Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

Aisling Fowler · Kapitel 28 von 59

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Feuerblut, Die Reise zum Frostpalast

28. Kapitel

 

»Bist du sicher, dass du weißt, wo es langgeht?« Sechs keuchte, als sie die Treppe weiter hinaufrannten. »Für mich sehen die Gänge hier alle gleich aus.«

»Ich bin mir sicher.« Phönix schnappte nach Luft und wünschte, ihre Äxte wären nicht so schwer. »Hier geht’s lang.«

»Glaubt ihr, wir liegen wirklich richtig?«, fragte Sechs.

»Warum sollte das dunkle Wesen jetzt sonst hier sein?«, antwortete Phönix. »Du hast doch gehört, was Zenith gesagt hat: In Eisgard ist noch nie jemand eingedrungen.«

»Genau wie in die Loge bis vor drei Monaten«, fügte Fünf zwischen schweren Atemzügen hinzu. »Dann taucht Morgren auf, macht irgendwas mit dem Schattensaum, und jetzt haben wir auch hier ein dunkles Wesen innerhalb der Mauern. Klingt das für dich etwa nach Zufall?«Sechs schüttelte den Kopf, zu atemlos, um zu antworten.

»Für mich auch nicht.« Phönix’ Herz raste. »Das hat mit Morgren, Sieg und dem Krock zu tun. Es kann gar nicht anders sein.«

Bei der Erwähnung des Krock blieb ihr fast die Spucke weg. Sie traute sich nicht, einen Blick über die Schulter zu werfen, als sie in den dunklen Teil des Tunnels stürmten. Unwillkürlich bemerkte sie, dass das Wasser, durch das sie gingen, tiefer geworden zu sein schien. Und um sie herum war ein Tröpfeln zu hören.

Mit platschenden Schritten bogen sie um die letzte Ecke, und vor ihnen tauchte der Torbogen zur Zelle des Schattensaums auf. Die drei Freunde verlangsamten ihre Schritte, schlichen sich so leise wie möglich an, während sich das Wasser unter ihren Füßen leise kräuselte. Winnie streckte den Kopf aus Phönix’ Ausschnitt und sah sich mit einem leisen besorgten Quieken um.

»Keine Angst, Winnie«, flüsterte Phönix. Der Blick, den er ihr zuwarf, war alles andere als überzeugt.

»Was ist das?« Fünf streckte einen Arm aus, um sie aufzuhalten, und zeigte auf etwas, das neben ihnen vorbeitrieb.

Es sah aus wie ein sonnengebräunter Grashalm, aber als Phönix es aufhob, erkannte sie augenblicklich, dass es etwas anderes war: Die Kanten waren zu scharf, die Spitze lebensbedrohlich. Es war eindeutig der Stachel eines Lefzenleckers.

»Die Eismütter hatten recht.« Sechs konnte seine Überraschung kaum verbergen. »Es ist wirklich ein Lefzenlecker. Aber wie …« Verwirrt hielt er inne.

Phönix’ Gedanken huschten augenblicklich zu Magische Tierwelt. Ein Lefzenlecker war ein dunkles Wesen aus dem Grasland, wo sie aufgewachsen war. Sie erinnerte sich lebhaft, wie Ma vor ihrem Haus in Poa mit einem frisch gespitzten Stock die Umrisse des Wesens in den Staub gezeichnet hatte.

»Was ist das?«, fragte sie, und ihr Ton machte den beiden Mädchen vor ihr klar, dass das hier kein Spaß war.

»Ein Lefzenlecker«, sagten sie im Chor und unterdrückten das Kichern.

»Und was macht ihr, wenn ihr einem begegnet?«, fragte Ma, den Blick fest auf sie gerichtet.

»Wegrennen!«, riefen sie beide.

