Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 45 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

45. Kapitel

 

»Thea! Libbet!« Die Schreie brachen aus Zenith hervor, und ohne nachzudenken rannte sie los und wollte schon über den Rand des Horsts laufen, als Phönix sie so heftig zurückzerrte, dass die Hexe zu Boden stürzte.

In Phönix’ Ohren rauschte es. Sie sah, wie Sieben fiel und unter dem bleiernen Himmel mit Armen und Beinen ruderte. Winnies Entsetzensschreie waren ohrenbetäubend, und hinter sich hörte sie auch Sechs brüllen. Ihre Gedanken peitschten hin und her wie eine Fahne im Sturm. Ihre Brust schnürte sich zu, und sie musste würgen.

Und dann plötzlich fielen die Mädchen nicht mehr.

Es dauerte einen Moment, bis Phönix verstand, was geschehen war. Die drei Mädchen hingen in der Luft und schrien immer noch, aber sie stürzten nicht mehr abwärts. Zenith lag auf dem Rücken, die Arme ausgestreckt, und beschwor mit den Lippen lautlose Magie herauf.

Phönix hielt den Atem an, bis ihre Lunge brannte. Sie fürchtete, irgendetwas zu tun, das Zeniths Konzentration stören konnte. Doch diese holte Thea, Libbet und Sieben langsam und gleichmäßig auf die Plattform zurück.

Die drei Hexen klammerten sich aneinander. Sie waren so entsetzt, dass sie noch nicht mal weinen konnten.

»Du hast uns gerettet«, flüsterte Thea, die Arme fest um Zenith geschlungen.

»Natürlich«, entgegnete diese mit brüchiger Stimme.

»Zenith wird uns immer retten.« Libbets ganzer Körper zitterte vor Schreck.

Phönix spürte die Angst, die Sieben ausstrahlte, und schlang die Arme um sie. »Es tut mir leid«, flüsterte sie. Sieben nickte stumm und reagierte erst, als Sechs’ bleiches Gesicht am Kopf der Leiter erschien.

»Mir geht es gut«, murmelte sie, als er sie in den Arm nahm. »Wirklich, es ist alles in Ordnung.« Nach einem kurzen, aber erkennbaren Kampf mit sich selbst, wandte sie sich an Zenith. »Dank dir«, sagte sie steif.

Zenith lachte schwach und setzte sich plötzlich hin. »Was machen wir jetzt?«, fragte sie Phönix. »Wir können sie nicht auf einen anderen Eisadler setzen. Du hast ja gesehen, was passiert ist.«

Ein sanfter Regen aus glitzerndem Eisstaub ging über ihnen nieder, und Phönix streckte mit zugeschnürter Kehle die Hand aus, um ein wenig davon aufzufangen. »Was ist passiert? Heißt das … Ist Nara …?« Sie konnte die Frage nicht aussprechen.

»Tot.« Zenith barg das Gesicht in den zitternden Händen.

Winnie quiekte, und Phönix schwankte vor Entsetzen.

Nein, das konnte nicht wahr sein.

»Phönix! Sechs!« Zwischen den Zacken und Windungen des Eises stieg Fünfs Stimme auf und weckte sie aus ihrer Erstarrung. »Ihr solltet besser runterkommen.«

»Hört mal …«, sagte er, als sie kurz darauf neben ihm standen.

Phönix hielt den Atem an, verdrängte die Gedanken an Nara und lauschte. Von unten hörte man deutlich Schritte, die die Treppe heraufpolterten und sich eilig näherten.

»Das könnten die anderen Hexen sein.« Zeniths Miene hellte sich auf.

Phönix schüttelte ängstlich den Kopf. »Was immer da kommt, hat Klauen.«

Sie versuchte, nicht daran zu denken, was das zu bedeuten hatte. Es waren Wesen – und zwar viele Wesen, so wie es sich anhörte –, denen es gelungen war, in den Eispalast einzudringen. Wie waren sie an den Hexen vorbeigekommen? Warum hatte niemand sie aufgehalten?

