Platschen unterbrach sie, und sie fuhr herum. Entsetzt stellte sie fest, dass Mohnblüte sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen hatte und direkt in den See gesprungen war.
»Mohnblüte!«
Schilf sah ihr überrascht nach.
Hustend und prustend durchbrach Mohnblütes Kopf die Wasseroberfläche, und sie schnappte keuchend nach Luft, bevor sie wieder unterging.
»Mohnblüte!«
Sperling rannte panisch zum Seeufer, tauchte die Arme ins Wasser und tastete hektisch nach ihrer kleinen Schwester. Nichts – das Wasser war zu tief. Sie war kurz davor, hinterherzuspringen, aber eine kleine Hand hielt sie zurück.
»Wenn du nicht schwimmen kannst, kannst du ihr nicht helfen«, sagte Schilf.
Bevor Sperling etwas erwidern konnte, war er an der Stelle, wo Mohnblüte verschwunden war, ins Wasser getaucht, das sich kaum sichtbar für ihn zu teilen schien.
In der plötzlichen Stille wurde Sperling von entsetzlicher Ungewissheit gepackt. Kurz darauf trat sie wieder ans Ufer, drauf und dran, selbst in den See zu springen, als zwei Köpfe die Wasseroberfläche durchbrachen. Schilf zog Mohnblüte hinter sich her.
»Du Dummkopf!«, sagte er lachend, während er sich Wasser aus den Augen blinzelte. »Vor dem Schwimmen kommt doch der Unterricht!«
Sperling starrte ihre kleine Schwester an. Ihr rasendes Herz war nicht in der Lage, das Lachen in Mohnblütes Gesicht zu verstehen. Warum hatte sie keine Angst?
»Ich habe Fische gesehen, Sperling!«, rief Mohnblüte und griff nach ihrer Hand, damit sie sie ans weiche Ufer ziehen konnte. »Sie sind geschwommen!«
»Ab morgen kannst du genauso schwimmen wie sie«, versprach Schilf.
Mohnblütes strahlendes Lächeln entsprach dem Schilfs, obwohl sie erneut von einem Hustenanfall gepackt wurde und Sperling ihr auf den Rücken klopfen musste.
»Mohnblüte«, zischte sie. »Du Dummkopf. Du wirst ertrinken.«
Schilf starrte sie mit verwirrter Miene an. »Wenn man schwimmen kann, ertrinkt man nicht.« Er zögerte, dann fügte er hinzu: »Außer man begegnet einem Zitterprack.«
Mohnblüte winkte ab. »Ich habe keine Angst.« So begeistert hatte Sperling sie noch nie erlebt. »Bring es mir bei.«
Als sie später zum Stand ihres Vaters zurückgingen, war Mohnblüte ganz still und hatte glasige Augen.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte Sperling.
»Spürst du es auch?«, flüsterte Mohnblüte.
»Was soll ich spüren?«
»Wie unglaublich das ist«, sagte Mohnblüte leise mit strahlendem Gesicht. Dann, als sie Sperlings verwirrte Miene sah, fügte sie hinzu: »Die Welt, Sperling! Sie ist so groß und voller Wunder.« Sie seufzte glücklich. »Wenn ich groß bin, werde ich Forschungsreisende und schaue mir alles an.«
Allein in der Dunkelheit lächelte Phönix schmerzlich und versuchte, die Erinnerung in ihrem Kopf leicht und vollständig zu behalten.
Sie ist so groß und voller Wunder.
Sie hatte beinahe vergessen, wie begeistert ihre kleine Schwester vom schwimmenden Markt gewesen war – von den Geräuschen und Gerüchen, den verschiedenen Clans, dem unbekannten Essen, dem Wasser. Sie hatte Forschungsreisende werden wollen, um noch mehr zu entdecken.
Seufzend schloss Phönix die Augen und versuchte, sich etwas von Mohnblütes Fröhlichkeit in ihren Gedanken zu bewahren. Ja, ihre Schwester hätte sich über die Möglichkeit, Eisgard zu sehen, gefreut.
Aber als Phönix schließlich einschlief, war es wie immer der Krock, der sich in ihre Träume schlich und sie daran erinnerte, dass Mohnblüte nicht mehr da war, genau wie ihre ganze Familie. Er verbog ihre Erinnerungen und verwandelte sie in Albträume.
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