Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 40 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

40. Kapitel

 

 

Phönix wurde von einem leisen Geräusch geweckt, und einen Augenblick lag sie reglos da, erstaunt, wie deutlich der Traum gewesen war. Sie spürte noch immer den erdigen Schlick des Sees auf der Zunge, die Wärme der Sonne auf ihren Wangen, und wie es sich anfühlte, ihre Schwester lebendig und sicher in ihrer Nähe zu haben. Aber dann machte sich langsam die Wirklichkeit wieder bemerkbar.

Morgen würde sie dem Schattensaum entgegentreten.

Phönix sah, dass Sieben noch nicht zurück war. Ihr Bett war ordentlich gemacht, halb vergraben unter Schriftrollen, und mittendrin hockte Winnie und knabberte fröhlich an einem Stück Papier.

»Winnie!«, keuchte Phönix. »Lass das!«

Sie schlug ihre Decke zurück, packte ihn und hob die angeknabberte Schriftrolle auf, um den Schaden zu begutachten. Sie hätte nicht gedacht, dass sie dabei gleich in den Text versinken würde: Die Kräuterkunde in der Wahrsagerei von Bannmagier Sphagnum war faszinierend. Phönix hätte nie gedacht, dass es so viele Pflanzen gab, die das zweite Gesicht hervorrufen, verstärken oder unterbinden konnten.

»Phönix?«

Als sie aufblickte, sah sie, wie Sieben leise zur Tür hereinkam und sichtlich nervös wirkte, weil Phönix eine ihrer Schriftrollen in der Hand hatte.

»Oh, tut mir leid.« Schnell legte Phönix die Rolle wieder weg. »Winnie hat sie für was Essbares gehalten, aber ich habe ihn noch rechtzeitig erwischt. Das ist interessant!«

Sieben beugte sich über ihr Bett, um das Schriftstück wieder zusammenzurollen, und nickte. »Das fand ich auch.«

Sie wirkte bedrückt, und Phönix musterte sie genauer, froh, sich auf etwas anderes zu konzentrieren als auf ihre wachsende Angst vor dem kommenden Tag. Sieben hatte dunkle Augenringe, und ihre Hände zitterten.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«

Sieben klappte den Mund auf, zögerte und zuckte dann mit den Schultern.

Phönix ließ nicht locker. »Ich weiß, dass du all die Informationen hier unheimlich interessant findest, aber du hast immer noch Zeit zu schlafen. Du darfst nicht vergessen, auch für dich zu sorgen.« Plötzlich traten Sieben Tränen in die Augen. »Nicht weinen!« Phönix erschrak. »Es war nur ein Gedanke – du musst dich nicht aufregen!«

Sieben lachte schnaubend, während sie sich die Tränen abwischte. »D… das ist es nicht, ich bin bloß müde«, schniefte sie. »Und es ist lieb von d… dir, dass du dich um mich sorgst.« Sie setzte sich und zog sich die Stiefel aus.

»Und, wie geht es voran?« Phönix ging zu ihrem Schlafplatz. »In der Bibliothek.«

»Was meinst d…du?« Sieben starrte sie an.

»Findest du hilfreiche Informationen?«, fragte Phönix leicht überrascht. »Ich war so beschäftigt mit … Sachen, dass wir gar nicht mehr richtig darüber gesprochen haben.«

»Oh.« Sieben entspannte sich. »Du hast es ja selbst gesehen – es g…gibt wahnsinnig viel. Deshalb verbringe ich auch so viel Zeit d…dort.«

Phönix war sich plötzlich sicher, dass Sieben etwas zurückhielt.

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Phönix runzelte die Stirn. Es stand auf jeden Fall irgendwas im Raum, aber sie bekam es nicht zu fassen. War Sieben böse auf sie?

»Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?«, fragte sie beklommen. Sieben wirkte irgendwie nicht wie sie selbst.

»Mir geht’s gut«, flüsterte Sieben, räumte die Schriftrollen beiseite und setzte sich aufs Bett. »Ich bin nur ein b…bisschen müde, wie gesagt.« Sie legte sich hin. »Zenith ist oben im Horst. Ich g…glaube, sie könnte eine Freundin gebrauchen.«

Phönix sah sie an.

»Eine Freundin wie dich«, schob Sieben hinterher.

»Also gut.« Phönix war verwirrt, aber dankbar, ein wenig Ablenkung zu haben. Sie zog die Stiefel an, dann hielt sie noch mal inne und sah Sieben stirnrunzelnd an. »Warum hast du mir das gesagt? Du kannst sie doch gar nicht leiden, stimmt’s?«

Phönix wusste nicht genau, wo die Worte hergekommen waren, aber als sie sie aussprach, wurde ihr bewusst, dass sie wahr waren. Die anderen waren seit dem Angriff des Lefzenleckers mit Zenith warm geworden, aber Sieben hatte sich weiterhin auf Distanz gehalten.

»Sie hat euch allen d…da unten in der K…krypta geholfen«, sagte Sieben. »Ohne ihr Schild wäre es … übel ausgegangen.«

»Trotzdem kannst du sie nicht leiden.«

»Nein«, räumte Sieben schließlich ein.

»Warum nicht?«

»D…das spielt keine Rolle.«

Phönix zögerte, unsicher, was sie sagen sollte.

»Sie w…wird mich ersetzen«, fügte Sieben mit starrer Miene hinzu.

»Was meinst du damit?« Phönix war verwirrt. »Niemand kann dich ersetzen, Sieben.«

»Als deine Freundin«, flüsterte Sieben. »Sie wird mich ersetzen.«

Dann drehte sie sich weg und zog sich die Decke bis unters Kinn.

»Sieben …« Phönix brach ab. »Das stimmt einfach nicht, ich …«

»Beachte mich gar nicht«, unterbrach Sieben sie mit gedämpfter Stimme. »Vergiss, was ich g…gesagt habe. Ich b…bin bloß furchtbar müde.« Sie zog sich die Decke über den Kopf.

Das Gespräch war beendet.

Phönix war vollkommen verunsichert. War Sieben … eifersüchtig? Sollte sie noch etwas sagen? Ihr noch mal versichern, dass alles gut war? Winnie auf ihrer Schulter fiepte leise, sein Schwanz strich ihr über den Nacken, und er wirkte genauso ratlos wie sie.

Schließlich verließ Phönix leise das Zimmer. Sie ging schnell, um ihre Ratlosigkeit loszuwerden – und die Angst vor dem nächsten Tag.

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