Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 10 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 9

 

Vio

 

Weder den Ammersee noch den Starnberger See habe ich erwartet, mir war bewusst, dass der von Konstantin hochgelobte Silbersee nichts weiter als ein gängiger Badesee sein wird, und ich hatte recht. Auch wenn ich zugeben muss, dass es hier ziemlich genial aussieht. Es ist die perfekte Uhrzeit, auf der Wasseroberfläche spiegelt sich die Sonne und lässt das Wasser klarer erscheinen, als es vermutlich ist. Von einer Art schwimmender Badeplattform springen Jugendliche ins Wasser, andere liegen am Sandstrand, und die Bäume des Waldes linksrum betten alles in eine grüne Oase, die wie aus der Zeit gefallen scheint.

»Ta-daaah! Eine ehemalige Kiesgrube, deswegen ist er auch so klar. Angeblich kann man bis zum Grund schauen.« Konstantin zeigt auf den See vor uns, als könnte ich ihn irgendwie übersehen, und kratzt sich dann etwas verlegen am Hinterkopf.

»Das ist unser großer Silbersee.«

»Es gibt noch einen kleineren?«

»Er hat ein kleines Geschwisterchen auf der anderen Seite des Waldes. Dort, wo es ziemlich windig ist, worüber der Surfklub überaus dankbar ist.«

»Wow.«

Er prüft meine Antwort auf Ironie, aber dafür gibt es keinen Grund. Walddorf ist ziemlich klein, daran gibt es nichts zu rütteln, und dementsprechend hatte ich in Gedanken die Größe des Sees angepasst.

»Schön hier.«

Noch immer wartet er darauf, dass ich einen abfälligen Kommentar über seinen See abgebe, aber stattdessen schütze ich meine Augen gegen die Sonne und suche den Strandabschnitt nach Mone und den anderen ab.

»Wie tief ist der See?«

»Dreizehn Meter. Für eine Arschbombe reicht es.«

»Schon getestet?«

»Ausreichend oft.« Er grinst breit und deutet nach links, wo die meisten bunten Badetücher liegen. »Komm, Mone wartet sicher schon.«

Im Reflex will er nach meiner Hand greifen, entscheidet sich im letzten Moment noch anders, nimmt mir stattdessen den roten Helm ab und geht dann voraus. Ich ziehe die Schuhe aus, bevor ich ihm auf dem schmalen Trampelpfad vom Parkplatz zum Strand folge. Sobald meine Zehen den Sand spüren, fällt ein bisschen der Anspannung von meinen Schultern, die mich immer leise begleitet.

All die Jugendlichen, die hier sorglos in der Sonne liegen, haben keine Ahnung, was passiert ist. Sie sehen mich nicht so an, sie machen keine gehässigen Bemerkungen und sie tuscheln nicht darüber hinter meinem Rücken.

Vielleicht ist das hier wirklich eine neue Chance und nicht nur ein enges Dorf.

Schon so lange spüre ich diesen unangenehmen Druck, der sich zwischen meinen Schulterblättern festgesetzt hat und sich nicht mehr lösen wollte, egal wie oft ich tief eingeatmet habe.

Ich gehe weiter über den erstaunlich feinen Sand, folge Konstantins Fußspuren, vorbei an den Familien, die hier ihren Sommerurlaub verbringen, und an Sandförmchen, die Kinder achtlos zur Seite geworfen haben, nachdem sie ihre Bauwerke beendet haben.

»Da bist du ja!« Mone, in einem schwarzen Bikini, springt sofort auf, umarmt zuerst mich und dreht sich dann zu Konstantin.

»Du hier?«

»Hm. Dachte, ich schau auch mal vorbei.«

Sie nickt gespielt nachdenklich, bevor sie sich wieder mir zuwendet und auf den großen bunten Schirm deutet, dessen Stange sie tief in den Sand eingegraben haben. »Bunter Schirm, nicht zu übersehen, wie versprochen.«

»Unübersehbar.«

»Freut mich, dass du gekommen bist …«, ein kurzer Blick zu meinem Begleiter-Schrägstrich-Fremdenführer, »… und Konny gleich mitgebracht hast.«

Konny. Das passt zu seiner wilden Frisur, aber nicht zu dem markanten Kinn und den ehrlichen Augen.

»Eigentlich hat er mich mitgebracht. Ich kenne mich hier ja gar nicht so wirklich aus.«

»Noch nicht. Aber glaub mir, das lernst du schnell.«

Mone hakt sich bei mir unter und zieht mich das letzte Stück zu den anderen, die mich neugierig mustern.

»Leute, aufgepasst. Das hier ist Vio, die Neue.«

Ich winke ungelenk in den Kreis aus roten, gelben, blauen und grünen Strandtüchern und den dazugehörigen Sonnenanbetern.

»Das sind Matze, Leonie, Paula, Lotte, Holger, Marco und Sebi. Caro, Tanja und Sabrina kennst du ja schon.«

Zu viele Namen auf einmal, ich versuche sie mir zu merken, aber Mone rattert weiter Fakten runter, verrät mir, wer mit wem verwandt und wer mit wem zusammen ist und wer seit welcher Klasse wessen beste Freundin ist. Ich stehe regungslos im Informationshagel und hoffe, dass irgendwas davon hängen bleibt. Konny, wie er hier wohl genannt wird, steht grinsend etwas abseits und legt die Helme in den Sand, bevor er daneben Platz nimmt.

