Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 54 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

54. Kapitel

 

Phönix sah sich um. Schon seit Monaten fragte sie sich, wer oder was der »Meister« wohl war. Sie gab es nur ungern zu, aber sie war neugierig. Wem war es gelungen, die dunklen Wesen zu vereinen, den Kobolden die Magie zurückzugeben, Sieg anzuwerben? Was war es, das seit Jahren heimlich für Unruhe in Embra sorgte, ohne dass es jemandem aufgefallen war?

Siegs Lachen klang grausam. »Du suchst an der falschen Stelle, Phönix.« Ihre Stimme bebte vor Leidenschaft. »Weite den Blick, denk größer. Er ist mächtiger, als du es dir vorstellen kannst.«

Weite den Blick? Phönix ignorierte das kalte Entsetzen, das ihr über den Rücken kroch, und suchte stattdessen den Himmel ab, aber da war nichts.

»Der Nebel«, flüsterte Sieben von oben mit stockender Stimme. »Schau d…dir den Nebel an.«

Phönix starrte dorthin, aber verstand nicht, was sie sah. Der Nebel erstreckte sich, so weit sie sehen konnte, und jedes Tröpfchen darin begann plötzlich zu brodeln, zu blubbern und zu sieden, während er auf den Frostpalast zurauschte.

Hund bellte ängstlich, als eine Nebelbank Eisgard erklomm. Sie bewegte sich auf den Krock zu, erst langsam, dann immer schneller, und teilte sich in Tentakel, die die Gestalt mit der Kapuze hochkrochen. Einer davon schoss plötzlich schlangenartig vor und schob sich in die Leere, wo das Gesicht des Krock hätte sein müssen.

Fünf schrie verängstigt auf und Phönix schluckte.

Der Krock, die Gestalt ihrer Albträume, wirkte plötzlich hilflos, wurde von Nebelbändern festgehalten, während ihn Unmengen grauer Dunkelheit durchströmten. Immer weiter und weiter rauschte der ganze Nebel aus der Frostigen Ebene auf den Frostpalast zu, bis es ganz plötzlich vorbei war. Das Ende der Dunkelheit tauchte in den Krock ab und verschwand.

Zwischen zwei Atemzügen nahm Phönix die Szenerie in sich auf. Irgendetwas an der Haltung des Krock hatte sich verändert, und es war deutlich zu erkennen, dass der Umhang jetzt ein völlig anderes Wesen beherbergte. Morgren und Sieg traten zurück, sie hatten eine ungekannte, wachsame Aufmerksamkeit an sich. Phönix’ Freunde blickten starr vor Schreck von oben herab.

Phönix hatte in Gedanken alle Seiten von Magische Tierwelt durchgeblättert und das, was sie sah, mit jedem Eintrag verglichen. Trotz ihres unzureichenden Gedächtnisses wusste sie, dass es keine Übereinstimmung gab; der Meister war ein vollkommen unbekanntes Wesen. Ein Teil von ihr hatte das bereits angenommen, aber trotzdem war sie nicht auf die Wahrheit vorbereitet: Sie hatte keine Ahnung, was er war, keine Ahnung von seinen Stärken und Schwächen, keine Ahnung, wie man ihn besiegen konnte.

»Meister.« Morgren neigte vor der ungerührten Gestalt des Krock den Kopf. »Wir haben Eisgard eingenommen. Die Elementhexe hat den Schattensaum zerstört. Embra liegt für dich bereit.«

»Das musst du mir nicht sagen. Ich sehe alles.«

Phönix musste würgen. Aus dem Krock drangen jetzt zwei Stimmen: Die erste war die tonlose, die Phönix bereits mit der Gestalt im Umhang in Verbindung brachte, die zweite eine vollkommen andere. Die Worte glitten hervor wie Schlangen, geschmeidig und grauenerregend glatt. Sie schlängelten sich durch ihren Kopf und verdrehten ihren Geist, bis sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Die Stimme des Wesens schuf ein Vakuum, das alles in sich aufsaugte.

