Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 42 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

42. Kapitel

 

Hoch über ihren Köpfen, am höchsten Punkt der Welle, befand sich eine glatte, flache Plattform aus Eis. Es gab kein Geländer, nichts, woran man sich festhalten konnte; es war wie ein winziges Floß inmitten der gefrorenen Wildheit.

»Es ist verdammt gefährlich«, sagte Zenith grinsend. »Aber heute Nacht ist es windstill, deshalb ist das kein Problem. Komm mit!«

Sie drehte sich um und stieg die Leiter hinauf, die an die Plattform gelehnt stand. Phönix folgte ihr, vorbei an Eiswirbeln und wilden Pinselstrichen aus gefrorener Gischt.

Zeniths Griff war überraschend fest, als sie sie auf die Plattform hochzog. »Was hältst du von der Aussicht?«, flüsterte sie und drehte Phönix im Kreis, damit sie alles sehen konnte.

Einen schmerzlichen Moment lang fehlten Phönix die Worte. Die Schönheit war umwerfend, sie kam wie ein atemberaubender Schlag, wenn man mit einem Lächeln gerechnet hatte. Hinter Eisgard wogte das Endlose Meer und erstreckte sich so weit das Auge reichte. Der Mond warf einen silbrigen Pfad darauf, der Phönix mit seinem Funkeln lockte. In der anderen Richtung breitete sich die glitzernde Frostige Ebene aus, deren Entfernung man in Tagen bemaß. Der Wind hatte das Eis zu Kämmen aufgetürmt, zwischen denen sich das Mondlicht wie in kleinen Tümpeln sammelte. Alles glänzte, glitzerte und funkelte. Die Luft war von einem magischen Prickeln erfüllt, und die Feuerfäden, die Phönix durchzogen, zuckten vor Wiedersehensfreude.

Zenith beobachtete Phönix genau, dann seufzte sie. »Gut. Ich habe das schon immer für unglaublich gehalten. Aber wenn man die übrige Welt nur als Illustrationen in Büchern kennt, fehlt einem der Vergleich.«

»Es ist großartig«, flüsterte Phönix heiser.

Mehr konnte sie nicht sagen. Ihr war das Herz schwer. Das war immer der Fall, wenn sie etwas Schönes sah. Wenn doch nur ihre Eltern hier wären! Und natürlich Mohnblüte; sie wäre ganz besonders begeistert von diesem Anblick gewesen. Einen Moment lang hatte sie das Bild ihrer Schwester so deutlich vor Augen, dass sie das kleine Mädchen mit zerzausten Haaren und seliger Miene neben sich stehen sehen, ihre kleine, warme Hand in ihrer eigenen spüren konnte. Mohnblüte hatte Forschungsreisende werden wollen, und diese Vorstellung verursachte Phönix einen Kloß im Bauch. Sie würde nie erfahren, ob ihre Schwester irgendwann aus diesem Wunsch rausgewachsen wäre.

Phönix wurde bewusst, dass Zenith immer noch redete. Nur schwer konnte sie sich darauf konzentrieren, was sie sagte. Es waren Erzählungen von Eisgard. Wie sie sich als Kind mal aufs Dach geschlichen hatte, um bei einer Befiederung zuzusehen, und welchen Ärger sie bekommen hatte, als sie erwischt worden war. Wie sich vor Jahren fünf Schreckschleicher in den Klippen direkt unter Eisgard eingerichtet hatten und niemand den Palast hatte verlassen können, bis sie den Zauber wiedergefunden hatten, mit dem sie sich vor den Schrecklichtern schützen konnten. Sie erzählte von den seltsamen Wesen, die sie manchmal draußen auf dem Eis und dem Meer sahen: die Doliphine, Sturmflundern und einmal sogar einen Eisriesen.

»Der Boden hat gebebt«, flüsterte Zenith ehrfurchtsvoll. »Obwohl der Riese eine Tagesreise entfernt war. Wir haben ihn durch ein Fernglas gesehen. Das werde ich nie vergessen.«

Im Gegenzug erzählte Phönix von ihrem Leben in der Jägerloge, vom Training dort, von den legendären Jagden, über die sie etwas lernten. Zenith hörte mit derart wissbegieriger Miene zu, dass Phönix immer weitersprach. Und plötzlich stellte sie fest, dass sie Zenith von Silber und Hund erzählte; davon, wie sehr sie Fünf und Sechs gehasst hatte, als sie ihre Reise in den Frostigen Forst begonnen hatten, um Sieben zu befreien, von Funkenflug und Eichenhammer, Siegs entsetzlichem Verrat und Phönix’ Angst vor dem Krock. Wie ein Schwall strömte alles aus ihr heraus, während Zenith und sie nebeneinandersaßen, bis der Himmel im Osten heller wurde und sich die eisigen Inseln aus Mondlicht auflösten.

