Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
56. Kapitel
Wenig später saßen sie alle zusammen auf dem Eis. Zenith war immer noch zu schwach, um zu zaubern, aber nach ihren Anweisungen verwandelte Thea eine von Xenas Federn in einen riesigen Holzscheit, den Funkenflug nur zu gern in Brand setzte. Libbet gelang es, einen einfachen Windschutz heraufzubeschwören, und dahinter versammelten sich alle um die Flammen. Langsam kehrte das Gefühl in ihre Fingerspitzen und die Farbe in ihre Wangen zurück. Die Stimmung war jedoch äußerst gedrückt. Phönix hatte berichtet, was alles nach Xenas Abflug geschehen war, den mutmaßlichen Tod der Hexen eingeschlossen.
»Aber gesehen habt ihr sie nicht?«, fragte Thea jetzt zum dritten Mal.
Phönix schüttelte widerwillig den Kopf, weil sie wusste, dass ihre Antwort Thea dazu verleiten würde, an der Hoffnung festzuhalten, dass jemand überlebt hatte, geflohen war und möglicherweise eines Tages wieder auftauchen würde. Phönix teilte diese Hoffnung nicht. Sie hatte die Menge an dunklen Wesen in der großen Halle gesehen, die Menge an Hexenumhängen, die sie als Trophäen getragen hatten. Die Trauer um Nara schnürte ihr die Kehle zu. Sie presste die Lippen aufeinander, unfähig, noch mehr zu sagen.
»Und Sechs?«, flüsterte Libbet, auf deren Wangen silberne Tränenspuren im Feuerschein zu sehen waren. »Was wird jetzt aus ihm?« Sie flüsterte es nur leise vor sich hin, und Phönix verspürte eine große Traurigkeit, als sie das kleine Mädchen betrachtete. Sie wirkte so viel älter als bei ihrer ersten Begegnung.
»Das wissen wir nicht«, antwortete Fünf mit zitternder Stimme. »Der … der Meister hat gesagt, er bräuchte jemanden von uns für irgendwas.« Er hob den gehetzten Blick. »Was könnte das sein?«
Phönix schüttelte wortlos den Kopf.
Sieben unterdrückte ein Schluchzen und senkte den Blick, um es zu verbergen, dann stand sie auf und trat vom Feuer weg in die Dunkelheit hinter dem Windschutz. Sie hatte die Fähigkeit, sich auf eine bestimmte Art ganz klein und unauffällig zu machen, sodass Phönix es beinahe nicht bemerkt hätte, aber als sie sah, wie Siebens leuchtendes Haar verschwand, durchströmte sie eine dunkle Furcht. Sieben hatte gerade ihre Familie verloren. Kein Gefühl kannte Phönix besser als die trostlose, einsame Verzweiflung, die einen nach einem solchen Ereignis überkam. Was hatte Sieben vor?
Phönix sprang auf und eilte hinter ihrer Freundin her. Entsetzt sah sie sie am Rand der Klippe stehen, während das Meer unter ihr gegen die Felswand brandete.
»Sieben!«, rief Phönix.
Sieben drehte sich halb um und zuckte mit den Schultern, als sie Phönix erblickte.
Sie standen nebeneinander und sahen über das dunkle, wogende Wasser hinaus. Phönix versuchte verzweifelt, sich etwas einfallen zu lassen, womit sie Siebens Schmerz lindern konnte. Aber es kam ihr alles falsch vor, und zwischen ihnen dehnte sich das Schweigen aus.
»Ich habe seine G…gefangennahme nicht vorhergesehen«, flüsterte Sieben schließlich. Phönix erschrak. Sieben hatte die Fäuste geballt, und das Mondlicht auf ihrem Gesicht warf dunkle Schatten um ihre Augen. »Warum habe ich es nicht g…gesehen?«
»Du darfst dir nicht die Schuld geben«, sagte Phönix leise und griff nach ihrer Hand.
»Natürlich d…darf ich d…das«, zischte Sieben, den Blick auf den silbrig vom Mond bestrahlten Horizont gerichtet. »Es muss auf seinem Weg angelegt gewesen sein. Ich habe nur nicht nachgesehen.«
Einen Augenblick bekam Phönix keine Luft, ihre Kehle war zugeschnürt, und ihr Herz schmerzte. »Deine Gabe ist unglaublich«, sagte sie stockend. »Aber es gibt so vieles, das sie dir nicht gezeigt hat.« Sie schluckte schwer. »Ich weiß, dass ich deine Macht nicht verstehe, aber ich weiß, dass du dir für Dinge, die du nicht vorhersiehst, nicht die Schuld geben darfst.«
»Nein?«
Phönix sah Siebens Profil, das in der Nacht fast unheimlich wirkte. Der Wind hatte sich gelegt, und in der plötzlichen Stille sah sie aus wie eine Statue, in deren Augen sich das dunkle Meer spiegelte. In diesem Moment hatte sie etwas Übernatürliches an sich.
Phönix schauderte, musste dem Drang widerstehen, zurückzuweichen. »Sieben?«
Sieben blinzelte, schüttelte sich und war wieder ganz Phönix’ Freundin. Tränen glänzten in ihren Augen. »Du irrst dich, Phönix. Ich hätte es sehr wohl vorhersehen können. Ich hätte es vorhersehen sollen. Ich habe mir nur nicht seinen Weg angesehen … sondern d…deinen.«
Sieben schlang die Arme um sich und stolperte zurück zum Lagerfeuer. Phönix blieb mit dem Tosen der Wellen und dem Hämmern ihres Herzens allein zurück.
Das ist alles deine Schuld.
Warum hatte sie es zugelassen? Was hatte sie getan?