Phönix bekam einen heftigen Zitteranfall. Sie blickte hoch zu ihren Freunden und versuchte Kraft aus ihnen zu ziehen, doch sie sah nur deren Angst und Schmerz. Als das Wesen mit seinen zwei Stimmen sprach, schlugen Wellen des Elends über ihr zusammen. Ihre schlimmsten Erinnerungen traten an die Oberfläche, und sie durchlebte erneut die Entdeckung ihrer ermordeten Familie in Poa, die Begegnung mit Eichenhammer, Silbers Tod, den Ygrex mit dem Gesicht ihrer Schwester. Alles, wofür sie sich schämte, stieg in ihr auf, jedes Bedauern buhlte um ihre Aufmerksamkeit. Sie spürte, wie ihr eine Träne über die Wange rann, wischte sie jedoch nicht weg. Alles war hoffnungslos.

Sie spürte, wie Winnie sich unter ihrem Fell unruhig regte und drehte. Er biss sie fest und durchstieß mit seinen Zähnen die sanfte Haut über ihrem Schlüsselbein. Ein schneidender Schmerz durchschnitt alles, und einen Moment lang sah Phönix klar.

Je mehr Gewalt herrscht, je mehr Chaos und Zerstörung, desto stärker wird er.

Das hatte Morgren vor Monaten über den Meister gesagt.

Und das war die Macht des Meisters! Alles Gute wegzunehmen und nur das Schlechte übrig zu lassen. Angst, Scham, Bedauern, Hass – davon nährte er sich; wo diese Gefühle herrschten, wurde er stärker.

Der Meister wandte sich an Morgren, und Phönix sah, wie der Magier unter seinem Blick erstarrte und sein Unbehagen immer größer wurde.

»Ich sehe alles«, wiederholte der Meister.

»Meister«, hob Morgren an, während seine Augen umherhuschten, als suchten sie nach einem Ausweg, »ich …«

»Du hättest die Elementhexe getötet. Dein Groll ihr gegenüber war dir wichtiger als ich.«

Jetzt schüttelte Morgren vollkommen verängstigt den Kopf. Siegs Gesicht nahm einen angespannten, verkniffenen Ausdruck an.

»Nein«, flüsterte Morgren. »Meister …«

»Nach allem, was ich für dich getan habe. Den Geschenken, mit denen ich dich überhäuft habe.«

»Ich war dir immer treu. Ich …«

»Bis heute ja«, räumte der Meister ein, »daher wird dein Tod schmerzlos sein.« Er hielt kurz inne. »Relativ schmerzlos.«

»Bitte! Ich habe dir jahrelang gedient«, keuchte Morgren mit weit aufgerissenen Augen. Sein Blick huschte hektisch umher und blieb schließlich an Phönix hängen. »Ich hätte sie niemals getötet! Ich wollte ihr nur Angst einjagen. Ich wollte nur …«

»Ich sehe alles.«

Morgren stolperte einen Schritt rückwärts und sah aus, als wollte er fliehen, aber plötzlich überkam ihn eine eigenartige Starre.

»Du Dummkopf. Du weißt genau, dass es keinen Ort gibt, an den du flüchten kannst. Keinen Ort, an dem du dich verstecken kannst. Nicht vor mir.«

Es sah aus, als versuchte Morgren zu sprechen. Doch nur seine Augen bewegten sich, huschten wild hin und her, voll wahnsinniger Verzweiflung. Als die grünen Flammen auf seiner Handfläche erschienen, dachte Phönix erst, er versuche sich zu wehren. Aber dann fing sein Ärmel Feuer.

Fünf stieß einen Entsetzensschrei aus, und Hund bellte wütend. Sechs und Sieben waren offenbar zu schockiert, um ein Geräusch von sich geben zu können. Phönix’ Herz hämmerte, und sie umschlang sich selbst mit den Armen, spürte, wie sie weiche Knie bekam.

Das Koboldfeuer bewegte sich schnell, seine Hitze schwoll gefährlich an. Innerhalb kürzester Zeit war Morgren von einer hoch aufragenden Säule aus grünen Flammen umschlossen.

Im Inneren von Phönix’ Bärenfell stieß Winnie ein leises, ängstliches Fiepen aus.

