Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 4 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

4. Kapitel

 

 

Auf halbem Weg zurück nach Kliff war Phönix und ihren Freunden mehr als klar geworden, für wie unzulänglich Ältester Raureif ihr Werk hielt – keine Einzelheit ihrer Jagd war ungerügt geblieben; von ihrer Strategie bis hin zu ihrer Handhaltung im Kampf war alles beurteilt und für mangelhaft befunden worden.

»Noch nie habe ich eine kläglichere Leistung gesehen«, knurrte Raureif abschließend.

Phönix ging direkt hinter ihm, und ihr Kiefer schmerzte von der Anstrengung, sich die Widerworte zu verkneifen. Niemand hatte bisher je ihre Fertigkeiten im Umgang mit der Axt kritisiert, und sein Urteil missfiel ihr sehr. Darüber hinaus murmelte Fünf immer noch leise »Vier von zehn« vor sich hin, außerdem waren sie inzwischen bis zu der Wolkenschicht abgestiegen, die offenbar dauernd um Kliff herumwaberte, sodass sie ein leichter Nieselregen stetig durchnässte. Als Phönix das Wasser in den Nacken rann, fühlte sie sich hundeelend. Sie vermisste den klaren kalten Frost des Hochgebirges, in dem die Jägerloge lag. Oder besser gesagt gelegen hatte – bevor sie sie versehentlich zerstört hatte.

Durch den Nebel blitzten immer mal wieder die farbenfrohen Dächer des Dorfes vor ihnen auf. Die Bewohner von Kliff führten ihr Leben in der Senkrechten. Wild durcheinandergewürfelte Steinhäuser balancierten gefährlich auf Stützen, die direkt aus der Steilwand ragten. Wenn man Glück hatte, führten schmale Stufen zwischen ihnen hin und her. Wenn nicht, gab es nur furchterregende Seilbrücken und Strickleitern.

Als das Grüppchen bei den höchstgelegenen Häusern Kliffs ankam, teilte sich die breite Treppe in viele kleine schmalere, die sich netzförmig über die gesamte Klippe erstreckten, um alle Teile des Dorfes zugänglich zu machen. Raureif trennte sich mit einem letzten strengen Blick von ihnen und ging zu dem Haus, das man ihm überlassen hatte. Seine Miene war finster, und Phönix hatte plötzlich den Eindruck, dass an seiner schlechten Laune nicht nur der Kantenwurm schuld war.

»Irgendwelche Neuigkeiten von diesen Jägern, die zu den Clans g… geschickt worden sind?«, rief Sieben ihm nach. Offenbar hatte sie denselben Gedanken gehabt.

Raureif blieb stehen und drehte sich mürrisch zu ihr um. »Nichts Nützliches.« Er ballte die Fäuste. »Keiner von denen hat diese vermaledeite Verräterin Sieg zu Gesicht bekommen oder diesen Koboldmagier …« Stirnrunzelnd versuchte er sich an den Namen zu erinnern.

»Morgren«, sagte Phönix und schnitt eine Grimasse.

Bei ihrer letzten Begegnung hatte ihr Element, das Feuer, ihn über den Kampfplatz der Loge geschleudert. Sie war nicht mal sicher, ob er überlebt hatte. Und für Sieg hegte sie sogar noch finsterere Gefühle. Die ehemalige Waffenmeisterin der Jägerloge hatte sie alle verraten. Sie hatte Kobolden Zutritt zur Loge verschafft und hätte sie alle mit dem größten Vergnügen getötet, wenn Phönix’ bis dahin unentdeckte Macht es nicht verhindert hätte. Aber Siegs Verrat reichte sogar noch weiter: Sie war für den Angriff auf Phönix’ Zuhause vor zwei Jahren verantwortlich, einen Angriff, bei dem das ganze Dorf dahingemetzelt worden war.

»Ach, ja.« Raureif, der nichts von Phönix’ rasenden Gedanken ahnte, nickte. »Morgren. Auch von ihm oder diesem Krock wissen wir nichts.« Sein Stirnrunzeln vertiefte sich.

