Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast
13. Kapitel
Fünf stieß ein ersticktes, hohes Geräusch aus, das klang wie ein unterdrückter Schrei. Phönix konnte sich ein Jubeln nicht verkneifen, als der Boden unter ihnen zurückblieb; das Gefühl der Freiheit war überwältigend. Winnie steckte den Kopf neugierig aus ihrem Kragen, schloss die Augen und genoss den frischen Luftzug im Fell an den Wangen und um die Ohren. Er schnurrte sanft, und Phönix lachte fröhlich auf.
»Embras einziges fliegendes Eichhörnchen«, sagte sie grinsend, was Winnie zu freuen schien.
»Das ist g…großartig!«, rief Sieben, und ihre Stimme zitterte vor Begeisterung.
Nara wandte sich mit leuchtenden Augen zu ihnen um. »Seinen ersten Eisadlerflug vergisst man nie.« Ihre Worte wurden vom Wind davongeweht.
»Das bezweifle ich nicht«, stöhnte Fünf. »Mir geht es nicht so gut.«
Phönix drehte sich zu ihm um. Er hatte die Augen fest zusammengekniffen. »Fünf, wenn du mich vollkotzt …«
»Ich dachte, das wäre ein Traum von dir, Fünf?«, sagte Sechs lachend hinter ihm. »Auf einem Eisadler zu fliegen.«
»Das hatte ich nicht bis zum Ende durchdacht.« Fünf kniff die Augen noch fester zu. »Warum können wir nicht näher am Boden fliegen?«
Sechs versuchte vergeblich, sich das Lachen zu verkneifen. »Sei nicht albern und mach die Augen auf, Fünf. Das darfst du nicht verpassen – es ist einfach unglaublich!«
Auf Sechs’ Drängen hin klappte Fünf ein Auge auf. Er umklammerte Phönix so fest, dass sie kaum noch Luft bekam. Aber als er sich wieder zu Wort meldete, staunte er. »Das ist … das ist …«
Sechs hinter ihm strahlte.
Phönix sah sich begeistert um. Kliff war winzig, ein heller Fleck, der schnell verschwand, als die Einzelheiten unter ihnen verschwammen. Dann war da nur noch die Dämmerung, der wolkenverhangene Himmel mit dem Versprechen der aufgehenden Sonne am Horizont, und die Berge, silbrig und geheimnisvoll, an der Schwelle zwischen Nacht und Tag.
Hinter ihr schwiegen alle, und als sie sich zu ihnen umdrehte, sah sie, dass die anderen genauso verzaubert waren wie sie selbst. Sprachlos vor Staunen lächelten sie sich an.
Etwas später drehte Nara sich wieder zu ihnen um. »Es ist schön hier«, rief sie, »aber es wird Zeit, nach Eisgard zurückzukehren. Wenn ich das Portal öffne, werdet ihr eine Wellenbewegung in der Luft wahrnehmen. Sobald wir hindurchgeflogen sind, werde ich das Portal dort verschließen, aber diese Seite lasse ich offen, um euch die Rückreise zu erleichtern.«
Bevor irgendjemand antworten konnte, schaute sie wieder nach vorn, hob den Arm und flüsterte etwas, das Phönix nicht verstand.
Chiara flog nach links auf einen Fleck heller werdender Luft zu. Dort bildeten sich Wirbel, und der Himmel schien sich zu kräuseln, bevor er sich wieder beruhigte, abgesehen von … Phönix blinzelte. Sie konnte nicht fassen, was sie da sah.
Um Kliff herum hatte sich der Himmel zu einem silbrigen Blau aufgehellt, als die Sonne über die Berge stieg. Aber vor ihnen befand sich ein perfekter Kreis, gefüllt mit sternenbesetzter Dunkelheit: Es war der Himmel eines Ortes, an dem die Dämmerung noch Stunden entfernt war.
Phönix’ Herz raste, Winnie wurde ganz still, und Fünf umklammerte sie noch fester.
»Eisgard liegt viel weiter nördlich als Kliff«, rief Nara über die Schulter. »Zu dieser Jahreszeit geht die Sonne dort nur für ein paar Stunden am Tag auf.«
Phönix stellte fest, dass ihr Griff um die Hexe unwillkürlich fester wurde, als sie sich dem Portal näherten. Einen Augenblick war das Tosen eines Sturms zu hören, man sah eine verwirrende Helligkeit und Dunkelheit und spürte eine eisige brutale Kälte, die Phönix traf wie ein Faustschlag. Sie hörte, wie ihre Freunde hinter ihr genau wie sie selbst mit den Zähnen klapperten.