Die Nacht war kalt und ganz ruhig. Phönix starrte auf die Wellen hinab, die unermüdlich gegen den Fuß der Klippe donnerten, wovon ihr ganz schwindelig wurde. Sie hatte versucht, ein besserer Mensch zu sein, hatte versucht, ihre Magie zu beherrschen, hatte gehofft, damit Embra und die Hexen retten zu können. Stattdessen hatte sie ihren Feinden geholfen, die Tür zu einem Gefängnis verschlossen, das den Meister hätte einsperren können, und die wichtigste Regel der Loge gebrochen: Jäger ließen niemals ein Mitglied ihrer Mannschaft zurück. Niemals. Aber sie hatte es getan. Sie hatte Sechs zurückgelassen. Und sie hasste sich dafür.
Ihr fiel ein, was Sechs und sie gemeinsam durchgemacht hatten. Er hatte ihr das Leben gerettet, an ihrer Seite gekämpft, und er war es gewesen, der ihr als Erster seine Freundschaft angeboten hatte.
Er hatte ihr Leben verändert.
Und sie hatte ihn im Stich gelassen.
Phönix hatte Kopfschmerzen, und ihre Glieder waren ganz matt. Sie setzte sich, ließ die Beine über die Klippe baumeln, und diese letzten Augenblicke tauchten immer wieder vor ihr auf. Was hätte sie anders machen sollen? Wie hätte sie ihn retten können? Fragen und wirre Möglichkeiten kreisten in ihrem Kopf, bis ihr ganz schwindelig wurde. Selbst Winnie, der ihr über die Wange leckte, konnte den Gang ihrer Gedanken nicht aufhalten.
Schließlich stand sie auf und ging langsam zur Gruppe am Feuer zurück.
Sieben saß neben den Flammen und hatte die Arme um die Knie geschlungen. Als sie Phönix’ Blick begegnete, sah sie weg. Gab Sieben ihr etwa die Schuld? Etwas anderes hätte sie auch nicht verdient. Sieben saß etwas getrennt von den anderen und schaute in die Ferne. Die jungen Hexen saßen tränenüberströmt beieinander und unterhielten sich leise.
Hund kam zu ihr und stupste sie sanft mit der Schnauze an. Dankbar lehnte sie sich an ihn. »Zenith hat möglicherweise eine Lösung für unser Problem«, sagte er.
»Sechs …?« Phönix drehte sich hoffnungsvoll zu der Hexe um.
Zenith verzog das Gesicht. »Nein, tut mir leid. Aber wir haben darüber gesprochen, wie wir nach Kliff zurückkommen. Fünf hat gesagt, ihr wärt durch ein Portal nach Eisgard gereist. Und dass Nara gesagt hätte, sie würde es offen lassen.«
»Oh.« Phönix versuchte zu hören, was Zenith sagte, aber sie hörte nur Naras Namen, der in ihrem Kopf widerhallte. Nara, die tot war. Tot, wie ihre Familie, tot, wie Silber.
Unbändige Trauer stieg in ihr auf, und sie hielt den Atem an, um nicht laut aufzuschluchzen. Sechs, Nara und die ganzen Hexen, die sie willkommen geheißen hatten, es war ihr alles zu viel. Sie hätte sich am liebsten auf dem Boden zusammengerollt und so getan, als wäre das alles nicht passiert.
»… Problem wird sein, die Portale zu verbinden«, sagte Zenith. »Aber einen Versuch ist es wert. Wenn ich es schaffe, sparen wir eine Menge Zeit.«
Im Feuerschein wirkte Zenith zerbrechlich, als könnte der nächste Windstoß sie davonwehen. Phönix vermutete, dass sie sich nur Thea und Libbet zuliebe mit allergrößter Willenskraft zusammenriss.
»Es wäre auf jeden Fall sicherer«, fügte Xena hinzu. Der Eisadler meldete sich zum ersten Mal seit ihrem Abflug zu Wort.
»Kannst du es jetzt gleich versuchen?« Phönix stand auf, um die junge Hexe anzusehen.
Zenith zögerte, aber Xena war bestimmt. »Nein«, sagte der Eisadler. »Das ist zu gefährlich, sie ist zu erschöpft. Morgen vielleicht. Oder übermorgen.« Zenith sackte erleichtert zusammen.
Hund knurrte. »Wir sind für mein Empfinden noch zu nah an Eisgard. Wir sollten weitergehen.«
»Warum?«, hörte Phönix sich mit matter Stimme sagen. »Der Meister will, dass wir überall erzählen, was in Eisgard geschehen ist. Warum sollte er seine eigenen Boten angreifen?«
Es verursachte ihr Übelkeit, die Worte laut auszusprechen. Hund rückte näher an sie heran und stupste sie erneut sacht mit der Schnauze an.
»Lass sie ausruhen«, sagte Xena sanft. Sie wandte den Blick von Phönix ab, um die ganze Gruppe anzusehen. »Ich kann am Himmel patrouillieren. Es gibt meilenweit keine Deckung und es ist daher unmöglich, dass sich irgendetwas unbemerkt anschleicht.«
Die Hexen wirkten genauso erleichtert wie Phönix, als Hund zustimmte. Der Boden war nicht bequem, aber dank des Feuers und des Windschutzes froren sie wenigstens nicht. Nacheinander fielen sie alle in einen unruhigen Schlaf; selbst Funkenflug lag still zusammengerollt in den Flammen.
Nur Phönix blieb wach und wurde von ihren Gedanken gequält.
Was, wenn sie Sechs nie wiedersah?
Winnie schmiegte sich an ihre Wange, aber selbst er konnte sie nicht trösten.
Sie drehte sich auf den Rücken und blickte zu den strahlenden, wachsamen Sternen auf, doch auch die hielten keine Antworten für sie bereit.
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