Bei der Erwähnung des Krock konnte Phönix ein Schaudern nicht unterdrücken: dieses gesichtslose Ungeheuer mit Umhang, das vor drei Monaten in ihre Gedanken und Erinnerungen eingedrungen war. Der Krock verfolgte sie noch stärker als Morgren und Sieg bis in ihre Träume hinein und schien an jedem dunklen Ort zu lauern.

»Aber die vermaledeiten Hexen melden sich nicht, und von den Clans weiß niemand, wer dieser angebliche ›Meister‹ sein soll«, fuhr Raureif fort, ohne Phönix’ Unbehagen zu bemerken. »Verdammt nutzlos, alle miteinander! Eine ganze Koboldarmee verschwindet einfach so mir nichts, dir nichts in Embra!« Er rang die Hände, aber Phönix wusste, dass er trotz seines Gepolters besorgt war. »Und …« Raureif fand langsam Geschmack an dem Thema, »die Oberhäupter können uns nicht nur nicht helfen, jetzt kommen sie auch noch her und verlangen, ich soll meine Jäger gleichmäßig auf alle Clans verteilen! Lächerlich!«

»Die Jägerloge soll doch unparteiisch sein«, sagte Fünf. »Und danach sieht es natürlich gar nicht aus, wenn wir alle hier in Kliff leben.«

Raureif lief rot an. »Glaubst du, das weiß ich nicht? Aber was, verdammt noch mal, hätte ich denn tun sollen? Meine Jäger im Winter in Zelten unterbringen? Der Gebirgsclan ist nun mal der Clan, der uns am nächsten ist …«

Fünf hob die Augenbrauen.

»Geografisch gesehen!«, dröhnte Raureif, als er seinen Blick bemerkte. »Es ist alles andere als ideal.« Der Älteste blies die Backen auf und schüttelte den Kopf, dann wandte er sich ab, um ins Dorf hinunterzugehen. »Ich habe jetzt ein Treffen mit Oberhaupt Sonnentau vom Sumpfclan. ’ne ziemliche Schreckschraube ist das.«

»Viel Glück«, sagte Phönix und versuchte aufmunternd zu klingen.

»Glück?«, grunzte Raureif. »Das brauche ich nicht. Bin schließlich der geborene Diplomat.«

Zum Glück hörte er ihr schnaubendes Gelächter nicht, als er davoneilte und der Regen sich wie ein Vorhang hinter ihm schloss.

»Sollen wir nach dem Abendessen Hund einen Besuch abstatten?«, fragte Sechs.

Phönix grinste. »Gute Idee.« Die Aussicht darauf, den Logenwächter wiederzusehen, heiterte sie auf.

Der einzige Weg nach Kliff hinauf war in einem Korb, der heraufgezogen wurde. Weder der Korb noch die Leute, die die Seile bedienten, waren kräftig genug, um Hund hochzuziehen, deshalb war er gezwungen, am Fuß der großen Klippe zu bleiben und die Fangfüßer – die stämmigen zotteligen Reittiere der Jäger – zu bewachen. Diese Situation behagte niemandem, aber den Freunden blieb nur die Möglichkeit, ihn dort unten zu besuchen, was sie täglich taten.

Später, als die Sonne sank, folgten Sechs, Sieben und Fünf Phönix auf Treppen, die sich über, unter und um die Häuser herumwanden, durchs Dorf. Es kam Phönix immer noch seltsam vor, beim Blick nach oben die Unterseite eines Hauses über ihrem Kopf schweben zu sehen, vor allem so schöne: die Streben und Böden waren von indigoblauer Farbe bedeckt, auf die in Gold die Lieblingssternbilder der dort wohnenden Familie gemalt waren. Den Himmel verehrte der Gebirgsclan über alles. Und das wurde nirgendwo deutlicher als bei der Gestaltung ihrer Häuser.