Sie verfluchte sich selbst. Jetzt saß sie hier auf Eisgards Dach fest und kam nicht an den Schattensaum heran. Dabei hatte Nara auf sie gezählt. Alle hatten auf sie gezählt. Was, wenn sie die Gelegenheit, ihn zu zerstören, verpasst hatte, und Eisgard – zusammen mit ganz Embra – den Preis dafür zahlen musste? Hatte sie ihr Versprechen an Mohnblüte bereits gebrochen? Wie hatte sie nur so dumm sein können?

Der Hoffnungsschimmer verschwand aus Zeniths Gesicht, und sie schob Thea und Libbet hinter sich. »Macht euch irgendwo ganz klein«, befahl sie ihnen.

»Wenn ihr irgendetwas außer uns seht oder hört, webt einen Schleier, um euch zu verstecken«, fügte Sieben hinzu.

Thea bekam große Augen, und Libbet stieß ein verängstigtes Quieken aus.

Zenith sah Sieben mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Libbet soll sich einen Schleier weben? Sie ist erst acht – und das ist einer der kompliziertesten Zauber, die es gibt.«

Das Geräusch der krallenbewehrten Klauen war jetzt ganz nah.

»Tut, was Zenith sagt«, rief Phönix Thea und Libbet zu und zwang sich, die Gedanken vom Schattensaum abzuwenden. »Versteckt euch irgendwo. Schnell.« Winnie fiepte zustimmend und schaute die beiden Mädchen sorgenvoll an. Phönix holte tief Luft. »Sieben, du auch.«

Sieben schien damit gerechnet zu haben und wappnete sich. »Ich habe meinen Dolch – ich bin nicht nutzlos. Ich kann auch was tun.«

»Wenn wir dich brauchen, rufen wir dich«, sagte Phönix rigoros.

Sieben erbleichte, und die beiden Mädchen sahen sich an. Einen Augenblick dachte Phönix, Sieben würde ihr widersprechen, aber dann drehte sie sich mit hocherhobenem Kopf um und ging davon.

»Danke«, flüsterte Sechs, eindeutig erleichtert. »Also, was genau ist der Plan?«

Phönix nickte kurz. Ihre Gedanken schwirrten. »Wir können uns nirgendwohin zurückziehen«, räumte sie ein. »Daher ist es entscheidend, dass wir diese Tür bewachen.«

»Könnten wir riskieren, es mit einem anderen Eisadler zu versuchen?«, fragte Sechs.

»Nur, wenn wir kein Problem damit haben, in den Tod zu stürzen«, schnaubte Fünf. »Und um es klar zu sagen, ich habe sehr wohl ein Problem damit.«

»Das wäre nur der allerletzte Ausweg«, stimmte Phönix ihm zu.

Über ihnen kreisten die Glitzergleiter; ihr hohes Kreischen durchschnitt die Luft und machte Phönix nervös. Ein sanfter, stetiger Regen aus funkelndem Eisstaub ging über ihnen nieder. Die Adler der Hexen starben. Bedeutete das, dass auch die Hexen gestorben waren?

Zenith bemerkte es ebenfalls. Lautlose Tränen liefen ihr über die Wangen, aber sie nickte, als Phönix sie ansah. »Lasst nichts hier durch. Verstanden?«, sagte sie mit rauer Stimme. Ihr Blick huschte zu der Stelle, an die Thea und Libbet gerannt waren, während sie flüsternd Verteidigungszauber heraufbeschwor und mehrere in ihre Richtung schickte.