Als das Feuer erstarb – beinahe so plötzlich, wie es aufgelodert war –, sah Phönix den Magier wieder, geschwärzt, aber noch immer aufrecht, die Augen zusammengekniffen, die Hände zu Fäusten geballt. Einen Moment fragte sie sich, ob das alles nur ein Trick gewesen war, um ihm eine Lektion zu erteilen. Dann fegte eine Brise über den Frostpalast, und Morgren löste sich in Aschewolken auf, die vom Wind aufgewirbelt und über das Endlose Meer getragen wurden.

Sieg wandte sich mit geballten Fäusten abrupt ab. Ihre Schultern bebten, und sie schnappte geräuschvoll nach Luft. Vielleicht war der Waffenmeisterin gerade erst aufgegangen, wie entbehrlich auch sie möglicherweise war. Sie tat Phönix fast schon leid. Fast.

Plötzlich verlor die Magie, die Hund, Sieben, Fünf und Sechs gefesselt hatte, ihre Wirkung. Die vier stürzten neben Phönix zu Boden und schrien überrascht auf. Hund schlug so fest auf, dass der ganze Frostpalast wackelte, aber er sprang, offensichtlich unverletzt, sofort auf und schüttelte sich. Dann stellte er sich mit gesträubtem Fell und knurrend gefletschten Zähnen zwischen den Meister und Phönix.

Die Leere unter der Kapuze des Krock wandte sich ihm zu und Phönix sah, wie Hund schauderte, während er sich Mühe gab, dem Blick des Meisters nicht auszuweichen.

»Wächter.« Der Meister klang erfreut. »Ich habe schon viel von dir gehört. Und doch bist du ganz anders als erwartet.« Er rückte näher, und der Umhang des Krock bauschte sich um ihn herum.

»Du wirst diesen Kindern nichts tun«, knurrte Hund.

»Kinder? Ich dachte, sie seien Jäger?«, sagte der Meister spöttisch.

»Die Seherin nicht.« Sieg hatte ihre Fassung wiedergewonnen und drehte sich zu ihnen um. Sie betrachtete Sieben mit ihrem üblichen verächtlichen Ausdruck im Gesicht. »Die könnte nie Jägerin werden.«

Phönix sah, wie ihre Freundin unter dem Blick der Waffenmeisterin kleiner wurde, und spürte, wie ein wenig ihrer stärkenden Wut zurückkehrte.

»Was willst du von uns?«, fragte sie und ärgerte sich, dass ihre Stimme so schwach und krächzend klang.

»Du hattest recht, Sieg.« Jetzt sprach wieder der Meister mit den beiden verschlungenen Stimmen. Die gesichtslose Leere wandte sich Phönix zu. »Die hier hat Rückgrat und hätte sich großartig entwickeln können. Es war gut, dass sie dir aufgefallen ist.«

Als er seine Aufmerksamkeit auf sie lenkte, kämpfte Phönix mit aller Macht darum, sich an etwas Wertvollem festzuhalten: daran, wie Winnie sich an ihre Brust schmiegte; wie Fünf sich geweigert hatte, sie in der Krypta allein zu lassen; wie Hund ihretwegen die Frostige Ebene durchquert hatte. Es gab Dinge in ihr, für die sie sich schämen musste, aber auch Dinge, die positiv hervorstachen. Ihre Freunde waren der Beweis.

Sie biss die Zähne zusammen und hob den Blick in die Leere unter der Kapuze des Krock.

»Was willst du von uns?«

»Alles, Phönix. Ich habe Hunger. Immer. Ich will alles.«

Darauf hatte Phönix keine Antwort, und sie starrte ihn hilflos an. Wenn sie als Kind Angst vor der Dunkelheit gehabt hatte, hatte sie immer die Augen zusammengekniffen und den Kopf unter der Decke vergraben, bis ihre Eltern gekommen waren. Sie sehnte sich jetzt so sehr nach dieser Zeit, dass sie bebte.