Als sie geendet hatte, lag Zeniths Kopf auf ihrer Schulter, und ihr Atem ging ruhig und tief. Phönix saß ganz still da, um sie nicht zu wecken, ihr Herz war so erfüllt wie lange nicht.

Auch ihr mussten die Augen kurz zugefallen sein.

Mohnblüte saß mit dem Rücken zu ihr, ihr schwarzes Haar wurde von einer aufkommenden Brise erfasst.

»Mohnblüte?«, murmelte Phönix. Der verblassende Mond tauchte ihre Schwester in silbriges Licht, und Phönix hob eine Hand, um die Augen abzuschirmen.

»Er kommt, Sperling«, sagte ihre kleine Schwester mit glockenheller Stimme.

»Mohnblüte!« Keuchend streckte Phönix die Hand nach ihr aus. Sie wollte ihr Gesicht wiedersehen, sehnte sich mit jeder Faser ihres Seins danach.

Eine Wolke verdeckte den Mond, und der Umriss ihrer Schwester veränderte sich in der plötzlichen Dunkelheit.

»Er kommt«, flüsterte Mohnblüte erneut, aber diesmal klang ihre Stimme tonlos, so leer und tot wie ein Abgrund: Es war die Stimme des Krock.

Phönix bekam Gänsehaut, aber sie streckte trotzdem die Hand nach ihrer Schwester aus.

Mohnblüte drehte sich um, und Phönix wich mit einem Entsetzensschrei zurück. Die Augen ihrer Schwester waren mit wirbelnden Schatten angefüllt, die über ihre Wimpern liefen und als teerige Tränen langsam ihre Wangen hinabrannen.

»Ich sehe dich.«

Mit einem erstickten Schrei fuhr Phönix aus dem Schlaf hoch und zuckte so heftig zusammen, dass Zenith umkippte.

»Au!«, keuchte die Hexe. Dann sah sie Phönix’ Gesichtsausdruck und fügte hinzu: »Alles in Ordnung?«

Phönix’ Herz hämmerte, als sie nach Luft schnappte und sich mit weit aufgerissenen Augen umsah.

»Was bei Embra?«, murmelte Zenith, die ebenfalls stirnrunzelnd den Blick schweifen ließ. Das glitzernde Eis war verschwunden, das Meer war verschwunden, sogar Eisgard unter ihnen war durch den dichten Nebel, der aufgezogen war, kaum zu sehen.

Phönix streckte eine Hand aus und schauderte, als diese auf unheimliche Art in dem wirbelnden Dunst verschwand. So dichten Nebel hatte sie noch nie gesehen. Winnie quiekte laut und ängstlich auf.

Die Eisadler irgendwo in der Nähe erfüllten die Luft mit aufgeregten Schreien.

»Spürst du das?«, fragte Phönix leise. Die Haare in ihrem Nacken kribbelten, und ihr schnürte sich die Kehle zu. Dunkle Wesen waren in der Nähe.

Zenith nickte und stand nervös auf. »Schnell«, flüsterte sie. »Wir sollten wieder reingehen.« Mit einem Schrei zog sie Phönix wieder mit sich zu Boden, als ein Eisadler aus dem Nebel auftauchte und sie beinahe flügelschlagend von der Plattform gefegt hätte.

»Chiara!« Zenith hob einen zitternden Arm zum Gruß. Auch Phönix erkannte Naras Adler wieder. »Du hast mich erschreckt. Hast du da draußen irgendwas gesehen?«

Chiara landete neben ihnen, aber ihr Gefieder war sichtlich zerzaust, ihre Augen überall gleichzeitig.

»Noch nicht«, sagte der Adler, dessen sanfte Stimme Phönix immer noch staunen ließ. »Aber wir spüren alle, dass wir nicht allein sind. Ihr solltet wieder reingehen.«

»Komm«, flüsterte Phönix und zog Zenith auf die Leiter zu.

Gemeinsam stolperten die beiden Mädchen durch den Nebel und die Treppe in den Frostpalast hinunter.

Eisgard hallte von den schönen und durchdringenden Rufen der Eismütter wider.

Phönix bekam Angst. Was, wenn irgendetwas mit dem Schattensaum passiert war? Hatte er sich aus seinem Gefängnis befreit, während sie geschlafen hatte?

»Komm«, rief sie und beschleunigte ihre Schritte. »Wir müssen rausfinden, was los ist.«

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