Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
21. Kapitel
Der Raum, in dem sich der Schattensaum befand, war riesig und kreisrund. Die gekrümmten Wände und die gewölbte Decke waren von brennenden Fackeln übersät, deren Lichtschein sich in Streifen auf dem kräuselnden Film schwarzen Wassers auf dem Boden spiegelte.
Phönix nahm allerdings praktisch nichts davon wahr. Für sie gab es nur den Schattensaum.
Was sie da vor sich hatte, wirkte wie ein Loch im Stoff der Welt, das vor finsterster Wut kochte und verzweifelt versuchte, seinem Gefängnis zu entkommen, um alles in seiner Nähe zu verschlingen. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um seine unheimliche Größe ganz erfassen zu können. Der Schattensaum breitete sich vor ihren Augen aus und verdeckte alles andere, wie ein riesiger Klumpen lebendiger Nacht. Sie spürte seine Gier, sah, wie sich ein Tentakel nach ihr ausstreckte, abgewehrt wurde und sich erneut ausstreckte. Das Feuer in ihrem Inneren drang an die Oberfläche, und entsetzt versuchte Phönix es mit aller Macht zu unterdrücken. Das Atmen fiel ihr plötzlich furchtbar schwer.
Sie fühlte eher, als sie es sah, dass Yelara sich neben sie stellte und ihr eine warme Hand auf den Arm legte.
»Siehst du die Bewegung um ihn herum?«, fragte die Oberhexe und zeigte auf den Rand des dunklen Schattensaums.
Phönix hatte das Gefühl, aus Wasser aufzutauchen, und sah an die betreffende Stelle. Tatsächlich, dort wirbelte etwas um den Saum herum, es war ein lebhafter, kreisender Luftstrudel, der ihr eine eisige Brise über den Nacken sandte. Sie verstand augenblicklich, dass diese Schicht das Einzige war, was den Schattensaum zurückhielt. Sie kam ihr viel zu dünn, viel zu schwach vor, um wirkungsvoll zu sein.
»Ich sehe sie.«
»Das ist der Okulus«, erklärte Yelara. »Einer unserer mächtigsten Zauber. Er erzeugt eine Art Käfig, in dem man magische Substanzen einsperren kann.« Sie schüttelte den Kopf. »Es funktioniert allerdings nur zum Teil. Eigentlich sollte der Schattensaum aus dem Inneren des Okulus heraus nicht in der Lage sein, irgendeine Art von Einfluss auszuüben. Er müsste harmlos sein. Und den Eindruck hatten wir auch, bevor Morgren herkam.« Beim Klang des Namens verkrampfte Phönix sich. »Seitdem breitet sich seine Macht im Frostpalast aus und entzieht ihm Magie, sogar an so entlegenen Stellen wie dem Hexereibereich.«
Sie warf Phönix einen Blick zu. »Du hast sie bemerkt, oder? Die dunklen Hexenzimmer vor dem Zutatenlager? Bis jetzt sind sie noch fest, aber wir rechnen damit, dass sie in ein paar Wochen eher so sein werden wie die Gänge, die uns hergeführt haben: instabil.«
Phönix nickte schwach. Sie war kaum in der Lage, an irgendetwas anderes zu denken als an die Ungeheuerlichkeit ihrer Aufgabe. An das Ausmaß und die Unmöglichkeit. Der Schattensaum grinste sie mit seiner unbestreitbaren Macht an und ließ alles vor ihr in Dunkelheit versinken.
Sieben, Fünf und Sechs standen hinter ihr in einer Reihe, die Köpfe staunend in den Nacken gelegt.
»Was bei Embra ist das eigentlich?«, murmelte Sechs.
Yelara schüttelte langsam den Kopf. »Um ehrlich zu sein, wissen wir es immer noch nicht genau.« Mit einer Handbewegung zeigte sie um sich herum. »Dieser Raum wurde einer Hexe namens Jira gegeben, die hier Koboldmagie studieren wollte …«
»Warum?«, fragte Fünf entsetzt. »Das klingt nach einer furchtbaren Idee!«
Yelaras Lächeln war unsagbar traurig. »Das lässt sich jetzt leicht sagen. Der Grund dafür war einfach: Portale. Ihr habt bereits gesehen, dass unser Portalzauber zwei Tore benötigt: eins dort, wo die Hexe gerade ist, und eins dort, wo sie hinwill. Die alten Koboldmagier brauchten nur ein Portal, ein einziges Tor, um hinzugehen, wo sie wollten. Diese Fähigkeit erwies ihnen hervorragende Dienste im Kampf, aber wir wollten sie …« Yelara stieß ein ersticktes Lachen aus. »… aus Bequemlichkeit.«
»Oh.« Siebens Stimme war ganz leise, den Blick hatte sie auf die Oberhexe gerichtet.