Die Mutter unterdrückte ein Lächeln, während sie gleichzeitig die Stirn runzelte. »Und wenn er euch folgt?«

Hier zögerte Mohnblüte, und Sperling brach schnell das Schweigen. »Uns aufteilen, aber nicht aus den Augen verlieren. Schneller rennen. Hilfe holen.«

Mohnblüte zuckte zusammen, als Sperling sie anstieß, dann kapierte sie und nickte energisch.

Phönix schüttelte die Erinnerung ab und versuchte die plötzliche Enge in ihrer Brust zu ignorieren.

»Erinnerst du dich an den Eintrag über Lefzenlecker in Magische Tierwelt?«, flüsterte Sechs.

»Hältst du das für eine gute Idee?«, fragte Fünf. »Nach der Sache mit dem Kantenwurm, meine ich …«

»He!« Phönix schlug ihm unsanft auf den Arm. »Da habe ich einmal einen Fehler gemacht.«

»Einen absolut riesigen Fehler, als es um Leben und Tod ging«, entgegnete Fünf.

»Ein unglückliches Versehen«, sagte Phönix mit wachsendem Ärger. »Das in erster Linie mich betroffen hat und nicht dich! Und im Übrigen kannst du gerne auch selbst das ganze Buch auswendig lernen, Fünf.«

»Psst«, murmelte Sechs. »Könntet ihr euch bitte konzentrieren? Da drin ist ein Lefzenlecker! Woran erinnerst du dich, Phönix?«

Ohne Fünf weiter zu beachten, dachte Phönix an den Eintrag in ihrem Buch und zitierte: »Diese ungewöhnlichen Wesen gedeihen im gemäßigten Grasland und sind Allesfresser. Ihr dichtes, grasartiges Haar ist gleichzeitig ihr besonderes Kennzeichen und eine wirksame Tarnung. Beim Grasen nehmen Lefzenlecker ihre zusammengekauerte Form an: vierbeinig, groß und von eher tollpatschiger Erscheinung. Wenn sich das Wesen jedoch zu seiner zweibeinigen Jagdgestalt aufrichtet – und damit Appetit auf Fleisch signalisiert –, ist es hochgradig gefährlich. Diese Raubtiere sind gelenkig und schnell, unglaublich stark und geduldig. Besondere Vorsicht ist geboten …« Phönix brach stirnrunzelnd ab.

Fünf hob die Augenbrauen. »Äh … wobei ist besondere Vorsicht geboten? Jetzt hör nicht auf – es wurde gerade interessant!«

»Irgendwas mit den Stacheln«, murmelte Phönix. Sie durchforstete ihr Gedächtnis, aber dummerweise fiel ihr nichts ein.

»Und wie steht’s mit der Skala?«, fragte Sechs nervös.

Phönix verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf.

»Kein einziger Wert? Irgendwas, das uns helfen kann?«

»Schätzen wir einfach mal vier von zehn«, murmelte Fünf finster.

»Tut mir leid.« Phönix stöhnte, ohne Fünf zu beachten. »Es ist weg. Ich bin in letzer Zeit nicht oft dazu gekommen, in der Tierwelt zu lesen. Ich weiß allerdings, dass wir kein Problem haben werden, wenn er in seiner vierbeinigen Gestalt auftaucht. Darum kümmern sich die Dörfer des Grasclans selbst, dafür rufen sie nicht die Jäger.«

»Großartig«, murmelte Fünf. »Dann hoffen wir also, dass er nicht gerade Lust auf Fleisch hat.«

»Alles klar«, flüsterte Sechs. »Waffen bereit?«

Phönix nickte schnell. Alle Blicke waren jetzt auf die offene Tür gerichtet. Schatten tanzten und flackerten auf dem sich kräuselnden Wasser, und Phönix spürte bereits die kalte Brise aus dem Okulus. Ihr Herz schlug schneller.

Neben ihr machten sich Fünf und Sechs bereit.

Dann sprangen alle drei gleichzeitig mit einem Satz durch die Tür.

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