Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 50 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

50. Kapitel

 

 

Phönix rannte die Treppe hinab durch eisige Gänge, die schnell dunkler wurden. Der Einfluss des Schattensaums hatte sich noch weiter ausgedehnt. Dann verschwand ohne Vorwarnung plötzlich der Boden unter ihr, und sie fiel. Eiskaltes Wasser schlug über ihrem Kopf zusammen, drang ihr in Mund und Nase. Ihr entfuhr ein lautloser, blubbernder Schrei, als ihr wasserdurchtränktes Fell sie immer weiter nach unten zog. Sie wurde augenblicklich von Panik erfasst, ihre Lunge brannte darauf, Atem zu holen, ihre Gliedmaßen schlugen hilflos um sich.

Sie spürte, wie sich Winnie aus ihrem Bärenfell befreite und sich an die Wasseroberfläche hinaufkämpfte, aber sie konnte ihm nicht folgen; es war, als hätte die Kälte ihr die Fähigkeit zu denken und sich zu bewegen genommen.

Mohnblütes Stimme: »Psst, sonst hört sie dich!«

Sperling hörte auf herumzurudern und begann augenblicklich zu sinken. Als sie sich wieder an die Oberfläche hochgekämpft hatte, hustete sie wütend. Mohnblüte und Schilf linsten aus demselben Versteck, von dem aus sie die beiden am Vortag beobachtet hatte.

»Du schaffst das, Sperling!«, rief Mohnblüte strahlend, nachdem sie gemerkt hatte, dass sie entdeckt worden war, und setzte sich ans Ufer. Sie ließ die Beine ins kühle Wasser baumeln. »Ich wusste, dass du das kannst, wenn du es nur versuchst.«

Schilf ließ sich neben ihrer kleinen Schwester nieder und wirkte genauso erfreut. »Treten, Ziehen, Atmen«, rief er ihr zu. »Du machst das prima!«

Zu ihrer Verärgerung stellte Sperling fest, dass das Lob Wirkung zeigte; es machte ihr noch nicht einmal etwas aus, dass Schilf ihr Ratschläge zurief, während sie vor ihnen hin und her schwamm.

Treten. Ziehen. Atmen.

Atmen.

Phönix’ Gehirn rief ihr das Wort zu. Ihre Füße berührten etwas halb Massives unter sich, und sie stieß sich mit aller Kraft ab und kämpfte gegen das Gewicht ihrer Kleider, die sie herabzogen, an.

Als sie schließlich die Wasseroberfläche durchbrach, schnappte sie gierig nach Luft. Winnie kam mit einem missmutigen Quieken auf ihren Kopf geklettert und seine Krallen bohrten sich schmerzhaft in ihre Kopfhaut, während sie Wasser trat.

Einen winzigen Augenblick lang schien es, als wäre Mohnblüte bei ihr.

»Es könnte nützlich sein«, hatte diese vor drei Jahren über das Schwimmen gesagt. Phönix hätte weinen können, weil ihre kleine Schwester recht behalten hatte. Wieso hatte sie nie bemerkt, wie klug Mohnblüte war? Selbst Sieben war das aufgefallen, dabei hatte sie Mohnblüte nie kennengelernt.

Winnie biss sie kräftig, und sein Fiepen zwang sie, sich auf ihre Notlage zu konzentrieren. Während sie Wasser trat, sah Phönix sich um und begriff entsetzt, was geschehen war. Der Gang existierte kaum noch, und der Boden war jetzt vollständig zu Wasser geworden. Sie blickte zu den Wänden hoch und sah, wie diese immer stärker ihre Form verloren, wie sie ausbeulten und sich nach innen bogen. Das Gewicht des ganzen Meeres wartete nur darauf, über ihr zusammenzuschlagen.

Sie biss die Zähne zusammen und sah nach vorn, während sie mit Armen und Beinen paddelte, um nicht unterzugehen. Der Schattensaum war noch immer da und wartete auf sie. Der Zugang zu ihm war eigenartiger und gefährlicher geworden, aber sie konnte nicht umkehren. Und wenn sie nicht laufen konnte, musste sie eben schwimmen. Mit keuchendem Atem und ohrenbetäubend lauten Schwimmstößen machte sie sich auf den Weg zum Saum. Sie meinte, die Anwesenheit von Schilf und Mohnblüte zu spüren, hörte beinahe, wie sie ihr Anweisungen zuriefen und sie anfeuerten, während ihr durchnässtes Fell sie in die Tiefe zu ziehen drohte.

Die Luft um sie herum war abwechselnd heiß und kalt, als sie sich an den brennenden Fackeln vorbeikämpfte, die irgendwie immer noch an den Wänden hingen, und ihr Herz raste vor Anstrengung.

Einen Augenblick hoffte Phönix, dass Nara wie versprochen auf sie warten würde. Dann fiel ihr ein, dass Nara tot war – und sie musste schluchzen. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, wie sehr sie sich auf die Unterstützung durch die Hexe verlassen hatte.

Aber sie durfte nicht anhalten, durfte nicht riskieren, diese Chance zu vertun. Es stand zu viel auf dem Spiel.

Ein Teil von ihr hatte damit gerechnet, gejagt zu werden, hatte gedacht, dass Morgren oder Sieg – oder schlimmer noch, der Krock – plötzlich aus der Dunkelheit auftauchen würden, um sie aufzuhalten. Aber hier war sie, entgegen allen Erwartungen.

Voller Angst schwamm sie unter dem Torbogen hindurch und versuchte, ihren Kopf leer zu halten und nicht darüber nachzudenken, was als Nächstes anstand. Ihre Füße stießen auf etwas Festes, und dankbar bemerkte sie, dass sie stehen konnte. Das Wasser reichte ihr bis zur Taille, und die vom Okulus stetig ausgehende Brise lief ihr kalt den Rücken hinunter. Winnie kletterte auf ihre Schulter und schüttelte sich heftig.

Als sie ihren Blick auf den Schattensaum richtete, war Phönix ganz ruhig. Nun bekam sie doch noch die Gelegenheit, sich ihm entgegenzustellen. Mehr konnte sie nicht verlangen.

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