Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
3. Kapitel
»Phönix!«, schrie Sechs.
Mit aller Macht drehte sich Phönix in der Luft und ließ ihre Axt durch den Schwanzansatz des Wesens hindurch in das Holz ganz am Rand der Plattform hinabsausen. Dann fiel sie halb hinunter und ihre Füße suchten nach Halt, während ihr Körper über einem scheinbar bodenlosen Abgrund hing und die Wolken unter ihr hinwegtrieben. Nur ihre Axt hielt sie jetzt noch.
Das Feuer in ihrem Inneren versiegte, als eine Welle eisigen Entsetzens darüber hinwegschwemmte. Ihr Herz raste, Schweiß brannte ihr in den Augen, und sie umklammerte den Schaft mit ganzer Kraft. Der Kantenwurm neben ihr trat wild um sich, und Phönix spürte, wie die Axtklinge sich mit einem schrecklich splitternden Geräusch aus dem Brett, das sie hielt, zu lösen begann.
Grellweiße Panik leerte ihren Verstand. Aus den Augenwinkeln sah sie die Zähne des Kantenwurms aufblitzen, als er nach ihr schnappte. Instinktiv schlug sie mit der Axt in der freien Hand auf ihn ein. Er schrie erneut auf und wand sich noch stärker, versuchte verzweifelt, sich von der Klinge zu befreien, die ihn festhielt. Phönix merkte, wie die sich unter ihrem gemeinsamen Gewicht noch etwas stärker lockerte. Mit einem Schrei zog sie sich höher. Alle Muskeln in ihrem Arm brannten, als sie gegen den tödlichen Sog der Schwerkraft ankämpfte. Etwas packte ihren anderen Arm und zog sie schwungvoll hoch. Dann lag sie bäuchlings auf sonnengewärmten roten Planken, die Geräusche, wie Fünf und Sechs den Kantenwurm zur Strecke brachten, laut im Ohr.
Sie atmete ganz langsam tief ein und versuchte, das Hämmern ihres Herzens und das Zittern ihrer Hände unter Kontrolle zu bringen.
»Phönix, ist alles in Ordnung mit d…dir?« Als Phönix sich aufrichtete, sah sie Siebens erschrockenes Gesicht unter den zerzausten roten Haaren vor sich.
»Ich denke schon«, log Phönix. Sie konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Ihre Macht hatte sich im ungünstigsten Moment gezeigt, hatte Phönix abgelenkt und sie beinahe das Leben gekostet.
Vor Erleichterung lachte Sieben auf. »Fünf hat dich g…gerade rechtzeitig hochgezogen. Denn sonst …« Sie musste den Satz nicht beenden.
»Beim frierenden Frost.« Fünfs Knie landeten in Phönix’ Blickfeld, als er sich keuchend auf die Bretter fallen ließ. »Das war knapp.«
Auch Sechs sank neben ihnen zu Boden. »Einen Augenblick dachte ich, du wärst abgestürzt, Phönix. Ich …« Seine Stimme zitterte.
»Das dachte ich auch«, räumte Phönix ein. Es war deutlich zu hören, wie aufgewühlt sie war. Winnie steckte den Kopf aus ihrem Bärenfell und sah mit weit aufgerissenen Augen von einem zum anderen.
»Ach, Winnie.« Phönix seufzte und kraulte ihm die Wange. »Ich wünschte wirklich, du wärst bei Sieben geblieben.« Der Blick, mit dem er sie bedachte, schien ihr zuzustimmen.
»Magische Tierwelt lag ganz offensichtlich falsch.« Fünf wischte mürrisch das Blut von seinem Schwert. »Das war deutlich schwieriger als vier von zehn!«
»Den Eindruck hatte ich auch«, sagte Sechs stirnrunzelnd. Er warf Phönix einen verstohlenen Blick zu. »Bist du sicher, dass du dir die Einstufung richtig gemerkt hast?«
»Das ist der Dank dafür, dass ich ein ganzes Buch auswendig kann?«, zischte Phönix.
»Jep«, antwortete Fünf grinsend. »Und wenn wir wieder unten in Kliff sind, lese ich den Eintrag selbst nach.«
»Warum warten?« Mit einer missmutigen Kopfbewegung deutete Phönix auf ihre Tasche, die neben dem Flügelschuppen lag. »Es ist da drin.«
Sechs und Sieben starrten sie an.
»Du hattest es dabei, aber … hast nicht nachgesehen?«, fragte Sechs.
»Wie gesagt, ich kann es auswendig!«, sagte Phönix, während Fünf das schwere Buch aus der Tasche zog. Mit einem Knall ließ er es auf die Holzplanken fallen, dann setzte er sich wieder neben die anderen und blätterte bis zum Eintrag über Kantenwürmer, ohne den finsteren Blick zu beachten, den Phönix ihm zuwarf.
»Aggressionspotenzial: vier von zehn«, las er. »Bedrohungsausmaß: sechs von zehn. Schwierigkeitsgrad der Bekämpfung …« Fünf bekam große Augen. »… sechs von zehn!«
»Was?« Sechs beugte sich über Fünfs Schulter.
»Du hast gesagt, es wären vier von zehn!«, beklagte sich Fünf.
»Unmöglich!« Phönix nahm ihm das Buch ab und studierte die Seite. »Es kann nicht sein, dass ich mich bei so etwas ver…« Als ihr Blick auf die entsprechende Zeile fiel, brach sie ab. »Oh.«
Winnie sah anklagend zu ihr auf.
Phönix klappte das Buch schnell zu. »Na ja. Ist ja eigentlich nichts passiert.« Sie hatte einen heiteren Tonfall aufsetzen wollen, aber ihre Stimme klang sogar in ihren eigenen Ohren angespannt.
»Nichts passiert …« Fünf starrte sie entgeistert an. »Hast du gesehen, was gerade geschehen ist? Wenn ich nicht da gewesen wäre, um dich zu retten …«
»NICHTSNUTZIGE NIETEN!«
Der wütende Schrei ließ sie alle aufspringen, als Ältester Raureif mit schwarzen, zornigen Augen über die Planken auf sie zugestapft kam. »Hättet ihr es diesem winzigen Kantenwurm nicht noch leichter machen können?«
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