Hund spürte ihre Resignation. Zum Ausgleich richtete er sich noch höher auf und sträubte sein Fell noch stärker. Er trat bedrohlich knurrend einen Schritt weiter auf den Meister zu, und Phönix bewunderte seinen Mut. Das gab ihr Hoffnung, sorgte dafür, dass auch sie sich reckte, und sie sah, dass es denselben Effekt auf ihre Freunde hatte.

»Du wirst diesen Kindern nichts tun«, knurrte Hund erneut, lauter diesmal und forscher.

Siegs Lippen verzogen sich zu einem finsteren Lächeln, als ihr Blick zwischen Hund und dem Meister hin- und herflog. Einen Augenblick herrschte vollkommenes Schweigen, dann breiteten die Glitzergleiter alle gleichzeitig die Flügel aus und stürzten sich auf den Wächter. Phönix’ Hirn drohte zu zerplatzen, als sie ihre Schreie hörte. Hund verschwand unter einem wirbelnden Strudel aus stinkenden, schwarzen Federn und Zähnen, und in kurzer Zeit wurde aus seinem Grollen und Bellen ein Jaulen und Kläffen.

»AUFHÖREN!« Phönix konnte seine Schmerzensschreie nicht ertragen.

Einen Moment dachte sie, sie habe den Wesen auf irgendeine Art einen Befehl erteilt. Sie ließen gleichzeitig von Hund ab und kehrten an ihre Plätze oben im Horst zurück, während Hund schwer atmend und zusammengesunken auf dem Eis liegen blieb. Dann spürte sie die Aufmerksamkeit des Meisters auf sich.

»Dir zuliebe mache ich das. Der Schattensaum hätte nie aufgehört, nie aufgegeben. Er hätte mich wieder an diesen toten, leeren Ort gezerrt.« Die Atmosphäre um Phönix herum wurde unerträglich. »Davor hast du mich bewahrt. Und die, die mir helfen, belohne ich.«

Phönix schüttelte entsetzt den Kopf. »Ich würde … ich würde dir niemals helfen. Du bist schuld am Tod meiner Familie. Auf deinen Befehl hin hat Sieg sie ermordet – hat sie mein ganzes Dorf abgeschlachtet.« Sie unterdrückte ein Schluchzen. Wie hatte das alles nur so schiefgehen können?

»Das stimmt.« Der Meister lachte. »Ich war so hungrig. Wie mich Siegs mörderische Taten in jener Nacht genährt haben. Die Angst, der Schmerz, die Verzweiflung: großartig. Davon träume ich oft.«

Phönix schauderte, ihr wurde übel. Sie suchte in ihrem Inneren nach Wut, fand jedoch nur lähmende Trauer und Furcht.

»Verzweifle nicht, Phönix«, sagte der Meister mit spöttisch gespieltem Mitgefühl. »Du hast das Leben deiner Freunde gerettet. Das ist dir doch sicherlich etwas wert?«

»Du lässt uns gehen?«, fragte Fünf, und seine Stimme klang voller Zweifel.

»Selbstverständlich«, sagte der Meister in schmachtendem Tonfall. »Wie sonst soll sich meine Botschaft in Embra verbreiten?«

Phönix setzte sich mühsam in Bewegung und rückte langsam Richtung Hund vor. Entsetzt sah sie, dass seine Flanke von den Glitzergleitern aufgekratzt und eingerissen worden war und der Stein dort tiefe Furchen aufwies.

»Kannst du aufstehen?«, flüsterte sie. Einen angstvollen Augenblick lang antwortete Hund nicht, dann rappelte er sich leicht schwankend auf. Sie spürte, wie angespannt er dastand. Er musste große Schmerzen haben.

»Wunderbar.« Das Gelächter des Meisters war ekelerregend. Dann fügte er hinzu: »Kommt.«

Sieg gab den anderen ein Zeichen, ihm im Gänsemarsch zu folgen. Sieben ging vor Phönix, die versuchte, einen Blick auf ihre Freundin zu erhaschen, aber Sieben schien in sich verschlossen, tief in ihrem persönlichen Elend versunken.

Die leisen Schritte des Meisters gingen voran, das Eis des Frostpalasts erhellte ihren Weg.

