Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
37. Kapitel
»Nun«, hob Yelara an, dann hielt sie inne und schüttelte den Kopf.
Phönix, Fünf, Sechs, Sieben und Zenith waren alle im Krankenzimmer. Von sämtlichen Räumen in Eisgard erinnerte Phönix dieser am stärksten an die Jägerloge. Acht schmale Betten standen sich in zwei ordentlichen Reihen gegenüber. Auf wunderbar bequemen Matratzen waren Felle drapiert, und im Kamin knisterte fröhlich ein Feuer. Die Kissen waren mit weichen Federn ausgestopft, und sogar die Luft verströmte Wohlbefinden.
Phönix kniff sich, damit ihr die Augen nicht zufielen, und verfluchte den übermäßigen Komfort um sie herum.
Fünf und Sieben saßen am Fußende ihres Bettes, Sechs und Zenith auf dem Bett neben ihr. Britt und Fliss schliefen beide, ihre Atmung sanft und synchron.
»Konntet ihr die Krypta versiegeln?«, fragte Phönix und drehte sich in eine bequemere Position. Eisgards Heilerin, eine hochgewachsene Hexe namens Retta, hatte ein giftgrünes Zeug auf ihren Arm und ihr Bein geschmiert. Daraufhin waren die Wunden erstaunlich schnell zusammengewachsen, aber beide Gliedmaßen schmerzten noch.
»Ja«, sagte Yelara. »Ich hoffe, es wird nur eine zeitlich begrenzte Maßnahme sein, aber …« Sie brach ab und schüttelte den Kopf. »Wir haben Proben von den Statuen da unten genommen, um herauszufinden, was geschehen ist. Aber es tut mir wirklich furchtbar leid. Ich hätte euch niemals, unter keinen Umständen, dort hinuntergeschickt, wenn ich …«
»Das wissen wir«, sagte Phönix schnell. »Und keine Sorge: Es gehört zur Aufgabe eines Jägers, auch das Unerwartete zu erwarten.«
Fünf machte ein ersticktes Geräusch und funkelte sie an. »Das war allerdings sehr unerwartet.«
»Gibt es irgendetwas, wob…bei ich helfen kann?«, fragte Sieben, den Blick auf die Oberhexe gerichtet.
»Du hast schon eine ganze Menge getan, Sieben«, sagte Yelara warmherzig. »Wenn du mich nicht in diesem Moment holen gekommen wärst …«
»Du hast vermutlich nicht gesehen, was das verursacht hat, oder?«, fragte Fünf Sieben. »Wie der Berster reingekommen ist? Warum die Statuen … äh … aufgewacht sind?«
Sieben schüttelte mit hängenden Schultern den Kopf. »Tut mir leid. Ich …« Sie hielt abrupt inne und schüttelte erneut den Kopf.
»Es gibt nichts, was dir leidtun müsste«, sagte Sechs energisch.
»Nein«, stimmte Phönix ihm zu. »Du hast getan, was du konntest.«
Siebens Lächeln war schwach und verzerrt. »J…ja, es ist ja so furchtbar nützlich, in der B…bibliothek zu sitzen, während ihr alle um euer Leben kämpft.«
Phönix sah sie bewegt an, ohne dass ihr die richtigen Worte einfielen, um sie zu trösten. Fünf und Sechs wirkten ebenfalls hilflos. Winnie dagegen sprang leichtfüßig aus Phönix’ Schoß auf Siebens Schulter, leckte kurz an ihrem Ohrläppchen und entlockte ihr so ein zittriges Lächeln.
»Es ist der Schattensaum.« Phönix wandte sich wieder an Yelara. »Er muss es sein. Die Augen der Statuen waren ganz schwarz, genau wie die des Lefzenleckers und des Bersters. Sein Einfluss breitet sich aus und verändert sich.«
Sie schauderte vor Entsetzen und schob ihre Hände unter das Fell auf ihrem Bett, damit die anderen nicht sahen, wie sie zitterten. Phönix wusste, was das bedeutete: Sie würde dem Schattensaum entgegentreten müssen – schon bald. Vielleicht sogar sehr bald.
Yelara seufzte. »Wahrscheinlich hast du recht. Aber um sicherzugehen, werden wir mit unseren Untersuchungen fortfahren. Ich überwache sie persönlich, deshalb gehe ich jetzt besser in den Hexereibereich. Es wird ein sehr langer Tag.« Dann lächelte sie sie alle nacheinander offen und warm an. »Ihr habt euch heute Nacht alle hervorragend geschlagen und solltet sehr stolz auf euch sein.« Sie wandte sich zum Gehen, dann blieb sie stehen und drehte sich noch mal um. »Zenith, stimmt es, dass du ein Perigonschild heraufbeschworen hast?«
Zenith zuckte überrascht zusammen, dann nickte sie.
