Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
19. Kapitel
»Er hat Eisgard beleidigt.« Zenith bebte vor Zorn. »Er hat unsere Geschichte, den Beitrag der Hexen für Embra, schlechtgemacht.«
Die Atmosphäre um sie herum zitterte noch vor Magie. Winzige Tornados hoben die Zöpfe von ihren Schultern und ließen die Enden ihres Umhangs flattern. Nichts an ihr wirkte reumütig, und ihre Augen funkelten die Oberhexe herausfordernd an.
Fünf strich sich die letzten Scherben aus seinem Fell und musterte eine versengte Stelle. Er war beunruhigend still, nur ein Muskel an seinem Hals zuckte. Sechs sah aus, als wollte er sich auf die junge Hexe stürzen, und Sieben starrte sie mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu an.
Phönix atmete zur Beruhigung tief ein, unfähig, den Blick von der Junghexe abzuwenden. Die Luft im Raum war geladen, zwischen ihnen knisterte es vor Spannung, und mittendrin stand Yelara, die sich große Mühe gab, Zenith gegenüber nicht die Fassung zu verlieren.
»Wie konntest du nur?«, fragte sie mit bebender Stimme. »Wie konntest du so …« Sie schüttelte den Kopf. »Olva hat gerade einen Schwung Stinkwürmer gefangen. Sie ist in der Schleusenkammer. Du wirst ihren Platz einnehmen und den Rest des Tages damit verbringen, sie vorzubereiten. Ich hole dich dann später.«
Zenith verzog angewidert den Mund, aber etwas im Gesicht der Oberhexe hatte sie offenbar davon überzeugt, dass Widerspruch zwecklos war. Sie warf Fünf noch einen giftigen Blick zu, dann stapfte sie mit hocherhobenem Kopf aus dem Zimmer. Sieben und Sechs wirkten zufrieden.
Phönix stand nah genug neben der Oberhexe, um zu hören, wie sie durch die Nase schnaubte, als sie der jungen Hexe nachsah.
»Thea, Libbet«, sagte Yelara an die beiden Mädchen gewandt. »Ich denke, euer Teil der Führung ist hiermit beendet. Jetzt übernehme ich.« Beim Anblick ihrer enttäuschten Gesichter wurde sie sanfter. »Ihr habt später noch mehr als genug Zeit mit unseren Gästen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich an Phönix und ihre Freunde. »Ist alles in Ordnung mit euch? Es tut mir so leid.«
»Uns geht es gut.« Fünfs Wangen waren leicht gerötet.
Phönix bemerkte, dass Yelara sie genauer musterte als die anderen.
»Wir haben nicht vor, wieder abzureisen, falls du dir deswegen Sorgen machst«, sagte Phönix mit schärferer Stimme als geplant. Sie war es nicht gewohnt, dass sich Älteste bei ihr entschuldigten, und wusste nicht, was sie davon halten sollte. Was ihr ganz und gar nicht gefiel, war, dass Yelara das nur tat, weil sie so dringend etwas von ihr wollte.
Sie schüttelte ihr Unbehagen ab und holte tief Luft, froh, dass ihre Stimme sachlich klang. »Aber jetzt würde ich gerne den Schattensaum sehen.« Sie warf ihren Freunden einen Blick zu, und diese nickten ihr aufmunternd zu.
»Natürlich«, sagte Yelara schnell.
Phönix zuckte mit den Schultern. »Es bringt ja nichts, es aufzuschieben.«
Sie wollte endlich sehen, womit sie es hier zu tun bekommen würde. Es konnte unmöglich schlimmer sein als in ihrer Vorstellung.
Kurz darauf führte Yelara die vier Freunde durch einen Gang nach dem anderen. Die Gänge waren ins Eis gegraben und glänzten sanft, ein jeder sah dem vorherigen verwirrend ähnlich. Sieben ging mit nachdenklichem Gesichtsausdruck neben Phönix her. Hinter ihnen schalt Sechs Fünf für seinen Part in der Auseinandersetzung mit Zenith.
