Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 58 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

58. Kapitel

 

 

»Ich schaffe das«, sagte Zenith am nächsten Tag und legte eine Hand auf Xenas weiche, schneeweiße Federn. Der Eisadler musterte sie aufmerksam. »Ich werde hier zwei Portale öffnen, eins am Boden und eins in der Luft. Xena und ich werden zu dem Portal hindurchfliegen, das Nara in der Nähe von Kliff zurückgelassen hat, dann dort landen und eine Verbindung zu dem Portal am Boden herstellen, damit ihr alle zu mir kommen könnt.«

Phönix zwang sich zu nicken und aufmunternd zu lächeln, obwohl ihre Erschöpfung schwer auf ihr lastete. Sie hätte sich am liebsten wieder hingelegt, das Gesicht in den Händen vergraben und die Welt hinweggewünscht. Über das Feuer sah sie Sieben an, die genauso schlecht aussah, wie sie sich fühlte: gebückt und klein, so farblos, dass sie fast gräulich wirkte. Sie hatte die Stirn auf die Knie gelegt und zeigte keinerlei Interesse an dem, was die Hexen sagten.

»Das klingt alles gut.« Thea runzelte die Stirn. »Abgesehen davon, dass du erst gestern deine Befiederung hattest, Zenith. Du musst dich ausruhen.«

»Das würde ich, wenn ich könnte«, sagte Zenith geduldig. »Aber wir müssen so schnell wie möglich hier weg, unserer eigenen Sicherheit zuliebe und um Embra zu warnen.« Mit fast schon flehendem Blick wandte sie sich an Xena.

»Ich stimme dir zu«, sagte Xena schließlich und senkte den gefiederten Kopf in Richtung der jüngeren Mädchen. »Wir müssen es wenigstens versuchen. Ich werde die ganze Zeit bei Zenith bleiben. Wenn der Zauber zu anstrengend für sie wird, bringe ich sie sicher wieder runter.«

Phönix starrte Xena an. Es war wirklich schwierig, den Blick von ihr abzuwenden. Gestern hatte dieses Wesen noch nicht existiert. Heute stand der Vogel lebendig, intelligent und wachsam vor ihnen. Das Ausmaß des Befiederungszaubers war atemberaubend. Xena war das Einzige hier, das Freude verbreitete – Phönix sah, wie die jungen Hexen sie betrachteten und berührten, als wäre sie ein Talisman, ein Symbol der Hoffnung in Zeiten tiefster Verzweiflung.

»Ich habe Angst«, flüsterte Libbet. »Wie wird es da sein, in diesem Kliff?«

Zenith schluckte. »Ich fand immer, dass es auf den Zeichnungen sehr schön aussah«, sagte sie. »Stellt euch Hunderte von Häusern vor, die aus einer riesigen Felswand ragen. Es ist nichts Magisches, sieht aber so aus. Und … und die Hexen haben Kliff Eisadlerfedern für ihr allererstes Paar Flügel geschenkt. Außerdem haben wir ihnen dabei geholfen, den Flügelschuppen oberhalb des Dorfes zu bauen. Ich hoffe, wir werden dort willkommen sein, wenn … falls sie sich an diese Dinge erinnern.« Sie wirkte so unsicher wie nie zuvor.

Fünf, der den ganzen Morgen über kein Wort gesagt hatte, hob den Kopf und sah die Angst in ihrem Gesicht. »Sie werden sich daran erinnern«, sagte er leise. »Und sei es, dass ich sie daran erinnern muss.«

Zenith nickte. Phönix wurde es etwas leichter ums Herz, als sie sah, dass Fünf wieder sprach.

Als sie sich wieder zu Zenith umdrehte, bemerkte sie, wie dieser ein Flüstern in Stummer Sprache über die Lippen kam. Die Luft vor ihr kräuselte sich, dann beruhigte sie sich wieder und sah genauso aus wie zuvor.

Phönix starrte unsicher auf die Stelle. Hatte der Zauber funktioniert?

»Es geht erst auf, wenn ich es von Kliff aus mit der anderen Seite verbinde«, sagte Zenith, die Phönix’ Blick bemerkte, als sie sich auf Xenas Rücken schwang. »Wünsch mir Glück«, fügte sie hinzu, als der Eisadler die Schwingen ausbreitete.