Unterhalb von Kliff fiel die Klippe steil ab, und kahler Fels sowie immer schmaler werdende Stufen führten bis zu dem Korb hinunter, der sie in die Finsternis am Fuß der Steilwand bringen würde.

»Dieser Abschnitt ist furchtbar«, zischte Fünf im schwächer werdenden Licht. »Wäre etwas zum Festhalten wirklich zu viel verlangt?«

Der Pfad war jetzt nicht mal mehr einen Meter breit, und jenseits der Kante lauerte der Abgrund.

»Du kannst dich an mir festhalten, wenn du willst«, flüsterte Sechs.

»Oh … äh … hm … danke«, sagte Fünf. Phönix konnte geradezu hören, wie er rot wurde.

Im Frostigen Forst hatte Eichenhammer, einer der bösartigen Herzbäume des Waldes, Fünf gezwungen, seine Gefühle für Sechs offenzulegen. Die beiden Jungen waren weiterhin die dicksten Freunde, aber Phönix war sicher, dass sich Fünf manchmal mehr wünschte. Sie hatte schon versucht, ihn darauf anzusprechen, war aber bei beiden Gelegenheiten sanft abgeblitzt.

Weiter oben leuchtete in der zunehmenden Dunkelheit ein orangefarbener Lichtpunkt auf.

»Dem Frost sei Dank, sie zünden die Fackeln an«, sagte Fünf.

Auf der Korbplattform hielten ein Mann und eine Frau die Stellung. Ihre beeindruckend breiten Schultern zeichneten sich unter ihren Fellen ab.

»Willkommen hier schon fast ganz unten, kleine Jäger!« Die Frau grinste, und ihre Zähne blitzten im Schein der Fackeln. Sie hatte Adlerfedern und glänzenden Quarz in ihre Haare geflochten.

»Es gibt nicht viele außerhalb unseres Clans, die diese Treppe so nah an der Dunkelheit mögen«, fügte der Mann, der bemerkt hatte, wie bleich Fünf war und wie Phönix sorgfältig versuchte, den Blick von der Kante abzuwenden, schmunzelnd hinzu.

Mitten in der Plattform befand sich eine große runde Öffnung. Zwei Seile, die an einem Flaschenzug befestigt waren, führten hindurch in die Finsternis darunter. Irgendwo unter ihnen hing ein riesiger Korb, und die beiden Mitglieder des Gebirgsclans kurbelten jetzt an einem großen Rad, um ihn hochzuziehen.

»Springt rein«, sagte der Mann kurz darauf und hielt den Korb für sie fest. »Läutet unten an der Glocke, wenn wir euch wieder hochholen sollen.«

Fünf stieg als Letzter ein, und gleich darauf senkte sich der Korb ruckartig, rauschte gelegentlich ein Stück runter, hielt dann wieder inne und bewegte sich langsamer vorwärts. Alle klammerten sich mit weißen Fingerknöcheln an den Rand, die Gesichter angsterfüllt.

»D…das ist der Abschnitt, d…den ich furchtbar finde.« Sieben kniff die Augen fest zu, als der Korb erneut einen Ruck machte.

Sechs schluckte. »Ganz deiner Meinung …«

Winnie war der Einzige, der fröhlich aussah. Wie um es ihnen zu zeigen, sprang er leichtfüßig über die Schultern von allen vier, bevor er wieder auf Phönix landete.

»Gib nicht so an«, murmelte sie. Winnies geträllerte Antwort klang sehr nach Eichhörnchengelächter.

Die Lichter des Dorfes waren jetzt so weit über ihnen, dass Phönix den Eindruck hatte, zu einer Siedlung im Himmel hinaufzublicken. Was ja in gewisser Weise auf Kliff auch zutraf.

Ein paar furchterregende Minuten später kletterten sie dankbar aus dem Korb auf den holprigen Felsenboden.

Sechs grinste. »Na, dann gehen wir mal unseren Wächter suchen!«

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