»Du hast sie provoziert!«, hörte Phönix ihn zischen.
»Glaubst du, Fünf hat das wirklich so gemeint, dass er Magie für etwas Monströses hält?«, fragte Sieben plötzlich.
Phönix blinzelte. »Ich … hoffe nicht.«
»Geht mir auch so«, murmelte Sieben besorgt. »Schließlich verfügen … zwei seiner b…besten Freundinnen über Magie. Er kann uns doch nicht für monströs halten? Oder?«
Siebens Gedanken ähnelten Phönix’ auf unangenehme Weise, aber sie verscheuchte sie. »Nein, natürlich nicht. Eisgard bringt ihn einfach aus dem Konzept.«
»Klar.« Sieben schien nicht überzeugt zu sein. »Es war allerdings g… ganz schön heftig, sogar für seine Verhältnisse.«
Phönix biss sich auf die Lippe. Sie konnte nichts zu Fünfs Verteidigung sagen – Sieben hatte recht.
Yelara drehte sich zu ihnen um und holte sie in die Gegenwart zurück. »Der Schattensaum ist dort gefangen, wo er damals aufgetaucht ist, in einem ziemlich abgelegenen Teil des Frostpalasts. Wir hoffen, dass uns das Zeit verschafft …« Die Oberhexe brach ab.
Sechs und Fünf beeilten sich, sie einzuholen. Der Schreck über den Zusammenstoß mit Zenith saß bei allen noch tief.
»Das Eis wird dunkler«, sagte Sieben und trat näher an Phönix heran. »Genau wie im Hexereibereich.«
»Das ergibt ja auch Sinn«, murmelte Sechs. »Wir nähern uns dem Schattensaum.«
Fünf nickte zustimmend. Es wurde eindeutig dunkler im Gang. Je weiter sie gingen, desto schwächer wurde der glänzende Schimmer aus dem Eis. In provisorischen Haltern an der Wand steckten brennende Fackeln, und eine dünne Schicht Wasser unter ihren Füßen warf flackernde Schatten an die Wände. Der Effekt war unheimlich: Plötzlich wirkte es, als wären sie irgendwo ganz anders.
»Es ist ernster, als es scheint«, sagte Yelara. »Dadurch, dass der Schatten Eisgard seine Magie entzieht, verliert das Eis zunächst sein Licht, dann wird es schwächer.«
»Schwächer?«, fragte Fünf und sah sich mit neuer Sorge um.
Yelara zögerte. »Berühr es«, sagte sie kurz darauf zu Phönix. »Dann werdet ihr es wahrscheinlich besser verstehen.«
Während ihre Freunde sie beobachteten, trat Phönix vor und legte die Fingerspitzen an die Wand. Augenblicklich zuckte sie überrascht zurück. Es fühlte sich gar nicht wie Eis an, noch nicht mal richtig fest. Stirnrunzelnd probierte sie es erneut, drückte etwas stärker und keuchte auf, als ihre Hand plötzlich in die Wand einsank – eine dünne Membran, die unter ihren Fingern zu zerplatzen schien, sodass sie bis zum Handgelenk in eisigem Wasser landete.
»Was bei …?« Sie machte einen Satz zurück und rechnete beinahe damit, dass die flüssige Wand über ihr einstürzen würde. Die Wand behielt ihre Form, aber sie kräuselte sich seltsam im flackernden Fackelschein, was ihre wässrige Natur deutlich machte.
»Wir sind dem Schattensaum ganz nah, und es wurde schon zu viel der Magie abgesaugt«, erklärte Yelara mit todernster Miene. »Ab hier müsst ihr vorsichtig gehen. Je näher wir dem Saum kommen, desto brüchiger wird die Magie – und das Eis.«
Phönix stand wie angewurzelt da und starrte weiterhin das schimmernde Wasser an. Plötzlich verstand sie, was der Wasserfilm unter ihren Stiefeln war, erkannte, was er bedeutete: Eisgards Zerstörung hatte bereits begonnen.