»Schneller«, sagte Sieg grob und schubste Sechs von hinten. »Beeilt euch.« Sie hatte das Schwert in der Hand. »Und kommt nicht auf dumme Gedanken.« Dabei hatte sie vor allem Hund im Visier. »Ich verfüge vielleicht nicht über magische Fähigkeiten, aber mein Schwert tötet euch genauso schnell wie jeder Zauber.«

»Sie haben keinen Grund, sich zu widersetzen«, sagte der Meister mit beiden Stimmen gleichzeitig. »Schließlich werden sie gleich freigelassen.«

Mit wackligen Beinen folgte Phönix dem Meister, unfähig zu glauben, was da gerade vor sich ging. Es war irgendein Trick, dessen war sie sicher. Verzweifelt versuchte sie die Fäden ihres Feuers wieder zu fassen zu kriegen – die einzige Waffe, zu der sie Zugang hatte. Aber sie waren nur so schwach und weit entfernt spürbar, dass sie wusste, es würde eine Weile dauern, bis sie sie wieder heraufbeschwören konnte. Stattdessen hob sie eine Hand, um den ängstlich zitternden Winnie zu streicheln, und hoffte, sie könne ihn so ein wenig beruhigen.

Hund stupste sie sanft mit dem Kopf an. »Ist alles in Ordnung mit dir?«, knurrte er. »Willst du dich auf meinen Rücken setzen?«

Nichts wünschte sich Phönix sehnlicher, aber sie schüttelte trotzdem den Kopf, als sie sah, wie stark er humpelte.

»Wo bringt ihr uns hin?«, murmelte sie an Sieg gerichtet.

»Zum Eingang, natürlich«, raunzte die Waffenmeisterin. »Der einzige Weg hier rein und raus.«

»Wo sind denn alle?«, flüsterte Sechs im Gehen. »Wo sind die Hexen?«

»Und die dunklen Wesen«, murmelte Fünf. »Es klang doch so, als wären hier unzählige. Wo sind sie alle?«

Fünfs Frage wurde kurz darauf beantwortet, als sie am Fuß des Schlemmerbaums ankamen.

Sieben stöhnte laut auf, und Phönix konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. Eisgard war zerstört: das große Tor aus den Angeln gerissen, in der Wand gähnten Löcher, durch die der Wind pfiff. Der See war gefroren – wie war das geschehen? –, und die bunten Fische waren unter seiner Oberfläche gefangen. Und auf dem Eis standen die dunklen Wesen. Sie füllten den Raum vollkommen aus, drängten sich dicht an dicht. Wesen, die so weit im Norden nichts zu suchen hatten, Wesen, die normalerweise kein anderes Lebewesen in ihrer Nähe duldeten. Und in den Augen aller wirbelten schmierige Schatten.

Phönix musste Gewissheit haben. »Bist du das?«, flüsterte sie. »Bist du das, der für diese Schatten in ihren Augen verantwortlich ist?«

Als der Meister lachte, wäre sie am liebsten zusammengezuckt, aber sie zwang sich, das Kinn zu recken.

»Natürlich bin ich das. Das ist meine größte Gabe: Den Körpern dunkler Wesen und toter Dinge meinen Willen einpflanzen zu können. Sie gehören mir.«

Phönix musste an den Glimmer denken – erst tot, dann doch nicht tot – und schauderte, als sie sich zum Sprechen zwang: »Und die Statuen? In der Krypta?«

»Jede enthält einen Tropfen Blut der Hexe, an die sie erinnert. Dadurch sind die Statuen so lebensecht. Und das erlaubt mir den Zugriff auf sie, jede von ihnen trägt ein Stück des Todes in sich.«

Seine Aufmerksamkeit lastete jetzt auf Phönix und drückte auf ihre Brust. Winnie, der das nicht ertragen konnte, schlüpfte wieder unter ihr Bärenfell.