Yelara sah jetzt ins Leere, hatte irgendetwas aus der Vergangenheit vor Augen. »Jira studierte jahrelang die Koboldsprüche. Sie war sicher, genug gelernt zu haben, um sich an einem der Portale zu versuchen.« Die Oberhexe wies mit dem Kopf auf den Schattensaum. »Aber statt einem Tor zum schwimmenden Markt erschien das hier.«
»Das muss ein Schock gewesen sein«, murmelte Fünf.
»Vermutlich«, sagte Yelara mit gepresster Stimme, »auch wenn wir es nie genau wissen werden. Jira lag bereits im Sterben, als wir sie fanden. Sie hatte ganz offensichtlich gegen den Schattensaum gekämpft, und es war ihr gelungen, ihn in einen Okulus zu sperren. Aber die Schattenkrankheit, die er mitgebracht hatte, hatte sie fast besiegt – und breitete sich anschließend im gesamten Frostpalast aus.« Yelara seufzte. »Durch Jiras Tod haben wir auch unsere Expertin für Koboldmagie verloren. Die meisten der Originaltexte und ihre Notizen dazu hatte sie hier aufbewahrt, daher gingen sie auch verloren, sie wurden während Jiras Kampf gegen den Schattensaum vernichtet. Wir haben alles Mögliche versucht, um ihn zu besiegen, aber …« Sie brach ab.
Alle schwiegen. Phönix’ Blick wurde magnetisch vom Schattensaum angezogen, und sie spürte erneut das Kribbeln in ihrem Körper. »Aber er war doch eingeschlossen«, sagte sie leise, als ihr wieder einfiel, was Nara in Kliff gesagt hatte. »Bis …«
»B…bis Morgren kam«, beendete Sieben den Satz.
»Ja.« Yelara ließ die Schultern hängen. »Ich wünschte, wir wüssten, was er getan hat, aber wie gesagt, unsere Expertin für Koboldmagie war Jira. Ihre ganze Arbeit ist verloren gegangen. Es ist einfach nicht mehr genug übrig, dass wir es auch hätten lernen können.«
Der Schattensaum drängte sich erneut an den Okulus. Dunkle Fühler ragten hervor, nur um gleich wieder von der wirbelnden Magie, die ihn aufhielt, zurückgerissen zu werden.
Phönix’ Herz setzte kurz aus. Dann wandte sie sich an die Oberhexe, wollte von Anfang an ehrlich sein. »Yelara, ich glaube nicht, dass ich …«
»Ich erwarte nicht, dass du jetzt sofort irgendetwas tust«, sagte Yelara schnell. »Das würde ich auch gar nicht wollen, selbst wenn du es dir vorstellen könntest. Nara hat mir bereits berichtet, dass deine Macht noch ganz neu für dich ist, dass du sie monatelang nicht eingesetzt hast.« Sie strich sich mit der Hand übers Gesicht. »Mir ist bewusst, wie gefährlich das ist, worum wir dich bitten. Und ich würde auf keinen Fall wollen, dass du es versuchst, bevor du dir sicher bist, du könntest es schaffen.«
Phönix unterdrückte den starken Drang, laut aufzulachen. Sie würde nie – niemals – in der Lage sein, dieses Ding zu zerstören. Sie war Jägerin, daran gewöhnt, ihre Kräfte gegen die des Gegners abzuwägen. Sie wusste bereits, dass dies eine Schlacht war, die sie nicht gewinnen konnte. Es war so, als würde man sie bitten, alleine mit einem auf den Rücken gebundenen Arm und nur mit Schneebällen als Waffe gegen einen Eisriesen zu kämpfen.
»Yelara«, versuchte sie es erneut und schüttelte den Kopf. »Ich …«
»Lass dir von Nara helfen«, sagte die Oberhexe hastig. Der flehende Tonfall in ihrer Stimme war überdeutlich. »Bitte. Sie hat sich schon immer für Elementmagie interessiert. In ganz Embra kennt sie sich damit am besten aus. Wenn dir irgendjemand helfen kann, dein Feuer zu kontrollieren, dann sie. Und wenn irgendjemand den Schattensaum zerstören kann, dann du. Du bist unsere einzige Hoffnung.«
Phönix atmete tief durch die Nase ein. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre weggelaufen. Hätte verlangt, nach Kliff zurückgebracht zu werden, wo es einfach war, gegen Monster zu kämpfen, und sie nichts weiter brauchte als ihre Äxte. Aber sie war Jägerin. Und die Hexen baten sie um Hilfe.
Sie zwang sich, einen letzten langen Blick auf den Schattensaum zu werfen, bevor sie ihm den Rücken zukehrte. Sie hatte mehr als genug gesehen.
Um sie herum brannten die Fackeln weiter, ohne zu wissen, welchen Schrecken sie beleuchteten.
»Ich werde es versuchen«, sagte Phönix zu Yelara, während ihr die Angst fast die Kehle zuschnürte. »Mehr kann ich nicht versprechen.«
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