»Wir tun, was wir können«, sagte Phönix. »Strategisch gesehen ist das hier ein guter Platz. Es können nie mehr als zwei oder drei Wesen gleichzeitig die Treppe hochkommen. Und wir können sie abfangen.« Sie warf einen Blick in den Himmel. »Aber wir müssen auch nach oben schauen.« Sie zögerte, dann fuhr sie fort: »Wenn sich eine Lücke ergibt, muss ich zum Schattensaum. Ich muss ihn zerstören. Bleibst du dann hier bei Sieben, Fünf und Sechs? So ist es sicherer.«

Bevor Zenith antworten konnte, tauchte das erste Wesen hinter der Windung in der Treppe unter ihnen auf. Es war ein Zitterprack. Feucht und unkrautbewachsen flitzte er überraschend schnell auf sie zu und hinterließ Rinnsale aus Wasser hinter sich.

Sechs’ Bogensehne sirrte, und das Wesen ging zu Boden. Sein Platz wurde augenblicklich von einem Winterwolf eingenommen, der laut heulte, als er ihre Witterung aufgenommen hatte. Einer von Zeniths Verteidigungszaubern machte ihm den Garaus.

Bald war keine Zeit mehr, um die Wesen zu benennen. Sie tauchten auf, sprangen über die Leichen ihrer Vorgänger hinweg und wurden von Sechs’ Pfeilen oder Zeniths Zaubersprüchen niedergestreckt. Fünf und Phönix standen mit gezückten Waffen dahinter, bereit, alles zu erledigen, was durch die Abwehr schlüpfte.

Dann drehte sich Zenith plötzlich um, packte Phönix am Handgelenk und zog sie nach vorn, damit sie ihren Platz einnahm.

»Einen Eisadler gibt es, auf dem Thea und Libbet doch sicher reiten könnten«, sagte sie keuchend. Ihre Augen glänzten fiebrig, und ein dünner Schweißfilm überzog ihre Stirn.

Instinktiv wusste Phönix, was Zenith meinte. »Du willst dich jetzt an dem Befiederungszauber versuchen, oder?«

Zenith nickte. »Wenn ich das schaffe, wissen wir, dass es sicher ist, auf ihm zu fliegen, solange ich am Leben bin.«

»Ich dachte, du dürftest davor keine Magie nutzen, sondern müsstest dich ausruhen und all diese Stärkungstränke trinken«, wandte Phönix vorsichtig ein.

Zenith nickte erneut. »Jetzt oder nie. Wie sollen wir sonst hier wegkommen?«

Phönix zeigte auf die zunehmende Anzahl dunkler Wesen unter ihnen. »Wir können das schaffen, Zenith«, sagte sie leise. »Dafür sind wir ausgebildet. Du musst dieses Risiko nicht auf dich nehmen.«

Die junge Hexe schüttelte den Kopf, ein Lächeln umspielte ihre Lippen. »Wir wissen nicht, wie viele Wesen noch da unten sind. Möglicherweise noch viel mehr. Was, wenn Sechs die Pfeile ausgehen, wenn Fünf sein Schwert nicht mehr heben kann?«

Phönix machte den Mund auf, aber Zenith ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Nicht. Ich weiß, dass du kämpfen wirst, solange du kannst. Ich bezweifle, dass irgendjemand härter kämpfen würde als du. Und wenn du deine Äxte nicht mehr einsetzen kannst, wirst du dein Feuer entfesseln. Aber wenn dich das ausgelaugt hat? Wenn ich zu erschöpft bin, um noch einen Zauber heraufzubeschwören? Was dann? Ich weiß, jetzt fühlst du dich stark, aber was ist in einer Stunde? In zwei? In einem Tag?«

Zeniths Entschluss stand fest. »Wenn ich eine Chance haben will, dass es gelingt, muss ich es jetzt machen, solange ich noch die Kraft habe und du noch die Energie, um mich zu verteidigen.«

Ihr Blick war voller Angst und Entschlossenheit.

Phönix konnte nur nicken. Ihre Stimme versagte ihr den Dienst. Es war Fünf, der ernst sagte: »Das klingt vernünftig, Zenith. Wir beschützen dich, solange wir können.«

Sie nickte ihm dankbar zu.

»Viel Glück«, flüsterte er Zenith zu, als sie davonrannte. Sechs und schließlich auch Phönix schlossen sich seinem Wunsch an.

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