»Hattest du auch so viel Freude mit ihnen wie ich? Ich hatte gehofft, sie würden dich … ermutigen, dein Feuer schneller unter Kontrolle zu bringen als diese albernen Unterrichtsstunden. Ich fing an, mir Sorgen zu machen, dass du nie in der Lage sein würdest, den Schattensaum für mich zu zerstören.« Sein schreckliches Gelächter hallte in der ganzen Höhle wider, und die Äste des Schlemmerbaums bebten. »Wie gut für uns beide, dass ich so ein hervorragender Lehrer bin.«

Phönix versuchte, nicht zu zittern, versuchte, nicht in Verzweiflung zu verfallen. Aber es fiel ihr sehr, sehr schwer. Die lebendigen Skulpturen, der Glimmer, der Berster, der Lefzenlecker: Hinter all dem hatte er gesteckt. Nicht der Schattensaum. Schlimmer noch: Er hatte sie eingesetzt, um sie zu manipulieren – und das mit Erfolg. Phönix musste plötzlich würgen und atmete tief ein und aus, bis es vorbeiging.

»Warst du es auch, der die Magie aus Eisgard abgesaugt hat?«, fragte Sechs mit zitternder Stimme.

Das Lachen des Meisters wurde lauter. »Ja. Deshalb ist der Schattensaum auch gewachsen. Seit Jahrzehnten stand ich zum ersten Mal wieder direkt vor ihm, und er wollte mich unbedingt einfangen. Dem Reiz von Eisgards Magie konnte ich einfach nicht widerstehen. Allerdings«, räumte er ein, »hatte ich kein Interesse daran, dass Embra durch mein … Geknabber hinweggeschwemmt wird. Bevor es so weit gekommen wäre, hätte ich aufgehört, ich hätte ein wenig der Magie zurückgegeben, so wie ich es dir zuliebe getan habe, als du den Saum zerstört hattest. Wenn ich Embra vernichte, werde ich es Haus für Haus, Mensch für Mensch tun. Um jeden köstlichen Bissen zu genießen.«

Phönix schloss die Augen. Der Meister hatte von Anfang an mit ihr, mit ihnen allen, gespielt. Er hatte hinter allem gesteckt. Der Schattensaum hatte nichts anderes getan, als Furcht einflößend auszusehen. Der Saum war eine Tür gewesen, durch die man den Meister hätte einfangen, ihn in ein Gefängnis zerren und einsperren können. Und sie hatte ihn zerstört.

Sie hatte alles falsch gemacht. Alles, was sie getan hatte, war umsonst gewesen. Statt Embra zu retten, hatte sie Embras gefährlichstem Feind geholfen. Dank ihr schwebte die Welt jetzt in größter Gefahr. Sie hatte alle enttäuscht: die Jäger, die Clans, die Hexen, ihre Freunde.

Und Mohnblüte. Sie hatte ihre kleine Schwester im Stich gelassen. Schon wieder.

Verzweiflung war ein Abgrund, dessen Ränder zu glatt waren, um hinauszuklettern.

Sie spürte, wie Sieben neben sie trat, um ihr tröstend die Hand zu reichen. Winnie drückte sich unter ihrem Fell fest an ihr Herz.

»Wo sind die Hexen?«, fragte Fünf.

Niemand antwortete, und als Phönix wieder den Blick hob, sah sie entsetzt, dass einige der dunklen Wesen Hexenumhänge trugen. Die Federn, die einst schneeweiß und makellos geglänzt hatten, waren jetzt matt, zertreten und schmutzig. Mit wachsender Verzweiflung sah Phönix sich um. Wo waren die Hexen bloß? Sie entdeckte keine Einzige.

Beim Gedanken an Nara musste Phönix schluchzen. Die Hexe hatte ihr geholfen, hatte sie trainiert, und das alles mit Freundlichkeit und Humor. Nara hatte ein so schreckliches Ende nicht verdient.

Der Meister wies mit einer Kopfbewegung auf die Türen, die zerschmettert in den Angeln hingen. Alle dunklen Wesen bewegten sich gleichzeitig, sodass sich ein gerader Pfad bis zum Tor vor ihnen öffnete. Tausende schattenerfüllte Augen ruhten auf ihnen, aber kein einziges der Wesen rührte sich.

