Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 59 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

59. Kapitel

 

Das Portal schloss sich.

Sieben ließ den Schleier sinken, und die Magie verwehte im Wind der Ebene. Sie hatte sich diesen Zauberspruch und einige andere in der Bibliothek von Eisgard selbst beigebracht, aber ihr war nicht bewusst gewesen, wie anstrengend es sein würde, ihn anzuwenden. Eine Welle der Benommenheit schlug über ihr zusammen, und sie schloss die Augen und schluckte. Phönix hätte sie beinahe gesehen, sich beinahe an sie erinnert, und sie hatte all ihre Kraft in den Unsichtbarkeitszauber stecken müssen, um verborgen und vergessen zu bleiben.

Und jetzt war sie allein. Eine eisige Brise wand sich um ihre Hand- und Fußgelenke, hob ihr Haar an und ließ es wieder sinken. Die Stille war erdrückend.

Was hatte sie getan?

Das, von dem du schon immer wusstest, dass du es tun müsstest!

Sieben zwang sich, die Augen aufzuschlagen, zwang sich, die jüngsten Ereignisse noch einmal Revue passieren zu lassen.

Die dunkle Armee war genau zu dem Zeitpunkt eingetroffen, in dem sie sie erwartet hatte. Phönix hatte wie vorhergesehen den Schattensaum zerstört. Und dann hatte der Meister versucht, sie bei sich zu behalten, wie von ihr vermutet. Sie hatte sich tagelang auf diesen Augenblick vorbereitet, hatte Unmengen von Erebusblättern aus dem Vorratslager gegessen, um ihr zweites Gesicht zu dämpfen. Als er sie berührt hatte, hatte sie schwach gewirkt, war ihre Macht kaum wahrnehmbar gewesen, auf keinen Fall stark genug, um ihm bei der Eroberung Embras zu helfen.

Aber dann hatte er stattdessen ihren Bruder behalten. Wie hatte sie das nach all ihren sorgfältigen Vorbereitungen übersehen können?

Panik stieg in ihr auf. Wie hatte sie etwas so Großes nicht mitbekommen?

Die Antwort darauf war offensichtlich. Die Pfade waren irrsinnig komplex, es war unmöglich, sie zur Gänze nachzuvollziehen. Und sie hatte sich auf den Pfad konzentriert, der ihr am wichtigsten erschienen war: Phönix’. In den letzten Wochen hatte sie den ihres Bruders kein einziges Mal überprüft.

Faul. Nachlässig.

Sie hatte Angst, sich die Pfade jetzt wieder anzusehen, war sicher, dass die sich bis zur Unkenntlichkeit verändert hatten. Sie lauerten wie immer am Rand ihrer Sichtweite. Es war nur eine winzige Bewegung nötig, um sie zu erreichen, ein Scharfstellen der Augen, eine Verlagerung ihrer Aufmerksamkeit, ein Schritt zur Seite. Und plötzlich befand sie sich nicht mehr in der Frostigen Ebene, sondern in der komplizierten, sich stetig wandelnden Landschaft des Schicksals.

Unzählige Pfade erstreckten sich vor ihr, begegneten sich, machten kehrt, teilten sich und fächerten sich zu einem Meer der Möglichkeiten auf.

Sieben drehte sich auf der Stelle – und runzelte die Stirn. Alles sah genau gleich aus.

Sie blinzelte, schüttelte den Kopf, dann unterdrückte sie ihre Verwirrung und suchte nach ihrem eigenen Pfad. Er war unverändert, es war noch immer ein gefährlicher, schmaler Steig, der an einem unglaublich steilen Hang entlangführte. Sie nahm all ihren Mut zusammen und folgte dem Pfad zitternd und stolpernd, während dieser immer steiler, immer schmaler wurde. Bilder aus der Zukunft blitzten vor ihrem inneren Auge auf.

Ein Wasserfall bei Vollmond.

Ein schwarzer Kiesstrand tief unter der Erde.

Reihen aus schweigenden Kriegern, deren verängstigte Blicke in die wachsame Finsternis gerichtet waren.

Sieben schluckte. Ihr Pfad machte ihr genauso viel Angst wie immer. Aber es war derselbe, den sie schon früher vorhergesehen hatte, unverändert von der Entführung ihres Bruders. Wie war das möglich? Wie konnte es sein, dass Sechs weg war und ihr Pfad derselbe blieb?

Sie sah genauer hin, folgte dem Pfad weiter, um sicher zu sein, und traf auf so viele gefährliche Stellen, auf so viele Absturzmöglichkeiten.

Die Dinge, die sie würde tun müssen.

Aber dieselben Dinge, von denen sie immer schon gewusst hatte, dass sie sie würde tun müssen.

Ihre Fingernägel bohrten sich in ihre Handfläche, als sie sich von den Pfaden löste und in die Ebene zurückkehrte.

Eine lange Zeit stand sie reglos da und versuchte zu begreifen, was sie gesehen hatte. Ihr Pfad war so deutlich wie immer. Ihr Schicksal war dasselbe.

Aber wenn sie die Gefangennahme ihres Bruders übersehen hatte, was war ihr dann noch entgangen? Plötzlich kam ihr alles unmöglich vor, ihr weitreichender, brüchiger Plan stand auf Messers Schneide und wurde von Mächten, die sie nur zum Teil erkennen konnte, in die eine und die andere Richtung gezogen.

Dein Pfad ist klar. Du weißt, was du als Nächstes zu tun hast, wo du hinmusst.

Aber was war mit ihrem Bruder, dem Letzten ihrer Familie, dem, der ihr immer beigestanden, sie immer beschützt hatte?

Sieben lauschte dem Geräusch ihrer eigenen ängstlichen Atmung, dem dröhnenden Rauschen, mit dem die Wellen gegen die Klippen schlugen, dem Flüstern des Windes, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Konnte sie das immer noch? Auch jetzt noch? Obwohl Sechs weg war und ihr Glaube an sich selbst bis ins Mark erschüttert?

Sie hatte keine Wahl. Sie musste es tun – es war der einzige Pfad, den es gab.

Dann bahne einen neuen Pfad!

Der besorgte Gedanke stieg einem Schrei gleich in ihr auf. Sieben schloss die Augen und versuchte neuen Mut zu fassen.

Sie würde sich an ihren brüchigen, unmöglichen Plan halten. Sie würde tun, was zu tun war. Die Alternative …

Sieben schauderte, umschlang sich mit den Armen und ging los.

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Aisling Fowler

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