Nara sah nach hinten und flüsterte mit höchster Konzentration noch etwas anderes. Phönix konnte das Wort wieder nicht verstehen, es entglitt ihren Sinnen wie ein Aal, bis es verhallt war. Als sie sich umdrehte, sah sie gerade noch, wie der Kreis aus blauem Himmel hinter ihnen schrumpfte und verschwand.
»Das Portal in Kliff habe ich offen gelassen«, rief Nara Phönix zu, als sie ihre Überraschung bemerkte. »Aber es ist gefährlich, zwei Portale verbunden und offen zu lassen, sogar im Himmel. Bei den vielen Glitzergleitern, die es hier gibt, ist das zu riskant.«
»Was bei Embra …?«, flüsterte Sechs und sah sich um.
Phönix verschlug es die Sprache, so überrascht war sie, als sie Sechs’ Blick folgte: Die Berge waren weg, der anbrechende Tag war weg. Es schien, als wäre alles weg. Das Land, in dem sie aufgetaucht waren, war leer, in Dunkelheit gefangen. So weit das Auge reichte, dehnte sich eine gespenstische, vom Mond silbrig beschienene Eisfläche aus. Eine allumfassende Kälte durchdrang alles und kroch ihr bereits in die Knochen. Nur mit großer Mühe hätte Phönix sich einen unwirtlicheren Ort vorstellen können.
Wieder hob Nara die Hand und murmelte etwas. Plötzlich ließ die bittere Kälte nach. »Ein Wärmezauber«, sagte sie. »Einer unserer wichtigsten Zaubersprüche hier draußen, wie ihr euch denken könnt.«
Fünf schnitt eine Grimasse. »Danke … schätze ich.« Dann, etwas leiser: »Müsste sie uns nicht fragen, bevor sie uns verzaubert?«
»Mir macht das nichts aus, wenn es die K…kälte abhält«, flüsterte Sieben zurück. »In ein paar Minuten wäre ich steif gefroren gewesen.«
Sie waren noch nicht lange geflogen, als Phönix ein leises gleichmäßiges Donnern bemerkte.
»Was ist das für ein Geräusch?«, rief sie Nara zu.
»Das Endlose Meer«, entgegnete die Hexe und zeigte auf etwas vor ihnen in der Dunkelheit.
Das Meer! Phönix’ Herz machte einen Satz. Die Mutter ihrer Mutter hatte es als Kind mal gesehen, und die Erzählung davon war wie ein Erbstück von Generation zu Generation weitergereicht worden. Mit zusammengekniffenen Augen richtete sie ihren Blick auf die unablässig wogende, glitzernde Ebene. Die Oberfläche glänzte dunkel wie Schwertstahl: bedrohlich, betörend, begierig. Genau wie es ihrer Mutter beschrieben worden war, und wie sie es später ihr beschrieben hatte.
Nara bemerkte ihr Staunen. »An einem klaren Sommertag ist es schön. Aber es ist viel mächtiger, als wir es uns vorstellen können, und birgt mehr dunkle Wesen als ganz Embra. Das darf man nicht vergessen.«
Phönix nickte langsam, unfähig, den Blick abzuwenden, während Chiara abbog und an einer Reihe steiler Klippen entlang Richtung Norden flog. Daher verpasste sie den ersten Blick auf Eisgard.
»Was ist das?«, rief Sieben hinter ihr und riss Phönix aus ihrer Meeresträumerei. Sie zeigte die Küste entlang. In der Dunkelheit glitzerte etwas, das hoch aus dem Meer aufragte und sich wie eine glänzende Klaue über die Klippe neigte.
»Das«, sagte Nara lächelnd, »ist der Frostpalast.«
Phönix war sprachlos. Je näher sie dem Palast kamen, desto größer wurde ihr Staunen.
»Aber das ist ja eine W…welle!«, rief Sieben schließlich und fasste damit Phönix’ Gedanken in Worte. »Oder?«
»In der Tat. Es ist der Teil einer Welle, die ganz Embra hinweggespült hätte, wenn sie nicht – lange bevor unsere Aufzeichnungen begannen – rechtzeitig eingefroren worden wäre. Wir wissen nicht, was geschehen ist, um sie in dieser Form aufzuhalten, aber sie ist jetzt seit über tausend Jahren unser Zuhause.«
Phönix starrte den Palast an. »Eine Welle, die Embra hinweggespült hätte …« Das klang sonderbar, aber da war sie, genau in dem Moment eingefroren, als sie sich über die Klippen erhoben hatte. Der Wellenkamm führte zurück bis in das tosende schwarze Wasser des Meeres. Er war riesig, fast wie ein Berg. Selbst wenn man die Mauern der Jägerloge fünfzig Mal übereinandergestapelt hätte, wären sie immer noch weit entfernt gewesen von den schwindelnden Höhen des gischtgekrönten Scheitelpunkts der Welle.