»Komm«, murmelte Hund und schob sie mit der Schnauze auf den Pfad. »Wir müssen gehen. Schnell.«

Phönix stolperte blindlings hinter ihm her. Die anderen schickten sich an, ihr zu folgen, als plötzlich einer der streichholzdünnen Arme des Meisters aus seinem Umhang schnellte und nach Sieben griff.

Das Mädchen schrie und versuchte auszuweichen, aber der Meister hatte sie schon gepackt.

»Deine Kraft hält nicht, was sie verspricht«, sagte der Meister. Nahm Phönix einen verärgerten Unterton in seiner Stimme wahr? »Du bist schwach und wirst immer schwächer.«

»Ich …« Tränen liefen Sieben über die Wangen, und sie konnte nicht sprechen, nur den Kopf schütteln. Phönix wandte sich voller Mitgefühl der Freundin zu. Vom Krock berührt zu werden bedeutete unvergleichbaren Schrecken; der Meister musste noch hundert Mal schlimmer sein.

»Gut, dann geht jetzt«, sagte der Meister und ließ Sieben wieder los. »Kehrt nach Kliff zurück. Erzählt den Jägern, was ihr hier gesehen habt, dass Embra jetzt für mich bereitsteht … falls ich nicht aufgehalten werde.« Er lachte sein markerschütterndes Lachen. »Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich hoffe, dass jemand es versucht.«

Auf dem gefrorenen See rührten sich Tausende dunkler Wesen, und die Luft pulsierte von ihrem Hunger.

Der Meister drehte sich, genau wie Sieg, wieder zum Schlemmerbaum um.

Dann fügte er fast beiläufig hinzu: »Einen von ihnen brauche ich jedoch. Ich dachte, die Seherin wäre die Nützlichste, aber sie verdient diesen Titel kaum. Nimm stattdessen einen der Jungen.«

Sieg kniff die Lippen zusammen, nickte jedoch und wirbelte herum, um Sechs zu packen. Bevor irgendjemand reagieren konnte, hatte sie ihn von den anderen weggezogen.

»Was?« Keuchend versuchte Sechs sich zu befreien, konnte sich Siegs eisernem Griff jedoch nicht entwinden.

Phönix war so entsetzt, dass sie sich nicht rühren konnte, sie konnte nicht nachdenken, konnte kaum atmen. Die Reihen der dunklen Wesen bewegten sich wieder, rückten in den Zwischenraum zwischen ihnen und Sieg vor und schnitten sie von Sechs ab. Im Inneren des Bärenfells stieß Winnie ein leises, entsetztes Fiepen aus.

Sieben schrie jetzt, und Fünf versuchte sich zwischen den dunklen Wesen durchzudrängen, trotzte Stacheln, Klauen und Zähnen, um seinen Freund zu erreichen. Aber es hatte keinen Zweck; die Monster waren wie steinerne Statuen – unbeweglich.

Geräusche und Formen kreisten schwindelerregend um Phönix, und sie geriet ins Straucheln. Das durfte nicht wahr sein. Sie versuchte erneut verzweifelt, ihre Macht heraufzubeschwören, aber sie war ausgelaugt, ihr Feuer nichts als ein verglühender Funke, zu tief verborgen, um abgerufen werden zu können. Phönix war hilflos.

»Sechs«, flüsterte sie, als sie zusah, wie Sieg ihn von ihnen weg zum Schlemmerbaum zerrte. Nein.

»Sechs!«, schrie Fünf, und die Panik in seiner Stimme war herzzerreißend. »SECHS!«

»Ihr habt nur noch Sekunden, bevor ich meine Haustiere loslasse«, sagte der Meister. »Geht. Warnt die Jäger. Sagt ihnen, sie sollen sich bereit machen – wenn sie können.« Dann folgte er Sieg und Sechs.

»Oder bleibt, wenn ihr wollt«, rief Sieg gehässig über die Schulter. »Findet heraus, wie hungrig die Armee des Meisters wirklich ist.«

Die Wesen schienen zu erschauern, als sie ein winziges Stück näher an Phönix und ihre Freunde heranrückten.