»Hast du das nötig?«, fragte Phönix ängstlich. Dann fügte sie schnell hinzu: »Viel Glück!«

»Keine Sorge«, rief Zenith zurück, als Xena und sie in den Himmel aufstiegen. »Wir sehen uns in Kliff.«

Schweigend sah die Gruppe den beiden nach, wie sie hoch am Himmel eine Kehre flogen und …

»Sie sind weg!« Thea keuchte.

»Es hat geklappt!«, quiekte Libbet und wippte auf den Fußballen.

Hund und Phönix wechselten einen Blick, und Phönix wandte sich schnell ab und ging neben dem heruntergebrannten Feuer auf und ab, Winnie an ihre Wange geschmiegt.

Die Minuten verstrichen, und die Anspannung der Gruppe wuchs. Phönix starrte auf das Endlose Meer hinaus und versuchte zu ignorieren, dass ihre Handflächen schweißnass waren und ihr Herz raste.

»Wie lange dauert es wohl, bis sie einen geeigneten Landeplatz findet?«, flüsterte Thea schließlich. »Das kann schon eine Weile gehen, oder?«

Die Angst war jetzt bei allen deutlich spürbar.

»Wir müssen ihr eine Chance geben«, sagte Hund ruhig, obwohl Phönix sah, dass auch er besorgt war. »Sie braucht vielleicht etwas Zeit, um sich zu erholen, bevor sie den Zauber erneut probieren kann.«

Thea nickte schnell. »Das stimmt.«

Phönix fing wieder an, auf und ab zu gehen, den Fokus fest auf ihre Füße gerichtet, auf irgendetwas, das sie davon abhielt, sich vorzustellen, was alles schiefgegangen sein könnte.

Es war Fünf, der das Kräuseln als Erster bemerkte. »Schaut!«, rief er, sprang auf und zeigte in die Luft.

Dort, wo Zenith vorher gestanden hatte, war eine Bewegung wahrzunehmen, eine Verzerrung, die sich wellte und wirbelte wie eine Tasse Tee, in der gerührt wurde. Während sie dort hinsahen, strömte Licht heraus, und kurz darauf blickten sie in ein kreisrundes Portal mit Tageslicht und sahen dahinter schneebedeckte Felsen auf dem Boden und weiter hinten struppige Bäume.

Und Zenith. Sie tauchte leicht schwankend, aber freudestrahlend in dem Portal auf.

Phönix atmete auf. Trotz allem, was sie durchgemacht hatten, spürte sie, wie sich ihre Lippen zu einem Lächeln verzogen.

Kurz darauf standen sie auf dem nach Thymian duftenden Hang unterhalb von Kliff, spürbar erleichtert, als Zenith das Portal hinter ihnen schloss. Sie schwiegen, während die Hexen das Tageslicht bewunderten sowie die Tatsache, dass die Gegend hier im Unterschied zur unglaublich flachen Ebene um Eisgard eine Form hatte.

»Wenn euch das hier gefällt, werdet ihr den Ausblick von Kliff oben lieben«, sagte Fünf. Libbets Staunen war unmöglich zu übersehen.

»Kommt.« Hund führte sie weg. »Wir müssen so schnell wie möglich zu Raureif. Es bleibt womöglich nicht viel Zeit, um die Clans vorzubereiten, und es wird nicht einfach werden.«

Die Dringlichkeit in seiner Stimme trieb sie an.

»Wenigstens eins wird Raureif freuen«, sagte Fünf mit geballten Fäusten. »Ich habe einen Jägernamen gewählt.«

Phönix drehte sich zu ihm um. »Wirklich?«

»Dorn«, sagte er kurz angebunden.

»Das verstehe ich nicht …«

»Ich werde der Dorn in ihrem Fleisch sein«, erklärte er mit finsterer Miene. »Ich werde dafür sorgen, dass sie sich wünschen, uns nie begegnet zu sein, Sechs nie entführt zu haben …«

Phönix presste niedergeschlagen die Lippen aufeinander, um nichts weiter zu sagen. Vor ein paar Monaten hätte sie noch gesagt, es wäre der perfekte Name für Fünf, aber inzwischen kannte sie ihn besser. Er hatte zwar auch eine spitze, schwierige Seite, aber er war so viel mehr als das. Es war ein Name, den er im Schmerz des Verlusts gewählt hatte, einer, der ihm nicht gerecht wurde.