Ein leichtes Lächeln umspielte die Lippen der Oberhexe. »Dann hatte das alles ja doch auch etwas Gutes. Ich habe gesehen, wie du erfolgreich einen Okulus heraufbeschworen und den Verwandlungszauber angewandt hast. Nara sagt, du beherrschst den Schleier und die Portale. Der Perigonschild war die letzte Hürde. Gehe ich recht in der Annahme, dass du inzwischen alle fünf Prüfungszauber erfolgreich bewältigst?«
Zenith schluckte und nickte wieder.
Was war ein Prüfungszauber? Sechs begegnete Phönix’ Blick, die zuckte mit den Schultern.
»Dann bist du bereit für deine Befiederung.« Yelaras Miene hellte sich auf. »Und dabei bist du erst fünfzehn!« Ihr Lächeln schwand ein wenig, und sie fügte hinzu: »Natürlich nur, wenn du willst, Zenith. Du musst das noch nicht machen, nur weil du es kannst. Das weißt du. Lass dir Zeit, denk in Ruhe darüber nach.«
Zenith stand auf und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte sie, »ich bin bereit. Ich will es machen.«
Yelara nickte. »Das hatte ich mir schon gedacht. Dann also in einer Woche. Bis dahin keine Magie.« Sie nahm Zeniths Hand und drückte sie fest. Die beiden wechselten einen intensiven, schwer zu deutenden Blick. Dann war Yelara weg.
»Worum ging es denn da gerade?«, fragte Fünf, als der Federumhang der Oberhexe hinter der Tür verschwand.
»Nur eine Woche, um meine Befiederung vorzubereiten«, sagte Zenith und wirkte plötzlich nervös. Mehr als nervös. »Täglich mehrere Stärkungstränke und keine Magie.«
Fünf runzelte die Stirn. »Wieso?«
Zenith schluckte, bevor sie sprach und ihre Worte sorgfältig wählte. »Magie bedient sich deiner eigenen Energie, um etwas bewirken zu können.«
Bei diesen Worten fuhr Phönix zusammen und richtete sich auf. Es war, als würde Zenith über Elementmagie sprechen. Sie hätte nie gedacht, dass sich die beiden Magiearten so ähnelten.
»Die meisten Zaubersprüche verbrauchen nur wenig Energie«, fuhr Zenith fort, »manchmal so wenig, dass man es gar nicht merkt.« Nachdenklich sah sie ins Feuer. »Der Befiederungszauber ist jedoch anders. Darauf muss man sich vorbereiten.«
Plötzlich hatte Phönix eine düstere Vorahnung. Ihr fiel ein, wie Zeniths Arme gezittert hatten, als sie den Schild zu ihrem Schutz heraufbeschworen hatte, als wäre es ein echtes Gewicht, das sie in der Hand hielt.
»Ist es gefährlich?«, fragte Phönix.
Die junge Hexe gab vor, sie nicht gehört zu haben, und senkte den Kopf, aber vorher sah Phönix noch, wie ein ängstlicher Zug auf ihrem Gesicht erschien.
»Zenith?«, hakte Phönix nach. Sie sah die Besorgnis auch in den Mienen der anderen. Nur Sieben wirkte unbeeindruckt und schien sich plötzlich sehr für den Kamin zu interessieren.
»Trinkt das, ihr beiden«, unterbrach sie Heilerin Retta, die mit zwei Gläsern abscheulich blauer Flüssigkeit hereingestürmt kam. Ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch, als sie Phönix und Zenith je eines reichte.
Phönix trank einen Schluck und musste würgen. »Was ist das denn?«
Selbst Winnie, in dessen Augen fast alles Nahrung darstellte, fuhr zurück.
»Sieht aus wie Winterwolfpisse!«, rief Fünf, der angeekelt die Lippen kräuselte.
Sechs beugte sich vor, um es besser sehen zu können, dann zuckte er zurück. »Iih! So riecht es auch!«
»Es ist keine Winterwolfpisse!«, sagte Retta und richtete sich zu ihrer vollen, beträchtlichen Größe auf. »Nicht zuletzt, weil diese Substanz überhaupt keine magischen Eigenschaften hat.«
»Genau das würde jemand sagen, der dir Pisse einflößen will«, flüsterte Fünf.
»Das reicht – raus!«, rief Retta empört.
Ein wütender Finger wies Fünf, Sechs und Sieben die Tür, und Winnie sprang zurück auf Phönix’ Schoß. Erst als sie aus ihrem Blickfeld verschwunden waren, drehte Retta sich schnaufend wieder zu ihren Patientinnen um.
»Das ist ein Stärkungstrank«, sagte sie mit schriller Stimme. »Und da ist überhaupt kein Urin …« Sie brach ab und schüttelte sich. Phönix sah Zenith an und blickte schnell weg, um nicht laut loszulachen.
»Es ist eins unserer stärksten Gebräue«, erklärte Retta würdevoll. »Ein sehr altes Rezept. Ihr müsst es ganz austrinken. Bevor ihr das nicht getan habt, geht ihr nicht weg.« Sie sah Phönix und Zenith finster an.
Phönix wusste genau, wann sie verloren hatte. Stöhnend hob sie das stinkende Glas wieder an die Lippen.
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