Die gesamte Struktur des Frostpalasts wird durch Magie zusammengehalten. Urplötzlich fielen Phönix Naras Worte wieder ein. Magie, die der Schattensaum langsam verschlang. Plötzlich wurde ihr die Gefahr, die Embra drohte, überdeutlich.
»Das. Ist. Entsetzlich.« Fünf hatte große Augen.
Mit einem Schwung, bei dem Phönix’ Magen einen Satz machte, tauchte Chiara unter dem riesigen Wellenkamm hindurch und landete auf der Klippe darunter. Eine enorme Eiswand ragte in einem unglaublichen Winkel vor und über ihnen auf und verdeckte die Sterne. Sie sah aus, als könnte sie jeden Moment einstürzen.
Plötzlich schlugen all ihre Ängste über Phönix zusammen, und sie verspürte eine atemlose Übelkeit. Jetzt war sie hier, in Eisgard, und es war größer, als sie sich je hätte träumen lassen. Wenn der Schattensaum wirklich diesen Ort bedrohte, was bei Embra konnte ausgerechnet sie dann dagegen tun? Sie war doch nur ein Mensch, ein einzelnes Mädchen, das sich angesichts des Frostpalasts winzig klein fühlte.
Die Gänsehaut, die sich auf ihren Armen bildete, hatte nichts mit der Kälte zu tun.
»Spürt ihr d…das?«, flüsterte Sieben.
»Was denn?«, fragte Sechs.
Aber Phönix wusste, was sie meinte. Hier lag etwas in der Luft, etwas, das ihr die Brust einschnürte. Sie hatte es schon vor Monaten im Frostigen Forst gespürt.
»Magie«, murmelte sie, ohne zu merken, dass sie es laut ausgesprochen hatte. Winnie quiekte zustimmend. Nur seine Ohren und Augen schauten aus ihrem Fell hervor.
»Wenn Magie eisig ist und nach Fisch riecht …«, murrte Fünf. Er hatte immer noch seine Finger in Phönix verkrallt, obwohl Chiara inzwischen gelandet war. Sanft löste sie sich von ihm. »Das verstehe ich nicht«, sagte er zu Nara, während er sich umsah. »Wo genau ist Eisgard denn jetzt?«
Nara lächelte. »Hier.« Sie zeigte auf die riesige Welle, während sie ihnen vom Rücken des großen Vogels half. »Das hier ist der Frostpalast.«
Fünf starrte die Wand aus gefrorenem Wasser an. So besorgt hatte Phönix ihn noch nie gesehen. »Ihr könnt doch nicht in einem Eisklumpen wohnen«, sagte er ganz langsam, als erklärte er etwas Schwieriges. »Selbst wenn der so unfassbar groß ist wie dieser her.«
Nara lachte. »Sobald ihr drin seid, werdet ihr es verstehen, versprochen.« Dann fügte sie hinzu: »Danke, Chiara.«
Die Zuneigung zwischen Nara und ihrem Eisadler war offensichtlich. Chiara bedachte die Hexe mit einem Kopfnicken. »Unser erstes echtes Abenteuer«, sagte sie mit ihrer weichen Stimme.
»Dafür hat sich das lange Warten gelohnt, würde ich sagen.« Nara legte kurz die Stirn an den Schnabel des Vogels.
Der Eisadler senkte den schönen Kopf, dann hob er wieder ab und flog unter dem gebogenen Wellenkamm hinaus. Kurz darauf war Chiara verschwunden, nur das Geräusch ihrer mächtigen Flügelschläge war noch einen Moment lang zu hören.
Fünf sah ihr mit großen Augen nach.
»Schaut mal«, flüsterte Sieben und zeigte nach vorne.
Am Fuß des Frostpalasts, direkt vor ihnen, erschienen Lichtstreifen auf dem Eis und zeichneten ein verschlungenes Muster auf die glänzende Oberfläche.
»Türen«, hauchte Phönix, als zwei Umrisse fertiggestellt waren. Sie schluckte, und das Staunen verdrängte ihre Angst. Sie war gerade auf einem Eisadler geflogen. Gleich würde sie den Frostpalast betreten. Ach, wenn sie das nur Mohnblüte zeigen könnte!
Nara lächelte, ihr Federumhang bauschte sich hinter ihr, als sie sich gegen die eisige Oberfläche der Türen lehnte und die anderen hinter sich herwinkte.
»Willkommen in Eisgard.«
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