»Wir holen ihn uns wieder«, sagte Fünf – Dorn – mit kalter Stimme und geballten Fäusten. Er nickte vor sich hin. »Wir verfügen über die Magie Eisgards mit Zenith, über Elementmagie mit dir. Wir werden die Oberhäupter der Clans versammeln, sie zwingen, ausnahmsweise mal zum Wohle aller zusammenzuarbeiten.« Er sah auf. »Und natürlich Hund. Er ist unbesiegbar.«

Phönix hatte den Eindruck, dass der Wächter zusammenzuckte, aber einen Augenblick später war sie sicher, sich das nur eingebildet zu haben; er war so groß, stark und mächtig wie immer. Die Erinnerung an sein Winseln, daran, wie er sich letzte Nacht die Pfote geleckt hatte, machte ihr allerdings Sorgen. So etwas hatte er bisher nie getan. Aber ein weiterer, aufmerksamer Blick auf ihn versicherte ihr, dass alles in Ordnung war.

Hund knurrte leise. »Es ist richtig, dass du Hoffnung hast, Fünf.« Er schüttelte sich. »Ich meine Dorn. Der Meister hat unzweifelhaft große Macht. Aber wenn wir es schaffen, die Clans zu einen, ist alles möglich.«

Seine Worte waren wie Balsam auf Phönix’ Seele, und zum ersten Mal, seit sie den Schattensaum zerstört hatte, verspürte sie einen Hoffnungsschimmer. Sie hatte schreckliche Fehler begangen, sie hatte dem Meister geholfen und Embra in noch größere Gefahr gebracht. Aber vielleicht war es doch noch nicht zu spät, etwas davon rückgängig zu machen. Vielleicht konnte sie die Clans immer noch retten, genau wie die Orte, von denen Mohnblüte geträumt hatte. Was wäre ein besseres Vermächtnis für ihre kleine Schwester?

Hunds Blick ruhte sanft auf ihr. »Es war nicht deine Schuld«, sagte er mit fester Stimme, als könnte er all ihre verworrenen Gedanken lesen. »Du wusstest nicht, was der Schattensaum war. Das wusste niemand.«

Phönix schluckte, unfähig, seinem Blick zu begegnen. Wenn sie sich doch nur selbst davon überzeugen könnte, dass er recht hatte. Aber trotzdem wuchs der Kern der Hoffnung in ihr weiter an, verfestigte sich. Dies war nicht das Ende – wenn überhaupt, war es erst der Anfang. Der Meister hatte sich gezeigt, aber er hatte noch nicht gewonnen. Davon war er weit entfernt. Vielleicht gab es doch noch eine Chance für Phönix, ihre vielen Verfehlungen in Ordnung zu bringen.

»Die Clans einen«, sagte sie leise und fing leicht an zu schnaufen, als der Weg Richtung Kliff anstieg. »Dafür müssen wir ja auch bloß Jahrtausende von Vorurteilen und Hass überwinden.«

Dorn nickte. »Und wahrscheinlich haben wir dafür nur wenige Wochen Zeit.« Zum ersten Mal, seit sie Sechs zurückgelassen hatten, zeigte sich ein Lächeln auf seinen Lippen. »Aber wir lieben schließlich Herausforderungen.«

»Das stimmt.« Sie erwiderte sein Lächeln und verspürte neuen Mut, als sie sah, dass er dieselbe Hoffnung hatte wie sie. Sie nahm seine Hand und drückte sie. »Und wir werden Sechs befreien«, flüsterte sie.

Ein Muskel an seinem Kinn zuckte, als er den Druck erwiderte. »Das werden wir.«

Über ihren Köpfen flitzte Funkenflug unter Hunds Blick hin und her. Die Luft war ganz still, und die ersten Geräusche drangen aus Kliff zu ihnen herab: erstaunte Rufe, als Xena wieder in die Lüfte stieg. Vor Phönix gingen Zenith, Thea und Libbet. Sie hatten sich untergehakt und strahlten Trauer, Furcht und Aufregung aus.

Nur Winnie wirkte niedergeschlagen. Er saß rückwärts auf Phönix’ Schulter und blickte mit hängendem Schwanz in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

»Was ist los, Winnie?«, fragte Phönix und sah verwirrt zurück.

Sie runzelte die Stirn. Blieb stehen.

Wurde von heftiger Panik durchzuckt.

»Wo ist Sieben?«

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