Sechs kämpfte jetzt mit Sieg, er wehrte sich mit aller Kraft, um zu seinen Freunden zurückzukehren – bis Sieg ihm mit dem Knauf ihres Schwerts fest ins Gesicht schlug. Sechs’ Kopf fuhr mit einem Ruck zurück, und er ging reglos zu Boden.

»Nein!«, schrie Sieben und stürzte vor, um Fünf dabei zu helfen, sich an einem Glimmer vorbeizudrängen. »Das ist nicht richtig!«, rief sie. »So sollte es nicht k…kommen!«

Sieg und der Meister stiegen mit Sechs den Schlemmerbaum hinauf. Die Wachsamkeit der dunklen Wesen nahm zu, und Phönix konnte spüren, wie deren Wille zurückkehrte.

Ein Winterwolf knurrte und schüttelte sich, bevor er sich verwirrt umsah. Die Schatten flossen wie heißes Wachs aus seinen Augen, bis ihr unnatürliches Blau wieder zum Vorschein kam. Ein Speichelfaden rann ihm aus dem Maul, als sein Blick auf Sieben ruhte.

Auch andere Wesen kamen langsam wieder zu sich. Mitten in den Reihen regte sich ein Grim. Seine Haare wanden sich, seine Finger erwachten zum Leben. Lautlos und ganz langsam streckte er sich nach dem Spitzbargs neben sich aus und saugte ihm unbemerkt das Leben aus.

»Wir müssen hier weg«, bellte Hund und sah sich entsetzt um. »Sofort!«

»Nein!«, brüllte Fünf, machte einen Satz nach vorn und verstärkte seine Anstrengungen, Sechs zu erreichen. Der Glimmer vor ihm zuckte, und ein Rinnsal Spucke lief zwischen seinen Lippen heraus.

Mit einem dicken Kloß im Magen packte Phönix Fünf hinten am Fell und zerrte ihn mühsam auf Hund zu. Es blieb keine Zeit. Der riesige Raum war plötzlich vom Knurren und Grollen erwachender dunkler Wesen angefüllt. Phönix’ ganzer Körper kribbelte wegen der großen Gefahr, die von ihnen ausging. Im Inneren ihres Fells schrie Winnie vor Angst.

»Was tust du da?«, brüllte Fünf und versuchte sie abzuschütteln. »Bist du verrückt? Wir können ihn doch nicht hierlassen! Lass mich los!« Tränen der Trauer und der Wut strömten ihm hemmungslos über die Wangen.

Hund nahm ihr Fünf ab, und mit einer Kraftreserve, von der sie nichts geahnt hatte, warf Phönix Sieben – die vor Entsetzen erschlafft war – auf seinen Rücken, kletterte hinterher und zog auch Fünf hoch.

Sie drehte sich um und sah Sechs nach. Der Anblick schmerzte sie derart, dass sie das Gefühl hatte, gleich ohnmächtig zu werden. Sieg hatte sich den bewusstlosen Jungen über die Schulter geworfen und stieg vor dem Meister die Treppe hinauf.

»Sechs!«, rief Phönix mit verzweifelter Stimme. Sechs rührte sich nicht, hörte sie nicht. Sie hielt den Atem an, überzeugt, dass das, was hier geschah, unmöglich war. Irgendetwas würde ihr einfallen; Sechs würde aufwachen; ihr Feuer würde zurückkehren, sodass sie sich zu ihm durchkämpfen konnte. Irgendetwas würde geschehen, was sie wieder vereinen würde.

Aber nichts geschah.

Fünf und Sieben brachen zusammen, nur Phönix’ Griff hielt sie auf Hunds Rücken, als dieser mit einem schwachen Winseln in der Kehle auf der Stelle kehrtmachte.

Das Licht um sie herum verblasste, als der Meister aus ihrem Blickfeld verschwand. Die Luft wurde noch kälter und vollkommen still. Die Welt hielt den Atem an. Dann, in einem Missklang aus Gekreisch, Gebrüll und Geheul, schüttelten seine dunklen Wesen die Schatten aus ihren Augen und stürzten sich auf sie.

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