Sie sah auf und begegnete Yelaras Blick. Ein Fackelschein tanzte über das kummervolle Gesicht der Oberhexe.
»Was passiert, wenn ich ihn nicht aufhalten kann?«, fragte sie mit zittriger Stimme.
Yelara atmete tief ein. »Wenn die Magie nachlässt, kehrt Eisgard in seine ursprüngliche Form zurück: Wasser. Sobald sie völlig verschwunden ist, wird die Welle über die Frostige Ebene nach Embra schwappen, wie sie es schon vor einer Ewigkeit getan hätte, wenn Magie sie nicht aufgehalten hätte.«
Die Oberhexe sah alle nacheinander an, zuletzt Phönix. »Bei eurer Ankunft habt ihr gesehen, wie groß der Frostpalast ist. ›Welle‹ trifft es nicht ganz: Es ist eher ein Berg. Die Zerstörung, die das anrichten würde, wäre unvorstellbar. Und sobald wir den Schattensaum nicht mehr erreichen können, um den Zauber zu seiner Eindämmung zu erneuern, wird er ausbrechen und der Welle nach Embra folgen. Wenn die Krankheit für die Clans dieselben Folgen hat wie für uns Hexen …« Sie brach ab.
Phönix fiel wieder ein, was Raureif gesagt hatte: »Es gibt eine doppelte Bedrohung für Embra.« Wie recht er gehabt hatte.
»All das … aber nur, wenn der Schattensaum nicht zerstört wird«, flüsterte Phönix, deren Magen sich auf übelkeiterregende Weise zusammenzog.
Yelara nickte. Winnie schauderte unter Phönix’ Fell, und Sieben drückte ihre Hand. Das genügte allerdings nicht, um die Woge der Angst aufzuhalten, die sie zu überrollen drohte. Plötzlich fühlte sich das alles viel zu echt an, der Druck riesig, unerträglich. Kein Wunder, dass die Hexen sie vorhin bei ihrer Ankunft alle so forschend und hoffnungsvoll angesehen hatten.
Schweigend gingen sie weiter. Alle waren in ihre eigenen Gedanken versunken.
»Hier ist es«, verkündete Yelara allzu bald.
Phönix bekam Gänsehaut. Es fühlte sich an, als wäre etwas sehr Dunkles sehr nah.
Yelara hatte sie zu einem kunstvoll geschnitzten Torbogen geführt, dessen Muster in seinem Versuch, die Form zu halten, immer wieder einsanken und wieder auftauchten. »Da ist der Schattensaum drin«, sagte sie leise und winkte sie vorwärts.
Aus dem Raum dahinter wehte ihnen ein kalter Wind entgegen, der Phönix’ Haare zerzauste und ihr noch mehr Gänsehaut verursachte. Er kräuselte das Wasser unter ihren Füßen zu dunklen, murmelnden Miniwellen, die vor dem, was hinter dem Torbogen lag, wegliefen. Kurz darauf kribbelte und kratzte es in ihrem Inneren, und Winnie, der unter ihrem Bärenfell saß, stieß einen hohen, durchdringenden Schrei aus. Wie angewurzelt blieb Phönix stehen. Das Kribbeln auf ihrer Haut wurde von dunklen Wesen verursacht – eine nützliche Warnung, wenn sich eins in der Nähe befand –, aber das hier war etwas ganz anderes. Das letzte Mal hatte sie solch starkes Entsetzen verspürt, als der Krock direkt vor ihr gestanden hatte. Ihr war angst und bange zumute, und sie rührte sich nicht vom Fleck, als die anderen weitergingen.
»Beim frierenden Frost …«, flüsterte Sechs mit erstickter Stimme, als er den Torbogen durchschritt.
Phönix holte bebend Luft, dann zwang sie sich, ihm zu folgen.
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