»Vio ist aus München, ihre Eltern übernehmen die Gaststätte im Tennisklub und ab nächstem Schuljahr ist sie bei uns am Purrmann. Seid also nett.«

Es überrascht mich, dass Mone sich tatsächlich an all diese Details erinnert, während ich nicht mal die Namen der anderen Mädels aus dem Supermarkt korrekt abgespeichert habe. Sie dreht sich wieder zu mir.

»Hast du Badeklamotten dabei?«

»Klar.«

»Cool. Das Wasser ist nämlich absolut herrlich heute.«

Es gibt diese Menschen, die dafür gemacht sind, eine Clique anzuführen. Mone ist so jemand, sie hat das Lächeln, den schlauen Blick und vor allem diese ansteckende Art, in ihrer Nähe fühle ich mich gleich weniger fremd.

»Wer kommt noch mal mit raus zur Insel?«

Suchend lasse ich den Blick über das Wasser wandern, finde aber keine Insel, dafür ist der See dann doch zu klein.

»Die Insel ist die schwimmende Plattform. Die Jungs von der freiwilligen Feuerwehr haben sie letztes Jahr gebaut und in den See geschubst. Stark, was?«

Bei den Worten freiwillige Feuerwehr schaue ich automatisch zu Konstantin, der sein T-Shirt inzwischen ausgezogen hat und mit einem der Jungs im Gespräch ist.

»Also, wer kommt mit?«

Die meisten sind von der Idee begeistert, lösen sich aus ihrer Lethargie und wandern Richtung Wasser. Mone sieht mich an.

»Bist du dabei?«

»Ich komme nach. Werde mich hier erst mal häuslich einrichten.«

»Alles klar.«

Und schon ist sie weg, lässt mich mit zwei Jungs zurück, von denen ich nur Konstantin kenne. Obwohl ich genau spüre, dass sie mich unauffällig hinter ihren Sonnenbrillen beobachten, entscheide ich mich, über meinen Schatten zu springen und nicht länger nur rumzustehen. Mone hat den Anfang gemacht, mich ungezwungen vorgestellt und die Tür zur Clique aufgeschubst, jetzt bin ich dran. Also ziehe ich das T-Shirt einfach über den Kopf, bevor ich die kurze Jeans abstreife, alles zusammenlege und im Rucksack verstaue. Mein Badeanzug hat schon einige Tage an und in der Isar überstanden, dann wird das hier auch kein Problem.

»Aus München, ja?« Holger – falls ich mir den Namen richtig gemerkt habe – sieht mich an und ich nicke. »Wieso zieht man von München nach Walddorf?«

Eine Frage, deren Beantwortung so leicht wäre und bei der ich mir doch Zeit lasse.

»Meine Eltern wollten einen Neuanfang und ich bin mitgekommen.«

Keine echte Lüge, verpackt in eben doch einer Lüge.

»Muss ja ein richtiger Kulturschock für dich sein.«

»Ehrlich gesagt ist ein bisschen Ruhe genau das, was ich brauche.« Mein Mantra, das ich immer und immer wieder abspule, manchmal auch nur in meinem Kopf, für mich ganz alleine. Walddorf tut mir gut, hier kennt mich niemand, hier kann ich für das letzte Schuljahr noch mal bei null anfangen, keinen Ärger, keinen Stress.

»Na, hoffentlich sind wir dir nicht zu langweilig.«

Mein Blick wandert ganz selbstverständlich zu Konstantin, der übrigens auch ohne Shirt eine ziemlich gute Figur macht, und ich muss lächeln.

»Bisher gefällt es mir hier ziemlich gut.«

Holger und Konstantin sehen mich etwas schockiert über meine Beichte an, als würde ich gleich losprusten, aber es ist die Wahrheit. Schulterzuckend blicke ich auf den See, wo die anderen inzwischen die Insel erreicht haben.

»Sieh an, die Münchnerin findet Gefallen an Walddorf.« Holger grinst und setzt sich auf. »Darauf müssten wir glatt anstoßen. Will jemand was zu trinken?« Er steht auf, klopft sich den Sand von den Badeshorts und nickt in Richtung Kiosk. »Eine Cola vielleicht?« Zufrieden, da er mich offensichtlich in die Sparte okay eingeordnet hat, marschiert er los, ohne auf eine Antwort zu warten oder Konstantins Bestellung aufzunehmen.

Dieser nimmt das Ganze mit einem breiten Grinsen hin und sieht zu mir, sobald Holger außer Hörweite ist.

»Hab ein bisschen Geduld mit ihm, er traut keinem, der nicht mindestens in dritter Generation von hier stammt.«

»Dann habe ich ja super Chancen.«

»Es gibt natürlich noch eine Möglichkeit.«

»Die da wäre?« Er deutet auf die Insel, wo die anderen noch immer ihr Unwesen treiben.

»Inselspringen.«

Wie aufs Stichwort hechtet Mone mit einem perfekten Köpper ins kühle Nass und erntet dafür jede Menge Applaus.

»Nichts leichter als das.«

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